Auf der Hochalm gibt's viel Sünd'

29. Januar 2022. Mashup aus Brünhilde-Mythos, "Heidi" und Marlen Haushofers "Die Wand": Wilhelmine von Hillerns "Geierwally" lässt sich trotz Heimatschundroman-Plot als Auflehnung gegen das Patriarchat lesen. Sara Ostertag inszeniert ihn als gewaltvolles Soziotop in den Bergen.

Von Andrea Heinz

29. Januar 2022. Wilhelmine von Hillerns "Geierwally" hätte durchaus das Zeug zum feministischen Klassiker: Verfasst zu einer Zeit, als Frauen noch viel weniger zugetraut wurde, schreiben zu können, als heute. Eine Titelheldin (nach wahrem Vorbild!), die Adlerhorste ausräumt fast wie weiland Drachentöter Siegfried, stärker und mutiger als jeder Mann, die sich nichts sagen oder gefallen lässt, schon gar nicht wen sie heiraten soll und deshalb zur Strafe auf eine Hochalm verbannt wird. Es ist die Welt der Großbauern und ein Patriarchat sowieso, allerorten schallt ihr entgegen: "A Mannads is a Mannads und a Weibats is a Weibats und der Mann is der Herr und die Frau is des Gscher."

Wild plottender Heimatschundroman

Dass dieses teils anachronistische Mashup aus Brünhilde-Mythos, Heidi und "Die Wand" doch nicht so recht zum feministischen Klassiker wurde, liegt nicht zuletzt daran, dass es sich um einen reißerischen, wild herum plottenden Heimatschundroman handelt, was ihn sowohl für die Opernbühne (La Wally), als auch für die Degeto und Christine Neubauer brauchbar machte.

Sara Ostertag und ihr Ensemble straffen für ihre Version an den Kammerspielen in Linz zwar die Handlung ein wenig und machen Striche, wirklich Ordnung bringen sie in die aufgeregte Handlung aber nicht: Quasi pausenlos wird darin jemand verstoßen oder tätlich angegriffen, Brände werden gelegt, Herzen entflammen und brechen sofort wieder vor lauter Missverständnissen und Intrigen. Und wenn grade mal nichts passiert, tauchen auch schon handlungstreibend ledige Kinder oder Testamente auf.

Geierwally 5 PetraMoser uIm Alpen-Gesinde: Gunda Schanderer, Benedikt Steiner © Petra Moser

Nanna Neudeck hat eine Bühne gebaut, die dafür genau die richtige Spielfläche bietet: Während zu Beginn noch Magd Luckard (Alexander Julian Meile) und Knecht Kletter (Markus Ransmayr) vor dem Vorhang in schönsten Folklore-Trachten auftreten, mit Strohbündeln und Kraxen und allem, was das romantisch verbrämte Alpen-Gesinde braucht (Kostüme: ebenfalls Neudeck), enthüllt der hochgehende Vorhang dunkle, holzartig gemaserte Rampen, die sich auf der Drehbühne überkreuzen, wie karge Felsen nach oben ragen und sich wunderbar zum Klettern, Fallen und Verstecken eignen. Ganz oben auf einem Podest befindet sich Musikerin Jelena Popržan.

"I'm on fire"

Musik ist ein bestimmendes Element des Abends: Nicht nur untermalt Popržan oft mit atmosphärischen Klängen, um die Figuren zu charakterisieren, wird auch die erweiterte Popkultur herangezogen. Der reiche Bauernsohn Vinzenz (schön schleimig und hinterfotzig: Benedikt Steiner), den Wally heiraten soll, aber nicht will, wird schon allein dadurch als eitler Fatzke charakterisiert, dass er (inkl. Background-Tänzern) affektiert Jazz-Standards performt oder plötzlich in die Rolle des Romeo switcht. Der arme, aber mutige, weil Bären-tötende Josef (unaufgeregt und mit feiner Ambivalenz: Helmuth Häusler) wiederum stimmt, am Ende mit Vinzenz im Duett, Bruce Springsteens I‘m on Fire an, was hier eher nicht nach beiderseitigem Begehren klingt, sondern zum Davonlaufen ("Hey little girl, is your daddy home?" Grusel.).

Rote-Beete-Saft und Femizide

Überhaupt dreht Ostertag die Geschichte sehr deutlich in eine gegenwärtige, feministische Richtung: Immer wieder tauchen Bilder von sexualisierter Gewalt auf, spritzt aufgeschäumtes Bier auf Frauengesichter, werden Rote-Beete-Saft verschüttend Femizide am laufenden Band begangen. Außer Gunda Schanderer als sehr klare, präsente Wally im Blaumann werden alle Rollen von Männern gespielt. Und wenn sie vorher schon "Mannads", "Weibats" und "Gscher" kaum verstanden haben: Dann werden Sie auch großen Teilen dieses Abends nur schwer folgen können. Vor allem die Männer sprechen (bis auf den berlinernden, sehr lustigen Markus Ransmayr, der neben Knecht Kletter auch Josefs Mutter Paula spielt) den gscheaden (derben) Dialekt, den die zugrundeliegende Fassung von Felix Mitterer vorsieht – praktischerweise gibt es im Ensemble einen Haufen Tiroler. 

