Butterfahrt durch den militärisch-industriellen Komplex

9. Mai 2022. Sivan Ben Yishais Text "Your Very Own Double Crisis Club" ist ein chorisches Klagelied über eine im Krieg zerstörte Stadt. Regisseurin Laura N. Junghanns denkt über diese Zerstörung ortsspezifisch nach – und inszeniert eine Bustour durch die von Rüstungsindustrie geprägte Stadt Kassel.

Von Jan Fischer

9. Mai 2022. Einer brüllt die Stadt an, hoch über ihm steht die Reisegruppe, umgeben von irritierten Menschen, die an der Herkulesstatue eigentlich nur den Sonnenuntergang und den Blick über Stadt und Berge genießen wollten und nun eher unfreiwillig ins Theater geraten sind. "Es hört niemals auf!", brüllt er die Stadt an. Dabei fängt alles so nett an. Unter einem himmelblauen Himmel auf dem Parkplatz des Staatstheaters Kassel, wo der ebenso himmelblaue Bus der Firma "Frölich-Reisen" (Slogan: "…dem Alltag entfliehen") wartet. Mit unseren drei Reisebegleiter*innen in fröhlich-buntem Flecktarn. Mit 50 Leuten, die in den Bus verfrachtet werden und die klatschen, als der Fahrer es schafft, zwischen all den anderen Bussen und Taxen und Autos hindurch auf die Straße zu manövrieren. Aber dann wird es immer düsterer.

Kassel ist auf Blut gebaut

Da ist einmal Sivan Ben Yishais Text "Your very own double crisis club", untertitelt mit "Ein Klagelied", der schon für sich nicht unbedingt zu dem fröhlichen Flecktarn passt: "Wir tun so, als hätten wir irgendeine Ahnung, was wir euch erzählen", heißt es da, und weiter geht es mit Bomben, Krieg, Gewalt, Flucht und der Verzweiflung, davon zu erzählen. Regisseurin Laura N. Junghanns lässt den Text, ein chorisches Klagelied über den Tod einer zugrunde gerichteten Stadt, nicht nur Test sein, sondern auch Sprungbrett, um tief in die Stadt Kassel vorzudringen. Denn die gelangte in den letzten Jahren durch "Jana aus Kassel" und noch mehr durch den Mord an Halit Yozgat in die Schlagzeilen – die "Busfahrt für den Frieden" führt auch am neu so benannten Halit-Platz vorbei, aber auch an den Werken der Rüstungsfirmen Rheinmetall, Henschel oder Krauss-Maffei Wegmann sowie an der Panzerteststrecke für den Leopard 2 oder den Puma.

YourVeryOwnDoubleCrisis 2 IsabelMachadoRios uReisegruppe hoch über der Stadt: Ein (An-)Klagelied © Isabel Machado Rios

Im engen Gang des Busses – und einmal in einer Industriehalle – turnen die drei Spieler*innen lautstark hin und her, immer wieder auf die Standorte aktueller oder vergangener Rüstungsunternehmen zeigend. Sie zeigen, wo genau während der NS-Zeit die Arbeitslager für diese Unternehmen standen, oder dröseln die komplexen internationalen Strukturen diverser Joint Ventures auf. Ben Yishais Text wird dabei immer wieder mit diesen Informationen quergeschnitten: Harte Poesie gegen harte Fakten. Zum Ende der Tour wird klar: Kassel, als eines der Zentren der deutschen Rüstungsindustrie, ist tief in diese Industrie verstrickt. Hier wird – aktuell mehr denn je – an Kriegsgerät verdient, es wird gebaut, entworfen, verschifft. Kassel ist, so wirkt es, zu einem großen Teil auf Blut gebaut.

Vom Klagelied zum Anklagelied

So gerät bei Junghanns während der dreistündigen Ausfahrt im himmelblauen Bus Ben Yishais "Klagelied" zu einem Anklagelied. Was sich bei Sivan Ben Yishai auf eher poetischen Ebenen bewegt, wird auf der Busfahrt geradezu gruselig konkret: Dort drüben, direkt hinter dem Zaun, wird Kriegsgerät für die nächsten Krisenherde gebaut. Oder auch die aktuellen. Tatsächlich gerät Ben Yishais Text mit seinen unzähligen Rädchen und Diskursebenen zunehmend in den Hintergrund, oder besser: Wird zu einer Leinwand für die tief gehende Recherche zur Position der Stadt Kassel im militärisch-industriellen Komplex Deutschlands seit der Nazizeit.

