Pillen und Plattenbau

9. April 2022. Lose verbundene Szenen aus zutiefst beschädigten Leben: Alice Birchs jüngstes Stück ist ein großes Tableau, angesiedelt in einem architektonisch-psychologischen Brutalismus. Julia Hölscher wählt mit Student:innen der Theaterakademie Hamburg einen neuen Ansatz und zeigt eine Kunstwelt. Auch in ihr wird nichts gut.

Von Falk Schreiber

9. April 2022. Und dann steht ein Mädchen (Greta Ebling) tief verstört an der Rampe. Die Nase blutig, die Augen leer, die Kleidung derangiert. In ihrer Hand hält sie eine Kaffeetasse mit dem Aufdruck: "Lächle! Du kannst nicht alle töten." In dieser Kaffetasse manifestiert sich alles, was Alice Birchs Szenenfolge "[BLANK]" ausmacht: Trostlosigkeit. Brutalität. Sowie ein Humor, der behauptet, schwarz zu sein, und der stattdessen ganz bewusst aus der Schwärze in Zynismus kippt.

Keine Behausung, nirgends

"[BLANK]", das sind 100 frei wähl- und kürzbare Szenen aus zutiefst beschädigten Leben, die teils lose miteinander verbunden sind, und die Anna Bergmann bei der deutschsprachigen Erstaufführung vor einem Monat in Karslruhe vor allem als so disparates wie konkretes Gesellschaftstableau angelegt hatte. Julia Hölscher sucht mit dem dritten Schauspieljahrgang der Theaterakademie Hamburg am Deutschen Schauspielhaus einen anderen Zugriff: Klar verortbar ist hier nichts, einzig Paul Zollers Bühne erweitert die Sichtbetonwände des Malersaals und erinnert so an brutalistische Architektur. Allerdings nicht an den cool-hipstrigen Instagram-Brutalismus, sondern an die Plattenbauten am Stadtrand, die keinerlei Behaustheit mehr anbieten.

BLANK 3 SinjeHasheider uGegen die Betonwand: Ensemble © Sinje Hasheider

In Hamburg heißen solche Orte Kirchdorf-Süd und Osdorfer Born, in Berlin Gropiusstadt und in München Hasenbergl – Orte, an denen das Kind (Jonas Hellenkemper) seiner verwirrten Mutter das selbstbestimmte Leben im kontrollierenden Telefonterror erstickt, an denen ein hilfsbedürftiges Mädchen (Emma Bahlmann) von einem Jugendlichen (Joshua Zilinske) aufgemischt wird, an denen eine junge Frau (Naomi Bah) berichtet, schwanger zu sein und das Kind behalten zu wollen, ohne auch nur zu reflektieren, weswegen sie das will. Alternativen zu den bedrückenden Strukturen? Ach was.

Die Wärme sparen wir für Sonntag

Einmal versucht eine Mutter (Raika Nicolai), den frierenden Sohn (Riccardo Ferreira) zu wärmen und bedrängt ihn mit ihrer Umarmung. Er: "Kannst du nicht einfach die Heizung anmachen?" Sie: "Heute nicht. Wir sparen es auf bis Sonntag." Es ist kalt. Aber immerhin: Pillen und Wodka verschaffen einem eine Illusion von Wärme. Einzig, dass der Abend es einem allzu leicht macht, den Grund für die Verrohung in seelenloser Betonarchitektur zu identifizieren, kann man Hölscher vorwerfen.

Nichts ist gut

Eine weitere naheliegende Falle umgeht die Inszenierung freilich mittels bewusster Stilisierung geschickt: Armutspornografie ist die Hamburger "[BLANK]"-Variation schon mal keine. Hölscher tut gar nicht so, als ob der Abend das echte Leben zwischen Kirchdorf-Süd und Gropiusstadt abbilden würde, stattdessen setzen Janina Brinkmanns Kostüme einen Kontrapunkt mit Camp und Glam, und das Nachwuchsensemble stürzt sich mit Begeisterung in ein genderverwirrtes Spiel, das zeigt: Die hier beschriebene Welt ist eine Kunstwelt, aber das heißt nicht, dass irgendetwas gut wäre. 

Im Gegenteil – nicht einmal die Entlastung eines Klassengegensatzes bietet die Inszenierung, die passgenau alle Szenen aus Birchs Vorlage aussortiert hat, die irgendwie ein Oben und ein Unten behaupten. Einzig am Schluss wird eine Party unter Menschen angedeutet, die es irgendwie geschafft haben, und bei denen ein verletzter Obdachloser vor der Tür eine Störung im klassenblinden Wohlstand darstellt. Eine Eindeutigkeit, die Hölschers Inszenierung gar nicht nötig hätte.

BLANK 1 SinjeHasheider u Glamourös mit blutiger Nase: Jonas Hellenkemper, Naomi Bah, Greta Ebling, Riccardo Ferreira, Emma Bahlmann, Raika Nicolai, Joshua Zilinske © Sinje Hasheider

Zumal der Abend zuvor schon klargestellt hat, dass ein Entkommen aus den Verhältnissen nicht möglich ist: Klar zu spüren ist das, als eine Jurastudentin versteht, dass das Aufstiegsversprechen via Bildung eine Lüge ist. Es geht nur noch ums Durchkommen, und selbst daran beginnt die junge Frau zu zweifeln. Und dann setzen wuchtige Beats ein (Musik: Tobias Vethake), die Körper zucken, die Figuren lösen sich auf im Rhythmus. Und das großartige, junge, zukunftslose Ensemble tanzt weiter in die nächste Szene, die keinen Trost bietet. Am Schluss schwappt der Sarkasmus von der Geschichte auf die Spielenden über: "Alles Gute", wünscht dieser Abend den Schauspielschulstudent:innen für ihren Start in ein ungewisses Berufsleben.

 

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von Alice Birch, Deutsch von Corinna Brocher
Regie: Julia Hölscher, Bühne: Paul Zoller, Kostüme: Janina Brinkmann, Musik: Tobias Vethake, Dramaturgie: Finnja Denkewitz
Mit: Naomi Bah, Emma Bahlmann, Greta Ebling, Riccardo Ferreira Specchia, Jonas Hellenkemper, Raika Nicolai, Joshua Zilinske
Premiere am 8. April 2022
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.de

 

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