Der Vorhang fällt

5. März 2022. Zwar musste man vor wenigen Tagen schon befürchten, dass das kulturelle Leben einen Rückschlag erleiden würde. Jetzt aber ist man mit einer Isolierung konfrontiert, die es in dieser Form wohl nicht einmal in Zeiten des Eisernen Vorhangs gab. Dokumentation eines Artikels aus der russischen Tageszeitung "Kommersant".

Von Alla Shenderova

5. März 2022. Die Rücktritte begannen bereits am ersten Tag der "Sonderaktion": Elena Kovalskaya trat aus Protest gegen das Vorgehen der russischen Behörden in der Ukraine als Direktorin des Meyerhold-Zentrums in Moskau zurück. Am nächsten Tag gab Mindaugas Karbauskis sein Leitungsposten des Majakowski-Theaters ab, jenes Theater, das er im letzten Jahrzehnt entscheidend geprägt hat und das sich vor seinem Amtantritt in einem bedauernswerten Zustand befand.

Der Trend der letzten sechs Tage waren Protestschreiben. In den Reihen der Kreativen herrscht keine vollständige Einigkeit, aber die überwältigende Mehrheit fordert ein sofortiges Ende der Feindseligkeiten. Führende Persönlichkeiten des Theaters richteten Anti-Kriegs-Petitionen an die Regierung, und unter den Unterzeichnern waren sogar solche, die wie Valery Fokin, der Direktor des Alexandrinsky-Theaters, die Politik von Präsident Putin in der Ukraine und auf der Krim im Jahr 2014 noch unterstützten.

Appelle und Petitionen

Am 24. Februar veröffentlichte die Theaterkritikerin Marina Davydova auf ihrer Facebook-Seite eine persönliche Petition und forderte Theaterschauspieler:innen zur Unterzeichnung auf. Der Text wurde im Wortlaut in der Zeitschrift "Teatr" veröffentlicht und von vielen führenden russischen Theaterpersönlichkeiten unterzeichnet.

Lev Dodin, der Gründer und langjährige künstlerische Leiter des Maly Drama Theaters (MDT) in St. Petersburg, schrieb einen Brief an Präsident Putin, in dem er ihn aufforderte, "damit aufzuhören". Die MDT-Schauspielerin Danila Kozlovsky, eine Schülerin von Dodin, richtete auf Instagram einen ähnlichen Appell an den Präsidenten.

Der russische Verband der Theaterkritiker schickte ein Schreiben zur Unterstützung der Kollegen der ukrainischen Sektion des Internationalen Verbands der Theaterkritiker. Der Krieg wurde von zahlreichen Theatermachern schriftlich verurteilt – von russischen Shakespeare-Forschern bis hin zur internationalen Festivalschule Territoria und dem Gründer des Mobile Art Theatre, Michail Zygar, der mit seinem Appell mehrere tausend Unterschriften gesammelt hat.

Auch Unterstützung der Militäraktion

Ein geschlossenes Auftreten scheiterte jedoch: Wladimir Maschkow, der Direktor des Tabakov-Theaters, sprach sich für die DNR und die LNR aus und versprach sogar, die Einnahmen aus der Aufführung von "Matrosskaja Tishina" an diese Republiken zu überweisen. Es wird schwierig sein, das Versprechen einzulösen: Grigorij Mikhnov-Vaytenko, Galichs Sohn, der in der Ukraine lebt und die Urheberrechte an dem Stück besitzt, wird die Aufführungen verbieten.

Am fünften Tag der Sonderaktion erschien eine Erklärung zur Unterstützung der Militäraktion, die vom Rektor des GITIS Grigory Zaslavsky, dem Rektor des VGIK Vladimir Malyshev, dem Rektor des Schukin College Evgeny Knyazev, dem Rektor der Gnessin Academy of Music Alexander Ryzhinsky und dem Rektor des Tchaikovsky Moscow Conservatory Alexander Sokolov unterzeichnet wurde. Im Einzelnen heißt es: "Der Verband der Hochschulen für Kunst und Kultur hat die Entscheidung zur Anerkennung des DNR und des LNR mit Verständnis aufgenommen. <...> In der Geschichte Russlands hat sich mehr als einmal die Notwendigkeit ergeben, brüderlichen Völkern, darunter auch dem ukrainischen, zu helfen...".

