Murphy im Wunderland

von Regine Müller

Mülheim an der Ruhr, 27. November 2008. Die Klage über entfremdete Arbeit ist irgendwie aus der Mode gekommen. Obwohl die Marx-Lektüre spätestens seit der Finanzkrise wieder schwer im Trend liegt, hat die Kritik der modernen Arbeitswelt andere Formeln gefunden: Stress, Burnout, Selbstausbeutung, arm durch Arbeit, Leiharbeit, prekäre Verhältnisse und Hartz IV beschreiben heutige Probleme mit der Erwerbsarbeit und der Not ihrer wachsenden Verknappung. Der Horror monotoner Beschäftigung scheint aus dem Blick zu geraten.

Im Mülheimer Theater an der Ruhr hat Roberto Ciulli das Thema wieder aufgegriffen und sich nun erstmals eines Frühwerks von Tennessee Williams angenommen, das dieser selbst eine "soziale Komödie über einen schlecht bezahlten Angestellten, der seinem ökonomischen Käfig entrinnen möchte", genannt hat. "Treppe nach oben" entstand 1941 vor Williams' Welterfolgen "Die Katze auf dem heißen Blechdach" und "Glasmenagerie", die ihn fürderhin auf das Fach der scheinbar unpolitischen Beziehungsdramen festlegen sollten.

Zwischen Nähmaschinen und Alice

In "Treppe nach oben", einem "Gebet für die, die wilden Herzens sind und im Käfig gehalten werden" und gewidmet allen "kleinen Gehaltsempfängern dieser Welt", steht noch die Arbeitswelt im Mittelpunkt des Interesses. Benjamin Murphy arbeitet seit acht Jahren im Hauptsitz einer Hemdenfabrik. Nun soll er entlassen werden, denn er redet krauses Zeug und entfernt sich immer wieder unerlaubt von seinem Arbeitsplatz, einer ratternden Nähmaschine mit Fußantrieb.

Murphy empfindet sein Leben als eingeengt, es entspricht nicht den hoch fliegenden, idealistischen Träumen, die ihn in seinem Leben vor der Hemdenfabrik bewegten. Seine Rebellion jedoch ist schwach: Er flüchtet sich regelmäßig über eine geheime Treppe auf das Dach der Fabrik und füttert die Tauben. Doch dann findet sich Murphy auf einer surrealen Reise durch die Nacht wieder, auf der er einem Mädchen begegnet, die sich Alice nennt, mit der er – natürlich – das Wunderland aufsuchen will.

Entseelte Angestellte

Das Paar landet auf einem Jahrmarkt und sieht sich in eine Vorstellung von "Die Schöne und das Biest" verwickelt. Am Morgen danach hat der Alltag sie wieder, und damit die Monotonie der Arbeit und des Lebens. Bleibt aber immer noch die Treppe nach oben, aufs Dach der Fabrik, die Murphy entdeckt hatte.

Gralf-Edzard Habben hat einen unterirdisch düsteren, vergitterten Raum gebaut, den zwei Schienenstränge quer durchmessen. Zehn Nähmaschinen stehen sich an den Längsachsen gegenüber, an denen die entseelten Angestellten der Hemdenfabrik ihre immergleichen Abläufe exerzieren. Vom Schiedsrichter-Hochsitz am Kopfende her ertönt die verfremdete Stimme des Chefs Mr. Gum, die so kalt ist, wie das Neonlicht aus den altertümlichen Arbeitsleuchten.

Steffen Reuber gibt einen virilen, sportlichen Murphy, dessen Schwärmereien im Widerspruch zu den Muskeln des Arbeitskämpfers zu stehen scheinen. Simone Thoma dagegen – Das Mädchen und Alice – wirkt alterslos fragil, scheu und seltsam artifiziell. Bis auf Volker Roos als die gleichermaßen eisigen Mr. Gum und Mr. E. bleiben alle weiteren Figuren eher Typen, die Ciulli wie gewohnt genau und treffsicher führt.

Wie dringlich ist die Holzhammer-These?

Mit Kürzungen und Verfremdungen wendet Ciulli den Text stellenweise ins Surreale, um seine Perspektive zu weiten. Doch wollen diese Tricks nicht recht fruchten, zu abgegriffen sind denn doch die zentralen Metaphern des Werks, die wundersame Alice, der märchenhafte Jahrmarkt, die lieblichen Tauben und wilden Schwäne, die doch ach so frei sind.

Vielleicht will aber auch nur die Holzhammer-These von der entfremdeten Arbeit in Zeiten hoch ausdifferenzierter Arbeits-Parallelwelten nicht mehr in alter Dringlichkeit einleuchten. So kämpft der ansonsten gut getimte und präzis gearbeitete Abend denn doch gelegentlich mit Durchhängern. Dennoch große Begeisterung der treuen Ciulli-Fangemeinde.

 

Treppe nach oben
von Tennessee Williams
Deutschsprachige Erstaufführung
Regie: Roberto Ciulli, Bühne: Gralf-Edzard Habben, Kostüme: Heinke Stork, Musik: Gerd Posny, Licht: Ruzdi Aliji.
Mit: Volker Roos, Steffen Reuber, Sinome Thoma, Fabo Menéndez, Albert Bork, Petra von der Beek, Albana Agaj, Rosmarie Brücher, Klaus Herzog, Peter Kapusta, Rupert J. Seidel, Thomas Hoppensack.

www.theater-an-der-ruhr.de


Wir besprachen bereits Roberto Ciullis Mülheim-Projekt Wer hat meine Schuhe vergraben? und den Hofmeister, den er für die Duisburger Akzente inszenierte.

