Flughilfe fürs hässliche Entlein

von Christian Rakow

21. November 2008. "Theater muss wie Fußball sein", hieß es einmal vor Jahren anlässlich eines Kritiker-Turniers an der Schaubühne Berlin. Was das bedeuten kann, macht gerade der Bochumer Kulturdezernent Michael Townsend deutlich. Da beobachtet man in Bochum recht gelassen drei Spielzeiten lang den forschen Auftritt eines Aufsteigers aus der Nachbarstadt: des Grillo-Theaters Essen. Und als das eigene Flagschiff, das auf Champions League abonnierte Bochumer Schauspielhaus, droht, aus den oberen Tabellenrängen abzurutschen, schlägt man zu und kauft sich den Spielmacher des Underdogs ein: den Essener Schauspielintendanten Anselm Weber. Der FC-Bayern-Effekt hat das Bochumer Schauspielhaus erfasst.

Mit der Berufung Webers in die Intendanz ab der Spielzeit 2010/2011 setzt Bochum, äußerlich betrachtet, auf Tradition. Wie gehabt, vertraut man einem regieführenden Intendanten. Doch einen Regisseur, der wie einst Peter Zadek (1972-79) oder Claus Peymann (1979-86) mit einer starken eigenen Handschrift das Profil des Hauses prägt, erhält Bochum in Weber nicht. Dafür hätte es eher einen Künstler vom Format eines Sebastian Nübling oder Stefan Bachmann gebraucht. Webers eigene Inszenierungen – zuletzt etwa "Anatomie Titus" oder das publikumswirksame "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" – bieten solides Handwerk. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Allseits anschlussfähige Affektstärke

Nicht durch seine Bühnenarbeit, vielmehr durch geschickte Hausleitung hat der heute 45-Jährige dem Essener Schauspiel nach dem Abschied von Jürgen Bosse 2005 zu überregionaler Anerkennung verholfen. Und dieses Geschick kann Bochum nur gut tun. Dem derzeitigen Chef des Schauspielhauses Elmar Goerden standen, wie er selbst erklärt, die Intendanzaufgaben künstlerisch im Weg.

Goerden vertraute auf die eigene Regiearbeit, blieb darin weitestgehend glücklos und versäumte es daneben, markante Regisseure am Haus zu etablieren und ein Spektrum an prononcierten Ästhetiken zu präsentieren. Er habe die Stadt Bochum durch das "Bullauge" des Theaters wahrgenommen, sagt Goerden (im Interview mit nachtkritik). Eine solche Künstler-Hermetik wird es bei Weber nicht geben.

Die Essener Erfolgsgeschichte gründet in einer Sensibilität für die regionalen Strukturen. Stadterkundungsprojekte wie die "Homestories" von Nuran Calis und theoretisch versierte Recherchestücke mit Ortsansässigen geben der Nebenspielstätte Casa ihr Gesicht. Im Haupthaus, dem Grillo-Theater, lässt Weber klassisches Repertoire von jungen Regiekünstlern wie David Bösch, Roger Vontobel, Barbara Weber und Rafael Sanchez aktualisieren (die beiden Letztgenannten führen mittlerweile das Theater am Neumarkt Zürich). Sinnliche Ästhetiken mit affektstarken Bildern und Popmusikdramaturgien, wie sie der Theatertreffen-Kandidat "Woyzeck" von Bösch (2007) in Vollendung vorführt, holen hier ein Teen-und-Twen-Publikum ab, ohne die älteren Zuschauerschichten zu verschrecken.

Abschied von lokalpolitischen Querelen

"Ich glaube, dass diese Region ein Verhältnis zu sich aufgebaut hat, wie das hässliche Entlein", hat Weber einmal im Gespräch über das Ruhrgebiet gesagt. Und solch ein Selbstverständnis ist für den gebürtigen Münchner eher Herausforderung als Schreckensszenario. 2010 wird er gemeinsam mit Roberto Ciulli (Mülheim) das Festival Theater der Welt künstlerisch leiten und damit den Theaterauftritt im Kulturhauptstadtjahr entscheidend mitgestalten. Der Karriereschritt nach Bochum bedeutet dann gleichzeitig einen Abschied von aktuellen lokalpolitischen Querelen und Verteilungsdebatten.

Der Etat des Fünf-Sparten-Verbundes Theater und Philharmonie Essen (TuP), der sich mit 42,6 Millionen Euro jährlich in der Größenordnung von Mannheim bewegt, ist seit 2006 gedeckelt: Tariferhöhungen im öffentlichen Dienst werden nicht ausgeglichen. Über die Mittel der Schauspielsparte, die Weber nach vier Jahren Oberspielleitung in Frankfurt am Main (unter Elisabeth Schweeger) und Gastregien u.a. am Deutschen Theater Berlin und an der Aalto-Oper Essen übernahm, gibt die TuP keine Auskunft. Der Bewegungsspielraum dürfte bei etwa der Hälfte des Bochumer Etats (derzeit 19,5 Millionen Euro) liegen.

Doppelt so groß, doppelt so reich, doppelt anspruchsvoll

Bochum wird dem Intendanten Weber eine Neujustierung abverlangen. Das Haupthaus ist mit gut 800 Plätzen doppelt so groß wie das Grillo, mit den Kammerspielen steht eine zweite Vollbühne (mit 400 Plätzen) bereit. Die Ansprüche an die Schauspieler sind hier traditionell hoch. Spitzenkräfte vom Schlage einer Ulli Maier oder Lena Schwarz fehlen dem homogenen Essener Ensemble.

Weber hat zahlreiche Talente für Essen aufgespürt, Regietalente vor allem, und als Mentor zur Entfaltung gebracht. In Bochum wird es nun auch darum gehen, die eine oder andere fertige Künstlerhandschrift vorzustellen. "Stadterkundungen" in der Manier von Rimini Protokoll bedeuten für kleinere Stadttheater wichtige Impulse. In Bochum verlangt man nach Originalen.

Seit dem gleichzeitigen Amtsantritt von Anselm Weber und Elmar Goerden 2005 durfte man regelmäßig vom Zweikampf der Nachbarhäuser nach Art von David gegen Goliath lesen. Es steht zu hoffen, dass daraus keine längerfristigen Fanrivalitäten resultieren wie zwischen Schalke 04 und dem BVB. Ein Vereinswechsel zwischen diesen beiden Clubs wiegt für einen Spieler schwer. So hat es Jens Lehmann erlebt. Anselm Weber ist ein solches Säckel nicht zu wünschen. Theater muss nicht immer wie Fußball sein.

 

Mehr zu Anselm Weber als Regisseur lesen Sie in den Kritiken zu seinen Inszenierungen Der Held der westlichen Welt vom September 2008 und Wer hat Angst vor Virginia Woolf vom April 2007.

 

 
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