Den eigenen Bauchnabel am Hindukusch betrachten

von Jürgen Reuß

Freiburg, 28. November 2008. Was ist die richtige Antwort auf einen "failed state"? Failed Art? Nun kann man sicher diskutieren, ob Afghanistan tatsächlich ein gescheiterter Staat ist. Dea Lohers Monolog "Land ohne Worte", in dem sie ihre Afghanistanreise verarbeitete, und der am Freitag auf der Kammerbühne des Theaters Freiburg Premiere hatte, ist in vielerlei Hinsicht gescheiterte Kunst. Das es nicht in jeglicher Hinsicht gescheiterte Kunst ist, sondern auch eine Art Scheitern als Chance, gewisse Kommunikationskanäle zwischen so unterschiedlichen Lebenswelten wie Deutschland und Afghanistan zu öffnen, liegt an einer Besonderheit der Freiburger Inszenierung. Doch um die schätzen zu können, muss man dem Scheitern erstmal ins Auge blicken.

Bildwucherung einer Hirnattacke

"Wie war’s denn, hm?", wird die aus Afghanistan zurückkehrende Schriftstellerin (Johanna Eiworth) gefragt, aber ihr fehlen die Worte. Das Grauen, das sie dort gepackt hat, lässt sie verstummen. Nach außen. Innen tobt das Ringen um Worte. Dieses Innen ist auf der Kammerbühne, in dieser Spielzeit eine Wucherbühne zum Thema Festung Europa. Jede Inszenierung muss mit den zurückgelassenen Schichten voriger Inszenierungen leben.

Malve Lippmann hat dazu die zwei Farben Afghanistans – das Blau des Himmels und der Burka und das Ocker des Landes und der Häuser – über die Wandgestaltung der Vorgänger getackert (Berge aus Pappfetzen) bzw. gepinselt (das Blau des Himmels). Frontal schaut noch die Europaskizze der vorigen Inszenierung der Europäischen Verfassung durch, an den Seitenwänden ballern Comicsoldaten, schwirren Comic-Hubschrauber und kleben Pappakten. Darüber überall Zeitungsausrisse zu Afghanistan und Frauenikonographie. Dazu Frontfernsehen in Endlosprojektion. So ungefähr muss Afghanistan wohl die Hirne in der Festung Europa attackieren, dass sich dort der Wahn bilden konnte, die Freiheit Deutschlands am Hindukusch verteidigen zu müssen.

Genau dieses Missverständnis, angesichts eines bedrohten fernen Landes nur die eigene Bedrohung wahrzunehmen, wiederholt auch Dea Lohers Monolog. Über die Hälfte des Textes ist bereits gesprochen, als zum ersten Mal eine Wahrnehmung aus dem Reiseland geäußert wird.

Hilflos im Kunstknast mit Rothko

Zuvor sinkt Johanna Eiworth mal in Schwermut, rauft sich die Haare, brabbelt vor sich hin, rammt den Körper gegen die Wand, wechselt Kostüme und Perücken, ballert um sich, fetzt die Papiere vom Schreibtisch – das übliche Repertoire der Bühnenverzweiflung eben. Nur dass diese Verzweiflung nichts mit Afghanistan zu tun hat. Sicher, die Schriftstellerin hatte dort Schlimmes erlebt, war dehydriert und mehr, aber worüber muss monologisiert werden? Über den eigenen Bauchnabel.

Der Schock des Elends hat sie in ihren Kunstknast versenkt, in dem sie sich hilflos um sich selbst dreht, Zuflucht sucht zum Maler Rothko, der für sie ein angemessenes Ausdrucksmittel für europäische Seelen angesichts afghanischer Realität gefunden hat und sich danach die Pulsadern aufschnitt.

Der Text ist im Grunde ein Beispiel für die typisch westliche Selbstüberschätzung, das persönliche Scheitern an Weltzuständen gleich als Scheitern der gesamten Kunst aufzublähen. Eigentlich verquaster Subjektivismus von gewisser therapeutischer, aber ohne inszenatorische Wirkung.

Was reizt aber nun die afghanischstämmige Regisseurin Julia Afifi, ausgerechnet diesen Text zu inszenieren? Vielleicht gerade sein Scheitern.

Afifi hatte als Kind ihre Heimat verlassen. 2003 kam sie auf Einladung des Goethe-Insituts zurück, um in Kabul ein Theater aufzubauen. Sie lud Dea Loher ein und begleitete sie in Afghanistan. Als jemand, die Lohers Scheitern miterlebt hat, weiß sie vielleicht zu schätzen, dass die Autorin genau dieses Scheitern thematisiert und in ihrem Monolog eingesteht.

Scheitern als Chance für imperialistische Alkoholiker?

Der Beziehung zwischen den Westmächten und Afghanistan täte ein Eingeständnis des Scheiterns vielleicht auch gut. Ein Alkoholiker muss sich seine Trunksucht auch erstmal eingestehen, bevor auf Änderung zu hoffen ist. Warum sollte es bei der imperialistischen Sucht des Westens anders sein?

Das Selbstbild des Westens als Superhelfer in den Konfliktregionen der Welt rückte in der anschließenden Diskussionsrunde die afghanische Botschafterin Prof. Dr. Maliha Zulfacar mit einer einfachen Feststellung zurecht: Indien stiftete 10.000 Stipendien für Afghanen. Junge Leute, die anschließend gut ausgebildet beim Aufbau des Landes helfen können. Deutschland so gut wie keine.

Wir möchten die Afghanen nicht wahrnehmen. Ehe wir uns ihnen öffnen, erklären wir lieber die gesamte Kunst für gescheitert, wie Dea Loher. So hat vielleicht gerade das Quälende an der "Land ohne Worte"-Nabelschau einen Sinn: Man verspürt ein körperliches Unbehagen an dieser Art von Weltsicht und sucht sie in Zukunft womöglich zu meiden.

 

Land ohne Worte
von Dea Loher
Regie: Julia Afifi, Ausstattung: Malve Lippmann, Video: Sven Höffer.
Mit: Johanna Eiworth.

www.theater.freiburg.de

 

In Freiburg waren wir in diesem Monat schon häufiger, nämlich bei Mütter. Väter. Kinder von Sebastian Nübling und bei Das kalte Herz von Meret Matter.

Die Uraufführung von Land ohne Worte fand unter der Regie von Andreas Kriegenburg im September 2007 an den Münchner Kammerspielen statt. Wir berichteten.

 

Kritikenrundschau

Die Badische Zeitung (2.12.) spricht in diesem Fall mit gleicher Stimme, nämlich mit der von Jürgen Reuß.

 

 
Kommentar schreiben