Wie Blinde sehen

13. Februar 2022. Wie nimmt man die Welt ohne Augenlicht wahr? In Bochum tauchen Regisseurin Selen Kara und Musiker Torsten Kindermann in ihrem Abend "Mit anderen Augen" ein in die Welt von Nicht-Sehenden und brechen dabei mit gängigen Vorstellungen.

Von Max Florian Kühlem

13. Februar 2022. Das Programmheft zum musikalischen Theaterabend "Mit anderen Augen" am Schauspielhaus Bochum ist aus festem Papier, damit auch die Brailleschrift eingestanzt werden kann, die Blinde erfühlen. Ein berühmter blinder Musiker kommt darin zu Wort. Ray Charles sagt: "Ich habe immer für Menschen gespielt, nicht für Orte. Vielleicht auch deshalb, weil ich diese Orte nicht sehen kann." Die Menschen kann er doch auch nicht sehen, könnte man einwenden. Doch auch blinde oder sehbehinderte Menschen sprechen manchmal davon, etwas sehen zu können, wenn sie eine genaue Vorstellung, eine Gefühl – man könnte sagen: ein Bild – bekommen. Ein Gefühl dafür, wie es ist, zu sehen ohne zu sehen, vermittelt diese außergewöhnliche Uraufführung.

Gängige Vorstellungen darüber, wie ein Theaterabend zu sein hat, muss man in den Kammerspielen des Bochumer Schauspielhauses mit Jacke oder Mantel an der Garderobe abgeben. Dass es hier keine Handlung im herkömmlichen Sinne gibt, ist vielleicht noch nicht so ungewöhnlich. Das Publikum lernt allerdings, dass dies zur Erfahrungswelt von blinden Menschen passt: Ihre Welt sei kein so kontinuierlicher Fluss wie die Welt der Sehenden, sondern werde von akustischen Ereignissen strukturiert, die plötzlich einsetzen und ebenso plötzlich wieder abbrechen können.

Gesichtszüge und Mimik sind nur zu erahnen

Informationen wie diese, die die drei Schauspielerinnen und ein Schauspieler aus dem Bochumer Ensemble sprechen, sind aus der Beschäftigung der Regisseurin Selen Kara mit Biographien und Gesprächen mit sehbehinderten Menschen entstanden. Bei einer Theaterproduktion, in der eine blinde Figur vorkam, bemerkte Kara, dass sie bisher keinerlei Berührungspunkte mit dem Leben blinder Menschen hatte, dass sie wissen wollte, wie sie ihre Welt wahrnehmen. Schnell war klar, dass der Abend vor allem ein akustisches Ereignis werden sollte, und so arbeitet sie mit ihrem Partner Torsten Kindermann zusammen, der die musikalische Leitung übernahm.

Presse Mit anderen Augen c Silja Korn 5 Silhuetten, mehr Ahnung als Gewissheit © Silja Korn

Dass er tolle Arrangements schreiben kann, hat er vielfach bewiesen. Besonders überraschend ist deshalb vor allem die Optik der Inszenierung, die auch dem sehenden Teil des Publikums (in dem tatsächlich einige Menschen mit Blindenstock sitzen) einen Eindruck davon vermittelt, wie ein Welterleben ohne vollständig funktionierenden Seh-Sinn sein könnte. Am Anfang sieht man kaum etwas: Ensemble und Live-Musiker agieren hinter einer Milchglaswand und einem Gaze-Vorhang. Auch als beide sich heben, ist der Eindruck unklar, schattenhaft – wie die Inszenierungsfotos, die die blinde Fotografin Silja Korn mithilfe ihrer Intuition gemacht hat. Der Bühnenraum bleibt bis zum Schluss in starkes Gegenlicht getaucht. Farben wirken schwach oder verschwinden ganz, Gesichtszüge und Mimik sind nur zu erahnen.

