Abgekartetes Schmierenschattenspiel

14. Mai 2022. Der belarussische Autor Viktor Martinowitsch erzählt in seinem Roman "Revolution" eine männerbündische Verschwörergeschichte aus dem Moskau der 2010er Jahre. In Dušan David Pařízeks Uraufführung wird daraus dichtes Erzähltheater über die Frage, wie bequem es ist, in Machtapparaten die eigene Verantwortung abzugeben.

Von Stefan Forth

14. Mai 2022. Macht ist eine blutige Angelegenheit. Wer sich von ihr verführen lässt, kann schnell mal einen völlig besudelten Anzug davontragen. In Dušan David Pařízeks Romanadaption "Revolution" am Deutschen Schauspielhaus Hamburg ist die Hauptfigur Michail German dann auch tatsächlich innerhalb kürzester Zeit von oben bis unten eingesaut. Der adrette, aber langweilige Architekturdozent lässt sich mit einem Geheimbund ein – und landet in einem Pulp Fiction-Paralleluniversum voller Leichen, Sex und Schnellfeuerwaffen.

Die männerbündische Verschwörergeschichte des belarussischen Autors und Politikwissenschaftlers Viktor Martinowitsch spielt im Moskau der 2010er Jahre. Saufen, Kaufen und Schlafen füllen die Leere des Alltags. Politik ist nur eine mehr oder weniger gelungene Inszenierung, während die eigentlichen Entscheidungen im Hintergrund per SMS getroffen werden – von lose miteinander Verbündeten, die einander jeden Wunsch erfüllen, ohne im Einzelnen nach dem Sinn zu fragen. Was Nietzsche, Kant oder Foucault über Macht zu sagen hatten, taugt in dieser Welt höchstens noch zum beiläufigen Smalltalk. Unterwerfung ist alles.

Josefine Israel, Yorck Dippe, Peter Fasching, Ernst Stötzner, Daniel Hoevels, Markus John, Paul Herwig ©Maris Eufinger, Fotograf_inPolitik ist nur eine mehr oder weniger gelungene Inszenierung: Ein ohnehin starkes Ensemble gibt an diesem Abend alles © Maris Eufinger

Denker werden zur Staffage, Menschen zu Schatten ihrer selbst, wenn Regisseur Pařízek die beiden Overhead-Projektoren links und rechts der Bühne anwerfen lässt. Ein wunderbar verspielter Retro-Trick. Gleißendes, kaltes Licht fällt auf marmorierte, weiße Mauer- und Deckenflächen, die den Raum zuerst ganz schmal erscheinen lassen und sich später so weit aufklappen und verschieben lassen, bis irgendwann hinten die schwarzen Brandmauern des Theaters sichtbar werden. Ein Abgrund folgt auf den nächsten. Pařízek hat sich diese Bühne selbst gebaut – und er nutzt sie, um mit großer Leichtigkeit und in schnellem Tempo Szenen zu entwerfen, die die Figuren quer durch den Moloch Moskau jagen.

Zwischen Comic-Strip, Ego Shooter und Tarantino-Trash

Rasant wechselnde Projektorfolien mit den Bildern von sowjetischen Mietskasernen bilden den Hintergrund für eine der diversen Autofahrten durch die Stadt. Ein Gerichtssaal erscheint als abgekartetes Schmierenschattenspiel, an dessen Ende ein Oligarch zu Unrecht verurteilt wird. Halleffekte machen aus dem Hinterzimmer eines Restaurants einen bedrohlichen Ort des Untergrunds. Ein zauberhaft magisches Spiel mit dem Teufel irgendwo zwischen Comic-Strip, Ego Shooter und Quentin Tarantino-Trash.

