Schwules Leben in Meuselwitz

4. Juni 2022. Am 21. Juli dieses Jahres läuft der Entschädigungsanspruch für Verurteilte nach § 175 StGB aus, dem sogenannten Schwulenparagraphen, an dessen bittere Geschichte am Theater Altenburg Gera erinnert wird. Manuel Kressins "Liebe macht frei" beginnt im Berlin der Zwanzigerjahre, schlägt den Bogen bis in die Gegenwart.

Von Michael Bartsch

Gera, 3. Juni 2022. Es beginnt fröhlich mit Tingeltangel im fiktiven Berliner Schwulenvarieté "Lila Ratte", und es endet auf der Bühne grausam in einem Umerziehungslager für Homosexuelle etwa 1935. Der filmische Abspann der nach authentischen Fällen erzählten Geschichte zeigt dann allerdings noch, wie nachlässig mit NS-Tätern nach 1945 umgegangen wurde. Die peinliche Geschichte des Strafrechtsparagraphen 175 gegen "widernatürliche Unzucht" endete noch nicht einmal mit dessen später formaler Abschaffung 1994. Erst 2002 hob der Bundestag während der NS-Zeit ergangene Urteile auf. Und am 21. Juli dieses Jahres läuft der Entschädigungsanspruch für Verurteilte nach § 175 StGB aus, nachzulesen im vorbildlich gestalteten Programmheft.

Eben diesem Heft kann man auch entnehmen, dass dieses Datum nicht der einzige Grund für Autor, Regisseur und Schauspieldirektor Manuel Kressin war, das lang geplante Projekt endlich auf die ostthüringischen Bühnen Gera-Altenburg zu bringen. Eine begleitende Ausstellung über schwules Leben in der Weimarer Republik berichtet unter anderem von einem KZ-Überlebenden namens Rudolf Brazda aus dem benachbarten Meuselwitz, dessen Erfahrungen in das Stück einflossen.

Erfahrungen bis heute

Kressin bezieht sich aktuell auf Erfahrungen jenseits deutscher Großstädte, aber auch aus Ländern wie Polen und Rumänien, wonach manche Bürger Schwule eher in einem Lager als beispielsweise in den Medien sehen möchten. In Altenburg, im unmittelbaren Einzugsbereich der Bühne, habe die Absicht, 2021 erstmals einen Christopher Street Day abzuhalten, zu einem wahren Shitstorm gegenüber dem Organisationsteam geführt. Der Schoß ist fruchtbar noch. "Ich halte es also für wichtig, diese Geschichte jetzt zu erzählen", schreibt Kressin.

Liebe macht frei 2 RonnyRistok uUmerziehungslager, Folter, Erschießungen: "Liebe macht frei" am Theater Altenburg-Gera © Ronny Ristok

Das tut er in einer bemerkenswert geradlinigen, direkten und unaffektierten Weise, die in Zeiten des hochassoziativen, auf zuckendes Geflimmer anstelle einer stringenten Dramaturgie setzenden Theaters schon fast als Anachronismus gelten muss. Auf klassische Weise werden die Figuren eingeführt. Die Dramatik ergibt sich aus der Machtergreifung Hitlers und der NSDAP im Januar 1933.

Freiheiten der Schwulenszene

Zwei Menschengruppen kollidieren im Verlauf. Da ist zuerst das unbeschwerte junge Paar Robert und Heinz, gemeinsame Mieter bei einer toleranten, später selber verfolgten Bibelforscherin namens Linke. Sie gehen so natürlich verliebt miteinander um wie Hetero-Paare. Tuntenhaft erscheint eher Helmut, Inhaber des Clubs und Travestie-Star gemeinsam mit Sängerin Marie. Sie bestreiten den vitalen Showteil zu Beginn, der damaligen freien Berliner Szene treffend nachempfunden. "Wir sind nun einmal anders als die anderen …", die Melodie von Mischa Spoliansky gilt als erste Homosexuellen-Hymne.

Hier sitzen die sechs Musiker des Philharmonischen Orchesters Altenburg-Gera noch gut sichtbar als Salonorchester auf der Bühne, während sie später nur noch aus dem Background zu hören sind. Ihr typischer Charme und Schmelz im Ton weicht später Anklängen an Weillsche Militanz, der Zuspitzung angemessen. Die stilsicheren Kompositionen von Schauspielkapellmeister Olav Kröger hätten schon in der Ankündigung eine eigenständigere Würdigung verdient. Sie bestimmen maßgeblich die Atmosphäre, nicht nur die Solo-Songs.

