Der Wankelmut am Marterpfahl

von Simone Kaempf

Berlin, 30. November 2008. Das Teuflische an dieser freundschaftlichen Beratung ist vielleicht nur eine Einbildung, aber Carlos spricht vernehmlich mephistophelisch: "Warum sollten unsere Leidenschaften bleiben? Verändert sich nicht alles in der Welt?" Carlos rät seinem Freund Clavigo, mit der Heirat zu warten, bis dieser ein erfolgreicher Künstler und gemachter Mann ist.

Clavigo also wird Marie erneut sitzen lassen. Von der Rückkehr aus Reue wieder einen Rückzieher machen. Nicht aus Überzeugung, sondern durch Überredung. Denn er ist in Roger Vontobels Inszenierung kein maskulin Entschlossener, und auch Marie taugt nicht als duldsam Verlassene. Jenseits der althergebrachten Geschlechterrollen sind ihnen beiden alle möglichen Gefühle denkbar, und dieses Denken schafft eine dichte Stimmung, in der schnelle Kehrtwendungen, von der Heirat zum Treubruch, vom Überlebenstrotz zum Selbstmord, glaubhaft möglich sind.

Diese Marie braucht keinen Bruder!

Atmosphärisch aufgeladen beginnt dieser "Clavigo" am Maxim Gorki Theater. Spannend wie ein Krimi, den Gefühlen auf der Spur, die auch zum Mord, zum Selbstmord, führen werden. Auf die Bühne dringt von hinten Straßen- und Autolärm durch. Die Panorama-Milchglasscheibe entpuppt sich als Gaze-Vorhang, hinter dem Maries und Clavigos Doppelgänger mit kulleräugigen Pappmachéköpfen in Flamenco-Posen tanzen oder stumm in die Ferne starren. Wirksamer aber als diese Rollendoppelung ist die Vereinnahmung des Bruders, der die verlorene Ehre der Schwester verteidigt und auf das Eheversprechen pocht.

Hilke Altefrohne als Marie wird diesen Bruder quasi los, indem sie seinen Part übernimmt. Ihre Marie ist kein Mauerblümchen, sondern eine Frau, die entschlossen für sich selbst sprechen kann und notfalls zupackend Hand anlegt. Mit einer Rolle Paketklebeband schnürt sie den Geliebten auf eine Stuhlbank und hievt ihn wie am Marterpfahl in die Senkrechte. Nicht, um ihn zu einem Gefangenen der Liebe zu machen, wie er zappelnd herausschreit – er soll ihr im Grunde nur einmal in Ruhe zuhören.

Ein Mann ohne Eigenschaften

Vontobels spielerische und doch sehr konzentrierte Inszenierung erlaubt den Figuren, ihre Sehnsüchte darzustellen; in den Sehnsüchten verstecken sich die Missverständnisse, und die leisten dem vorprogrammierten Lauf dieser Geschichte Vorschub. Wobei weniger das Künstlerdrama oder die Unvereinbarkeit von privatem und beruflichem Glück im Vordergrund stehen, als die Liebesgeschichte zweier wankelmütiger, wissensgesättigter moderner Menschen, die zum Beginn der Liebe bereits ihr Ende vorwegnehmen, im Glück des anderen auch das eigene Unglück vermuten und sich leichtfertig den Verführungen hingeben.

Ein Scheinwerferkegel oder eingespielter Publikumsapplaus reichen, und Clavigo spricht vom Ruhm. Vom "ja, sie ist’s" braucht es nur einen kleinen Schritt, bis der Zweifel den Liebestaumel halbiert. Paul Herwig gibt Clavigo als modernen Mann ohne Eigenschaften, von der Statur scheinbar ein Fels in der Brandung. Doch glaubt man ihm seine Unentschlossenheit ganz und gar, das langsame Gleiten von einem Zustand in den anderen. Und sacht pendelnd wie eine Waage verschiebt Roger Vontobel die unterschiedlichen Zustände, die ja eigentlich Brüche und Kanten sind. Wenn die Dialoge verstummen, setzt auf der Bühne ein Denken ein, das die Liebeszustände unerbittlich weitertreibt. Anfangs hilft Vontobel suggestiv nach, um diese Gedanken freizulegen, spielt sie über Lautsprecher ein, einmal angeschoben funktioniert das auch ohne diese.