 

Kritikenrundschau

Es gebe Stücke, "die lange schlummern, um auf einmal unversehens von den Zeitläuften eingeholt zu werden, szenische Schläfer, bis sie sich an einer neuen Realität stoßen und von dieser angestoßen, reaktiviert werden", so Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen (29.11.2008). Für ein ebensolches Stück hält er Williams "Treppe nach oben", das Roberto Ciulli in Mülheim zur deutschen Erstaufführung brachte. Lange halte Ciulli an der "schwarzweißen, sozialkritischen Setzung" des Bühnenbildes fest, die er dann nach und nach verrücke, unterlaufe und öffne. Wie Steffen Reuber und Simone Thoma "an der Spitze des großen, prägnant agierenden Ensembles in Mülheim spielen" und Ciulli "das poetisch verdichtend und immer wieder in surreale Bilder ausscherend inszeniert" mache aus Williams' "kritisch-versponnenem Stück auch ein spielerisches Traktat szenischer Möglichkeiten, eine kleine, farbig glänzende Apologie des Theaters" mit zahlreichen typischen Motiven des Ciulli-Theaters, so dass sich dieses hier vor allem selbst feiere.

Für Stefan Keim von Deutschlandradio Kultur (27.11.2008) ist "Treppe nach oben" "ein wildes, maßloses Traumspiel", in dem schon die Regieanweisungen "unerfüllbare Forderungen an das Theater" (gewaltiges Personal inklusive Gott persönlich), "ein ideenpralles Stück, voller Symbole und Abgründe, geschrieben in einer überladenen, oft schwer erträglichen Sprache". Da brauche es schon "ein starkes Regiekonzept, um nicht in der Flut an Bildern und Verweisen zu ersaufen". Ciulli schaffe "von Anfang an eine surreale Atmosphäre", entdecke in Williams einen amerikanischen Bruder Kafkas und besteige die "schiefen Stufen dieser 'Treppe nach oben' mit großer Leichtigkeit und Bilderkraft". Seine Inszenierung: "anregend, warmherzig und auf angenehme Weise rätselhaft".

Warum das Stück so lange nicht gespielt wurde? Es sei einfach "nicht sehr gut", meint Jörg Bartel von der Neuen Ruhr Zeitung (online 28.11.2008). Er vermutet, dass vor allem die Konkretheit, mit der hier "die Arbeits- und Machtverhältnisse" thematisiert werden, "die so gar nicht zum amerikanischen Traum passen", Ciulli gereizt haben dürfte. Der Regisseur dampfe das "Stückchen-Stück" ein und sperre dessen "Splitter in einen Käfig voller Anspielungen aus Klang und Licht". Dabei hielten die Bühnengitter zusammen, was nicht zusammen passe: "Traum- und Realhandlungen, bärenstarke Bilder und ziemlich schlappe, kluge Satz-Sinn-Konzentrate und Geschwurbel, Hauruck-Sozialkritik und leise Komik". "Selbst Ciulli-trainierte Theaterfans", vermutet Bartel, "dürften Mühe haben, all das Disparate, das In- und Nebeneinander von Bühnen-Traum und Handlung im Kopf zu dechiffrieren". Dass dort dennoch ein Stück entstehe verdanke sich vor allem den Hauptdarstellern, "die das ganze trittsichere Ensemble mit ihrem sehr körperlichen intensiven Spiel über Williams' alte Treppe führen".

Nein, die Literaturgeschichte müsse für dieses Williams-Werk nicht umgeschrieben werden, findet auch Gudrun Norbisrath in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (19.11.2008). Dessen Reiz sei "der irrlichternde Übergang von eisstarrer Realität in einen schwebenden Traum", wofür Ciulli genau "der richtige Regisseur" sei: "ein alter Magier, politischer Klarheit unbedingt verpflichtet". Er packe den Text "bei seiner Aktualität" und mache ihn "zum fantastischen Ereignis". Williams' Büroangestellten versetze er in die Produktion, sprich: an die Nähmaschine (man darf Kresniks nackte Näherinnen assoziieren). Die Gitterstäbe um die Werkshalle wirkten bei Ciulli "nicht aufgesetzt, sondern traumhaft überdehnt", er ersetze die bei Williams herrschende Kälte durch Chiffren.

"Ort der Handlung" ist laut Rolf Pfeiffer in der Westfälischen Rundschau (29.11.2008) ein "'Swet Shop', eine miese 'Schwitzbude', wo Arbeiterinnen und Arbeiter sich ohne Aussicht auf Verbesserung plagen". Für den "zunehmend träumerischer, zauberischer" werdenden Gang der Dinge und den "Exkurs aus dem grauen Alltag kapitalistischer Ausbeutung" hätten "der wunderbare alte Mülheimer Bühnenbildner" Gralf-Edzard Habben und Kostümbildnerin Heinke Stork "einige märchenhafte Bilder gefunden". Und Ciulli gebe "dem Affen durchaus Zucker, wenn er komische Varianten des Liebeswerbens zu einem Schwerpunkt seiner Inszenierung" mache. "Spaßtheater nun auch hier? Schon, doch sinnhaft, poetisch und auf hohem Niveau", wo auch "die tragische Note, die Ciullis Inszenierungen oft auszeichnet" natürlich nicht fehle und das "bunte Bühnentreiben" stets durchscheine.

 
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