Rituale, Grimassen und ein kostbares Kinderlächeln

von Heidi Ossenberg

Freiburg, 27. November 2008. Woraus besteht der Klebstoff, der die Familie  zusammenhält? Dieser Frage geht Regisseur Sebastian Nübling am Theater Freiburg nach. Zum zweiten Mal bereits betreibt er Familienforschung auf der Bühne – nach "Mutter.(Vater.Kind)" hatte jetzt die Fortsetzung "Mütter.Väter.Kinder" Premiere. Und der Titel verrät es schon: Die Familie ist größer geworden.

Aus einer Mutter, einem Vater und einem Kind sind drei Familien, sind elf Menschen geworden, auch Nübling, seine Frau und zwei seiner Kinder spielen mit. Die Fragestellung des vielfach ausgezeichneten Schauspielregisseurs aber ist geblieben: Woraus nur besteht denn nun dieser Klebstoff?

Wer tritt schneller, wer tanzt schöner?

Worte allein können es nicht sein – Nübling und seine Mitstreiter im Alter zwischen 4 und 69 Jahren kommen fast ohne sie aus – und entwickeln ihre unterhaltsame, ungeheuer leichtfüßige Revue in nur 75 Minuten. Ihre Ausdrucksmittel auf der nur mit Tischen und Stühlen bestückten Bühne sind Mimik, Gestik und Bewegung. Das Stück ist eine Koproduktion von pvc Tanz Freiburg Heidelberg und dem HAU Berlin. Was der Zuschauer hier zu Gesicht bekommt, ist nicht ein Stück aus einem Guss, es sind Dutzende Episoden und Situationen, wie sie jeder aus seinem eigenen Familienumfeld kennt.

Familie, stellt Nübling fest, bedeutet Zeit miteinander verbringen: Seine Familienforschung hat einen empirischen Ansatz – er zeigt, wie man miteinander spielt, gemeinsam Sport treibt, ein Lied zusammen singt, Geburtstage im großen Kreis feiert. Rituale also – und die Konflikte, die dabei entstehen. Denn freilich machen die Männer aus vielem gleich einen Wettbewerb: Wer tritt wohl schneller in die Pedale des Trimmrads, Sebastian Nübling oder sein Sohn Max? Und Max-Otto Wittershagen muss seine Überlegenheit beim Tischtennis erst einmal dadurch demonstrieren, dass er seinem Sohn Lars die Bälle um die Ohren schmettert.

Aber sind die Frauen wirklich anders? Alice Gartenschläger und ihre Mutter Christiane konkurrieren im Tanz miteinander. Die eine schiebt ihren Körper vor den der anderen – jede muss permanent um ihren Platz kämpfen. Das gilt auch für die Beziehung zwischen Vater und Tochter: Gleichmütig rückt Rainer Gartenschläger die Schachfiguren auf dem Brett hin und her. Die Verrenkungen, die seine Tochter vor ihm macht, um seine Aufmerksamkeit zu erregen, lassen ihn erst einmal kalt.

Liebe ist der Klebstoff

Und wie ist es mit den pubertierenden Kindern? Lange Zeit hat Therese Nübling eine passive Rolle. Doch im Ballett mit den bunten Luftballons positioniert sie sich – zart und schließlich doch fast so eruptiv und kraftvoll wie ihr jüngerer Bruder Max, der auch schon mal Tassen und Teller zerschlagen darf. Der vierjährige Yoel Schneider kann sich noch auf seine schiere Präsenz verlassen: Seine Eltern Alice Gartenschläger und Tom Schneider schneiden Grimassen um ein kostbares Kinderlächeln zu erhaschen.

Spielfreude und Tempo haben die Zeit vergessen lassen – bis alle innehalten und Schauspieler, Tänzer und Musiker die schon von Elvis Presley mit so viel Schmelz vorgetragenen Liedzeilen "… you are always on my mind …" auf der Bühne anstimmen. Wir hätten es uns denken können: Liebe ist der Klebstoff – in seinen Ausprägungen auch Respekt, Gelassenheit und Humor. Damit der Abend nicht zu besinnlich wird, gibt's nach Elvis noch eine Wasserschlacht. Ein herrlicher Familienabend!

 

Mütter.Väter.Kinder
von und mit Sebastian Nübling und drei Familien
Regie: Sebastian Nübling, Bühne und Kostüme: Moritz Müller, Musik: Tom Schneider, Lars Wittershagen, Licht: Andreas Grüter.
Mit: Alice, Christiane, Rainer Gartenschläger, Martina, Max, Sebastian, Therese Nübling, Tom, Yoel Schneider, Lars, Max-Otto Wittershagen.

www.theater.freiburg.de

 

Zuletzt besprachen wir Sebastian Nüblings Ruhrtriennale-Beitrag Furcht und Zittern, seinen Macbeth in Zürich und Hass in München.

 

 
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