Nix wie weg

12. Februar 2022. Tennessee Williams "Auf der Flucht" ist ein Sozialdrama über die Tristesse der Abgehängten während der wirtschaftlichen Depression der 1930er-Jahre. Regisseur und Meininger Neu-Schauspieldirektor Frank Behnke setzt in der europäischen Erstaufführung ganz auf die Verwandlungs- und Erzählkraft des Theaters. Im good old Kammerspiel.

Von Harald Raab

11. Februar 2022. "Flüchtlinge, das sind wir, die sich nicht einsperren lassen." Als Unbehauster fühlt sich der jüdische Junge Leo. Klingt nach woke- und political correctness – den Mantren, in denen viele deutsche Theater jetzt ihr Heil suchen. Ist aber old theatre: lebensprall, spannend wie ein Krimi. Ist Familienclinch und Sozialdrama. Die Zeile stammt aus Tennessee Williams' frühem Stück "Auf der Flucht". Es erlebt am Staatstheater Meiningen die deutsche, sogar europäische Erstaufführung.

Raus aus dem Moloch

Tristesse der Abgehängten: Eine Männerherberge in St. Louis, zwei Reihen Feldbetten, darüber Industrielampen mit Blechschirmen, an der Wand ein hoher Schrank für die Habseligkeiten der hier Gestrandeten, gegenüber ein Leuchtschild "EXIT – WAY OUT“. Doch hier gibt es kein Entrinnen. Weg will Leo von der Fuchtel seines Vaters Gwentlebaum, der Uni, die ihm das Stipendium wegen linker politischer Artikel gestrichen hat, weg aus dem seelenlosen Stadtmoloch des US-amerikanischen Mittelwestens und überhaupt aus der heruntergekommenen Absteige seines Erzeugers.

Passt so ein Melodram in die heutige Zeit mit ihrem Trend zum Bekenntnistheater? Das alte amerikanische Theater gibt individuellen Archetypen des American Way of Life in der wirtschaftlichen Depression der 30er-Jahre des 20. Jahrhunderts Raum. Heute geht es doch eher um das Große und Ganze, inklusive Kampf gegen strukturelle gesellschaftliche Zumutungen.

aufderflucht 2 foto jquastArchetypen des American Way of Life – am Boden © Jochen Quast

Dass der geplatzte American Dream mit seinen vergeblich Hoffenden, seinen Losern, seinem kapitalistischen catch-as-catch-can, seinen Ängsten und seiner zur Schau getragenen Coolness höchst aktuell ist, dafür steht das Stück in der Interpretation von Schauspieldirektor Frank Behnke. Sein Regiekonzept setzt auf die Kraft, auf die Magie des amerikanischen naturalistischen Theaters, dessen Großmeister Tennessee Williams ist. Ein Theater zum "Sehen und Fühlen", wie es der Autor fordert.

Wenn es nicht zu pathetisch klänge, könnte man bestätigen: Es gelingt in Meiningen "das ungebändigte Lodern des Theaters" (T. Williams). Ein wunderbares Bühnenerlebnis, das so packend wie Fußball ist. Behnke nimmt sich zum dritten Mal eines Frühwerks von Tennessee Williams an, ist Spezialist für dessen typische Erzählweise, eindringliche Bilder und den spezifischen Sound seiner Emotionen, seiner Sprache.

Träume vom Honey Moon

Im Mittelpunkt des Geschehens steht Glory, die attraktive Adoptivtochter des Besitzers. Auch sie will raus aus dieser Enge, wie ihr Bruder Leo. Beide scheitern. Sie gerät an Terry, einen Gangster, der ihr ein süßes Leben plus Honey Moon am Strand von Acapulco verspricht. Bevor die Flucht losgehen kann, wird er an Silvester von den Cops erschossen. Leos resignierter Kommentar: "Heute Nacht schläft Gott. Er ist es müde zu sehen, was wir für ein elender Haufen geworden sind."

Was Carmen Kirschner als Glory, Stefan Willi Wang als Terry und Jan Wanglar als Leo abliefern, fügt sich zu einem spannungsreichen Kammerspiel zusammen, einem Schicksalsballett menschlicher Figuren an einem Ort des Elends, mit choreografierter Anziehung und Abstoßung, dazwischen Einsamkeit, pointiert durch gezielt eingesetzte Sprechpausen. Enttäuschte Sehnsucht in einem Leben, in dem der Kampf um ein bisschen Würde und Anerkennung vergeblich ist, wird fühlbar. Traurige Wahrheit über traurige Lebensumstände. Glory und Terry, zwei Menschen, die Liebe suchen, die ihnen nur für einen kurzen Augenblick vergönnt ist.