Kamila Polívkovás Kostüme passen da perfekt ins Bild: Die Männer fürs Grobe in dem tonangebenden Geheimbund des Abends hat sie mit ausladenden Polstern an Schultern, Brust und Oberarmen in ihren schwarzen Anzügen ausgestattet, dazu mit fusseligen Nikolausbärten an elastischen Gummibändern, die wahlweise auch als Sturmfrisur oder Irokesenkamm über der Glatze getragen werden können. In dieser Inszenierung kann das blanke Grauen schon auch ziemlich viel Spaß machen. Der ironische Unterton der Romanvorlage spitzt sich hier zu – während die lakonische Melancholie des Textes eher im zweiten Teil des Abends durchscheint.

Der Pate in Luxus-Joggingklamotten

Und im extrem nuancenreichen Spiel des Hauptdarstellers. Bei Daniel Hoevels gibt es in jedem Moment der Inszenierung viel zu gucken und zu staunen. Ein toller, gelungener Kraftakt mit vollem Körpereinsatz. Allein, was der Mann mit seinen Händen macht! Mal krampfen sich die Finger angst- oder schamvoll zusammen, dann holt er wieder zu großsprecherisch selbstverliebten Gesten aus – und später zuckt einfach nur angewidert ein Gelenk, wenn er die Bettpfanne des alten, senilen Bündnischefs Noide ausleeren soll.

Josefine Israel, Daniel Hoevels ©Maris Eufinger, Fotograf_inObwohl Michail (Daniel Hoevels) bevorzugt von sich selbst spricht, gelingen der Inszenierung interessante Frauenfiguren, hier in Gestalt von Josefine Israel © Maris Eufinger

Ernst Stötzner holt aus diesem aufgeblasenen Tattergreis eine große Nummer nach der nächsten raus, ein genau austariertes Gleichgewicht zwischen einem dämonischen Paten in Luxus-Joggingklamotten und einer altersschwachen Slapstickfigur von vorgestern, einem Übriggebliebenen aus Vor-Perestroika-Zeiten. Ein starkes Ensemble gibt an diesem Abend alles. Das zeigt sich nicht zuletzt bei den (wenigen) Frauenfiguren. Im Roman bleiben sie oft schemenhaft, auch weil der eingeschränkt verlässliche Ich-Erzähler Michail bevorzugt von sich selbst spricht. Umso beeindruckender, wie Sandra Gerling die Freundin dieses Typen mit Wucht und Verve auf der Bühne zum Leben erweckt.

Wer hinterfragt schon die Chefin?

Live-Musik machen die meisten Ensemblemitglieder auch noch, arrangiert von ihrem Schauspielkollegen Peter Fasching, der die Instrumente ähnlich schnell wechselt wie die Rollen. Er sorgt für den atmosphärischen Sound der Inszenierung irgendwo zwischen Elektroclub, Eurovisionpop, russischem Chanson und Opernparodie.

So entsteht ein über weite Strecken dichtes Erzähltheater. Regisseur Pařízek hat erkennbar noch bis zuletzt daran gefeilt. Er bietet dem Stoff und dessen manchmal etwas thesenhaftem Blick auf die Welt eine große Bühne. Mit Andeutungen auf den aktuellen Krieg gegen die Ukraine geht das Inszenierungsteam eher sparsam um. Querverbindungen liegen ohnehin auf der Hand. Viel konkreter steht dagegen die Frage im Raum, wie bequem es eigentlich ist, in Machtapparaten die Verantwortung für das eigene Handeln abzugeben – und dafür auch noch mit einem angenehmen Leben und Karriere belohnt zu werden. Wer hinterfragt schon alles, was die Chefin von einem verlangt? Da liegen Moskau und Hamburg plötzlich doch wieder sehr nah beieinander. An einem extrem menschlichen Theaterabend.