Die Männer sind überdeutlich als verbohrte, selbstverliebte, brutale Wesen gezeichnet, es gibt eine lustige Massenschlägerei-Szene, Wallys Vater (toll als charmanter Gewalttäter: Daniel Klausner) trägt den Kopfschmuck einer Kuh beim Almabtrieb, überhaupt schwanken die Männerfiguren latent zwischen Geck und Sexualstraftäter.

Geierwally 4 PetraMoser uAufgebrachte Männer: Daniel Klausner, Ensemble © Petra Moser

Diese oft im Chor, als choreografierte Masse auftretenden Gruppe (außerdem: Maximilian Bendl, Levent Kelleli, Nikolaj Maximilian Klinger) steht einem ebenso scherenschnittartigen Bild von Weiblichkeit gegenüber: Wally verbündet sich auf ihrer Hochalm mit einer mythisch überhöhten Tier- und Sagenwelt. Der von ihr großgezogene Adler (im Original, kein Scherz: Hansl) wird von einer Frau gespielt (alternierend Elisabeth Baehr, Selma Spitzer), ebenso der von den Toten auferstandene Bär (Sabine Rechberger). Wie in "Die Wand" geht Wally in der Natur auf, und auch ein Flug auf dem Besen darf nicht fehlen.

Dieses Schematische, Undifferenzierte ist das Problem des Abends: Er ist unpräzise, auf ernste Darstellungen von Übergriffen folgen lustige, fast verharmlosende, er kann sich nicht recht entscheiden zwischen Nachdenklichkeit und Parodie. Die Figuren, allen voran Wally, bekommen in diesem Setting (zu) wenig Tiefe. Nichtsdestoweniger aber macht dieser Abend, vor Ideen strotzend und mit einem tollen, enorm spielfreudigen Ensemble, großen Spaß.

 

Die Geierwally
von Felix Mitterer nach dem Roman von Wilhelmine von Hillern
Fassung von Sara Ostertag und Ensemble
Regie: Sara Ostertag, Bühne und Kostüme: Nanna Neudeck, Komposition und Live-Musik: Jelena Popržan, Dramaturgie: Wiebke Melle.
Mit: Gunda Schanderer, Daniel Klausner, Benedikt Steiner, Helmuth Häusler, Markus Ransmayr, Alexander Julian Meile, Maximilian Bendl, Levent Kelleli, Nikolaj Maximilian Klinger, Sabine Rechberger, Elisabeth Baehr, Selma Spitzer.
Premiere am 28. Januar 2022
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.landestheater-linz.at 

 

Kritikenrundschau

Regisseurin Sara Osterstag "lüftet den Stoff ordentlich durch", zeigt sich Michael Wurmitzer im Standard erfreut (30.1.2022), indem sie ihn "einer feministischen Revision" unterziehe. Dass gleichzeitig "im krachenden Dialekt" geredet werde, gehe "überraschend gut mit der modernen Bildsprache zusammen". Die Inszenierung zeige "Lust am ausgelassenen Spiel" und öffne den Abend "hin zu einem heutigen Diskurs über Frauen in männlichen Machtstrukturen (...), Selbstbestimmung und Femizide".

"Bunt" gehe es zu in Sara Ostertags "Ötztal", so Bernadette Lietzow in der Tiroler Tageszeitung (29.1.2022), dessen Bewohner "in perfekt abgestimmter und äußerst spaßiger Choreografie schlägernd übereinander herfallen". Ostertag habe MItterers Stück "minutiös zerlegt und gleichsam gegen den Strich, mit feministischem Impetus und viel Humor, wieder zusammengefügt". Im Ergebnis stehe ein "kitschloser, ideenreicher Heimatabend".

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#1 Geierwally, Linz: Ersatz für UrsprünglichkeitEkkehard Schönwiese 2022-01-30 11:02
Mitterers Geierwally ist für die Felsenbühne in Elbigenalp geschrieben. Was dort als Mythos authentisch ist, hinterlässt, übersetzt in Stadttheaterbildsprache, den schalen Geschmack der Kunst als Ersatz für verlorene Ursprünglichkeit. Die Bedeutung des Stoffes lässt sich jenseits klischeehafter Überzeichnungen im Kleinformat entschieden eindringlicher vermitteln.

www.youtube.com/watch?v=zI-FoLBNR1g

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