Rudis Reste-Rampe

von Michael Laages

Bielefeld, 22. November 2008. Nein, es muss jetzt niemandem wirklich peinlich sein, wenn er oder sie bis dato noch nicht wusste, was das ist und wie das geht: "Speed Dating". Nur soviel: Es handelt sich offenbar um die zeitgenössische Variante des guten alten Eheanbahnungs-Instituts "Treueschwur" von Frau Irene und Boris von Klödenhoff-Wallstein oder so. Die Sache geht flott und vor allem im Internet – im virtuellen Chat-Room sind die Kombattanten gehalten, sich einander gegenseitig reihum vorzustellen; mit Vorlieben und Abneigungen, Risiken und Nebenwirkungen, und das Ganze möglichst flott und kompakt, wenn's geht in fünf Minuten. Auch früher musste die Anzeige immer schon kurz sein. Und billig. Später kommt der Praxistest – und Fisch hat dann Fahrrad gefunden. Oder eben nicht.

Toll. Sehr modern. Ralf Westhoff hatte derlei Zeiterscheinungen des ganz alltäglichen Irrsinns vor zwei Jahren in einen kleinen Film gezwängt, der "Shoppen" übertitelt ist. Weil die Kandidaten und Selbstdarsteller beim "Speed Dating" wie beim schnellen Einkauf an der Käsetheke mal schnell hinhuschen über das aktuelle Angebot, hier mal naschen und da mal probieren – und vielleicht bei der neuen Lieblingskäsesorte hängen bleiben. Wenn's sein muss, lebenslänglich.

Wiedersehen beim Käsekauf

Es gibt eine Szene in der Bielefelder Theaterfassung dieses ein wenig preisgekrönten Films, in der genau das geschieht – Frank, der Student (Politik/Literatur), trifft Susanna, die Kosmetikerin, abseits all jener Ankreuzauswahlzettelwirtschaft beim Ankauf an der Käsetheke wieder – und ausgerechnet mit diesen beiden scheint's nun wirklich was zu werden. Aber auch die reife Susanne scheint die Quasselstrippe Jörg beim Real-Dating für eine Weile in Beschlag nehmen zu können; während Ernährungsberaterin Katharina vor allem auf der Suche war und ist nach ordentlichem Sex, den sie beim zeitgemäß hirnlosen Holzhändler Jürgen (aus Partenkirchen, nicht aus Garmisch) auch leidlich bekommt. Zuvor hatte sie aber schon den statistikvernarrten Geschäftsmann Thorsten ausprobiert, den mit dem Bandscheibenschaden. Patrick hingegen, der sich prinzipiell für unwiderstehlich hält, bleibt derweil auch weiterhin Single; und Mediha, neu in München (wo der Reigen spielt), hält das ganze "Speed Dating", diesen Laufsteg der Neurosen, schlussendlich und im Rückblick eher doch für Rudis Reste-Rampe.

Das wär's. Ob das jemanden interessiert? Das (wie früher in der DDR) gern rhythmisch jubelnde Publikum im Bielefelder Theater am Markt, dem kleinen Haus des Stadttheaters, interessiert das offenbar sehr. Und tatsächlich mag die Marge derer ja beträchtlich sein, die derlei Test der eigenen Beziehungsfähigkeit schon mal unternommen haben in dieser versingelnden Einzelgänger-Gesellschaft.

Blanker Boulevard

Aber ist das schon ein genügender Grund für das entsprechende Zielgruppen-Theater? Inhaltlich sicher nicht – aber um Inhalt ging es am Boulevard auch bisher selten. "Shoppen" ist blanker Boulevard, mal mehr, mal weniger blöd, im unterhaltenden Ton; ähnlich wie "Acht Frauen" mit halbwegs pfiffig zugespitzten Dialogen und zuweilen scharf gesetzten Pointen. Naturgemäß treffen die Fünf gegen Fünf im Theater von Anfang an immer real aufeinander; Moderator inklusive, der Klavier spielt und Lesebuch-Weisheiten über Liebe und Lieben an sich einstreut. Ein paar Beispiele außergewöhnlich durchgeknallter Zeitgenossenschaft gibt's zu besichtigen, und eine entsprechende Menge Klischee-Porträts auch. Das reicht, um sich 90 Fernsehspielminuten lang ordentlich zu amüsieren. Sicher nicht nur in Bielefeld.

Aber Michael Heicks, der Intendant vor Ort, hat ein erstaunlich gut sortiertes Ensemble für ein Soufflé dieser leichten Art. Das ist nicht selbstverständlich. Und als Regisseur hält er das Gespreize und Gerammel auf dem Laufsteg achtbar in Schwung; Patrick Schimanski hat es mit allerlei Pop-Chörchen durchsetzt, von Rio Reiser bis heute. Wenn das Theater mit akkurat demselben Personal demnächst auch mal Arthur Schnitzlers "Reigen" (oder die Nach-Dichtung von Werner Schwab) ausprobieren wollte, stieße es vermutlich auch noch in ein paar Tiefen vor, die beim "Shoppen" nur als Kitschpostkarte vorkommen: als "Silberdisteln im Herzen" der possierlich verzweifelten Krankenschwester Irina.

Die kriegt am Ende auch ihr Fahrrad. Nicht ganz das, was sie wollte, aber immerhin. If you can't be with the one you love, love the one you're with. Mehr war nicht. Silberdisteln. Aus welchem Lyrik-Band sind die wohl geklaut.

 

Shoppen
nach dem Film von Ralf Westhoff
Inszenierung: Michael Heicks, Bühne: Annette Breuer, Kostüme: Grit Groß.
Mit: Katrin Nowak, Christina Huckle, Claudia Mau, Nicole Paul und Anna Maria Kuricová; Jan Andreesen, Alexander Swoboda, Ingo Tomi, Thomas Wehling, Oliver Baierl und Sebastian Reck.

www.theater-bielefeld.de

 

Wir waren auch dabei, als Michael Heicks vor gut einem Jahr in Bielefeld Elende Väter von Tom Peukert zur Uraufführung brachte.


Kritikenrundschau

Nicole Karczmarzyk berichtet in der Neuen Westfälischen (24.11.) über Michael Heicks' Bielefelder Inszenierung des Speed-Dating-Filmstoffs "Shoppen". Der Regisseur mache aus dem Ensemble-Stück, welches "das Balzverhalten junger Münchner Großstadtbewohner auf die Bühne" behandele, "eine Inszenierung, die mit ihren pfiffigen Dialogen und grotesken Situationen das Publikum von einem Lacher zum nächsten drängt" – "gelungene, humorvolle Abendunterhaltung". "Kritisch hinterfragt" werde das "gesellschaftliche Phänomen des Speeddatings in diesem heiter angelegten Stück nicht genauer".

 

 

 
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