Der lachende Dritte

19. April 2022. TERFs (Feministinnen, die trans Menschen ausschließen) sehen einen "Trans-Trend" und glauben, dass junge trans Menschen mit ihrem "neuen" Geschlecht einen Weg in die Heteronormativität finden wollen. "Transsexualität" als ein "Homosexualitäts-Verhinderungs-Programm"? Unser Kolumnist beschreibt das Erstarken einer Debatte, die gefährlich ist – insbesondere für eine der verletzlichsten Gruppen unserer Gesellschaft.

Von Georg Kasch

19. April 2022. Als der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz neulich von einer "Zeitenwende" sprach, meinte er Deutschlands Außen-, Militär- und Energiepolitik. Dabei träfe das Wort auch auf die Sozialpolitik der Ampel-Koalition zu. Sie plant, in dieser Legislaturperiode das Transsexuellen- durch ein Selbstbestimmungsgesetz zu ersetzen. Personenstandsänderungen sollen dann nicht mehr langwierig (und für viel Geld) beim Gericht, sondern beim Standesamt möglich sein. Und zwar ohne sich davor bei zwei psychologischen Gutachter:innen seelisch nackig zu machen. Zuvor hatte bereits das Bundesverfassungsgericht nach und nach die meisten Bestandteile des von 1981 stammenden Transsexuellengesetzes kassiert: die verpflichtende Operation der Geschlechtsmerkmale ebenso wie die Zwangssterilisierung und die Zwangsscheidung.

"Echte" trans Menschen?

Gegen das neue Gesetzesvorhaben regt sich jetzt Widerstand – von Feminist:innen. Viv Smythe hat für sie den Begriff TERF geprägt: Transexclusionary Radical Feminist (also: Feministinnen, die trans Menschen ausschließen). Dazu gehört, höchst prominent, "Harry-Potter"-Autorin Joanne K. Rowling, die seit einigen Jahren mit transphoben Äußerungen auffällt und deshalb Ärger mit etlichen ihrer Fans hat. Dazu gehört die Philosophin Kathleen Stock, die trans Frauen beharrlich als Männer bezeichnet und 2021 nach anhaltenden, teils scharfen Protesten gegen ihre Positionen als Professorin im britischen Sussex zurücktrat.

NAC Illu Kolumne Kasch 2x2Dazu gehört in Deutschland seit einiger Zeit auch Alice Schwarzer, die in ihrem zusammen mit Chantal Louis geschriebenen und soeben erschienenen Buch "Transsexualität. Was ist eine Frau? Was ist ein Mann?" Thesen vertritt, die sich grob so zusammenfassen lassen: Die in den vergangenen 30 Jahren deutlich steigende Anzahl von trans Menschen lasse damit erklären, dass es sich in den seltensten Fällen um "echte" trans Menschen handele. Schwarzer zufolge sind die meisten trans Männer Lesben, die unter den Schirm männlicher Privilegien wollen. Trans Frauen hingegen sind – so die Argumentation des Buchs – eigentlich Männer, die unter neuer Maskierung in geschützte Räume wie Frauenhäuser und -gefängnisse einzudringen versuchen. Das neue Gesetz werde es auch erlauben, dass schon Kinder und Jugendliche, kaum dass sie sich in ihrem Körper nicht wohlfühlen, mit Hormongaben und Operationen "verstümmelt" werden.

Um ihre Thesen zu stützen, zitiert sie Expert:innen wie den Münchner Jugendpsychiater Alexander Korte, der behauptet, die "Trans-Ideologie" sei ein "Homosexualitäts-Verhinderungs-Programm" – weil lesbische Mädchen und schwule Jungs über ein neues Geschlecht in der Heterosexualität landen wollen würden. Ihr Fazit: "Trans ist Trend". Und davon profitierten Pharmaindustrie, Mediziner:innen und – Männer. Alice Schwarzer hat sich zweifellos verdient gemacht um den Feminismus: ihr Kampf gegen den Abtreibungs-Paragraphen 218, ihre Ausführungen zu gesellschaftlich konstruierten Geschlechterrollen, ihre Stern-Klage. Was sie hier aber als populärwissenschaftliche Melange mit viel gefühlter Wahrheit präsentiert, ist nichts weniger an eine Kampfansage an den Queerfeminismus: Frauen sollten besser wieder für sich allein einstehen, weil Trans-Rechte am Ende Männern nutzt, ihnen entweder neue Männer zuführt oder ihnen die Türen zu exklusiven Frauenräumen öffnet. 

