Frauen in Freiräumen

21. März 2022. Stefan Moses (1928–2018) ist einer der großen Porträtfotografen des 20. Jahrhunderts, der Individualität und Privatheit noch aus den prominentesten Persönlichkeiten seiner Zeit herauszukitzeln vermochte. Mit "Stefan Moses. Die Zeit der Frauen" legt Christoph Stölzl, Gründungsdirektor des Deutschen Historischen Museums Berlin, jetzt einen Band mit ausgewählten Frauen-Porträts vor. Ein bleibendes Werk.

Von Harald Raab

20. März 2022. Kein anderes visuelles Medium spiegelt so das Frauenbild in Gesellschaften wieder, wie es die Mainstream-Fotografie getan hat – und in Teilen noch tut. Die Pin-up-Girls und Beauties der USA. Mutter- und Maiden-Kult in der NS-Zeit. Das propere Heimchen am Herd im westdeutschen Biedermeier der 1950er Jahre. Die Heldin der Arbeit in sozialistischen Ländern. Die Power-Frau heute. Alles Klischees, Männerfantasien oder -ängste, Rollenzuteilungen in Werbung und Propaganda.

Doch es gab in allen Epochen auch Fotografen und Fotografinnen, die Frauen als Individuen mit Persönlichkeit in ihren Bildarbeiten Raum gegeben haben. Dazu gehört Stefan Moses (1928–2018), der Lichtbildner der Deutschen und ihrer Befindlichkeiten im Nachkriegsdeutschland.

Christoph Stölzl, Gründungsdirektor des Deutschen Historischen Museums Berlin, intimer Kenner des Werks von Stefan Moses, hat im Verlag Elisabeth Sandmann einen opulenten Bildband herausgebracht. Er zeigt, welchen enormen Stellenwert Stefan Moses Frauen-Porträts in allen seinen Schaffensphasen gegeben hat.

Diesseits der Fassade

Von Ingeborg Bachmann bis Mary Wigman, über Therese Giehse, Meret Oppenheim, Tilla Durieux, Senta Berger, Romy Schneider, Elly Ney, Christa Wolf, Elisabeth Mann, Helene Weigel oder Anna Magnani, Juliette Gréco und unbekannte Zeitgenossinnen, hat der Fotograf weibliche Charaktere vor seine Kamera geholt. Er hat ihnen in ihrer Privatsphäre und auf der Bühne, im Wald, auf der Straße, in Parks oder vor weißem Vorhang einen individuellen Aktionsraum gegeben. All diesen 57 Porträts, in der Mehrzahl Schwarz/Weiß-Bilder, ist eines gemeinsam: Sie sind nicht voyeuristische Enthüllungen oder der Schaulust geschuldete Typisierungen. Moses lässt den Protagonistinnen aber auch keine Fluchtwege offen, sich hinter einstudierten Posen und medienwirksamer Mimik zu verstecken: So sollen mich die Menschen sehen. Fassade statt Natürlichkeit.

Stefan Moses ist Meister darin, Freiräume zu schaffen, in denen sich die Eingeladenen vor der Kamera wohlfühlen, das Objektiv, die Apparatur vergessen. Fotograf und Fotografierte vertrauen einander, lassen sich aufeinander ein. Der Zauber einer Begegnung in Würde und Respekt, eines intimen Augenblicks entsteht. Es sind einmalige Momente. Sie können nicht wiederholt werden.

Schauspielerinnen-Porträts aus dem Buch

 

Stefan Moses beschreibt das Ziel seine Arbeit: "Meine Aufgabe ist, die Menschen festzuhalten bevor sie verloren gehen." Fotografie hat per se eine historische Komponente, Leben dem Vergessen zu entreißen. Moses hat sich mit seinen Reportagen, seinen oft über Jahre hin entstandenen Serien wie den Waldspaziergängen mit deutschen Geistesgrößen, Politikern, Künstlerinnen und Künstlern zu Recht den bleibenden Ruf als einer der bedeutendsten deutschen Fotografen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erarbeitet. Sein Werk kann als Fortsetzung und gelungene Synthese der Leistungen der großen Porträtisten der Weimarer Republik gesehen werden, eines Hugo Erfurth oder August Sander mit seinem richtungsweisenden Werk "Menschen des 20. Jahrhunderts".

Hans Magnus Enzensberger hat seine Hochachtung in Gedichtform ausgedrückt: "Dann hat unser Mann Moses sich / ein Bildnis von uns gemacht, / damit wir endlich einmal wüssten, / woran wir sind."

Blick für die Subjektivität

Christoph Stölzl hat eine kluge Auswahl getroffen für Stefan Moses' "Die Zeit der Frauen“ (so der Titel des Buches). Er beginnt mit Alltagsszenen: Fischmarktfrauen, Straßenbahn-Schaffnerinnen, Zeitungsverkäuferin, Servierfräulein. Menschen, denen wir in der täglichen Begegnung wenig Aufmerksamkeit schenken. Der Fotograf gibt ihnen Gelegenheit, sich als selbstbewusste, lebensbejahende Frauen zu zeigen. Was sie tun, verleiht ihnen Bedeutung, das Gefühl, gebraucht zu werden.