Revolution
von Viktor Martinowitsch
Regie und Bühne: Dušan David Pařízek, Kostüme: Kamila Polívková, Licht: Rebekka Dahnke, Musik: Peter Fasching, Dramaturgie: Ralf Fiedler.
Mit: Yorck Dippe, Peter Fischer, Sandra Gerling, Paul Herwig, Daniel Hoevels, Josefine Israel, Markus John, Eva Maria Nikolaus, Ernst Stötzner.
Dauer: 3 Stunden 15 Minuten, eine Pause

www.schauspielhaus.de

 

Kritikenrundschau

Im NDR (14.5.2022) jubelt Katja Weise über dieses Stück, das "in erster Linie ein Diskursabend" ist, "sehr klug in Szene gesetzt, aber pur, fast streng". Weiter berichtet sie: "Das Ensemble begeistert. Daniel Hoevels wirft sich geradezu hinein in Michail. Er trägt den dreistündigen Abend mit einer unglaublichen Energie. Dass Dušan David Pařizek auf aktuelle Anspielungen verzichtet, das Publikum selbst denken lässt, ist ein weiterer Pluspunkt. Alles fügt sich gut bei dieser 'Revolution'."

"Das Schauspielhaus hat mit 'Revolution' das Stück der Stunde auf den Spielplan gesetzt", schreibt Stefan Grund von der Welt (14.5.2022) und schenkt viel Lob für die Schauspieler:innen aus: "Hochkonzentriert bahnt das Ensemble sich den Weg in die Dunkelheit"; "John, Herwig und Dippe machen ihre Sache einfach großartig. Als Klischeefiguren der Lächerlichkeit preisgegeben, bleiben sie doch jederzeit gefährlich und unheimlich", schreibt Grund. Und Daniel Hoevels in der Hauptrolle "erweist sich als großer Gewinn für das Schauspielhaus".

Auf Deutschlandfunk Kultur (13.5.2022) beschreibt Katrin Ullmann, dass Viktor Martinowitsch die epische Form des Romans komplett auflöse und die Figuren in Ich-Form erzählen lasse – was für die Rezensentin gut funktioniert. Auf diese Weise entstehen laut Ullmann Dialogsituationen und Interaktionen auf der Bühne. "Ein langer, aber guter Theaterabend" sei diese Inszenierung. Sie lebe von ihrem Hauptdarsteller Daniel Hoevels und auch von der "lapidaren, amüsanten und sehr bildreichen Erzählweise". Humvorvoll sei all das und ironisch erzählt. Dadurch werde es ein Abend, der "unterhaltsam und böse zugleich" sei.

Viktor Martinowitschs Roman sei eine düstere Abhandlung über die Korrelation von Angst und Macht, ein hintergründiger, vielschichtiger, anspielungsreicher Thriller über die Lust an der Unterwerfung, aus der sie die Illusion von Freiheit ergebe, schreibt Maike Schiller im Hamburger Abendblatt (16.5.2022). Bedauerlich sei, dass die Romanadaption auf der Bühne derart verkalauert werde. "Bei Pařízek schnurrt 'Revolution' zum Witz zusammen. Der zündet durchaus, es wird viel gelacht, die Nummernrevue ist in sich stimmig, und das gut aufgelegte Ensemble macht seine Sache einwandfrei." Der Stoff aber verliere durch diese Dauer-Leichtigkeit sein existenzielles Unbehagen.

Durchschaubar und vorhersehbar sei die Aufführung, so Michael Laages vom Deutschlandfunk (14.5.2022). Pařízek möbele seine Inszenierung zur Klamotte auf. "Gefährlich oder sogar dämonisch ist hier gar nichts, nur die Musik hat zuweilen das Zeug zum Rettungsanker." Diese 'Revolution' dürfte im Theater schnell vergessen sein, schließt der Kritiker.

"In Ham­burg muss in kur­zer Zeit ganz viel Ro­man­ge­sche­hen er­zählt und teil­wei­se pan­to­mi­misch ab­ge­kürzt wer­den – was zu ei­ner grund­sätz­li­chen Zap­pe­lig­keit und Auf­ge­kratzt­heit führt. Es ist ein Abend im Schnell­vor­lauf. Aber das Tem­po, das so ent­steht, wird der Sa­che ge­recht", schreibt Peter Kümmel von der Zeit (19.5.2022). "Es ist ein we­nig so, als soll­te die schwef­li­ge Un­heim­lich­keit des Ro­mans durch Über­mut ge­lin­dert und viel­leicht ver­trie­ben wer­den. Was auch et­was Er­leich­tern­des hat."

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