Nicht nur eine Phase

Schwarzers Argumentationen lassen sich leicht widerlegen. So sind Hormongaben und OP's (so sie denn überhaupt gewünscht sind – kein Transitionsprozess ist wie der andere) auch weiterhin das Ergebnis intensiver ärztlicher Beratungs- und Begleitungsprozesse und werden nicht begonnen, nur weil ein junger Mensch sich unwohl in seiner Haut fühlt. Außerdem gibt es keine Hinweise darauf, dass ein Selbstbestimmungsgesetz dazu führen würde, dass Menschen ständig ihren Geschlechtseintrag ändern – in Ländern, die eine derartige Gesetzgebung bereits haben (Argentinien, Malta, Dänemark, Luxemburg, Belgien, Irland, Portugal, Island, Norwegen, Uruguay und die Schweiz), liegt die Rückänderungsrate bei etwa einem Prozent; mehrmalige Änderungen gehen gegen Null. Jede Leitung eines Frauenhauses entscheidet schon heute autonom, wen sie aufnimmt und wen nicht. Und müssten, wenn Menschen durch eine OP in die Heteronormativität fliehen wollten, die Zahlen von trans Menschen früher nicht ungleich höher gewesen sein, als es noch als Stigma galt, lesbisch oder schwul zu sein? Der Trend, den Schwarzer auszumachen meint, also die zunehmende Sichtbarkeit von trans Menschen, könnte genau damit zusammenhängen: dass es heute angst- und restriktionsfreier als noch vor 30 Jahren möglich ist, so zu leben, wie man fühlt (wiewohl noch immer ordentlich Luft nach oben ist).

Bitter ist die Argumentation Schwarzers auch deshalb, weil sie an alte homophobe Vorurteile erinnert: Kinder und Jugendliche werden nicht trans, nur weil sie davon erfahren, dass es mehr als das Konzept männlich-weiblich gibt, sondern man sich auch als trans, inter oder non-binär empfinden kann. Trans ist in den meisten Fällen auch keine Phase. Dass diese Argumentation, die alte homophobe Reflexe abwandelt, im Fall von Schwarzer (aber auch von Kathleen Stock) von Frauen vertreten wird, die in einer lesbischen Beziehung leben, also Teil des queeren Spektrums sind (oder sein könnten), macht die Sache noch deprimierender.

Eine gefährliche Debatte

Nicht zuletzt ist die Debatte gefährlich, weil sie die Rechte einer der schwächsten gesellschaftlichen Gruppen infrage stellt. Trans Menschen werden verhältnismäßig stark von Familien und Umfeld abgelehnt, kriegen öfter Probleme in der Arbeitswelt und der Wohnungssuche und werden häufiger Opfer von Gewalt als alle anderen. Drei Beispiele aus den Nachrichten der letzten 14 Tage: "Trans Person in Berlin bewusstlos geschlagen. Am Hermannplatz kam es in der Nacht zu Samstag zu einer transfeindlichen Attacke. Zunächst beleidigten vier Jugendliche die beiden 31 und 40 Jahre alten Opfer, dann schlug einer der Teenager mit der Faust zu", "Herne: Kinder prügeln 15-jähriges trans Mädchen fast tot. Nur knapp überlebte Jess einen brutalen Angriff von drei Jungen im Alter zwischen 12 und 13 Jahren. Ein Spaziergänger fand das schwer verletzte trans Mädchen auf einem Friedhof in Herne-Holsterhausen." "Erneut transphober Angriff in Berlin. Am Sonntagmorgen sind im Stadtzentrum zwei junge trans Frauen von einem 20-Jährigen attackiert worden."

Gefährlich ist diese Debatte aber auch deshalb, weil derweil die eigentlichen Baustellen des Feminismus brachliegen: Jeden dritten Tag stirbt in Deutschland eine Frau durch die Hand eines Mannes, oft ihres (Ex-)Partners. Frauen verdienen in Deutschland im Schnitt monatlich 1192 Euro weniger als Männer und bekommen nur knapp halb so viel Rente. Die medizinische Forschung geht immer noch vor allem vom männlichen Körper als Normalfall aus (mit teils dramatischen Konsequenzen). Die Liste der Baustellen ist noch viel länger und lässt sich nicht mit Schönheitskorrekturen lösen, sondern nur mit einem Umbau der Gesellschaft (Stichwort: Care-Arbeit, Stichwort: strukturelle Gewalt gegen Frauen). Es gibt so viel zu tun. Stattdessen gehen jetzt Old-School-Feminist:innen auf Queerfeminist:innen los und stoßen insbesondere in den Sozialen Medien auf Gegenwind. Man könnte das Ganze als Posse abtun, sich in den Sessel werfen und zum Schaukampf Popcorn essen. Blöd nur, dass da schon der lachende Dritte sitzt: das Patriarchat.

 

Georg Kasch, Jahrgang 1979, ist Redakteur von nachtkritik.de. Er studierte Neuere deutsche Literatur, Theaterwissenschaft und Kulturjournalismus in Berlin und München. In seiner Kolumne "Queer Royal" blickt er jenseits heteronormativer Grenzen auf Theater und Welt.

Zuletzt schrieb Georg Kasch darüber, warum im Ukraine-Krieg unsere Werte auf dem Spiel stehen.

 

 

 

 

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