Psychopathen und Cowboy-Männlichkeit

Die Gestalten darum herum figurieren nicht als Nebenrollen. Ausgefeilte Charakter-Skizzen sind geboten. Gunnar Blume als Mr. Gwentlebaum, hin und her gerissen zwischen kaltem Geschäftssinn und besorgtem Familienpatriarchen. Yannick Fischer gelingt der blutspuckende Landstreicher Carl als abstoßende Kreatur, Mitleid und Ekel erregend. Vivian Frey ist sein desperater Schicksalsgefährte Olsen. Matthias Herold wuselt als Faktotum Chuck durch den Schlafsaal, selig, wenn Whisky in seine Kehle rinnt. Michael Jeske gibt dem pyromanischen Psychopathen Abel White diabolische Züge. Eine besondere Nummer liefert Felix Kruttke als Country-Sänger Texas mit Gitarre und demonstrativer Cowboy-Männlichkeit ab. "Nobody knows where it’s coming from..."

aufderflucht 1 foto jquast Die große Freiheit ruft © Jochen Quast

Das Markenzeichen des Theaterschaffens von Tennessee Williams, ein kühler Realismus mit kleinen gedanklichen Überhöhungen und dichter Atmosphäre, ist Grundton dieser gradlinigen Erzählung. Nicht zuletzt wegen der überbordenden Spiellust und des souveränen Umgangs mit Sprache – realistische Alltagskommunikation mit Momenten poetischer Transzendenz – fasziniert dieser Abend. Terry bringt seinen reduzierten Freiheitsbegriff auf den Punkt: Frei sein heißt, "noch einmal davongekommen" zu sein.

Vergessene oder kaum bekannte Stücke auszugraben, darauf setzt der neue Intendant des Meininger Staatstheaters, Jens Neundorff von Enzberg. Die Theaterliteratur vergangener Epochen und ihre überzeitlichen Aussagen zu nutzen, um aktuelle gesellschaftliche Verwerfungen und Herausforderungen sichtbar zu machen, damit hat er schon als Chef des Regensburger Stadttheaters überregional Aufmerksamkeit errungen. Dem alten Ruf der Meininger kann das neuen Glanz verleihen. Dieser Theater-Solitär kann in einer höheren Klasse spielen. Frank Behnkes intelligent-sinnliche Tennessee-Williams-Produktion ist ein überzeugendes Statement dafür.

 

Auf der Flucht
von Tennessee Williams
Europäische Erstaufführung
Regie: Frank Behnke, Bühne und Kostüme: Christian Rinke ; Dramaturgie: Cornelius Benedikt Edlefsen.
Mit: Carmen Kirschner, Gunnar Blume, Yannick Fischer, Vivian Frey, Matthias Herold, Michael Jeske, Felix Kruttke, Stefan Willi Wang, Jan Wenglarz.
Premiere am 11. Februar 2022
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.staatstheater-meiningen.de

 

 

Kritikenrundschau

"Diese Schauspielpremiere ist ein Knaller", ruft Michael Plote in der Südthüringer Zeitung Freies Wort (14.02.2022) beeindruckt aus. Die Frage, ob uns Tennessee Williams' Figuren heute noch etwas angingen, sei nach Frank Behnkes Inszenierung eindeutig mit "Ja" zu beantworten, findet der Kritiker und schlussfolgert: "Wir brauchen noch viel mehr so atemloses, aufrührerisches, verstörendes Theater."

Viel "allzu Offensichtliches" sah hingegen Ute Grundmann für die Deutsche Bühne (online 12.02.2022). Sicher sei Regisseur Frank Behnkes eigens erklärter Ansatz, Williams' Stück "auf den Kern zu konzentrieren", klug gewesen, befindet sie, aber hier fehlten den Figuren "die Wurzeln und das Herkommen". Das Publikum bekomme "kaum Gelegenheit, eine Verbindung, gar Gefühl" zu ihnen aufzubauen. Entsprechend habe sich der Kritikerin zufolge im Zuschauersaal 105 Minuten lang wenig geregt – "gefolgt vom obligatorischen Jubel". 

"Die Meininger Bühnenfassung von 'Auf der Flucht' ist eine Entdeckung", jubelt Marlene Drexler auf MDR Kultur (12.02.2022). Sie fange nicht nur "eindrücklich die flirrende Atmosphäre des Amerikas der 30er-Jahre ein", sondern erwecke auch komplexe, zeitlos erscheinende Figuren zum Leben. Das Meininger Ensemble agiere dabei "durchweg sehr überzeugend", urteilt die Kritikerin. Die Schauspieler böten "eine bemerkenswerte Bandbreite an Emotionen", und Regisseur Frank Behnke beweise "ein gutes Gefühl für Timing und Pointen". 

"Was als Konzentration auf den Kern gedacht ist, wird zur Entkernung", schreibt Michael Helbing in der Thüringer Allgemeine (15.2.22) über die Reduktion des Figuren-Ensembles. Unter anderem überlebten diese "dramaturgische Säuberungsaktion": Gunnar Blumes "kühl rechnender, aber allzeit fahriger Gwendlebaum", Carmen Kirschners "spröde" Glory "mit kurzer Zündschnur" ("um Souveränität ringend, geht sie schnell an die Decke") und Matthias Herolds "trauriger Clown", der fürs "Komische im Melodram, zu dem alles gerinnt" zuständig sei. "Der Abend ist, wohl in des Autors Sinne, auf hohe Schauspielkunst aus. Er funktioniert aber zu oft nach dem gleichen Prinzip: Haltung gefunden, festhalten, durchhalten."

Im "atmosphärisch dichten Spielraum" der Inszenierung begegne das Publikum den "durch Literatur, Theater und Film geprägten Bilder von den Schattenseiten des amerikanischen Traums", schreibt Siggi Seuß in der Mainpost (17.02.2022): "Wahrheit und Klischee in einem". Als Problem des Stücks sieht Seuß, dass "die Protagonisten kaum eine Chance haben, Persönlichkeit zu entwickeln, geschweige denn eine Geschichte zu erzählen". Die Hauptfiguren wirkten "in ihrem Wechselspiel von Zurückhaltung und emotionalen Ausbrüchen wie in einer Art proklamatorischer Gefühlswallung" verhaftet.

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