Liebe macht frei 3 RonnyRistok u"Liebe macht frei" © Ronny Ristok

Parallel dazu erscheint zunächst auf einem Hubpodium die Kaste der künftigen Machthaber. Voran der aufstrebende Mediziner Hans und der spätere Lagerkommandant Bloch, mit Hansens Verlobter Charlotte in ein führertreues Familien-Scheinidyll eingebettet. In diesem ersten Teil haben Text und Inszenierung manchmal Längen und wirken etwas dröge.

Leben wie man glücklich ist

Der zweite Teil packt dann aber durchweg. Die Schwulen-Subkultur wird liquidiert, sie landen im Lager, werden später von der kerndeutschen Familie wie im Zoo beäugt. Denn Hans, der Arzt, betreibt makabre Versuche der Homo-Heilung durch operative Eingriffe, sogar am Gehirn. Clubchef Helmut fällt den Versuchen zum Opfer. Arzt Hans verspürt plötzlich Gewissensbisse, will die Männer "leben lassen, wie sie glücklich sind". Durch Bloch herausgefordert, erschießt er aber doch in einer Entscheidungssituation den jungen Robert. Nicht die einzige Gräueltat an den angeblichen Schädlingen der Volksgesundheit.

Der Text von Manuel Kressin trifft in einfachen, aber berührenden Dialogen das Entsetzen so genau, wie er eingangs mit Witz und Charme das Szenemilieu schildert. Es bedarf keiner Mätzchen, keiner Videos und anderer Gemütsstimulanzien, um Betroffenheit zu erwirken. Der Dienst am Stoff, eine gewisse Eindimensionalität erlaubt es auch keinem der 14 Spieler:innen, sich künstlerisch zu profilieren oder herauszustechen.

Sparsame Mittel, große Wirkung

Zur Bühne von Fred Pommerehn zählen hängende Steine, wie sie sinnlos im Lager geschleppt werden müssen, ebenso wie ein Himmel warmer Lampen. Dauerhafte Kulissenbegleiter sind gemalte bunte Dreiergruppen mit geneigten Köpfen, offenbar Männer aus der Schwulenszene. Weil Kressin auf jegliche Anspielungen Richtung Gegenwart verzichtet und damit die erzählbare Geschichte nicht überfordert, regt sich am Ende doch ein Wunsch nach Fortschreibung. Den befriedigt nur der trockene filmische Abspann mit biografischen Angaben. Die Gegenwart erzählt leider eigene Geschichten zum queeren Thema. Auffallend lange Stille nach dem Abspann, bevor sich zaghafter, dann heftiger Beifall regt.

 

Liebe macht frei
Uraufführung
von Manuel Kressin
Regie: Manuel Kressin, Musik: Olav Kröger, Bühne: Fred Pommerehn, Kostüme: Gabriele Kortmann, Dramaturgie: Dr. Sophie Oldenstein.
Mit: Sebastian Schlicht, Robert Herrmanns, Thomas C. Zinke, Marie-Luis Kießling, Markus Lingstädt, Rebecca Halm, Thorsten Dara, Johannes Emmrich, Ines Buchmann, Bruno Beeke, Mechthild Scrobanita, Manuel Struffolino, Mario Radosin, Karen Kübel und Komparserie sowie Musikern des Philharmonischen Orchesters Altenburg Gera.
Premiere  am 3. Juni 2022 am Theater Altenburg Gera
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.theater-altenburg-gera.de

 

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Kommentare

Kommentare  
#1 Liebe macht frei, Gera: LohnenswertRainer W. 2022-06-13 00:46
Sehr lange habe ich keinen Theaterabend mehr gesehen, in dem das Schauspielensemble und die Regie derart uneitel agieren, weil sie mich eben mitnehmen wollen und mir aufrichtig etwas sagen zu wollen scheinen. Meine Reise nach Gera hat sich aufgrund dieser Kritik hier gelohnt und ich wünsche mir mehr von dieser Art Theater.

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