Ein dummer Schnurrbart

22. April 2022. Anatol Preissler inszeniert Tschechows "Onkel Wanja" als Komödie mit einerseits genauem Blick auf die Figuren, andererseits Mut zu Slapstick und Schwank. Nur der Gegenwartsbezug bleibt in diesem stimmigen Konzept eine Leerstelle.

Von Falk Schreiber

Hamburg, 21. April 2022. Dramaturg:innen betonen häufig, dass Tschechows Stücke, diese tieftraurigen Geschichten voller Figuren, die unbeweglich in Strukturen feststecken, vom Autor eigentlich als Komödien angelegt seien, nur damit sie dann doch wieder als tieftraurige Unbeweglichkeitsdramen inszeniert werden. Am Hamburger Ernst Deutsch Theater hingegen wird im Programmheft Maria Deppermann zitiert, die nicht von einer Komödie spricht. Sie schreibt, dass kaum jemand nach der Uraufführung von "Onkel Wanja" 1899 begriffen hätte, dass Tschechow hier einen neuen Dramentyp erfunden habe: "Das Drama des Alltags, das anscheinend undramatische Drama des 'großen kleinen Mannes'."

Kleine alltägliche Dramen

Wenn Tschechow trotz der Einordnung als Komödie häufig als Drama inszeniert wird, dann geht das Ernst Deutsch Theater den umgekehrten Weg und lässt trotz der Einordnung als Drama einen ausgewiesenen Komödienspezialisten inszenieren: Anatol Preissler, der an dem Privattheater schon unter anderem Oscar Wildes "Bunbury" und Richard Alfieris "Sechs Tanzstunden in sechs Wochen" zeigte. Sein "Onkel Wanja" spielt nun auf der Boulevardbühne von Heiko Mönnich, deren Treppenhauscharakter tolle Auf- und Abgänge schafft und ansonsten auch noch das genretypische Tür-auf-Tür-zu-Spiel ermöglicht.

Gutsverwalter Wanja mag im Titel des Stücks genannt sein, eine echte Hauptfigur ist er nicht, sondern nur eine unter vielen beziehungs- und ziellos durch die fragmentarische Handlung treibenden Figuren. Wie Fernsehstar Boris Aljinovic in der Titelrolle sich trotz seines Promistatus in das Ensemble einfügt, das beweist erstens die Professionalität des Schauspielers und zweitens, wie stringent Preisslers Regiekonzept ist. Die Komödie wird als Komödie ernstgenommen, mit kurzen Ausbrüchen in Slapstick und Schwank, aber gleichzeitig bleibt die Handlung gefangen in absoluter Ereignislosigkeit.

Onkel Wanja2 Oliver FantitschBoris Aljinovic und Dagmar Bernhard © Oliver Fantitsch

Es gibt also eine burleske Sexszene zwischen dem alternden Professor Serebrjakow (Oliver Warsitz) und seiner jungen Frau Jelena (Dagmar Bernhard), aber dann greift sich Telegin (David Berton) die Gitarre und lässt zaghafte Bluesakkorde in den Raum tropfen, langsam, zäh. Hier passiert nichts mehr, und die kurzen, derben Lacher versinken wieder in großer Müdigkeit.

Entlang der Bruchlinien erzählt

Interessant ist, wie klar hinter dieser auf den ersten Blick wenig spektakulären Inszenierung Bruchlinien aufscheinen. Aljinovics Wanja ist immer ein bisschen zu bodenständig, ein bisschen zu laut, als dass er sich mit dem immergleichen Alltag abgefunden hätte. Da ist eine Frustration zu spüren, bei der man fürchtet, dass sie sich in Gewalt entladen könnte. Warsitz’ Serebrjakow: ein Manipulator, hinter dessen Jammerlappigkeit sich ein toxischer Charakter versteckt. Mark Weigels Arzt Astrow: ein überheblicher Typ, dessen Umgang mit Frauen immer kurz vor der Grenze zur Übergriffigkeit stehenbleibt und bei dem man weiß, dass er diese Grenze irgendwann nicht mehr einhalten wird.

Manchmal wird Astrow als der interessanteste Charakter in "Onkel Wanja" interpretiert – so weit würde Preissler angesichts seines Ernstnehmens aller Figuren wohl nicht gehen, zumal Weigel hier mit einem wahrhaft lächerlichen Riesenschnurrbart ausstaffiert wurde, was dann auch im allgemeinen Selbstmitleid thematisiert wird: "Schau, was mir für ein irrer Schnurrbart da gewachsen ist! Ein dummer Schnurrbart!" Da hat er zweifellos recht, abrasieren will er ihn aber auch nicht. Das wäre ja auch zuviel Aktion.

