Die letzten Takte der Menschheit

27. März 2022. Futter bei die Fische. Das Schauspiel Leipzig geht im schönen Schein der Springflut unter, und das Publikum wird Fischfutter. Wenn sich die Rache der Undine erfüllt. In Anna-Sophie Malers musikalischem Nixen-Nachtmahr, der das öko-apokalyptische Ende aller Dinge vorzeichnet.

Von Tobias Prüwer

27. März 2022. Geschiebehunger, das ist das Problem der Neuen Luppe! Was, Sie verstehen nur Bahnhof? Undine erklärt es Ihnen haarklein. Die Neue Luppe ist ein künstlich begradigter Fluss, der dem Leipziger Auwald – nicht Auenwald, wie ihn Undine nennt! – das Wasser entzieht. Ihr so genannter Geschiebehunger reißt immer mehr Sedimente vom Grund mit, frisst sich nach unten und gräbt so das Grundwasser für den Auwald ab. Dessen Gewächse und Geschöpfe leben auf dem Trockenen. Dadurch kann das sich durch die Stadt ziehende System aus Fließen, Wiesen und Wald seine Funktion als Ökosystemdienstleister nicht mehr erfüllen. In dieser ist er einmalig in Europa; bald nicht mehr, so Undines Vortrag.

Hoch sympathisch und doch mit Längen informiert die Nixe ihr Publikum. Sie nutzt den heruntergelassenen Eisernen Vorhang als Tafel, um ihre Erklärungen grafisch mit Kreide zu illustrieren. Sonja Isemer gelingt das gut, ohne in eine Lehrerin-Haltung zu fallen. Auch monoton wird sie nie. Und doch entwickelt dieser Part den Eindruck, noch mehr aufwirbeln zu wollen, schnell noch das Infohäppchen und jenes Detail zu transportieren.

Auf Wasser gebaut

Mit Undines Vortrag eröffnet Anna-Sophie Mahler ihren selbst entworfenen Nixen-Nachtmahr "Undine" am Schauspiel Leipzig. "Wenn Sie nicht wären, wäre hier Wasser." Undine erklärt nicht nur das spezielle Leipziger Ökosystem. Sondern sie formuliert eine Anklage ans Publikum, das stellvertretend für die ganze Menschheit ist, während die Leipziger Lage für das globale Wasserproblem steht. Zuerst freundlich erläutert sie, warum zu wenig passiert, schließlich wird sie wütender und der Abend bedrohlicher. Am Ende ihres Vortrags lehnt sie sich kurz zurück, lässt ihre Füße von nun anhebenden Klavierklängen (live: Michael Wilhelmi) wie Wellen umspielen.

Undine1 RolfArnold uDozentin der letzten Dinge: Sonja Isemer verkündet Undines Lehre © Rolf Arnold

Ein dunkler Ton, auf einer Seite gezupft, erklingt. Aus dem Off mischt sich ein Grollen hinzu. Zum Klavier kommen variiert später elektronische Musik Auszüge von Antonín Dvořáks "Russalka". Dann hebt sich der Eiserne, Nebel flutet den ganzen Saal. Undines Worte hallen nun aus den Lautsprechern – sie hat zum Mikro gewechselt – sind diffus, überall. So wie der Mensch oft unabsichtlich und doch unweigerlich die Umwelt zerstört. Sie verkündet die letzten Takte der Menschheit. Der Untergang naht. Der Abend hat den Kairos erreicht, zumindest für Undine, das ist zu spüren. "Undine geht" (Ingeborg Bachmann).

Mit dem Cyborg im Aquarium

Der sich auflösende Nebel lässt eine Licht-Maschine auf der Bühne sichtbar werden, ein Roboter, der den Zuschauerraum ausleuchtet. Ein vager Funke aus der Zukunft ist das, eine neue Vereinigung von Natur und Kultur in einem dritten Element, das soll dieser Fremdling – ein Alien? – wohl andeuten.

Um ein romantisierendes Zurück-zur-Natur geht es jedenfalls nicht, das machen auch Auszüge aus dem Cyborg-Manifest von Donna Haraway klar. Es entsteht ein seltsames Gefühl von Bedrohung und Unbehagen, von dieser Maschine irgendwie angesehen zu werden, auch wenn das natürlich Quatsch ist. Aber der gerichtete Scheinwerfer im dunklen Raum erschafft diesen Effekt. Dann bricht die Flut vom Himmel, bis das schöne Wasserreich seinen Pegelstand erreicht.

Unheimliches Musiktheater

Es ist unheimliches Musik-Theater, das Anna-Sophie Mahler mit dieser "Undine" angerichtet hat. Mit klassischer Oper hat das nichts zu tun, sondern ist vielmehr der Versuch, Musiktheater in einer Zeit zu inszenieren, in der in ihrer klassischen Form verlebt ist. Mit Bildern wie dem Unterwasserreich, wo das Publikum von hinten vom Chor angerührt wird, gelingen ihr hoch emotional Momente. Wasser wird in der Musik lebendig.

Undine3 RolfArnold uBeleuchtungsspiele vom Roboter auf der von Katrin Connan gestalteten Bühne © Rolf Arnold

Auch das beunruhigende Zwischenspiel mit der inspizierenden Maschine ist effektvoll. Allerdings wäre schon zum Auftakt im ersten Teil Musik als unterstützendes Mittel sinnvoll gewesen, hätte sich vielleicht das Auwald-Motiv mehr durch den Abend ziehen können. Denn so endet Undines unerbittliche Rache in nautischer Schönheit. Was die Probleme der Neuen Luppe sind, ist vergessen, was Geschiebehunger bedeutet, erst recht.

 

Undine
Ein Musiktheaterprojekt von Anna-Sophie Mahler
Regie / Text- und Konzept: Anna-Sophie Mahler, Text- und Konzept: Kathrin Veser, Bühne und Kostüm: Katrin Connan, Musikalische Leitung: Michael Wilhelmi, Dramaturgie: Benjamin Große.
Mit: Sonja Isemer, Michael Wilhelmi.
Premiere: 26. März 2022
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schauspiel-leipzig.de

Kritikenrundschau

"Überraschend, welch lebendige Anmut eine Maschine ausstrahlt, die keine menschlichen Züge trägt", zeigt sich Dimo Rieß in der Leipziger Volkszeitung (28.3.2022) erfreut: "Das hat nicht nur hohen Schauwert, vor allem lässt sich die Maschinen-Undine als Symbol lesen, als Versuch, menschliche Denkschablonen und Grenzen aufzubrechen, die auf Gegensätze geeicht sind." Insgesamt mag der Abend zwar vor allem als Musiktheater "polarisieren mit unerfüllten Erwartungen", im Ergebnis stehe aber ein "erstaunlich sinnlicher und gedanklich höchst gradliniger Theaterabend". 

"Wie Isemer sich diesen Bogen mit nur drei Requisiten – Schuhen, Wasserglas und Kreide – erspielt", ist Stefan Petraschwesky im MDR Kultur (27.3.2022) von der Hauptdarstellerin überzeugt, "wie sie am Ende noch die Frisur verwuschelt, das Jackett beiseite wirft, das ist minimalistisch, aber auch präzise." Anna-Sophie Mahler zeige ein Theater, "das lokale Themen diskursiv auf die Bühne und in die Diskussion bringt" - "Theater für eine neue Generation".

mehr nachtkritiken

Kommentare

Kommentar schreiben