Die Robbe

21. März 2022. Klimawandel, Minderheitenrechte, soziale Ungerechtigkeit, Krieg. Je länger die Liste der politischen Agenda wird, desto größer wird der Drang zur Eindeutigkeit. Aber was bedeutet das für das dramatische Schreiben? Plädoyer für ein unbequemes Schreiben, das beständig auch mit Gegenpositionen ringt.

Von Caren Jeß

Im Februar 2022. Am geilsten an der Jahreswende war die Robbe. Draußen an der Nordsee, wo die Natur Grau in Grau in Grau ineinander überging, dass nicht mal irgendetwas Schatten warf. Der Nebel hatte uns die Sicht auf die Dünen und aufs Meer genommen und auch die Orientierung, was unheimlich, aber auch heilsam war, fast als würde der Stress der vergangenen Wochen in einem aufweichen und nur noch als salziger Film auf der Haut zurückbleiben. Adieu 2021, du warst – ach, egal. Ich hatte das Gefühl, mich eben im Grau dieser Landschaft aufgelöst zu haben, da tauchte plötzlich diese Robbe vor uns auf. Sie lag da in ihrem speckigen Pelz, drehte ihre drei Doppelkinne in meine Richtung und lächelte mich freundlich an. Ich konnte mich kaum rühren vor Glück, da hatten meine drei Gefährt:innen längst gegoogelt, dass wir zum Schutz der Robbe Abstand halten sollten, mindestens 300 Meter, und kann jemand sehen, wie sie daliegt? Denn nur, wenn die Robbe in der Bananenstellung verharre, sei sie auch glücklich. Oh ah ok, dann lasst ma lieber weiter. – Trotzdem war ich nachhaltig beglückt, denn im monochromen Nebelland war das Robbenjunge so plötzlich aufgetaucht, wie es üblicherweise nur Wunder vermögen.

Erlebnisse sind dadurch reich, dass sie uns etwas bieten, womit wir nicht gerechnet haben. Das Moment der Überraschung fordert uns heraus, es korrigiert unseren Erwartungshorizont. Die Psychologie untersucht dieses Phänomen unter dem Begriff des free energy principles, das unser Gehirn als Vorhersageapparat deutet, der Überraschungen eigentlich vermeiden will, um sich nicht im Chaos der Welt aufzulösen. Überraschungen, die im Gehirn einen prediction error auslösen, treiben das Leben, das Denken und die Wahrnehmung an. In meinen Augen ist das Moment der Überraschung der entscheidende Faktor, der Theater zu dem macht, was es ist: eine Kunstform, die allein schon durch das Element des Vorhangs verspricht, dass uns hier gleich etwas Unerwartetes präsentiert wird. Etwas, das unsere Sinne triggern kann, das uns stimuliert und ablenkt, uns auf neue Gedanken bringt und Gefühle anstößt, die durch den dicken Speck des Alltags oft nicht durchdringen. Das gilt auch und im besonderen Maße fürs Schreiben. Wüsste ich immer schon vorher, was ich sagen will, würde mein Job mich langweilen. Schreiben ist nicht allein deep thinking, klein bloß geplanter Prozess, sondern bietet immer auch die Möglichkeit, unvorhergesehene Abzweigungen zu nehmen. Und Wege enden nicht an einem Punkt, nur weil wir über ihn nicht hinausdenken können. Schreiben ist emotional und dadurch automatisch von Spontaneität geprägt. Da passiert plötzlich etwas im Text, das man nicht kommen sah. Ich liebe das. Die pädagogische Phrase "Was will uns der Autor damit sagen?" war (denn sie wird ja hoffentlich nicht mehr angewandt) womöglich ein aus der Not geborenes Manöver, Ordnung in komplexe Zusammenhänge zu bringen, um ja nicht der strapaziösen Möglichkeit zu erliegen, Uneindeutigkeiten aushalten zu müssen – lieber Deckel drauf und sagen: verstanden. Ein überflüssiges Unterfangen. Denn die Kunst ist eh komplexer als wir denken.

