Die Auferstehung der Buchstaben

27. April 2022. Der Dramatiker Wolfram Lotz hat ein Jahr lang sein Leben mitgeschrieben. Über 900 Seiten seines Tagebuchs erscheinen nun als Buch. Will man das lesen? Man muss!

Von Georg Kasch 

27. April 2022. Wolfram Lotz ist ein Phänomen. Für die meisten zeitgenössischen Dramatiker:innen gilt: großes Œuvre, schmale Wirkung. Bei Lotz ist es umgekehrt. Er hat nur wenige Stücke und Hörspiele geschrieben, die es mit beachtlichen Aufführungsserien auf die deutschsprachigen Bühnen geschafft haben und mit Auszeichnungen bedacht wurden (Kleist-Förderpreis, Dramatiker des Jahres, Nestroy, gerade eben erst der Jürgen Bansemer & Ute Nyssen Dramatiker Preis).

Zu den entsprechend schmalen Bändchen kommt jetzt ein Ziegelstein von einem Buch: "Heilige Schrift I". Es ist ein Projekt, so größenwahnsinnig und unmöglich wie seine dramatischen Texte (man denke nur an die Regieanweisungen in "Der große Marsch"): Ein Jahr lang hat er sein Leben mitgeschrieben, jede Banalität, jeden Gedanken in Notizbüchern festgehalten, die Sätze dann in ein Dokument übertragen. So entstanden knapp 3000 Seiten, die er später löschte. Weil er aber (so berichtet es der Verlag) den Anfang des Textes per Mail an einen Freund geschickt hat, blieben 900 Seiten erhalten, die nun im S. Fischer Verlag erschienen sind.

Zum Glück! Denn der hypnotische Lotz-Sound herrscht auch hier, in diesem tagebuchartigen Gedanken- und Beobachtungsmyzel, das in Eintragungen zwischen dem 8. August und 20. Dezember 2017 wuchert. Es will nichts weniger als "dem Leben also das Storytelling (zu) überlassen" und so ein Ergebnis "aus Versehen" produzieren.

Was die Worte aushalten

Die nach Tagen geordneten Einträge gleichen eher lyrischen Notizen als weitschweifender Prosa, mit vielen Leerzeilen zwischen den kurzen Textblöcken. Manchmal notiert Lotz auch einfach nur die Wirklichkeit, addiert sie: Bahnstationen, Öffnungszeiten, Nachrichten. Oft lotet er aus, was die Worte aushalten, wie sie sich verändern durch Wiederholungen und Variationen. Dabei entsteht ein Sog, ein Sound, dem man gerne folgt.

Das Leben selbst ist das Thema von "Heilige Schrift I" mit allem, was dazugehört: Essen, Arbeit, Reisen, Krankheit. Neben zahlreichen anderen Motiven schiebt sich vor allem das einer poetologischen Suchbewegung ins Zentrum: Wie lässt sich heute schreiben? "GANZ ANDERS SCHREIBEN"? Geht das überhaupt? Nach einem Fünfzeiler über Vergänglichkeit, Schuld und Sprache heißt es: "(Gefühl der Lächerlichkeit grad; so lang ich meine Gedanken NUR denke, ist das alles okay, dann, im Aufschreiben wird es oft sofort peinlich. Weil die Schrift, so lose und momentan ich das hier auch halten will, was das Denken angeht doch mindestens eine minimale FESTIGKEIT fordert, aus dem Prozesshaften rauswill; zu einem halbwegs vernünftigen Ergebnis, das aber meistens nicht da ist)".

Lotz' Sprachkrise erscheint dabei so nachvollziehbar wie paranoid. Kein Wunder, dass es so wenig von ihm zuCover Lotz lesen gibt (mit dem Vorteil, dass alles, was erscheint, dann auch wirklich gut ist, klar). Und doch ist es faszinierend, ihm beim Selbstvergewissern und Selbstzweifeln durch Sprache zuzuhören (gerade durch die vielen Betonungen in Versalien entwickelt sich ein Sound im Ohr): "Schreiben, Text, Verwandlung: die Schrift heiligt mir hier die Dinge, den profanen Lebenskram, erst dann sehe ich sie wirklich, sind / waren sie da; erst dann bin ich HIER".

