Mit Frisch ins Lebens-Butterbrot beißen

von Ute Grundmann

Halle, 22. November 2008. Kürmann will die Wohnung, in der er mit Antoinette unglücklich war, am liebsten nie bezogen haben. Kein Problem: Aus einer Bodenklappe werden weiße Laken geholt, die Sofa und Tisch verdecken, aber nicht verschwinden lassen. Als Antoinette zum x-ten Mal aus der Kulisse gerufen wird, um eine Szene aus Kürmanns Leben zu wiederholen, hat sie gerade in ein Butterbrot gebissen und die hochhackigen Pumps gegen rotweiße Turnschuhe ausgetauscht. Das sieht zum eleganten "Kleinen Schwarzen" ziemlich merkwürdig aus, soll aber wohl signalisieren: Sie war schon in der wohlverdienten Pause, während Kürmann immer noch mit seinem Leben ringt.

So offensichtlich und vordergründig kommt die Inszenierung meistens daher, mit der Regisseur Dietmar Rahnefeld am Sonnabendabend Max Frischs "Biografie: Ein Spiel" im Neuen Theater in Halle herausbrachte. Schon das Bühnenbild von Lena Brexendorff in der kleinen Spielstätte Werft signalisiert: Hier wird gespielt, (nur) Theater gemacht, ist alles nur so-als-ob.

Zuschauer des eigenen Lebens

Auf die kleine Bühne ist eine weiße, runde Arena gebaut, auf die weiße (Welt-)Scheibe werden zu Beginn erstmal die Wohnzimmermöbel geschleppt. Derweil hat Hannes Kürmann (Peter W. Bachmann) in den Publikumsreihen Platz genommen: Ich bin hier nur Zuschauer, soll das wohl signalisieren, doch damit wird er nicht durchkommen, geht es hier doch um sein Leben.

Das noch einmal ändern zu können, in den eigenen Lebenslauf korrigierend eingreifen zu können, hatte Max Frisch in "Biografie: Ein Spiel" seinem Helden Hannes Kürmann als Chance mitgegeben. Angesichts einer schweren Krankheit darf da der Professor für Verhaltensforschung sein eigenes Verhalten und Versagen noch einmal auf den Prüfstand stellen und, so er kann, ändern. In der Kulturinsel in Halle wurde aus dem Stücktitel gleich ein ganzes Spielzeitmotto: Ob Hamlet, der ein mörderisches Spiel spielt, oder die Comedian Harmonists, die musizierend die politische Wirklichkeit einholt – alles ein Spiel, alles auch Biografie(n).

Das Leben: ein Dossier im Laptop

Doch das mottogebende Stück gerät in der Inszenierung von Rahnefeld bloß zum vordergründigen Spiel-im-Spiel-im-Spiel. Da gibt es die Souffleuse gleich doppelt: Die wirkliche für die Mimen sitzt in der ersten Reihe, eine zweite hat ihren Platz neben der Bühnenscheibe, von wo sie aus einem Aktenordner das richtige Stichwort zu den Lebensszenen einwirft und ansonsten in die Rollen schlüpft, die gerade gebraucht werden. Auf der anderen Seite der Scheibe hat der Spielleiter seinen Platz am Laptop, auf dem Kürmanns Leben zu einem Dossier geronnen ist, dessen Einzelteile aufgerufen oder gelöscht werden können.

Petra Ehlert spielt diesen Regisseur betont taff, analysiert und meckert, macht vor und mahnt zur Änderung des Lebensweges. Doch was sie so dirigiert, ist bloßes Theater: Denn statt mit der Phantasie (der Zuschauer) zu spielen, bebildert die Inszenierung ziemlich platt und banal die Textstichworte. Kehrt Kürmann in seine Kindheit zurück, taucht mit blutig aufgeklebtem Auge der Knabe auf, dem er einst bei der Schneeballschlacht ein Auge ausschlug. Seine Professorenwohnung wird von einer (natürlich) verhutzelten Putzfrau gehütet, die am Morgen danach (natürlich) stumm-empört auf Antoinette (Marie Bretschneider) reagiert, die die Nacht hier verbracht hat.

Was bleibt? – Krankenstuhl und Stars and Stripes

So geht das fort: Die Stunden werden laut und deutlich auf einem Gong angeschlagen, ist von Kürmanns Krankheit die Rede, wird ein Krankenstuhl auf die Bühne geschoben und im Blumenstrauß, Gruß des in den USA lebenden Sohnes, steckt natürlich ein Stars-and-Stripes-Fähnchen. Die Inszenierung ist so sehr mit ihren Äußerlichkeiten und dem ausgestellten "Alles-nur-Spiel"-Gestus beschäftigt, dass sie weder zur Leichtigkeit des "Was-wäre-wenn?" noch zum Tiefgang des "Wie kann, soll, will ich mein Leben gestalten?" kommt. So zieht sich die auf Komik und Effekte getrimmte Aufführung über gut zwei Stunden hin, gefühlt dauert sie länger.


Biografie: Ein Spiel
von Max Frisch
Regie: Dietmar Rahnefeld, Bühne: Lena Brexendorff.
Mit: Peter W. Bachmann, Marie Bretschneider, Petra Ehlert, Peer-Uwe Teska, Barbara Zinn.

http://www.kulturinsel-halle.de


Die Herbst-Konjunktur der Max Frisch-Arbeiten verzeichnet außerdem: Armin Petras' Inszenierung Ödipus auf Cuba (nach "Homo faber") in Berlin; Barbara Webers spritzige Version von Biografie: Ein Spiel im Theater Neumarkt in Zürich; und Matthias Fontheims Aufführung von Andorra im Zürcher Schauspielhaus.

 

Kritikenrundschau

In der Mitteldeutschen Zeitung (24.11.) schreibt Andreas Hillger über "Biografie: Ein Spiel" an der Kulturinsel Halle: "Was Frisch eine Komödie nannte, hat Dietmar Rahnefeld in der Werft der Kulturinsel Halle über weite Strecken auf kabarettistisches Niveau gestutzt." Dürften Peter W. Bachmann und Marie Bretschneider als zentrale Figuren "auch jene tragischen Züge mitdenken, die der Farce die nötige Bitterkeit geben", so gerate deren Umfeld eher lächerlich: "Der alkoholselige Arzt und die hinfällige Haushälterin, die stumpfsinnige Souffleuse und der eilfertige Inspizient sind Chargen, die man eher der Regie als den Darstellern anlasten muss. In der Konsequenz aber minimieren sie die Fallhöhe des Experiments".

 

 
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