Diversität ist keine Diskokugel, sondern bedeutet imer auch Divergenz

Kürzlich wurde ich in einem Interview gefragt, welche Merkmale neuer Dramatik gegenwärtig vorherrschten. Sie ist politischer geworden, war mein erster Gedanke. Wenn auch sie dabei nicht immer konfrontativ agiert. Zuweilen verteidigt sie sich, oft schon im Prozess ihrer Entstehung, gegen etwaige Angriffe. Sie betritt die Bühne in einer Rüstung, um dem Produktionsteam keine Rechtfertigung eventuell sperriger Inhalte abverlangen zu müssen. Die Politisierung innerhalb der neuen Dramatik ist zwar ein Gewinn, insofern sie die Relevanz des Theaters vor dem Spiegel gesellschaftlicher Ereignisse stärkt und Stimmen sprechen lässt, die lange vernachlässigt wurden. Dramatik kann gar nicht anders, als auf die multiplen Probleme der Gegenwart zu reagieren. Sie läuft aber auch Gefahr, vor dem Hintergrund gemeinhin als vorbildlich geltender politischer Haltungen unwillkommene Gegenpositionen zu unterdrücken. Theaterstücke müssen nicht Recht haben. Das Publikum verträgt das Widerspenstige, vielmehr: es erwartet die Herausforderung. Es sollte weder unterschätzt noch belehrt werden. Das pädagogische Prinzip ist im Theater obsolet – Kunst ist kein Unterricht. Wenn das Theater Gegenpositionen ausklammert, stauen sie sich auf und lassen die Bombe am Ende umso lauter krachen. Dann kommt Angelica Lidell auf einem Stier aus der Hölle geritten und bringt in einer Show all das unter, was man eigentlich nicht machen darf (oah, und ich überleg noch, ob ich in meinem Stück "Fotze" schreiben darf).

Robbe groer Foto Caren JeDer Nebel hatte uns die Sicht auf die Dünen und aufs Meer genommen. Doch plötzlich … © Caren Jeß

Um Änderungsprozesse in Gang zu setzen, braucht es Reibung. Durch sie werden Schwachstellen erst sichtbar gemacht. Unsere Gesellschaft ist divers, und Diversität ist kein holistischer Komplex mannigfacher gleichberechtigter Bestandteile. Diversität ist keine Diskokugel. Diversität bedeutet immer auch Divergenz, bedeutet unfassbare Komplexität, bedeutet Widersprüchlichkeit und Orientierungsnot (s.o. geil!). Denn wo Diversität ist, kann es nicht nur die eine richtige Sprache geben. Insofern glaube ich, die zeitgenössische Dramatik sollte nicht zu vorsichtig sein, sich nicht verstecken hinter unangreifbaren Texten.

Allerdings, und bitte Spot auf diesen Punkt, muss man die Dramatik auch lassen. Denn allzu oft wird ihr seitens des nach wie vor hierarchisch organisierten Betriebs abverlangt, bestimmten Agenden zu folgen, Texte an bestimmte Erwartungen anzupassen. Und die Dramatiker:in tut das dann, weil sie mit ihrer Arbeit auch Geld verdienen muss. Einschränkungen sind eine schlechte Voraussetzung für künstlerische Entfaltung. Sie fördern Halbgares zutage. Und da kann man es dem Publikum wiederum nicht verübeln, wenn ein Theaterabend ihm so viel Freude bereitet wie alte Pommes.

Neue Dramatik will die Auseinandersetzung. Unablässig schärft sie ihren Blick.