Die glücklose Vereinigung der Hüllen

Im Ausgangsbild, bevor es losgeht, liegen das weiße Brautkleid und der dunkle Hochzeitsanzug über Stühlen. Wenn das Paar reumütig zueinander findet, dann schlüpfen die Schauspieler in die Kleidung und kosen mit den Pappmaché-Köpfen, denen die Körper abhanden gekommen sind – eine Vereinigung von Hüllen, die natürlich auch kein glückliches Ende nehmen kann.

In der Hochzeitskleidung werden beide in einer Video-Einspielung mit Äxten auf die Tische und Stühle einschlagen, Symbolbilder für den Kampf der Geschlechter, den der Abend zum Glück nur streift. Im Eheschlachtendrama ist Clavigos bange Frage nicht zu lösen, ob er Marie mehr schuldig ist als sich selbst; ob es eine Pflicht ist, wie er sagt, sich unglücklich zu machen, weil ihn ein Mädchen liebt. In der Auslotung des Zauderns und Gefühlsschwindels aber wird das Stück bei Vontobel sogar wieder richtig interessant.

 

Clavigo
von Johann Wolfgang Goethe
Regie: Roger Vontobel, Bühne: Claudia Rohner, Kostüme: Dagmar Fabisch, Video/Musik: Immanuel Heidrich.
Mit: Hilke Altefrohne, Katja Sieder, Paul Herwig, Gunnar Teuber.

www.gorki.de


Kritikenrundschau

Für Christine Wahl (Tagesspiegel, 2.12.) sieht dieses Clavigo-Setting in allen Hinsichten weniger nach Madrid damals als nach Berlin-Mitte heute aus. Wobei sie mit der Aktualisierung nicht wirklich glücklich wird. Zu stark entwickle Vontobel das Drama aus dem "Inner Circle" heraus: Die Rolle von Maries rächendem Bruder Beaumarchais habe diese selbst mit übernommen, und Marie, Clavigo und die jeweiligen Freunde Sophie und Carlos, deren "Persönlichkeitsgrenzen quasi fließend sind", zeigen Liebe bloß als Projektion oder als inneren Dialog zwischen Über-Ich und Ich "getreu dem abgenudelten Goethe-Motto 'Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust' oder dem genauso abgenudelten Rimbaud-Bekenntnis 'Ich ist ein anderer'." Zudem sei Paul Herwig in der Rolle des Clavigo das Motto "Mann in der Krise" derart dick auf die Stirn geschrieben (...), dass sein mehrfach geäußerter Grundkonflikt – soll der Mensch sich lieber selbst unglücklich machen, als einen anderen ins Unglück zu stürzen – im Grunde bloße Behauptung bleibt".

Ulrich Seidler
in der Berliner Zeitung (2.12.) hingegen gefiel nun gerade die Verlegung nach innen. In der Verschmelzung von Marie und Beaumarchais habe Vontobel neben Clavigo eine "zweite Identifikationsfigur" geschaffen: die nicht nur ohnmächtig liebende, sondern auch auf das äußerliche Ansehen bedachte Frau. Dieser "Kampf" sei in der Inszenierung und "vor allem in dem knallwachen Spiel von Hilke Altefrohne auf das Selbstverständlichste sichtbar". Auch in der teilweisen Parallelisierung von Sophie und Carlos hätte Vontobel mitten in unsere Zeit gegriffen und dabei bloß zutage gefördert, was dem Stück, mit dem sich Goethe selbst nur acht Tage beschäftigt hätte, durchaus innewohne. "Ein Theaterabend, der intellektuell beladen ist, aber dennoch über krimihafte Spannung verfügt. Lauter Widersprüche, die man für unauflösbar halten würde. Das macht doch auch Hoffnung für das Dilemma der Liebe."

 

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