Der Markt regelt

12. Mai 2022. 1970 schrieb der Brecht-Schüler Egon Monk mit seiner Erzählung "Industrielandschaft mit Einzelhändlern" gegen den globalsierten Kapitalismus an. In Braunschweig haben sich Josef Bäcker und Lukas Pergande des Stoffs angenommen – als Freilufttheater gegenüber dem zentralen Konsumtempel der Stadt.

Von Jan Fischer

12. Mai 2022. Eines Tages ist es vorbei mit dem Konsumglück: In das Geschäft des Einzelhändlers kommen keine Kunden mehr. Dabei hat er nichts falsch gemacht, diese kapitalismusgläubige Hauptfigur aus Egon Monks Erzählung "Industrielandschaft mit Einzelhändlern". Und das ist eigentlich auch schon die ganze Crux an dem Lehrstück des Brecht-Schülers Monk: Der Markt regelt, und zwar regelt er die Einzelhändler zugunsten der Kaufhäuser, der Shopping Malls, der Versandhäuser weg.

Anspielen gegen die Schloss-Arkaden

Josef Bäcker und Lukas Pergande zeigen am Staatstheater Braunschweig Monks 1970 als Erzählung geschriebenen und im gleichen Jahr als mit Horst Tappert verfilmtes politisches Fernsehspiel geschriebenen Text über einen namenlosen Einzelhändler, der von der unsichtbaren Hand des Marktes eine gewaltige Ohrfeige kassiert, als Freilufttheater auf der Außentreppe des Hauses, einem Hintereingang und zwei übereinander liegenden Laufstegen. Auf diesen dreineinhalb Ebenen turnen Saskia Petzold und Julius Ferdinand Brauer herum. Dazu bedient Mike Turnbull auf der obersten Ebene der temporären Laufstegbühne reichlich Percussioninstrumente.

INDUSTRIELANDSCHAFT MIT EINZELHAENDLERN 2 c JosephRubenTurnen auf den Ebenen: Julius Ferdinand Brauer, Saskia Petzold © Joseph Ruben

Der Ort ist nicht ganz unabsichtlich gewählt: Die drei spielen gegen die Schloss-Arkaden an, ein bei seinem Bau umstrittenes Einkaufszentrum mit historisierender Fassade, dessen Hintereingang direkt gegenüber der Bühne liegt. Eines dieser Einkaufszentren eben, die neben Onlinehandel immer dafür verantwortlich gemacht werden, dass die Innenstädte weiter und weiter veröden. Und die auch Monks Einzelhändler für seine Pleite verantwortlich macht.

Freude am anarchischen Blödsinn

Petzold und Bräuer kämpfen sich heldenhaft durch Monks Text. Denn der ist zwar sprachlich elegant und schafft das Kunststück, Konzepte wie Aktiengesellschaften und Lagerumschlagsraten verständlich und sogar ein bisschen lustig zu erklären, ist allerdings auch in einer Form erlebter Rede geschrieben, in der die Konjunktivkonstruktionen reichlich sind und der dadurch, wenn nicht zäh, dann doch sehr umständlich wird. Analytisch ist er allerdings brillant: Das Sterben der Innenstädte, den Aufstieg der Einkaufszentren und Versandhäuser, die Unmenschlichkeit eines ausschließlich auf Wachstum ausgelegten Marktes: Alles das exemplifiziert Monk mit einer für einen 1970 geschriebenen Text mit erstaunlicher Weitsicht an seiner Figur.

INDUSTRIELANDSCHAFT MIT EINZELHAENDLERN 3 c JosephRubenDer Markt regelt's, weiß die Eule © Joseph Ruben

Die Sperrigkeit des Textes versucht die Inszenierung mit bunten Kostümen und ein wenig Freude an anarchischem Blödsinn zu konterkarieren: Einmal verfolgt Brauer eine Passantin, die auf einem Fahrrad vorbeikommt, planscht im nahe gelegenen, recht veralgten Brunnen herum oder zerrt von irgendwo einen gigantischen Schal hervor und stolpert darüber.

