Anatomie eines Verbrechens

2. Mai 2022. Im April 2006 ermordete der NSU Halit Yozgat in dessen Kasseler Internetcafé. Über den Tathergang und die mutmaßliche Verwicklung eines Verfassungsschutzmitarbeiters hat die Agentur Forensic Architecture eine vieldiskutierte Recherche vorgelegt. Regisseur Ben Frost nimmt sie nun zur Vorlage für einen Musiktheater-Abend, an dem sich alles wiederholt, bis nur noch die Leere bleibt. 

Von Jan Fischer

2. Mai 2022. Es ist, nun ja, eine zumindest eigenartige Idee, eine Opernbühne als forensischen Rekonstruktionsraum zu nutzen. Aber "Der Mordfall Halit Yozgat" des australischen Komponisten und Regisseurs Ben Frost ist auch eine eigenartige Oper. Auf Basis der unabhängigen Recherche "77sqm_9:26min" der Agentur Forensic Architecture rekonstruiert Frost in seinem Auftragswerk den Tathergang in einem laborartig weißen Nachbau des Internetcafés, in dem Yozgat im April 2006 zum letzten Opfer der NSU-Mordserie wurde. 

Abbau eines Tatorts

Insgesamt acht Mal wird der Mord gezeigt. Immer wieder drehen Bühnenarbeiter den 77 Quadratmeter großen Raum dabei. Immer wieder werden Wände abgenommen, Gegenstände aus dem Raum entfernt, so lange, bis es keine Wände, keine Gegenstände mehr gibt. Selbst die Musik zerfranst und zerfasert immer mehr: Wo anfangs noch kräftige Bogenstriche der Streicher einen Rhythmus in die Rekonstruktion gebracht haben, bleiben nur noch ein zartes Kratzen und dazu vielleicht mal unregelmäßiges Paukenklopfen.

Der letzte Durchgang findet dann nur noch auf dem Gestell statt, auf dem anfangs noch das Internetcafé stand, während Kunstnebel und Kunstschnee darüber geblasen werden und mysteriöse, weiße Gestalten darauf herumstehen und alles bedrohlich beobachten. Ein besonderes Augenmerk gilt bei Frosts Rekonstruktion dem ehemaligen Verfassungsschützer Andreas Temme, der während des Mordes im Internetcafé anwesend war, aber weder die Schüsse noch die Leiche bemerkt haben will. Was wiederum – zumindest nach den Recherchen von "Forensic Architecture" – schlicht unmöglich ist.

Schicht für Schicht

Zwar wechseln die Darsteller und Darstellerinnen in jedem Durchgang die Rollen, aber dadurch, dass dieselbe Szene acht Mal gezeigt wird – sieben Mal mit Gesang und einmal als nüchterne Erklärung –, immer mit derselben Handlung, ähnlicher Choreographie und mehr oder weniger demselben Text, mit minimalen Änderungen an der Kulisse und etwas größeren an der Musik, ist der zweistündige Abend natürlich stark repetitiv, um nicht zu sagen: Stellenweise sogar quälend. Was sicherlich nicht ganz zufällig so ist. Ebenso wenig zufällig ist, dass die Erlösung – also: Das Ende eines Durchganges - nicht die Schüsse sind, mit denen Yozgat immer wieder ermordet wird, sondern die Frage seines Vaters: "Was ist passiert?"

Mordfall Halit Yozgat3 805 Sandra Then"Was ist passiert?" Ensemble und Orchester in der Bühne von Lisa Däßler und Mirella Weingarten © Sandra Then

Diese Frage aber wird nie beantwortet – weder in Frosts Inszenierung noch im echten Leben. Denn im Gerichtsverfahren konnte nie eindeutig geklärt werden, wer Yozgat ermordet hat. Und auch Ben Frost hat das natürlich nicht vor. Vielmehr schält er in "Der Mordfall Halit Yozgat" ganz buchstäblich Schicht für Schicht der Geschichte ab – so lange, bis da eben nur noch Kälte ist, der Wind, der Schnee, das Bühnenpersonal im eisigen Wind zittert und die bedrohlichen Gestalten aus der Kälte auftauchen. Aus der forensischen Rekonstruktion wird mit jedem Durchgang ein Stück mehr die Frage nach dem Kontext des Mordes, nach Rassismus in der Gesellschaft, vielleicht, die Frage nach denen, die dahinterstehen und ihren Netzwerken.

