Ein Spiel, so instabil

3. April 2022. Jan-Christoph Gockel inszeniert eine Zirkusshow nach Motiven von Alexander Kluge. Sein Ensemble greift tief in die jüngere Theatergeschichte und lässt die Versatzstücke lakonisch in die Brüche gehen. Auch Frank Castorfs Fisch ist unter den Opfern.

Von Sabine Leucht

3. April 2022. Alles auf dieser Bühne hat eine Geschichte. Der Smoking, den Jan-Christoph Gockel trägt, stammt aus Luc Percevals legendärem "Othello". Behauptet zumindest Gockel, der in dem von ihm selbst inszenierten Abend zu Beginn mit ein paar Gegenständen bekannt macht. Der rote Samtvorhang: aus Dieter Dorns "Faust". Der Fisch, unter dem der Regisseur fast zusammenbricht: Aus einer Castorf-Inszenierung an der Bayerischen Staatsoper – und obendrein kaputt. Geht nach Gebrauch repariert retour an den Spender.

Ja, was ist das eigentlich, dem wir hier beiwohnen? Ein Gnadenhof für ausrangiertes Zeug aus dem Stadt- und Staatstheater-Fundus? Eine Upcycling-Werkstatt in Münchner Bestlage? "Reparatur einer Revue" nennen Gockel und Team ihren jüngsten Abend an den Münchner Kammerspielen, der ein großes Herz für alles Lädierte und Unperfekte hat und das Reparieren mit Richard Sennett als Möglichkeit begreift, das Verstehen voranzutreiben. Seine Inspirationsquelle sind Texte und Motive von Alexander Kluge, vor allem dessen 1968 uraufgeführter Film "Artisten in der Zirkuskuppel: Ratlos", von dem Gockel sich das Zirkussujet, einige Figuren, Suchbewegungen, Sätze, O-Töne und Bilder leiht. Der (Über-)Titel des Abends aber stammt von Kluges Unglücksvogel Antoine Billot, der gegen jede Wahrscheinlichkeit Flugzeugabstürze, Kriege und Seuchen überlebt: "Wer immer hofft, stirbt singend". Ein herrlicher Titel und eine erwärmende Vorstellung, auch und gerade in diesen trüben Zeiten. Und dieser Theaterabend mit Puppen, Musik und Schauspieler:innen mit und ohne Behinderungen trägt zur Aufrechterhaltung dieser positiven Grundgestimmtheit das seine bei. Vor allem dann, wenn man die Suche nach dem tieferen Sinn des munteren Bühnentreibens abschüttelt, das in puncto Sprunghaftigkeit und assoziativer Kombinatorik den Vergleich mit dem Vorbild nicht zu scheuen braucht.

Lakonie à la Kluge

Zwischen einem Zirkuswagen, der seine Betagtheit nur vortäuscht, und allerlei Filmprojektionsflächen spielt Julia Gräfner ein wenig widerstrebend die Zirkuserbin Leni Peickert. Dennis Fell-Hernandez zaubert als ihr Bruder, den es im Film nicht gibt, mit großem Tamtam das Licht aus, während sich Fabian Moraw gleich mit einer Breakdancenummer ans Publikum ranschmeißt. Und Johanna Eiworth als ganzkörpertätowierte Dompteurin steckt ihren Kopf in den Rachen eines Drachenkrokodils, das an den Fäden von Michael Pietsch tanzt. Auch einen Elefanten hat der seinem Figurenarsenal hinzugefügt, von denen der "Artisten"-Film voll ist. Sie an Ballons bis unter die Zirkuskuppel schweben zu lassen, war einer der Pläne von Lenis Vater, der während einer Trapeznummer einen melancholischen Tod starb, dessen knappe Beschreibung eine Sternstunde der Lakonie à la Kluge ist.

In den Kammerspielen begegnet man dieser Lakonie selten in Reinform. Gockel montiert fast durchgehend Hörspiel- und Live-Sprache, Film-, Gesangs- und Spielszenen übereinander. Wenn vorne auf der Gaze Bernardo Arias Porras als Manfred Peickert noch feixt, stehen dahinter schon dessen Kinder am Grab seines (ihm sehr unähnlichen) Puppen-Doubles. Livemalereien werden an die Wand projiziert, Kantinengespräche inszeniert ("Bitte in die Kantine zur Ratlosigkeit!") und in einem Video spricht Gräfner mit Kluge und seiner Leni-Darstellerin Hannelore Hoger über die Ausdeutung der Rolle. Keinen Plan, kein Drehbuch und immer neue Ad-Hoc-Anweisungen hätte sie damals gehabt, sagt Hoge. Und Kluge: "Aber du warst gut."