Dramatik muss stark sein und sich im Dickicht verschiedenster Bühnentexte zu behaupten verstehen. Zu ihrem Wettbewerbsnachteil wird Dramatik schwächer lektoriert als Prosa, und so konkurriert sie mit Romanadaptionen, deren Titel darüber hinaus einem breiteren Publikum geläufig sind. Außerdem muss sie neben Texten, die aus diversen Einsparungsgründen (Geld, Zeit, Personal) als behelfsmäßig in Worte abgepackter Inhalt auf die Bühne gehen, immer wieder um Geltung ringen. "Hier bin ich!", ruft die Dramatik dann, "hier hinten!" Sie ist abhängig von einer leider unzuverlässigen Kenntnisnahme ihrer Qualität. Dabei ist neue Dramatik – unter der Voraussetzung angemessener Produktionsbedingungen – erheblich. Sie nutzt die performative Kraft der lauten Äußerung, die ein Gegenüber sucht, das sie im stillen Zwiegespräch nicht finden kann. Sie will die Auseinandersetzung. Unablässig schärft sie ihren Blick. Sie findet neue Sprachen und Formen, sie begnügt sich nicht mehr damit, an einem bestimmten Punkt zu beginnen und einen klaren Schluss zu ziehen, weil sie sieht, dass die sie umgebende Welt auch nicht so organisiert ist.

Ihre Spannungsbögen können ausschlagen, ihre Musikalität mit Traditionen brechen, und in der Natur der Nachahmung liegt es, auch das weiß die zeitgenössische Dramatik, nichts Neues hervorzubringen. Deshalb wagt sie das Experiment und sieht, sofern sie es sich erlauben kann, von Gewohnheiten ab. "Versteh ich nicht", schallt es neuer Kunst oft entgegen, und das ist verständlich, schließlich will die Kunst ihr Publikum aus der Reserve locken, ihm Überraschungen bieten, die seine Anpassungsfähigkeit provozieren und es dadurch bereichern. Darauf kann man neugierig oder bockig reagieren und noch ganz anders, und selbstverständlich ist es, s.o., auch voll ok, wenn man's trotzdem kacke fand (meine Figur Theta aus Dem Marder die Taube sagt, "manchmal hat man's aber auch gar nicht schlecht verstanden, sondern es ist einfach schlecht gemacht.").

Dass die neue Dramatik Bock hat, sich mitzuteilen, steht außer Frage. Häufig, so scheint mir, hat sie sogar eine gewisse Not. Allein die hohen Bewerbungszahlen bei einschlägigen Wettbewerben wie etwa den Autor:innentheatertagen am Deutschen Theater in Berlin belegen das oder auch der Zusammenschluss vieler Dramatiker:innen zu Bündnissen und Kollektiven wie etwa der VTheA. Fragt sie nach ihrer Arbeit, traut ihnen etwas zu. Ihre Sektion ist elementarer Bestandteil des Theaters. Ohne ihn werden die Bretter morsch.

Ich trage derweil die kleine Robbe im Herzen und bin gespannt, welche krassen, nie gesehenen Features sie entwickeln wird, wenn ich sie erstmal dramatisch zu Papier bringe. Sie löst sich schon aus der Bananenstellung, schaut mich mit laserroten Augen an – und robbt auf mich zu.

CAREN: Du bist ganz schön schnell.
ROBBE: Ich hab Hunger, Baby.

  

Caren Jeß wurde 1985 in Eckernförde geboren und wuchs in der Nähe von Schleswig auf. Sie studierte Deutsche Philologie und Neuere Deutsche Literatur in Freiburg i.Br. und Berlin. Ihr Theaterstück "Bookpink"gewann 2018 den Münchner Förderpreis für deutschsprachige Dramatik, wurde für den Heidelberger Stückemarkt 2019 und den Mülheimer Dramatikerpreis 2020 nominiert. Im selben Jahr wurde ihr Stück "Der Popper" mit dem Else-Lasker-Schüler Stückepreis ausgezeichnet. Ebenfalls 2020 wurde sie von der Fachzeitschrift Theater heute zur Nachwuchsautorin des Jahres gekürt. 2021 wurde sie als eine von zehn Autor:innen für den Dramatiker:innen-Fonds des Berliner Ensembles ausgewählt. Jeß lebt in Dresden.

Dieser Text entstand für die nachtkritik-Sonderseite zum Heidelberger Stückemarkt 2022, einer Kooperation von nachtkritik.de und dem Theater und Orchester Heidelberg.

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