Der "profane Lebenskram" bildet natürlich das Rückgrat des Buches. Wie alle autobiografisch grundierten Texte – Briefe, Tagebücher, Lebensberichte – hat auch "Heilige Schrift I" den Reiz des Schlüssellochblicks, der noch dadurch intensiviert wird, dass Lotz wiederholt versichert, nur für sich zu schreiben (und diesem Unterfangen zugleich misstraut). Entsprechend gibt es Anekdoten und Namen aus dem Theater- und Literaturbetrieb zwischen Rostock und Ulm. Überhaupt herrlich, wie Lotz' Begeisterung fürs Medium Theater ("die Auferstehung aus der Totheit der Buchstaben") immer wieder durchbricht. Einmal kann er sich nicht auf Ausführungen eines Regisseurs zur Inszenierung konzentrieren, weil er so fasziniert ist vom leeren Theaterraum.

Lotz ist natürlich weder der Erste noch der Einzige, dem die Worte beim Formulieren zerbröseln – Sprachkrisen ziehen sich durch die halbe Literaturgeschichte. Lotz aber misstraut jedem Wort; deshalb ja auch der Versuch, über die extreme Form der Wirklichkeitsnotierung sich selbst auszutricksen, diesen Text eben nicht zu bauen, sondern geschehen zu lassen und so eine neue Art des Nicht-Erzählens zu schaffen.

Vergebens. Denn natürlich stellt sich im Kopf der Lesenden ein Sinnzusammenhang, eine Erzählung her – schon durch das Fortschreiten der Tage und Seiten, durch den Helden, einen Picaro und oft großartig komisch an den Unbilden des Alltags Scheiternden. Das macht den Text letztlich zu einem dramatischen, und es wundert nicht, dass sich die Münchner Kammerspiele längst die Uraufführung gesichert haben.

Auftritt Peter Handke

Zumal es Rollen zuhauf gibt auf Lotz' Gedankenbühne: reale wie seine Frau und Kinder, Freund:innen, Kolleg:innen. Aber auch Abspaltungen seiner selbst: Seitenweise stapfen Durs Grünbein, Hiob, Miley Cyrus, Odysseus, Heiner Müller, Annette von Droste-Hülshoff, Peter Handke und andere als Wolfram Lotz (und umgekehrt) durch die Zeilen. Mit kindlich ernster Freude probiert er die Namen und Situationen an wie Kostüme, macht sich zugleich über die Lächerlichkeit des Literaturbetriebs lustig. Wie nebenbei wird man darin erinnert, dass Erzähler:innen autobiografischer Texte fiktionale Gestalten sind.

Was im Zweifel auch eine gute Entschuldigung ist, sollte ihn einmal eine:r seiner vielen Kolleg:innen auf den aufbrausenden, vielleicht gar anmaßenden Zorn ansprechen, mit dem er auf sie und ihre Werke losgeht. So wie sich durch das gesamte Buch Formulierungen ziehen, die in ihrer Absolutheit immer auch schon komisch sind (und an Thomas Bernhard erinnern), wenn etwas "genau richtig" (beziehungsweise schön, gut) ist oder "natürlich falsch" (beziehungsweise schlecht, unwahr). Dabei hat Lotz doch eine Abscheu gegen das Eindeutige, ist fasziniert von der Unterbrechung, der Störung. Entsprechend windet er sich immer wieder ironisch raus, weil: Kann ja auch ganz anders sein. Was sich gut einfügt ins Grundzweifeln, Grundschwanken, aus denen dieses Buch gemacht ist.

Gerade weil Lotz sich selbst so radikal zur Disposition stellt (mitunter tut sich eine Welttraurigkeit auf zwischen seinen Wörtern, dass man in einen Abgrund schaut), ist sein Zorn gerechtfertigt über jene, die es sich – vielleicht – zu einfach machen. Nach solchen Momenten der Traurigkeit, der Wut setzt er das Leben wieder zusammen, Stück für Stück wie mit den Söhnen die Legosteine. Sieht nach der Katze, geht den Weg am Feld, bleibt dabei offen für Perspektivverschiebungen und -erweiterungen. Und findet im Alltäglichen Witz, eine Komik, die an sich ja schon immer etwas Subversives hat, eine Störung darstellt.

Einmal heißt es über Thomas-Hettche-Essays, in einem dieser Zornmomente: "wie entgeht man diesem Schriftsteller-Ernsthaftigkeits-Sound"? So.

 

Heilige Schrift I
von Wolfram Lotz
S. Fischer Verlag 2022, 912 Seiten, 34 Euro

 

Mehr zum Thema: Im Rahmen der Reihe "Neue Dramatik in zwölf Positionen" haben wir mit Wolfram Lotz ein Video-Interview geführt.

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