Mission für eine Frau

4. Juni 2022. In Heinrich von Kleists Dramen steckt viel Rechtfertigung von Gewalt. Der Autor Necati Öziri sucht in "Gott. Vater. Einzeltäter" deswegen nach alternativen Handlungsmöglichkeiten für Michael Kohlhaas oder Achilles. Sapir Heller hat die "Operation Kleist", so der Untertitel, inszeniert.

Von Steffen Becker

Mannheim, 3. Juni 2022. Mädels, wo ist eure Lust am Blut? Juckt es euch echt gar nicht in den Fingern? "Warum nimmt nie mal eine Frau eine Uzi in die Hand, lädt ordentlich durch und geht dann in ein Striplokal, ins Autohaus, in eine Spielothek, ins Heimatministerium oder einfach in die Kabine einer Zweit-Liga-Fußball-Mannschaft, um dann dort, einfach mal so, alle über den Haufen zu schießen?" Frauen: Denkt mal drüber nach! Ruhm und Literaturehre ist euch gewiss, siehe Heinrich von Kleist. An dessen Figuren arbeitet sich der Abend "Gott Vater Einzeltäter" im Nationaltheater Mannheim ab. Autor Necati Öziri und Regisseurin Sapir Heller suchen in ihrer Operation Kleist, so der Untertitel, nach den Wurzeln der Gewalt.

Angelehnt an die Erzählung "Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik" forscht eine Mutter (Ragna Pitoll) nach ihren drei Söhnen. Sie hatten einen Anschlag auf eine Kirche geplant. Auch sie sind Figuren aus dem Kleist-Universum. Gustav, der nach "Die Verlobung in St. Domingo" die geliebte Mulattin tötet. "Michael Kohlhaas", der Gerechtigkeitsfanatiker. Achilles, der in "Penthesilea" die Titelheldin nicht haben kann.

Kleists emotionale Rechtfertigung

Gemein ist ihnen allen: Sie sind gekränkt und sie rächen sich. Und werden dafür nicht unbedingt verurteilt, zumindest nicht von Kleist. In seinen Stücken stecke sehr viel emotionale Rechtfertigung von Gewalt sagt Autor Öziri in einem Interview. Man könne das Gefühl der Täter nachvollziehen, dass Gewalt der einzige Ausweg sei. "Gott. Vater. Einzeltäter" untersucht dagegen alternative Handlungsmöglichkeiten. Abweichend vom Original (da wird er zerfetzt) möchte Achilles in Mannheim einfach nur der liebe und verliebte Typ sein. Im Gegensatz zum Helden wird diese Variante nur halt nicht gebraucht. Achilles zieht dann doch wieder in die Schlacht.

Gott Vater Einzeltaeter 1 ChristianKleiner uWelche Alternativen gibt es zur Gewalt? László Branko Breiding, Annemarie Brüntjen, Vassilissa Reznikoff, Eddie Irle in "Gott Vater Einzeltäter © Christian Kleiner 

Die Inszenierung ist auf eine verquere Art von Gewalt so fasziniert wie Autor Öziri es Kleist unterstellt. Die Geschichte von Michael Kohlhaas wird unterlegt mit treibenden Beats. Es gibt sexy peitschenschwingende Domina-Szenen. An anderer Stelle geben Licht und Musik der Gewalt einen sakralen Raum (Hintergrund ist ohnehin fast durchgehend die Kirche, auf die ein Anschlag verübt werden sollte). Man bekommt im Publikum dadurch Lust auf mehr (Gewalt). Aber der Ansatz, sie zu verstehen, bleibt recht oberflächlich. Mit Eddie Irle fährt die Inszenierung zwar einen Schauspieler auf, der in Stöckelschuhen und mit Make-Up seine Männer bewusst kerlig, kraftstrotzend und aggressiv gibt. Und man versteht dabei, dass jahrhundert-alte Macho-Konventionen durch einen neuen weichen Zeitgeist der Gleichstellung erst mal nur übertüncht und verkleidet werden.

Gleichstellungs-Zeitgeist gegen Gewalt

Warum allerdings die anderen Kleist-Figuren von Frauen (Annemarie Brüntjen und Vassilissa Reznikoff) gespielt werden, erschließt sich nicht so ohne weiteres. Geschlechterrollen oder Vorstellungen von Männlichkeit werden damit nicht gebrochen. Es bleibt ein Gag, resultierend aus der Regieanweisung: "Jede Aufführung dieses Textes verlangt, dass Menschen, die sich als Frauen identifizieren, mindestens zur Hälfte auf der Bühne stehen (…). Wenn das bald eine Selbstverständlichkeit ist, spielen wir endlich alle, wie wir wollen." Auf der Mannheimer Bühne wirkt es eher bemüht, die Aussage des Stücks bleibt in der Inszenierung diffus.

