Gedenkkultur gegen leere Worte

28. Januar 2022. Die französische Autorin Yasmina Reza greift in ihrem neuen Roman "Serge" ein drängendes Thema auf und hält unserer prinzipiensüchtigen Gegenwart einen Zerrspiegel vor. Als Roman gedacht sind die Dialoge weitgehend bühnenkompatibel.

Von Joseph Hanimann

28. Januar 2022. Am Grab lösen sich die Zungen. Seit Yasmina Rezas erstem Stück "Gespräche nach einem Begräbnis" 1987 sprudeln, zischen und fauchen die Worte ihrer Figuren gern im Bannkreis des Todes. War damals im Erstlingsstück der verstorbene Vater Anlass zu Sticheleien im versammelten Familienkreis, so ist es in diesem neuen Werk die Mutter, die in ihrem frisch eingerichteten Pflegebett gerade noch "NTV" sagen kann auf die Frage, welches Programm man ihr auf dem Fernseher einstellen soll. Dann stirbt sie und lässt die Angehörigen allein unter sich.

Bühnenkompatibel

Doch statt auf der Bühne entlädt sich die am Totenbett entfachte Wortschleuder des Argwohns und der Empfindlichkeiten hier in einem Roman. Ist eh so gut wie einerlei. Denn Rezas Stoffe sind stets vielseitig verwendbar. Ihre Stücke sind Lesetexte, ihre Romandialoge weitgehend bühnenkompatibel. Die Wiederholungen und Binnenechos sind bei ihr, wie bei dem von ihr geschätzten Thomas Bernhard, ein Kompositionsprinzip.

Cover SergeNach dem Hinscheiden von Marta Popper, der Mutter, ist es für die drei Geschwister Jean, Nana und Serge nicht mehr so leicht, in der alten Unverbindlichkeit nebeneinander her zu leben. Mit ihren Eltern hatten sie nie über Zusammengehörigkeit, Ahnen und Herkunft gesprochen und in der "Kuddelmuddelkiste der Familie", wie eine Enkelin der Verstorbenen sich ausdrückt, beginnt es zu rumoren. Serges Tochter Joséphine will, da die Großmutter nun nicht mehr da ist, mit ihrem Vater nach Auschwitz fahren, wo ein Teil der Vorfahren verschollen ist. Dem in die Jahre gekommenen Serge, der seinen genialisch ziellosen Lebenselan allmählich in kauzigen Eigensinn umschlagen sieht, graut vor so einer Expedition zu zweit. Seine Schwester Nana erklärt sich aber begeistert zum Mitfahren bereit und auch Jean, der Erzähler des Romans, lässt sich dazu bewegen. So macht sich die kleine Gedenkpilgergemeinde auf nach Polen und Rezas Feuerwerk der in Banalitäten verglühenden Existenzdramen kann beginnen.

Erinnerung oder Fetisch?

Serge tappt mit seinen Qualitätswanderschuhen unter viel zu blauem Himmel schwitzend und Zigarette rauchend – "Papa, das ist hier verboten!" – zwischen Gleisen, Rampen, Baracken und fein gemähten Rasenflächen herum. Touristen in gelöcherten Gummischlappen machen Selfies auf dem Gelände, in Nationalfahnen gehüllte Israelis tanzen zwischen den Reisebussen. Mit stimmlosem "Unfassbar" tritt Nana im Besucherstrom blass aus der Gaskammer. "Werden die jetzt bei jeder Gelegenheit schrecklich, unfassbar usw. sagen?", murrt Jean. Die Mahnung des "Vergesst nicht…!" lauert an allen Ecken. Ist das noch Erinnerung oder nur noch ein Fetisch davon? Im Lager Birkenau verlässt Serge das Auto schon gar nicht mehr und Jean weiß genau, dass das Einzige, was ihm von diesem Besuch in Erinnerung bleiben wird, das Bild seines störrischen Bruders und das seiner mit Stiefeletten und roter Handtasche bedrückt die Gleisen entlang wandernden Schwester sein wird.

Trügerische Orte und sprühende Funken

Dieser missglückte Auschwitz-Besuch ist der narrative Kern, um den dieser Roman übers Altern, über Krankheit, Herkunft und Familie seine Funken sprüht. Mit Feingefühl und ihrem unnachahmlichen Humor zeigt Yasmina Reza wieder Gescheiterte. Und zwar diesmal solche, die mit ihrem Erinnern selbst auf dem Terrain eines der größten Geschichtsdramen nicht über ihre subjektive Eigenerinnerung hinauskommen. Orte seien trügerisch, tröstet sich der Erzähler: Für die Überlebenden, die sich mittlerweile auch zu den Toten von früher gesellt hätten, möge diese Kulisse aus restauriertem Backstein noch sinnvoll gewesen sein, doch heute sei das eine fremd gewordene Welt. Zu einem allgemeinen Weltbewusstsein sind die in ihrer Individualität verhafteten Figuren Yasmina Rezas nicht fähig. So unterwandern sie permanent unsere prinzipiensüchtige Gegenwart. Schon in dem 2016 erschienenen Roman "Babylon" erklärte der Erzähler die Stichworte Gedenkkultur, Erinnerungspflicht, Trauerarbeit als leere Worthülsen einer chaotisch gewordenen Zeit.

Petitessen an der Schwelle zum Jenseits

Gegen diese Worthülsen suchen auch im neuen Roman die verkracht nach Paris zurückgekehrten Auschwitz-Pilger sich tapfer und etwas linkisch zu behaupten. Der eine schlägt sich mit seinen Tauben-Problemen auf dem Vordach seiner Wohnung herum, die andere verausgabt sich im sozialen Engagement und Serge läuft mit seiner bedrohlich anschwellenden Krankenakte herum. Es sind geschichtslose Wesen, die entgegen manchen Missverständnissen auf deutschen Bühnen der Epoche nichts als ihre Privatsorgen und allenfalls die eine oder andere literarische Tröstung entgegenzuhalten haben. Jene Stelle von Isaac B. Singer zum Beispiel, wo über das Reiskuchen- und Pflaumenessen von Leuten die Rede ist, die längst gestorben sind. An diesen Satz müsse er jeden Tag denken, gesteht Serge seinem Bruder, "das ist für mich so viel wert wie ein Satz aus dem Talmud". Mit solchen Petitessen an der Schwelle zum Jenseits oder zum Nichts steuert die Autorin sicher an allen politischen Fallgruben ihres Themas vorbei. Den Verstorbenen lässt sie die Ruhe des Vergessens. Uns raubt sie genüsslich jedes Schwelgen in kollektiver Betroffenheit.

 

Serge
von Yasmina Reza
aus dem Französischen von Frank Heibert, Hinrich Schmidt-Henkel
Hanser Verlag 2022, 208 Seiten, 22 Euro.

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