Von den Werten her okay

20. März 2022. Kathrin Röggla hat ihr zehn Jahre altes Elternschaftsdiskursstück "Kinderkriegen" aktualisiert, und Julia Wissert bringt es in Dortmund mit einem starken Ensemble auf die Bühne. Aber irgendetwas fehlt.

Von Max Florian Kühlem

20. März 2022. Die Kinder selbst haben in Kathrin Rögglas "Kinderkriegen 4.0" keine Stimme. Die der Erwachsenen ist ja schon so laut und raumgreifend, da wäre gar kein Platz. Und überhaupt sind die Kinder offenbar auch gar nicht um ihrer selbst willen, für die eigene Zukunft da, sondern als ein Stück Zukunft ihrer Eltern, ein Projekt, eine Ausformung oder Auskleidung ihres Egos.

Was in der Dortmund Neuauflage des ursprünglich als Singspiel konzipierten Stücks fehlt, ist die Musik – wofür die österreichische Autorin eine rätselhafte Erklärung liefert. "Wie heute so oft ging die Musik verloren oder etwas verloren oder halb verloren, weil die familienpolitischen Umstände dagegen sprachen", schreibt Röggla in einer Vorbemerkung. "Zurück geblieben ist ein Stück, das die Abwesenheit der Musik ständig bemerken muss. Ein Musical, dem die Farbe abgeblättert ist, im übertragenen Sinn." Eigentlich ist das aber gar nicht so, dass hier ständig irgendwer – also Zuschauende oder Spielende – die Abwesenheit von Musik bemerken würden. Nur einmal, da stampft die großartige Martina Eitner-Acheampong mit dem Fuß auf und ruft trotz mehrfacher Aufforderung: "Nein, die Oma singt nicht". Und dann singt sie doch zwei schrille Töne.

Wie soll man in diese Welt Kinder gebären?

Um beim von der Autorin selbst gewählten Bild der abgeblätterten Farbe zu bleiben, könnte man allerdings einräumen, dass die Welt in den vergangenen zehn Jahren generell farb- oder freudloser geworden ist, eines Musicals nicht mehr würdig – was sich besonders am Stück-Thema bemerkbar macht: Wie soll man in eine Welt, die von Krieg und Klimawandel geschüttelt wird, frohen Mutes Kinder gebären, also in Leib und Leben gefährdete CO2-Verbraucher?

Kinderkriegen1 805 Birgit Hupfeld u"Wir müssen weniger werden": Linda Elsner, Christopher Heisler und Adi Hrustemović diskutieren die Nachwuchs und Zukunft der Menschheit © Birgit Hupfeld

Vor zehn Jahren kam die ursprüngliche, musikalische Version zur Uraufführung im Münchener Residenztheater als "Kinderkriegen". In der Zwischenzeit gab es weder eine Version 2.0 noch 3.0, so bleibt auch der Zusatz 4.0 ein kleines Rätsel. Es gibt einen digital verfremdeten Chor, den die regieführende Intendantin Julia Wissert aus vielen Einzelbildern der Mitglieder des Dortmunder Sprecherchors zusammensetzen lässt, und wahrscheinlich hat die Autorin sich nochmal neu durch einschlägige Onlineforen zum Thema Kinder kriegen, Kinder erziehen, Kinderkrankheiten und so weiter gescrollt.

Achterbahnfahrt der Egoisten

Gestrickt hat sie daraus eine böse Satire, die aktuelle Diskurse aufnimmt und auf die Achterbahnfahrt schickt. Zu ihrem Figurenarsenal gehört das alte, spät zur Elternschaft berufenen Ehepaar, die Oma, die Rabenmutter, die Kinderlose, der engagierte Vater und ein Bundestagsabgeordneter. Alle sitzen in schrillem und kreativem Kostüm in einem Aufbau aus schrägen Holzpodesten, der ICE, Achterbahn, Wellness-Hotel, Spielplatz, Brache, Wald und Kinderarztpraxis darstellen kann. In blau-grüne Nylonhaut gekleidet ist Linda Elsner als Kinderlose. Sie wirkt unter den anderen wie ein Alien und ist in ständiger Verteidigungshaltung. "Wir müssen weniger werden, die Welt retten", gibt sie eine aktuelle These der Klimabewegung wieder, "aber mein Nein zum Kind macht mich zukunftslos".