                               Vorsicht vor Lamas! Michael Pietsch, Sebastian Brandes © Maurice Korbel

Die "Robustheit" des Zirkus hat den Filmemacher, Autor und Philosophen, der vor kurzem geistig hellwache neunzig Jahre alt wurde, seinerzeit für das Sujet entbrennen lassen. Er hatte dabei nicht nur den Duft von Dung in der Nase, sondern auch die Trägheit der bundesdeutschen Verhältnisse im Blick. Gockels Abend spielt eher vor dem Resonanzraum des Krieges und dem Bewusstsein der eigenen Zerbrechlichkeit, wenn er vor allem die Überlebenskunst feiert. Die der geliehenen Requisiten. Die der Puppe, deren Genick bei der Generalprobe brach, und die nun auf der Bühne erneut Kopf und Kragen riskiert. Aber auch die der durchschaubarsten Tricks, auf die Leni nach der idealistischen Phase ihrer Suche nach dem Reformzirkus zurückgreift. In den Slogan "Show raus, Sinn rein" stimmten weder Mitarbeiter:innen noch Zuschauer:innen ein, also probiert sie die seichte Variante mit Zirkus-TV, mit vermeintlicher Authentizität und Schildern, die markieren, wann wie gelacht werden soll.

"Wer immer hofft" ist ein wilder, sympathischer, aber manchmal auch etwas ratlos machender Ritt durch die (Des-)Illusionsmaschinerie Zirkus respektive Theater, mit der bezaubernden Johanna Kappauf als ruhigem Pol. Ganz nebenbei stellt die junge Gast-Schauspielerin aus dem Ensemble der "Blindgänger" den lila Cowboy von Sebastian Brandes als "meine wunderschöne Assistentin" vor, freut sich wie Bolle, wenn sie uns mit Fake-"Überraschungs"-Nummern nasführen kann – und wird, nachdem der Abend schon mehrfach Anlauf zu einer Schlussszene genommen hat, auf das Hochseil gehievt. Die Bühne ist leer, selbst die Lichterketten, die die Konturen der Zirkuskuppel markierten, wurden bereits vom Himmel geholt, da rezitiert sie dort oben hochkonzentriert Walter Benjamins 9. Geschichtsthese. Während auf der schwarzen Wand hinter ihr Strich für Strich ein naiver und freundlicher Bruder von Paul Klees "Angelus Novus" entsteht, malt ihre Stimme das Bild des Engels in den Raum, dem die Reparatur der Geschichte misslingt, weil ihn ein Sturm zurück in die Zukunft treibt, "während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm." So endet ein ausgelassener Abend wunderschön und erstaunlich düster.

 

Wer immer hofft, stirbt singend – Reparatur einer Revue
nach Geschichten und Motiven von Alexander Kluge
Regie: Jan-Christoph Gockel, Bühne: Julia Kurzweg, Kostüme: Sophie du Vinage, Musik/Hörspiel: Matthias Grübel, Licht: Christian Schweig, Video: Lion Bischof, Puppenbau: Michael Pietsch, Live-Zeichnung: Fabian Moraw, Dramaturgie: Viola Hasselberg, Claus Philipp.
Mit: Sebastian Brandes, Johanna Eiworth, Dennis Fell-Hernandez, Jan-Christoph Gockel, Julia Gräfner, Frangiskos Kakoulakis, Johanna Kappauf, Fabian Moraw, Michael Pietsch und Bernardo Arias Porras (im Video).
Premiere am 2. April 2022
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Kritikenrundschau

Es gelinge Gockel erneut, der Wirklichkeit ein paar schillernde Theatermomente abzuringen, schreibt Christiane Lutz von der Süddeutschen Zeitung (4.4.2022). Das Ensemble spiele rasant und irre komisch, "im Gegensatz zur eher künstlerisch-spröden Filmvorlage von Alexander Kluge". Überhaupt lasse sich der Abend weniger als Hommage an Kluge deuten, denn als Metapher für die Theatermacher in der Krise.

"'Wer immer hofft, stirbt singend' ist ein geradezu schamlos gut gelaunter Theaterabend angesichts der alles andere als unbeschwert stimmenden weltpolitischen Großwetterlage. Aber so wie gegen Ende, als plötzlich der Zirkus von der Bühne verschwunden ist und die Texte Alexander Kluges die Katastrophen der jüngeren Geschichte verhandeln, doch stets Zuversicht spürbar bleibt, hängt auch von Anfang an die Fliegerbombe wie eine Drohung über dem bunt schillernden Hauptteil der Aufführung. Vielleicht ist es nur die Hoffnung wider aller Vernunft, die die Menschheit noch retten kann“, so Christoph Leibold vom Bayerischen Rundfunk (3.4.2022). "Wer noch hofft, hat noch nicht aufgegeben. Diese Kraft zu utopischem Denken hat die Welt gerade bitte nötig."