Ständige Wiederholung

Frosts Oper ist dabei sehr elegant konzipiert mit ihrer Gratwanderung zwischen Wiederholung und Änderung, ihrer schleichenden Mutation von der präzisen Rekonstruktion zum Abstraktum. Die entsprechende Bewegung spiegelt sich vom Bühnenbild über die Darsteller und Darstellerinnen bis hin zur unvorhersehbaren, oft dissonanten Musik auf jeder gezeigten Ebenen wieder, weist aber – durch die ständige Anwesenheit der Bühnenarbeiter – immer auch auf ihre eigene Konstruiertheit hin.

Ein schwer erträglicher Abend ist es trotzdem. Einmal natürlich durch die ständige Wiederholung eines rassistischen Mordes. Dann aber auch einfach durch die Wiederholung, die sich anfühlt, als würde man durch einen besonders zähen Sirup waten. Irgendwann während des sechsten Durchgangs gehen sogar einige Menschen aus dem Saal. Das aber wiederum lässt sich schwer kritisieren, denn genau diese Zähigkeit ist eben auch gewollt. So ist "Der Mordfall Halit Yozgat" auf jeden Fall ein gut gedachter Abend, und ihn zu erleben heißt vor allem: Nicht zu vergessen. Ein gutes Stück Arbeit ist er allerdings auch.

 

Der Mordfall Halit Yozgat
Oper von Ben Frost nach der Gegenrecherche "77sqm_9:26min" von Forensic Architecture
Regie: Ben Frost, Musik: Ben Frost mit Petter Ekman, Musikalische Leitung: Florian Groß, Maxim Böckelmann, Choreographie: Sasha Milavic Davies, Bühne: Lisa Däßler, Mirella Weingarten Kostüme: Lisa Däßler, Kerstin Krüger, Licht: Elana Siberski, Dramaturgie: Yvonne Gebauer, Libretto: Daniela Danz.
Mit: Céline Akçag, Tahnee Niboro, Gudrun Pelker, Mathias Max Herrmann, Yannick Spanier, Richard Walshe, Sascha Zarrabi.
Uraufführung am 1. Mai 2022
Dauer: 2 Stunden, keine Pause 

staatstheater-hannover.de

 

Kritikenrundschau

Die Gattung Oper ist aus Sicht von Benno Schirrmeister von der taz (3.5.2022) genau die richtige Antwort auf Ohnmacht und Entsetzen, die diese Tat ausgelöst hat: ""Sie kann dafür sorgen, dass die Zeit stillsteht." "Sinn kann so nicht behauptet werden. Unausweichlich aber ist die Wahrheit: Siebenmal entdeckt Ismail Yozgat die Leiche seines Sohnes. Siebenmal steht er vor der Frage, was geschehen sein mag. Wir kommen der Antwort nicht ein My näher: Es ist zum Verzweifeln. Frosts Oper schafft dieser Verzweiflung angemessenen Raum. Einen notwendigen Raum."

Joachim Lange schreibt in der  nmz (2.5.22): "Die intensive Wirkung, in die sich der Abend hineinsteigert, kommt vor allem von der Musik" - "zwischen Klassik, Minimal und Heavy Metal". "Was Ben Frost komponiert und auch höchst überzeugend, so artifiziell wie unmittelbar packend inszeniert hat, ist auch der Klang des Krieges", zeigt sich der Rezensent beeindruckt. Von diesem "beklemmend faszinierenden, grenzüberschreitenden" Projekt bleibe einem:r "das mulmige Grundgefühl, das sich in Sachen Welt eingestellt hat, bewusster denn je. Aber auch das Staunen darüber, zu welcher Treffsicherheit Musiktheater in der Lage ist!"

 

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