"Ich kann meine Augenfarbe wechseln"

Orientierung bieten die Menschen auf der Bühne, die den Raum vermessen – indem etwa Anne Rietmeijer ihn mit Worten beschreibt – und die sich auch selbst vorstellen. Pianist Jörg Siebenhaar, der wie fast alle auf der Bühne mehrere Instrumente spielt, ist selbst blind. Als er an der Reihe ist, sagt er: "Ich kann meine Augenfarbe wechseln, denn ich trage Glasaugen." Auch die anderen beschreiben ihr Äußeres und Karin Moog sorgt zudem für eine Audio-Deskription des Geschehens, wie man es aus der Ton-Auswahl von Filmen kennt. Man ahnt, wie im Kopf blinder Menschen ein räumlicher Eindruck durch die akustischen Reize entsteht – und fragt sich, ob es möglicherweise kontraproduktiv ist, dass meistens durch Mikroports gesprochen und gesungen wird und die Stimmen so meist aus den Lautsprechern von der oberen Bühnenmitte zu kommen scheinen.

Eine Stimme, der man ewig zuhören könnte

Der Stücktext besteht aus kurzen Lebensgeschichten oder Eindrücken aus der Welt blinder Menschen. Sie erzählen von ihrer Erblindung, davon, wie sie Menschen wahrnehmen, mit Hilfe umgehen, ihren Alltag strukturieren. Flankiert wird er von vielen starken Interpretationen bekannter Songs. Naheliegend sind etwa Simon & Garfunkels "The Sound of Silence", "True Colors" von Cindy Lauper oder "Is There Anyone Out There" von Ray Charles. Sehr gut passt aber zum Beispiel auch die von Michael Lippold gesungene, spannungsvolle Version von Blumfelds "Der Wind". Warum dieser Song? Im Programmheft wird der blinde Universitätsprofessor John Hull zitiert: "Der Wind hat für mich den Platz der Sonne eingenommen. Er hat eine ganz eigene Schönheit."

Presse Mit anderen Augen c Silja Korn 8 Begegnungen im optisch Ungefähren © Silja Korn

Torsten Kindermann hat alle Songs wunderbare akustische Arrangements verpasst und bringt die Schauspieler zu beeindruckendem, mehrstimmigem Gesang. Als Solistin überzeugt vor allem Romy Vreden, deren zarter, wendiger Stimme man ewig zuhören könnte, in der sich Halt finden ließe in einer Welt ohne visuelle Bilder und Farben. Und so vergeht dieser Abend wie im Flug. Am Ende gibt es zu Recht Standing Ovations.

Mit anderen Augen
Ein musikalischer Abend über das Sehen von Selen Kara und Torsten Kindermann
Regie: Selen Kara, Musikalische Leitung: Torsten Kindermann, Bühne: Lydia Merkel, Kostüm: Emir Medic, Lichtdesign: Denny Klein, Sounddesign: Fabio Scarpari, Dramaturgie: Dorothea Neweling. Musiker: Volker Kamp, Torsten Kindermann, Jörg Siebenhaar, Jan-Sebastian Weichsel. Mit: Michael Lippold, Karin Moog, Anne Rietmeijer, Romy Vreden.
Premiere am 12. Februar 2022
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schauspielhausbochum.de

 

Kritikenrundschau

"Auf eine solch beglückende Aufführung hat man in Bochum lange gewartet", schreibt Sven Westernströer in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (14.2.2022). Selen Kara erschaffe feinfühlige Szenencollagen. Der Kritiker lobt das ausgeklügelte Lichtdesign von Denny Klein und die fantastische Instrumentierung. Das stimmstarke Ensemble ringe sogar dem dröhnenden Disco-Hit "Free your mind" ungeahnte Tiefe ab.

"So ein reicher Abend!" lobt Achim Lettmann im Westfälischen Anzeiger (14.2.22). "Bochum öffnet die Welt des Nichtsehens, neue Eindrücke in bekannten Stuhlreihen." Das "Feinsinnige" musikalische Arrangement und Denny Kleins Lichtdesign schafften atmosphärische Wärme. Und wenn sich das Ensemble persönlich vorstelle, sei das: "aufrichtig, gewissenhaft, unterhaltsam." - " Ein empathisches und ideenreiches Hörspiel voller illustrer Gestalten."

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