Gott Vater Einzeltaeter 3 MaximilianBorchardt uIm Kirchen-Bühnenbild von Ursula Gaisböck © Maximilian Borchardt

Klarheit gewinnt sie zurück im finalen Fokus auf die Mutter. Ragna Pitoll findet die Söhne in einer Art Buß-Koma. Aus der besorgten Mutter wird eine dominante Detektivin - sie knackt die Genicke anderer und erforscht die eigenen seelischen Untiefen. Gewalt, das lernt man daraus, wird tief in den Charakter eines Menschen eingeschrieben. Auch wer Gewalt, wie die Mutter, nicht ausübt, ist daran beteiligt. Die Logik der Gewalt lässt sie glauben, dass erlittene Gewalt die Söhne stärker werden lässt. Warum sie als Häuflein betendes Elend geendet sind (in der Logik der Gewalt: gescheitert sind), bleibt dennoch halb im Bühnennebel.

Dafür hat "Gott. Vater. Einzeltäter" eine Utopie anzubieten: Zum Schluss blubbern aus dem geöffneten Kirchturmdach Seifenblasen. Die Schauspieler:innen erzählen das Bild von Männern, die nackt und in Trauben am Kirchengerüst hängen und ohne Druck und Erwartungen glücklich sind. Dazu regnen Briefe von der Decke, die das Publikum im Pandemie-Spinoff "Cecils Briefwechsel" an das Theater geschrieben hat. Das ist wahrscheinlich das schönste und versöhnlichste Bild des Abends: Sich von der Gewalt zu befreien mag nahezu unmöglich sein, aber allein der Gedanke inspiriert die Menschen.

Gott Vater Einzeltäter. Operation Kleist
von Necati Öziri
Regie: Sapir Heller, Bühne und Kostüme: Ursula Gaisböck, Musik: Juri Kannheiser, Licht: Nicole Berry, Dramaturgie: Lena Wontorra. Mit: László Branko Breiding, Annemarie Brüntjen, Eddie Irle, Ragna Pitoll, Vassilissa Reznikoff.
Premiere am 3. Juni 2022
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause 

https://www.nationaltheater-mannheim.de

 

Kritikenrundschau

"Verluste, Gewalterfahrungen, männliche Sichtweisen und die Komplexität einer Familiengeschichte bringt Öziri in seinen Stücken ein. Dass Heinrich von Kleist ein 'Großmeister im Weglassen, im Manipulieren, im Lücken lassen' sei, habe er 'als Einladung verstanden, diese zu füllen'", schreibt Ralf-Carl Langhals im Mannheimer Morgen (7.6.2022). "Die Bühnenaktionen, etwa das Galoppieren mit übergezogene Hottehü-Pferdchen, angedeutetes Sado-Maso-Auspeitschen, das Singen von verschiedenen Popsongs, Rap-Battles oder Chorgesang sowie zahlreiche Tanzeinlagen sorgen in den Reihen sechs und vier für Lachen und Szenenapplaus." Alle Figuren bei Kleist seien gewalttätige Männer. "Öziri fragt sich, wo sie hätten abbiegen können, damit die Geschichte anders ausgegangen wäre." Im Schauspielhaus münde sie in einem Bericht über ein Friedenfest Volksmusik und sich umarmender Nackedeis, über die es Seifenblasen und Briefe regne.

"Gott Vater Einzeltäter" überzeuge mit einer Leichtigkeit und Spielfreude, die man bei diesem Thema zunächst nicht erwartet", so Jesper Klein in der Rhein-Neckar-Zeitung (7.6.2022). "Da erklingen fetzige Disco-Beats, die Nummer Penthesilea aus der Achilles-Episode wird gar zum poppigen Hit. Dazu wird in Pferdekostümen wiehernd losgaloppiert." Das Ensemble sei frech, bunt, witzig und alles ein bisschen chaotisch. "Am Ende blubbern die Seifenblasen aus der Pferdkirche und der Anschlag wurde mittels Kraft der Kunst doch noch irgendwie vereitelt. Wie auch immer. Statt alldem nachzugrübeln, freut man sich besser über recht unterhaltsam verbrachte 90 Minuten."

Seien es bei Heinrich von Kleist historisch, gesellschaftlich, psychologisch unterschiedliche Stoffe, "sind sie bei Öziri nur eines: Beleg für eine sich radikalisierende Männlichkeit", so Dietrich Wappler in der Rheinpfalz (7.6.2022). "Damit diese von einem Mann geschriebene Männergeschichte irgendwie in die Zeit passt, hat Öziri noch die Mutter der Attentäter vom Dom der heiligen Cäcilie als heimliche Hauptfigur und weibliche Perspektive dazugeholt." Vielleicht sei das Regisseurin Sapir Heller, alles ein bisschen zu verkopft und eindimensional, "jedenfalls inszeniert sie keinen feministischen Diskurs, sondern eine fröhlich-laute Travestieshow." Fazit: "Der Erkenntnisertrag am Ende doch sehr überschaubar. Aus ungeliebten Jungs werden gerne mal toxische Mannsbilder, verschlossene Querdenker und wortkarge Terroristen. 80 Minuten haben dafür vollkommen genügt."

mehr nachtkritiken

Kommentare

Kommentar schreiben