Er sagt, Sie sagt

13. Mai 2022. In Claudia Bauers beim Theatertreffen gastierenden Inszenierung reflektiert ein Alter Ego Ernst Jandls die Beziehung zu seiner Lebenspartnerin Friederike Mayröcker. Was lief schief? Wir haben zwei Paartherapeut:innen gefragt.

Von Katharina Middendorf und Ralf Sturm 

13. Mai 2022. Ein Paar Paartherapeut*innen geht am Abend ins Theater und findet den ganzen Makrokosmos der Unmöglichkeiten von Liebesbeziehungen vor, den sie am Tag in ihrer Praxis erleben. Ein Gespräch.

Er: Zu Beginn des Stückes habe ich mir richtig Sorgen gemacht, bei dem engen ersten Bühnenbild. Ich hatte Angst, das bleibt so. Denn der Mann und die Frau, die sich da abends am Esstisch trafen und rhythmisch ihr Essen mit Messern bearbeiteten, als wären sie Marionetten im Sägewerk, die hatten nicht viel Platz. Und es ging schnell zur Sache, dass harte Themen verhandelt wurden: Alkoholismus und Selbstmord-Drohungen wurden tanzend wie nebenbei ins Gespräch eingewebt. Wenn die in zehn Minuten dorthin kommen, was passiert dann in den restlichen zwei Stunden noch alles, dachte ich mir.

Sie: Die Monotonie des Musters, stakkatoartig, austauschbar übersetzt. Die subtile Aggression. Ein Kommen und Gehen an Facetten in ewig gleichem Gewand. Und auf die Verallgemeinerungen und sorgsam versteckten Vorwürfe ("Sie wäre immer so rasch"), gab es dann direkt die Rechtfertigungen und die Offenlegung des sehr wohl erkannten Vorwurfs: "Aber dabei gründlich". So haben sich beide fortwährend verpasst – und das im sich wiederholenden Motiv der Subtilität. Denn: Auch im Konjunktiv bleiben Vorwürfe Vorwürfe. Man hätte ihnen gewünscht, dass sie über ihre Wünsche gesprochen hätten.

Wünsche als Vorwürfe

Er: Im zweiten Auftritt des Paares gab es ja diesen Moment, in dem sie von einem Wunsch sprach. Aber auch das war zum Scheitern verurteilt, weil es auch nur die nächste Spielart eines Vorwurfes war. Sie sagte, dass er sein Leben "ganz anders leben müsse", und "Sie wünsche ihm Veränderung". Dem/der Partner*in in dieser Form etwas zu wünschen, ist zum einen die nächste Vorwurfsstufe und zum anderen oft die Legitimation der eigenen Nicht-Veränderung.

Sie: Die globale Atombombe: Alles ganz anders machen. Doch wenn es so wäre, wären die beiden wahrscheinlich nicht zusammen. Ich hatte herausgehört, dass sie seit 25 Jahren so zusammen leben. Und sie haben ja auch betont, dass sie beide noch nicht einen Abend alleine verbracht hatten. Das sich in sich stabilisierende Muster, zu dem auch der wiederholt formulierte Wunsch nach Ausbruch aus demselbigen gehört. Eine perfekte Choreografie der in sich kohärenten Stabilisierung.

Er: Sie hat die Situation der beiden immer "Das Schreckliche" genannt. Und es war wirklich kein Zuckerschlecken, denen zuzugucken. Vor allem als er von sich sagte: "Er könne ja auch nicht anders. Da müsse man eben so weiter machen."

Sie: Ich mag ja Arnold Retzers Idee von der "resignativen Reife", und dass man nicht im Rausch des Machbarkeitsdenkens der Idee von vollständiger Transformation der Persönlichkeit hinterherjagt. Aber Du hast Recht, das ist nicht leicht, wenn man Menschen dabei beobachten muss, dass sie in ihrer Veränderungsambivalenz gleich alle Möglichkeiten von sich weisen.

"Kann er nicht oder will er nicht?"

Er: David Schnarch nennt das "ehelichen Sadismus". Daran dachte ich, als sie das Lied sang, dass sie gerne einmal nach Brasilien reisen würde. Und dann gesagt wurde, dass er ihr in Momenten, in denen sie ihr Leben in die Hand nimmt und mit Freundinnen Pläne schmiedet, etwas verspricht, was er dann wiederholt nicht erfüllt. Kann er nicht oder will er nicht? Sie hat das ja auch auf die "Eierspitze" getrieben, indem sie immer wieder wiederholt hat: "Entschuldige bitte! Ich kann nicht über das Gras hinaussehen. Ich kann nicht über den Busch hinaussehen. Ich kann nicht über den Baum hinaussehen." Und so weiter, bis sie schließlich bei der Sonne ankam.