Monks Text wirkt erstaunlich aktuell

Am Text allerdings hapert es auch ein wenig. Nicht am Vortrag oder an der Inszenierung, nicht an der Sprache. Auch nicht an der Figur, die, marktgläubig bis in die Pleite, immer wieder versucht zu investieren, das Sortiment umzubauen, Kredite aufzunehmen, den Gewinn mit geradezu magischen Beschwörungsformeln herbeizurufen nach allen Mechanismen, die sie eben gelernt hat. Dennoch ist Monks Vision gute 50 Jahre alt. Große Konzerne, "die ihre Schatten über ganze Kontinente werfen", wie es im Text heißt, wirken angesichts staaten- und meinungslenkender Mega-Corporations wie Facebook eher wie eine Schreckensvision aus dem Kindergarten. So wie auch die Undurchsichtigkeit von Aktiengesellschaften und ihrem Verhältnis zu Aktionären eigenartig klein daherkommt, wenn man sie mit Spielgeld-Trends wie Kryptowährungen oder NFTs vergleich. Aber dafür kann Monk natürlich nichts.

Grundsätzlich aber hat Monks Kritik Bestand: Nicht der einzelne Mensch im System ist das Problem, nicht der Einzelhändler, der nie etwas falsch macht, nie gegen das System handelt. Aber: Einem unmenschlichen System ist es egal, wie viele Menschen es frisst, wenn die Gewinne stimmen. Kann man nix machen. Der Markt regelt. Und sowieso: Die Innenstädte sterben ja nach wie vor, die Gründe von damals ähneln denen von heute, nur dass die Versandhäuser nicht mehr Quelle oder Otto heißen, sondern eben Amazon. Auch das kann die Inszenierung von "Industrielandschaft mit Einzelhändlern" in Braunschweig mit ihrer Freiluftposition direkt gegenüber der Schloss-Arkaden zeigen. So erweist sich, auch durch diese Position, Monks Text einerseits zwar als ein wenig staubig, andererseits aber auch als erstaunlich aktuell, und die Inszenierung von Josef Bäcker und Lukas Pergande versucht ihr bestes, das herauszukehren und den Text ein wenig verdaulicher zu machen.

Industrielandschaft mit Einzelhändlern
von Egon Monk
Regie und Ausstattung: Josef Bäcker, Lukas Pergande, Dramaturgie: Katharina Gerschler.
Mit: Saskia Petzold, Julius Ferdinand Brauer, Mike Turnbull.
Premiere am 11. Mai 2022
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

staatstheater-braunschweig.de

Mehr zum Thema? 2009 inszenierte Hans-Joachim Frank am Berliner Theater 89 die Uraufführung des Stoffs.

Kritikenrundschau

Die Spieler:innen "bewältigen den gewaltigen Textkorpus beeindruckend sicher, gut verständlich und versiert gesprochen", findet Florian Arnold in der Braunschweiger Zeitung (13.5.2022). "Es ist allerdings wirklich eine Menge Text, und er bleibt recht abstrakt: In der Tradition von Brechts epischem Theater hebt Autor Monk
auf die Beispielhaftigkeit des Einzelhändler-Schicksals ab. Die Darstellung ökonomischer Zusammenhänge
ist wichtiger als eine interessante, individuelle Figurenzeichnung, und die Inszenierung gönnt 'dem Einzelhändler' ja auch keine eigenständige Figur."

"So real die Fabel aber ist, so kompliziert ist Egon Monks Text", findet auch Michael Laages im Deutschlandfunk (12.5.2022). Die Regisseure Josef Bäcker und Lukas Pergande vermittelten allerdings zwischen Akteuren und Protokollcharakter des Textes. Sein Fazit: "Ganz starkes Stück, ganz schwierig zu realisieren, aber die Wiederbegegnung in Braunschweig lohnt unbedingt."

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