Vorm dreckigen Spiegel

13. März 2022. In Luis Buñuels oscarprämiertem Film kreist eine Gesellschaftsschicht so sehr um ihre primären Bedürfnisse, dass sie nie dazu kommt, sie zu befriedigen. Regisseurin Claudia Bauer zieht das Soziotop mit PeterLichts und SE Strucks Überschreibung in ein Heute der Wohlstands-Verwahrlosung.

Von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 13. März 2022. Nicht nur der Auftakt ist furios: Ein sonnengelb angestrahltes containerartiges Haus dreht sich zu französischem Swing und eine Schar Leute in unmöglich gemusterten Klamotten formiert sich zum zeitgemäßen Wir. Dieses Wir fährt auf Urban-Arrow-E-Bike-Lastenfahrrädern durch die Nacht und möchte Spaß. Immerzu Spaß. Dazwischen gesund Essen und richtig Atmen. Erschöpft ist dieses Wir habituell, geplagt von nichts als dem Fatigue-Syndrom. Die müde Bourgeoisie unserer Tage. Bei Claudia Bauer albern sie sagenhaft aufgekratzt herum.

Auch hier: großes Kino

Während das Personal im oscarprämierten Film von Luis Buñuel aus dem Jahr 1972 mit seinem gespensterhaften Spiel dem diskreten Charme des Titels alle Ehre macht, stürzt sich das Ensemble in Frankfurt in die Szenen wie ein Kind ins Bällebad. Hier ist nichts diskret, sondern alles großes Kino. Zu Anfang formiert sich das Wir auf einer Treppe vor dem Container und strahlt um die Wette, dazu schütteln sie ihre Farrah-Facett-Föhnfrisuren und gucken hinreißend dumm aus der Wäsche. Im Container wartet Lizzy, der Star des Abends, von Anna Kubin mit famosem Augengeklimper und Kieksstimme in die tollsten Übertriebensheitsvolten à la Anke Engelke genölt. Die Truppe klingelt einen Tag zu früh bei ihr, und dieser Patzer gibt wie im Film den Startschuss zu einem Reigen sonderbarer Szenen.

DiskreteCharmeBourgeoisie 2 BirgitHupfeld uWenn die Bourgeoisie am Container klingelt © Birgit Hupfeld

Buñuels surrealer Klassiker beäugt eine Gesellschaftsschicht, die so energisch um ihre primären Bedürfnisse kreist, dass sie nie so richtig dazu kommt, sie zu befriedigen. Man versammelt sich hier eher zum Essen, als dass man satt würde. Man möchte auf der Stelle Sex, aber die Verhältnisse sind nicht so. Die Überschreibung von PeterLicht und SE Struck bugsiert das Ganze in ein wohlstandsverwahrlostes Heute. Das bunte Volk auf der Bühne interessiert sich in erster Linie fürs Sattwerden und protestiert höchstens gegen Staubmäuse. Die Floskeln unserer Gegenwart beherrschen sie aus dem Effeff. Sie raunen "I like", "Freu", "Nerv", "I love it" und so verkürzt wie ihre Ausdrucksweisen scheint auch ihr moralisches Gewissen. Im Zweifelsfall machen sie für Geld alles mit allen. So wie der zwielichtige Kulturattaché eines ebenso zwielichtigen Wüstenstaates, gespielt von Sebastian Kuschmann.

Tofuwürstchen, eingelegt in Selbsterkenntnis

Von dessen Machenschaften dürften sich die meisten noch ganz gut distanzieren können, von den hochenergetisch vorgebrachten Blasentalk-Floskeln eher weniger. Meist geht es ums Essen, Party-Blabla, die Vorteile verschiedener Ernährungsweisen, weniger Fleisch na klar, kein rotes Fleisch versteht sich, abends wenig essen, keine Milch, Tofuwürstchen etc. pp. Alles schon mal gehört, das meiste wohl auch gedacht, manches gar selbst gesagt. "Kenn ich!", vergewissern sich nicht nur die Figuren auf der Bühne, sondern murmelt auch das Parkett. Selbes gilt für das dauererschöpfte Selbst, den sorgenfreien Lebensstil, die Überprivilegiertheit in den meisten Belangen, das Yoga-Retreat, die Anbetung der Achtsamkeit und die als Freundschaft geadelte Herablassung gegenüber wirklich Arbeitenden.

Der Abend hält uns einen dreckigen Spiegel vors Gesicht und das macht er ebenso rigoros wie munter. Eine runde Sache, auch wenn alles ein bisschen kürzer hätte sein können, so in Länge von Buñuels Film, rund 100 Minuten. Das wäre perfekt gewesen.

Eingefrorenes Staunen und aufgerissener Augenaufschlag

Wie meist arbeitet Bauer mit Live-Kamera, die fängt hier ein, was im Inneren des Containers geschieht und projiziert es auf eine Außenwand. Dort sehen wir, wie Putzfrau Tatti (Philipp Alexej Voigtländer) das Klo schrubbt und die echte Souffleuse Christine Schneider in der Ecke sitzt und im Text blättert. Der Container verfügt über ein großes Fenster, eine Veranda und eine Dachterrasse, und die Figuren laufen von hier nach dort und glotzen und grimassieren hemmungslos direkt in die Kamera. Katharina Linder gern mit eingefrorenem Staunen im Gesicht, Andreas Vögler herrlich eckig blasiert, Mark Tumba toll werbelächelnd, Lotte Schubert mit aufgerissenem Augenaufschlag. Dazwischen brilliert der begnadete Quatschmacher Fridolin Sandmeyer in Rollen aller Art.