Sie: Ich hatte überlegt, ob das gerade auf die eben angesprochene resignative Reife anspielt. Auch mal den Ist-Zustand anerkennen und nicht einen zu hohen Soll-Wert erreichen zu wollen.

Er: Wie schön ambivalent Jandl bei der Beschreibung des Paares geblieben ist. Ich glaube, viele im Publikum konnten zwischenzeitlich auch gut verstehen, was die beiden auch aneinander toll fanden und immer noch finden. Und heute Abend wurden ja auch noch viele andere Themen verhandelt. Mit einem tollen Bühnenbild, das sich ja doch noch ziemlich oft verändert hat, nebenbei.

Sie: Hat Dir der Schlagzeuger eigentlich gefallen?

Er: Das ganze Sound-Design fand ich toll.

Sie: Nur als sie geschrien hat: "Kann ich mal einen Moment Ruhe haben?", war es für einen kurzen Moment auf der Bühne still. Doch dann setzte im Publikum ein befreites und lautes Lachen ein. Es wird in vielen Paarbeziehungen nämlich nicht nur innerhalb laut, die vielen Anforderungen, die oft vielen Kinder, alles zuviel. Und dann auch noch der/die Partner*in, die einen nicht versteht.

Er: Schade, dass wir dann doch schnell wieder nach Hause mussten. Übrigens: Als wir mit dem Fahrrad vom Theater nach Hause fuhren, kamen wir an einer Parkbank vorbei, auf der ein Mann – ich nehme an, mit an seiner Freundin – telefonierte. "… Dieses Thema, Verlässlichkeit, weißt Du?…", sagte er. Die Auseinandersetzungen und Frustrationen gehen weiter. Das Stück wurde gestern Abend noch vielerorts in der Stadt weiter aufgeführt.

 

annettscheffel 735 72dpi Credit Thomas NeukumDiplom-Kommunikationswirtin Katharina Middendorf und Diplom-Kaufmann Ralf Sturm betreiben gemeinsam in Berlin eine Praxis für Paartherapie und Sexualtherapie.

www.middendorf-sturm.de

 

In der Reihe Das Theatertreffen 2022 von außen betrachtet hat nachtkritik.de theaterferne Expert:innen gebeten, die Berliner Festivalgastspiele zu begutachten. Aus frei gewähltem Blickwinkel, ohne formale oder inhaltliche Vorgaben. Zu fast allen Einladungen finden sich auch Nachtkritiken, die bereits zur Premiere der Produktionen entstanden. 

Die Nachtkritik zur Premiere von humanistää! am Volkstheater Wien gibt es hier.

Zur Festivalübersicht des Berliner Theatertreffens 2022 geht es hier entlang.

Kommentare

Kommentare  
#1 humanistää!, Theatertreffen: Fachfremde KritikenTheatermensch 2022-05-13 12:49
Ich lese jetzt hier die xte Kritik, die von fachfremden Autor*Innen geschrieben wurde (beim TT) und kann einfach nicht erkennen, was das inhaltlich bringen soll. Zumindest in all diesen Fällen. Kann es sein, dass die Angst vor Bedeutungsverlust Bedeutungsverlust gebiert?
#2 humanistää!, Theatertreffen: Andere Perspektive bereichertUlrich Seidler 2022-05-13 16:33
Fehlt bloß noch, dass fachfremde Zuschauer ins Theater kommen, lieber Theatermensch!? Ich finde den Blick aus einer anderen Perspektive sehr bereichernd. Besonders in diesem Fall, mit einem anderen Vokabular und einem anderen interpretativen Ansatz. Vielen Dank an die beiden! Die professionelle Theaterkritik ist natürlich dennoch unverzichtbar!
#3 Humanistää!, TT-Berlin: Satire?Wolfgang Herboldt 2022-05-14 15:30
Das ist leider ein nichtssagender Beitrag. Soll das Satire sein? Was ist bei Nachtkritik los?
#4 Humanistää!, Theatertreffen: Erkenntnisinteresse und AnschauungslustHanns Zischler 2022-05-19 18:36
Wie belebend, wenn Therapeuten (beiderlei Geschlechts) ein Stück auf sich einwirken lassen und anschließend darüber nachdenken, wie das Bühnengeschehen ihrer eigenen Praxiserfahrung zum Verwechseln ähnelt - und gleichzeitig etwas ganz anderes ist. Erkenntnisinteresse mit Anschauungslust verschwistert; das gefällt mir. Was wollen wir mehr vom Theater ?!

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