"Wer Castorf dazuaddiert und das Ganze dann durch eine Dramaturgie teilt, die alles allzu Überbordende auf 120 stringente Minuten gezähmt hat", erklärt Robert Braunmüller in der Abendzeitung (4.4.2022), "bekommt eine gute Vorstellung, was ihn bei dieser 'Reparatur einer Revue' in den Kammerspielen erwartet." Insgesamt lasse das hohe Tempo der Aufführung wenig Zeit, über Kluges dichte Sentenzen nachzudenken. Dennoch: "Wie hier Alexander Kluges sehr spezielle Mischung aus Theorie und Sinnlichkeit in den guten neuen postdramatischen Theaterbudenzauber übersetzt wird", das sei "hinreißend".

"Da wird gespielt, gesungen, getanzt, geturnt. Film, Hörspiel, Artistik, Puppen- und Schauspiel wechseln sich ab, überlappen, ergänzen sich. Nicht alles glückt (unpassend wäre es schließlich, gäbe es hier nichts zu reparieren), doch gibt es vieles, was intensiv, klug, witzig, berührend oder traurig ist“, schreibt Michael Schleicher vom Münchner Merkur (3.4.2022).

 

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Kommentare

Kommentare  
#1 Wer immer hofft, München: AnmerkungHorst G. Weller 2022-04-03 09:30
Nur eine kleine Anmerkung zu der sehr klugen Kritik: Sagte Alexander Kluge nicht, mit dem Theater hätte er es nicht…? Und dann sehen wir zum Abschluss einen glücklich wirkenden Alexander Kluge mit all den SchauspielerInnen auf der Bühne. Ein wunderschönes Bild voller Lebensfreude und Optimismus.
#2 Wer immer hofft, München: BegriffeSich Fragende 2022-04-03 10:11
Würde die Rezensentin wohl, wenn es sich bei Johanna Kappauf nicht um eine Schauspielerin mit Handicap handelte, von der „bezaubernden Johanna Kappauf“ schreiben? Ich glaube nicht… Es ist (zum Glück) nicht der Stil, in dem Rezensent*innen in einer heutigen Kritik junge Schauspielerinnen beschreiben. Und löst deshalb bei mir in diesem Zusammenhang ein gewisses Unbehagen aus.

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Antwort der Autorin Sabine Leucht:

Ja, würde die Rezensentin. Sie ist so altmodisch und benutzt das Attribut "bezaubernd" zwar selten, dann aber unabhängig von vermeintlichen Einschränkungen wie Sehstärke, Chromosomenzahl oder Geschlecht. Jede gute Schauspielerin, jeder gute Schauspielerin kann bezaubern.
#3 Wer immer hofft, München: Menschen mit EinschränkungenT. Grigorian 2022-04-05 16:18
Auch bei mir löst etwas Unbehagen aus, allerdings ist es eher die Tatsache, dass praktisch kein/e Rezensent den Umstand erwähnt, dass in dieser Inszenierung vier Schauspieler mit "Einschränkungen" mitspielen. Ist das ein Tabu? Das Wort "Handicap" gefällt mir nicht in diesem Zusammenhang. Wie aber soll man es bennenen, wenn "behindert" ein No-Go ist? Lieber nichts sagen und so tun, als wär's keinem aufgefallen? Und natürlich muss man befürchten, dass Rezensenten genau aus diesem Grunde die betroffenen Schauspieler anders anfassen, als sie das bei "normalen" Darstellern tun würden. Mir ist völlig bewußt, dass man hier auf sehr dünnen Eis schreitet, aber wem ist mit dieser Rücksichtnahme geholfen? Ich bin sehr für Inklusion und den Abbau gesellschaftlicher Schranken, aber so zu tun, als sei es nicht weiter erwähnenswert, halte ich für falsch. Es ist auch keinem geholfen, wenn man verschweigt, wie schwer es für den Zuschauer ist, Schauspieler mit solchen "Einschränkungen" zu verstehen. Vieles vom Text kam schlicht nicht beim Zuseher an. Der Beweis dafür sitzt in jeder Aufführung neben mir: meine Frau ist Ausländerin und der deutschen Sprache soweit mächtig, dass sie im Grunde alles versteht, wenn sie sich beim Zuhören konzentriert und der Sprechende sorgfältig das Wort an sie richtet. Auf diese Technik ist sie trainiert, im Beruf, in Freizeit, im Umgang mit anderen Menschen. In dieser Aufführung aber was sie hoffnungslos auf verlorenem Posten, weil es die Schauspieler mit körperlicher und/oder geistiger Einschränkung schlicht nicht besser konnten. Dafür können sie nichts und dafür sind sie auch nicht zu tadeln. Aber das komplett zu ignorieren in einer Besprechung, das kann es am Ende auch nicht sein.

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