Am 27. Februar appellierte der Regisseur und Mitbegründer des AHE-Theaters, Maxim Isayev, dessen "Märchen vom Goldenen Hahn" im Rahmen des Programms "Maske Plus" im Taganka-Theater aufgeführt wurde, nach einer Aufführung, die Feindseligkeiten in der Ukraine zu beenden. Am nächsten Morgen berief die Kulturabteilung der Moskauer Stadtregierung die Leiter der Theater der Hauptstadt ein und riet ihnen, sich nicht mehr zu äußern. Die zweite Aufführung von "Das Märchen vom Goldenen Hahn" wurde auf Initiative der Taganka-Leitung abgesagt. Am 1. März wurde Dmitri Volkostrelov, der künstlerische Leiter von CIM, über seine Entlassung informiert. So hat das CIM bereits seine beiden Direktoren verloren und wurde, wie am Abend des 1. März bekannt wurde, mit dem Theater der Dramatic Art School zusammengelegt.

Ausschlüsse, Rücktritte, Absagen

Der Dirigent Iwan Welikanow, der am 25. Februar in der Oper der Stadt Nischni Nowgorod eine kurze Rede gehalten und vor der "Hochzeit des Figaro" ein Fragment aus Beethovens Ode an die Freude gespielt hatte, wurde daraufhin von der Direktion des Theaters von Nischni Nowgorod für das Gastspiel beim Festival Goldene Maske in Moskau ausgeschlossen, obwohl er als Dirigent und Regisseur der Hochzeit des Figaro ebenfalls für den Preis des Festivals nominiert war. Eine Jurorin – die Opernkritikerin Aya Makarova – ist bereits aus der Musikjury des Festivals zurückgetreten. Wenn andere Juror:innen das gleiche tun, ist der Wettbewerb grundsätzlich in Frage gestellt.

Das Festival "Goldene Maske", das derzeit in Moskau stattfindet, hat ohnehin große Verluste zu verzeichnen. Keine:r der internationalen Kolleg:innen – Produzent:innen, Regisseur:innen und Kritiker:innen, die bisher immer das Festival besuchten – wird jetzt nach Moskau kommen. Das von der Kritikerin und Kuratorin Marina Davydova vorbereitete polnische Programm "Masken", in dessen Rahmen der Hit des letztjährigen Festivals in Avignon "Pieces of a Woman“ des Ungarn Kornél Mundruczó (uraufgeführt im TR-Theater in Warschau) gezeigt werden sollte, die laut Davydova herausragende "Odyssee" von Krzysztof Warlikowski sowie die neue Aufführung des polnischen Starregissseurs Kristian Lupa, "Imagine" über die Beatles – wurde komplett abgesagt.

Wir sind nirgends mehr willkommen

Wir sind nirgendfwDie Existenz aller russischen Festivals mit internationalem Programm ist nun fraglich. In verschiedenen Ländern und Kulturkreisen wird dazu aufgerufen, Russland nicht mehr zu Festivals einzuladen, Vertriebslizenzen von Filmen zu entziehen, so dass es nicht mehr um individuelle Reputationsverluste geht, sondern um die drohende Lähmung des kulturellen Lebens. Für Kulturschaffende in der Sowjetunion, deren Filme, Theaterstücke und Ausstellungen nur unter großen Schwierigkeiten ins Ausland gelangen konnten, wo sie aber oft willkommen waren, war dies bis vor kurzem undenkbar. Die Situation ist jetzt anders: Wir sind nirgends mehr willkommen.

Wenn man dann noch bedenkt, dass die Kunst im Allgemeinen und das Theater als die aktuellste aller Künste im Besonderen niemals in einem Vakuum existieren, sondern sich nur im Dialog mit der Kunst anderer Länder und Kulturen entwickeln kann, dann könnte die Katastrophe für das russische Theater, das wir eigentlich groß, weltberühmt, jahrhundertealt nennen (fügen Sie hier gern Ihr eigenes Epitheton ein), ein geradezu episches Ausmaß annehmen.

Alla Shenderova ist Journalistin, Theaterkritikerin und stellvertretende Chefredakteurin der Zeitschrift Teatr. Sie studierte Informatik an der RGGU und Theaterkritik an der GITIS. Sie unterrichtet an der British Higher School of Design in Moskau. U.a. war sie Kuratorin des Programms "Freundschaft der Nationen" beim Inspiration Festival in Moskau 2019. Wiederholt hat sie als Jurymitglied mit dem Festival Goldene Maske zusammengearbeitet (2013 und 2019) sowie mit anderen russischen Theaterfestivals. Sie schreibt auch für die Moskauer Tageszeitung "Kommersant", wo der Artikel am 2. März 2022 zuerst erschienen ist.

Übersetzung aus dem Russischen von Simone Kaempf und Esther Slevogt mit Hilfe von DeepL.

 

Mehr zum Thema: Das russische Magazin Teatr führt eine Chronik zu den Auswirkungen der gegenwärtigen Krise auf die russische Kultur im In- und Ausland.

Alle Texte zum Krieg in der Ukraine auf nachtkritik.de hier.

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