Dass die Fahrt nicht völlig in Richtung Trübsinnigkeit geht, liegt auch daran, dass die Darsteller*innen sich mit aller Macht in die Absurdität der ganzen Sache stürzen. Das beginnt mit dem engen Raum im Mittelgang des Busses, der immer wieder zu merkwürdigen Verrenkungen führt, die die drei genüsslich und mit Spaß an der Sache zelebrieren. Das führt über die Geschichte, dass die Rüstungsfirmen gleichzeitig Recyclingfirmen für ihre Panzer betreiben und damit wiederum das recycelte Material an sich selbst zurück verkaufen – für neue Panzer. Und es hört damit auf, dass, weil es ja nun mal auch eine Art Butterfahrt ist, Seife in Form einer Tellermine angepriesen wird, oder eine Kerze, die aussieht wie der Geschützturm des Leopard 2 (in 120 Stunden Handarbeit hergestellt!).

Tellerminen-Seifen und Geschützturm-Kerzen

In diese Absurdität driften auch die Lösungsvorschläge: Wie wäre es mit der Idee, alle Panzer einzuschmelzen und ein riesiges Waffeleisen daraus zu gießen? Waffen zu Waffeln, sozusagen. Oder einfach "transnationale Paartherapie" statt Konflikte. Das aber sind meist nur kleine Atempausen in der, trotz großer Leichtigkeit, wuchtigen Inszenierung.

YourVeryOwnDoubleCrisis 1 IsabelMachadoRios uStadttour mit Erkenntniswert © Isabel Machado Rios

Die Stärke von Junghanns’ Inszenierung liegt dabei in der Recherche – darin, dass Ben Yishais wohlkonstruiertem Diskursstück während der Busfahrt eine ganz konkrete Realität hinzugefügt wird. Das ist clever gemacht und gedacht, und dürfte, wegen der einzigartigen Verstrickung Kassels in die Rüstungsindustrie, kaum irgendwo sonst so gut funktionieren. Die unerträgliche Härte dieser beiden verwobenen Elemente wird dann aber noch von dem absurden Butterfahrt-Setting abgefedert, so dass die Landung zurück auf dem Parkplatz vor dem Theater eben, nun ja, butterweich ist: Nach all dem Tod, nach all dem Krieg steigen die Menschen fröhlich aus. Und kaufen, ja, tatsächlich, die Tellerminen-Seifen und Geschützturm-Kerzen. Die sind natürlich streng limitiert. Aber die Erlöse – auch hier wieder, bis nach dem Schlussapplaus, der Sprung vom abstrakten Lamento ins echte Leben – gehen an eine Organisation, die Lobbyarbeit für Zivile Konfliktbearbeitung leistet.

 

Your Very Own Double Crisis Club: Ein übersetztes Klagelied mit furchtbarem Akzent
Von Sivan Ben Yishai
Regie: Laura N. Junghanns, Bühne und Kostüme: Jule Saworski, Dramaturgie: Laura Kohlmaier, Projektleitung: Franziska Niehaus.
Mit: Iris Becher, Aljoscha Langel, Günther Harder, Emilia Reichenbach.
Premiere am 8. Mai 2022
Dauer: 2 Stunden 50 Minuten, eine Pause

www.staatstheater-kassel.de

 

Kritikenrundschau

Ben Yishais Text hätte sehr gut für sich stehen können. Doch die zweite Ebene dieser Arbeit sei so dominant gewesen, dass sich die Wirkung des Stücks nicht habe entfalten können, schreibt Johannes Mundry in der Hessischen Niedersächsischen Allgemeinen (10.5.2022). Kritisiert wird außerdem die Themenwahl. Es habe wohl niemand im Bus gesessen, dem die Verwobenheit der Kasseler Industriegeschichte und -gegenwart mit Krieg und Rüstung unbekannt sei "und schon erst recht niemand, dessen Meinung wesentlich von der verkündeten abwich". "Reichlich flach" werde hier Kritik formuliert.

Die Hessenschau (9.5.2022) hat einen Fernsehbeitrag über die Produktion gesendet.

mehr nachtkritiken

Kommentare

Kommentar schreiben