Eine Ausstrahlung, die bei den Promis der Literatur, des Theaters, der bildenden Kunst zur Grundausstattung gehört. Bei ihnen muss er andere Seiten zeigen: die Mannigfaltigkeit der Charaktere und Lebenswege, Spuren der Kreativität, Prägungen des Selbst-Seins, Symptome von Subjektivität.

Es sind immer wieder die Gesichter der meist älteren Frauen, die faszinieren. Sie erzählen von gelebtem Leben, manchmal auch vom Wissen um den Tod. Berührend das Porträt der Schriftstellerin Annette Kolb aus dem Jahr 1964. Fast verschwindet die menschliche Gestalt im schwarzen Umraum, magisch leuchtend darin das hagere, markante Gesicht, die Hände feinnervig, lebhaft. Eine Kämpferin, so beschreibt sie Stölzl in seinem einfühlsamen Text.

Cover MosesJedem Moses-Porträt stellt er knappe, hellsichtige Feuilletons im charmanten Erzählton mit überraschenden Perspektiven zur Seite.

Friederike Mayröckers Gesicht, umrahmt von rabenschwarzem Haar, ist vollständig hinter vorgehaltenen Händen verborgen. Träumt sie? Muss sie sich vor den Zumutungen der Welt schützen? Hat sie doch wie die meisten ihrer Genossinnen wilde Zeitstürme durchstehen müssen. Helene Weigel als Mutter Courage, streng das Gesicht. Die Haare straff zurückgekämmt, stellt sie sich einem Soldaten in den Weg. Die weißhaarige Hilde Domin: ein rundes, faltiges Gesicht, in das Güte eingeschrieben ist.

Die Schauspielerin Steffie Spira im knöchellangen weißen Gewand, auf einer Holzpalette stehend. Mit großer Prophetinnen-Geste stellt sie die historische Szene nach, als sie bei der Massendemonstration auf dem Berliner Alexanderplatz am 4. November 1989 die DDR-Führung zum Rücktritt aufforderte.

Kontrastprogramm: Romy Schneider 1955, als sie mit ihrer Kaiserin Sissi die Herzen eines nostalgiesüchtigen Millionenpublikums eroberte. Sie sitzt auf gepackten Koffern, das runde Mädchengesicht kindlich, noch nicht vom Starschicksal gezeichnet, konturiert durch einen weißen Pelzkragen.

"Jeder Mensch ist eine kleine Gesellschaft"

Da ist Juliette Gréco 1962 schon eine andere Nummer. Moses hat sie 1962 auf einem Ozeandampfer auf der Überfahrt nach New York im harten Schwarz/Weiß-Kontrast fotografiert. Das lange Haar wirbelt im Wind. Das Gesicht kühn den Elementen trotzend.

Christoph Stölzl zieht in dem breit angelegten biografischen Text über den Fotografen dieses mit existentieller Energie aufgeladenen Bildbandes Bilanz: "Was Stefan Moses mit den Portraitierten gesprochen hat und was sie ihm offenbarten während der Begegnungen, die ja oft viele Stunden gedauert haben, werden wir nicht erfahren. In Worten hat Moses keine Deutung seiner Frauenbilder hinterlassen. Umso deutlicher reden seine Fotografien. Sie sind ein Hymnus auf Frauen als Individuen, jenseits jener Normierungen und Klischees, von denen das 20. Jahrhundert nur allzu reich ist."

Stefan Moses selbst äußerte sich philosophisch, indem er Novalis zitierte: "Jeder Mensch ist eine kleine Gesellschaft." In seinem Theatrum mundi spielen Frauen eine gleichberechtigte, eine großartige Rolle.

 

Fotograf
Stefan Moses, 1928 in Schlesien geboren, lebte ab 1950 bis zu seinem Tod 2018 in München. Mit seinen fotografischen Bildgeschichten wurde er zum eigentlichen Chronisten der europäischen Nachkriegsgesellschaften. Heute gehören diese Arbeiten zu den gültigen Geschichtsdokumenten unserer Zeit.

Autor
Prof. Dr. Christoph Stölzl ist einer der prominentesten deutschen Kulturhistoriker. 1944 in Bayern geboren, begann er seine Laufbahn mit Forschungen zur Geschichte der europäischen Nationalbewegungen. 1987 wurde er zum Gründungsdirektor des Deutschen Historischen Museums in Berlin berufen. Seit 2010 ist er Präsident der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar.

Buch
Stefan Moses – Die Zeit der Frauen
von Christoph Stölzl, Elisabeth Sandmann Verlag, 208 Seiten, 58 Euro.

 

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