Kinderkriegen2 805 Birgit Hupfeld uMeeting der exzentrischen Eltern: das Dortmunder Ensemble spielt in Kostümen von Nicola Gördes © Birgit Hupfeld

Ständigen Anfeindungen ausgesetzt ist Nika Mišković als Rabenmutter, die mit ihren Wutausbrüchen aber eigentlich nur ausdrückt, was alle Figuren auf der Bühne am meisten bewegt: sie selbst. Besonders exzentrisch gekleidet ist das spätberufene Paar mit rotem Rock, roter Bluse, rotem Luftballon, roter Strickjacke, aber eigentlich sind hier alle Exzentriker, moderne Hipster, die ihre Kinder am liebsten Wegorganisieren würden und vor lauter Selbstoptimierungswut immer nah am Burn-Out sind.

Zu kühl im Diskursraum

Sie sind abwechselnd verzaubert und genervt von ihren Kleinen. Verzaubert vor allem dann, wenn sie beim Kinderarzt zu hören bekommen, was sie hören wollen, dass ihr Kind hochbegabt ist, dass ihr Projekt also Früchte trägt. Dazu sind auch noch der Eisenspiegel und Zuckergehalt im Blut in Ordnung. Top-Werte also, die zufrieden machen.

So ist auch die Inszenierung: Von den abzulesenden Werten her vollkommen zufriedenstellend, ein ordentlich abgeschlossenes Projekt, Das Ensemble spricht und spielt gut, strukturiert den Text, der ja keine Geschichte forttreibt, sondern eher ein Jelinek-artiges Assoziationsgeflecht darstellt, setzt Spitzen und Pointen, stellt sich zu ausdrucksstarken Tableaus auf. Aber so richtig Funken schlagen will diese Inszenierung nicht. Dafür ist es wahrscheinlich einfach zu kühl im Diskursraum – selbst, als alles kurz ins Albtraumhafte kippt.

 

Kinderkriegen 4.0
von Kathrin Röggla
Regie: Julia Wissert, Bühne: Moïra Gilliéron, Kostüme: Nicola Gördes, Musik: Yotam Schlezinger, Video: Daniela Sülwold, Dramaturgie: Hannah Saar, Licht: Markus Fuchs, Ton: Christoph Waßenberg. Mit: Bettina Engelhardt, Ekkehard Freye, Martina Eitner-Acheampong, Nika Mišković, Adi Hrustemović, Linda Elsner, Christopher Heisler, Dortmunder Sprechchor und Marlena Keil.
Premiere am 19. März 2022
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.theaterdo.de

 

Kritikenrundschau

"Es ist kein Stück über das Kinderkriegen, das im Schauspiel Dortmund verhandelt wird, sondern viel mehr eine zugespitze Beschreibung von Druck und Erwatungen an Elternschaft, die sich alle stets widersprechen," sagt Dorothea Marcus im Deutschlandfunk (20.3.2022). "Ein paar leisere Töne hätten da durchaus gutgetan, denn echte menschliche Emotionen wohnen dem Thema ja ebenfalls inne." Doch Julia Wissert habe sich für glitzernden, lautstarken, vielstimmigen Trash entschieden – der aber dennoch die Augen öffne.

"Der Abend mischt Hyperaktivität mit Leerlauf. Sie alle drehen sich im Kreis, und es geht einfach nicht voran," schreibt Ralf Stiftel im Westfälischen Anzeiger (21.3.2022) Der Bundestagsabgeordnete nutzt jeden Anlass, um seine Standardsätze gegen Regulierungen und für das Verschlanken, Entschlacken, Entsanden des Systems anzubringen. Adi Hrustemovic verkörpert diesen Politiker wundervoll geschmeidig. Man bekommt nie eine klare Positionsbestimmung dieses Mannes." Genauso gehe es einem mit Rögglas überspitztem, durchaus witzigem Text, findet der Kritiker: "Worauf zielt 'Kinderkriegen 4.0' ab?" 

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