Schießen und verfehlen

Alles an dieser Inszenierung ist fein gearbeitet. Wenn Astrow vor Jelena seine ökologischen Thesen ausbreitet, dann passiert erst einmal nichts Besonderes, aber wie Jelena-Darstellerin Bernhard sich dann in einer Mischung aus Verständnislosigkeit und Begierde verliert, das ist ganz große Körperkomik. Wenn die pflichtbewusste Sonja (Ines Nieri) sich nach Astrow verzehrt und dabei nicht einmal gesehen wird, dann zerreißt einem das das Herz.

Onkel Wanja1 Oliver FantitschAstrow (Mark Weigel), sein Riesen-Schnurrbart und die Sache mit Sonja (Ines Nieri) © Oliver Fantitsch

Und wenn Wanja Serebrjakow in einem kurzen Auflehnungsversuch mit gezogener Pistole in eine Gewaltpolonäse verstrickt, dann feiert die Inszenierung einen kurzen Moment höheren Blödsinns. Wobei sie ihren Figuren nicht einmal den Stolz des Scheiterns gönnt: Die Schüsse verfehlen nicht ihr Ziel, Wanja schießt einfach in die Luft, um dann tonlos "Mist, wieder daneben!" zu stammeln, schon wieder gelangweilt von einer möglichen Handlung.

Leerstelle Gegenwart

Erst vor zwei Monaten inszenierte Hakan Savaş Mican den Stoff nur wenige Kilometer entfernt fürs Thalia Theater, und dort war dem Abend eindeutig der gerade ausgebrochene Krieg in der Ukraine eingeschrieben. Das Stück eines russischen Autors, in dem immer wieder ukrainische Städtenamen fallen, ließ sich nicht zeigen, ohne den Angriff Russlands auf das Nachbarland mitzudenken.

Und vielleicht ist das der Schwachpunkt von Preisslers genauer, den Unterhaltungswert aus der Vorlage herausschälenden Lesart: Der Abend mag in sich stimmig sein, aber für einen Gegenwartsbezug bleibt er blind. Dass hier etwas fehlt, dürfte auch den Beteiligten aufgegangen sein – nach dem Schlussapplaus singt das Ensemble noch ein ukrainisches Lied, im Foyer werden Spenden für die Hamburger Hilfsorganisation Hanseatic Help gesammelt. Gute Sache. Sympathisch. Aber so richtig die Leerstelle dieser an sich gelungenen Inszenierung zu füllen, das vermag sie nicht.

Onkel Wanja
Von Anton Tschechow, Deutsch von Ekatharina Bezghina und Anatol Preissler
Regie: Anatol Preissler, Bühne: Heiko Mönnich, Kostüme: Ulli Kremer, Dramaturgie: Stefan Kroner.
Mit: Boris Aljinovic, Angelika Bartsch, Dagmar Bernhard, David Berton, Ines Nieri, Karime Vakilzadeh, Oliver Warsitz, Mark Weigel.
Premiere am 21. April 2022
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.ernst-deutsch-theater.de

 

Kritikenrundschau

Preissler arbeite konsequent das Komödiantische am Stück heraus, schreibt Stefan Reckziegel vom Hamburger Abendblatt (22.4.2022). "Er überzeichnet die Charaktere mal mehr, mal weniger, ohne sie zu verraten oder Tschechow der Lächerlichkeit preiszugeben." Und weiter: „"Onkel Wanja‘ erzählt auch im Ernst Deutsch Theater von Resignation, verpassten Chancen und der Vergeblichkeit allen Tuns. Obwohl die zentrale Botschaft des Stücks, Nichtstun zerstört die Menschen und die Welt, bei aller Komik mit Blick auf die Gegenwart keine Rolle spielt."

"Leider macht die Regie aus diesem so weisen Stück, das doppelbödig ist wie kein zweites, vor allem im zweiten Teil eine fast krachlederne Liebeskomödie. Aber Tschechow ist mehr als die Jagd nach dem richtigen Partner", so NDR 90,3. "Dass viel mehr Tiefe in diesem Stück steckt, beweisen vor allem die beiden weiblichen Hauptfiguren Sonja und Jelena. Wenn sie sich lachend über ihr Unglück unterhalten, beginnt plötzlich das Stück zu atmen."

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Kommentare

Kommentare  
#1 Onkel Wanja, Hamburg: UnabhängigImmerwiedergeher 2022-04-23 12:08
Wenn die Kritik eine gelungene Komödie konstatiert, bedarf es keines Gegenwartsbezugs. Eine Komödie ist eine Komödie. Das Singen der ukrainischen Nationalhymne sowie der Sammeln von Geld ist unabhängig von jedem Stück ein aktueller Reglex.

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