DiskreteCharmeBourgeoisie 1 BirgitHupfeld uExklusive Einblicke © Birgit Hupfeld

Dabei folgt der Abend der Szenenfolge Buñuels, verzichtet aber auf dessen religiöse Komponenten. Was angesichts der Gottesferne unserer Gegenwart nur folgerichtig ist. Eine der tollsten Szenen des Films ist auch ein Höhepunkt in Frankfurt. Wieder einmal findet die Gesellschaft zu einem Essen zusammen und merkt plötzlich, dass sie auf der Bühne eines Theaters sitzt. Ein Gag, der im Theater natürlich noch mal mehr Funken schlägt. Die sprichwörtliche vierte Wand kracht aus dem Container, so dass die Tischgesellschaft hinaus ins Publikum schauen kann. Ein Moment des Erkennens.

Bei Buñuel geht es auch um gesellschaftliche Angstzustände, die sich in allerlei Alpträumen realisieren und in konkreten Gefährdungen. Die nächste Generation, die für ihre Wahrheiten auch zu Waffengewalt greift, personifiziert sich bei Claudia Bauer in pausbäckigen Korrektheitspuppen, die niedlich wirken, aber trotzdem scharf schießen. Das triste Ende der Spaßgesellschaft, und ein absurd unterhaltsamer Abend, der das Unbehagen unseres Lebensstils grell ausleuchtet. Wer sich da nicht ertappt fühlt, hat andere Probleme.

 

Der diskrete Charme der Bourgeoisie
nach Luis Buñuel
Für die Bühne bearbeitet von PeterLicht und SE Struck
Regie: Claudia Bauer, Bühne: Andreas Auerbach, Kostüme: Vanessa Rust, Musik: Peer Baierlein. Video: Jan Isaak Voges, Mitarbeit Video: Rebekka Waitz, Dramaturgie: Katja Herlemann, Licht: Marcel Heyde.
Mit: Anna Kubin, Sebastian Kuschmann, Katharina Linder, Fridolin Sandmeyer, Lotte Schubert, Mark Tumba, Andreas Vögler, Philipp Alexej Voigtländer, Benjamin Lüdtke, Rebekka Waitz (Live-Kamera) sowie Janine Kaiser, Antonia Kruschel, Karina Salmen, Steven Marc Fischer, Daniel Hartlaub, Ruben Hausmann (Statisterie).
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schauspielfrankfurt.de

Kritikenrundschau

Auf die "individuelle schauspielerische Leistung" komm es "nicht an" an diesem Abend, schreibt Claudia Schülke in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (14.3.2022). "Vielmehr auf die Gesamtpräsentation, die selbstvergessene Ensembleleistung." Damit bewältige das Ensemble "einen schwierigen Text, der den Zuschauern ob seiner monotonen Wiederholungen in den Ohren brennt". Aber wenn am Ende auch noch eine der "Containerwände" breche, öffne sich ein "Echoraum", sei "die Blase geplatzt": "Aug in Aug mit dem Publikum erschrecken die Realitätsverweigerer vor der Wirklichkeit."

Regisseurin Claudia Bauer habe "sichtlich Spaß daran, den Schauspielern unter ihren 80er-Jahre-Betonföhnfrisuren ein gut gelauntes Dauergrinsen zu verordnen und sie in ätzend gemusterte Frohsinnskleidung zu stecken", erkennt Bettina Boyens in der Frankfurter Neuen Presse (14.3.2022). Großes Lob findet auch diese Rezensentin für das Ensemble, darunter vor allem den "unerreicht" agierenden Fridolin Sandmeyer in "pittoresker Mehrfachbesetzung".

Auf der Theaterbühne gehe es "rustikaler, alberner und eindeutiger zu" als bei Buñuel, meint Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (14.3.2022). Der Text sei von PeterLicht und SE Struck "sehr schlau" an unsere Gegenwart angepasst worden und Claudia Bauer inszeniere einen "handwerklich blitzsauberen Spaß". Mit 120 Minuten sei der Abend zwar "ungefähr eine halbe Stunde zu lang", aber im Frankfurter Schauspiel herrsche dennoch "richtig gute Stimmung".

Claudia Bauer inszeniere große Gesten einer Elite, die immer wieder im Lächerlichen enden, sagt Natascha Pflaumbaum im Deutschlandfunk Kultur (12.3.2022). Die Absurdität und die Überzeichnung der Figuren seien fantastisch. "Im Deckmantel der Komik kommt ziemlich viel Philosophie daher und durch die Träume sehr viel Theaterästhetik und Theaterdebatte." So werden Themen des Lebens verhandelt. Das alles in einer so großen Leichtigkeit, dann man sich die ganze Komplexität, die der Abend sei, noch ein ein weiteres Mal erleben müsste.

Die Buñuel-Überschreibung von Peter Licht mache unmissverständlich den historischen und künstlerischen Abstand zwischen 1972 und heute klar, sagt Christian Gampert im Deutschlandfunk (14.3.2022). Hier sei alles Karikatur und Persiflage und eben dadurch erschreckend wahr: "Das ständige Gekreische der Figuren, die wortreiche Hysterie gehen einem mit der Zeit durchaus auf die Nerven. Aber dann ertappt man sich bei dem Gedanken 'Das muss so sein'. Die neue, diverse Öko-Ober-Schicht ist nur über ständigen Overspeed dingfest zu machen." Diese Art Mensch sei vor allem in Berlin zu finden. Am Schauspiel Frankfurt jedoch gebe sich "die Regisseurin Claudia Bauer nun alle Mühe mit Schnellsprech und virtuosem Videoeinsatz als der bessere Réne Pollesch darzustehen – und vielleicht ist sie das ja auch." Die Theaterinstallation sei jedenfalls ein zweistündiges komisch-polemisches Gesamtkunstwerk und schwer Theatertreffen-verdächtig.

mehr nachtkritiken