Nach George Floyd

6. Juni 2022. Am 25. Mai jährte sich die Ermordung von George Floyd zum zweiten Mal. Was ist seitdem in Deutschland passiert? Welche strukturellen Maßnahmen wurden eingeleitet und wie wurde in Gesellschaft und Wissenschaft auf den antirassistischen Weckruf der Bewegung "Black Lives Matter" reagiert, die der Mord auslöste?

Von Natasha A. Kelly

6. Juni 2022. Als die Bewegung Black Lives Matter (BLM) 2020 weltweit gegen Racial Profiling und rassistische Polizeigewalt laut wurde, hatte sie eine klare Forderung, nämlich die Polizei abzuschaffen. Dies sollte in der Form passieren, dass der Institution zunehmend Geld entzogen (engl. Defund the Police) und stattdessen andere soziale Instanzen zum Schutz der Gesellschaft etabliert werden sollen – auch in Deutschland. Offensichtlich wurde die Forderung weder verstanden noch ernst genommen.

Im Gegenteil: mit dem Attentat von Hanau noch im Rückspiegel wurde kurz nach der Ermordung von George Floyd beim Innenministerium (damals noch von Horst Seehofer geleitet) eine Rassismuskommission angesiedelt, die in ihrem 89-Punkt-Plan bewies, dass sie noch nicht verstanden hatte, dass Rassismus strukturell ist und alle gesellschaftlichen Teilbereiche durchzieht, inklusive Polizei.

Vielmehr tat sich ein altbewährtes Gutmenschtum auf, bei dem weiße Menschen in Empathie verfielen, aus der es kein Entkommen zu geben schien. Weiße Empfindlichkeiten wurden in den Mittelpunkt politischer wie medialer Debatten gerückt, auf der Suche nach der für weiße Menschen offenbar unerklärlichen Frage, wie sie mit ihren neugewonnenen Erkenntnissen zum Rassismus denn nun umgehen sollten. Anstatt den Fokus tatsächlich auf das Leben Schwarzer Menschen zu legen, wurden getreu dem Motto "All Lives Matter" wieder jene Leben zentriert, die schon immer im Mittelpunkt standen. Die BLM-Gegenbewegung trat ihren Siegeszug an und drängten Schwarze Menschen wieder in die hinterste Ecke der deutschen Gesellschaft zurück, aus Angst Definitionsmacht an uns abgeben zu müssen.

Trendsetter Rassismus 

Schnell war vergessen, worum es bei BLM primär ging, nämlich um die Umstrukturierung eines Macht- und Herrschaftssystems, das Schwarze Menschen seit jeher unterdrückt. Dass inzwischen zumindest verstanden wurde, was struktureller Rassismus ist, dessen können wir sicher sein. Doch anstatt, wie seit vielen Jahrzehnten von der Schwarzen Community in Deutschland gefordert, Black Studies einzurichten, finanzierte die Bundesregierung lediglich eine Studie zu Rassistischen Realitäten in Deutschland. Diese Neun-Millionen Euro teure Studie, die vom Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) durchgeführt wurde, zeigt immerhin, dass 50 Prozent der 6000 an der Umfrage beteiligten deutschen Bürger*innen inzwischen verstanden haben, dass Rassismus strukturell ist – zumindest "intuitiv", wie es in der Zusammenfassung der Ergebnisse heißt.

Ziel der Studie sei es (laut Selbstdarstellung der Verantwortlichen auf ihrer Homepage), Ursachen, Ausmaß und Folgen von Rassismus in Deutschland zu untersuchen, um damit Entwicklungen und Trends in Bezug auf Rassismus in Deutschland zu erfassen. Die Tatsache, dass Rassismus Alltag ist, auch bei deutschen Behörden, wissen wir aber schon lange und zwar nicht nur aufgrund unserer gelebten Erfahrungen. Dagegen wurde bereits 1919 die erste Petition geschrieben, die – nach dem Schwarzen Zugführer und Aktivisten Martin Dibobe benannt – als Dibobe-Petition in die Geschichte einging. Neben 18 weiteren Schwarzen Menschen, die alle ihren Lebensmittelpunkt in der damaligen Weimarer Republik hatten, forderte Dibobe gleiche Rechte für Schwarze wie für weiße Deutsche sowie die politische Vertretung von Schwarzen Menschen in der damaligen Regierung, das Ende von Prügelstrafen, Zwangsarbeit und mehr.

Warum wir Black Studies brauchen

Mit diesem Wissen im Gepäck, müssen wir uns die Frage stellen, für wen die Studie "Rassistische Realitäten" eigentlich gedacht ist. Um zu verstehen, dass Rassismus gegen Schwarze Menschen noch immer Realität in Deutschland und Europa ist, brauchen wir uns nur die jüngsten rassistischen Vorfälle an der polnisch-ukrainischen Grenze anzusehen. Ob da von einem "Trend" gesprochen werden kann, wage ich zu bezweifeln. Vielmehr handelt es sich um eine koloniale Kontinuität, die aus einer postkolonialen Perspektive sichtbar wird. Auch haben Schwarze Wissenschaftlerinnen bereits zur Wende des letzten Jahrhunderts belegt, dass Rasse (wie Geschlecht) sozial konstruiert und nicht biologisch ist. Trotzdem wirken solche Vorstellungen ungehindert bis in die Gegenwart fort. Aber Schwarzes Wissen und die Forderung nach Black Studies wird noch immer von der weißen Mehrheitsgesellschaft ignoriert und durch Studien dieser Art obsolet gemacht.

Wenn wir der Studie "Rassistische Realitäten" dennoch Glauben schenken wollen, dann lässt sich mit Sicherheit sagen, dass BLM im öffentlichen Diskurs das Wissen um Rassismus vom rechten Rand, wo er lange Zeit ausschließlich vermutet wurde, in die Mitte der Gesellschaft gerückt hat: Dass Rassismus in Deutschland Realität ist, sollen laut Studie 90 Prozent der deutschen Bevölkerung also (endlich) erkannt haben – wo waren eigentlich die anderen 10 Prozent als George Floyd vor laufender Kamera ermordet wurde?

Koloniales Unterbewusstesein

Schauen wir in die deutsche Geschichte zurück, dann wird klar, dass wir 2020 einen Quantensprung gemacht haben. Unvergessen bleibt die Epoche Schwarzer deutscher Geschichte, zumindest für Schwarze Deutsche selbst, in der sie das letzte Mal so viel mediale Aufmerksamkeit auf sich zogen, wenn auch unter anderen Vorzeichen: Nach dem Ersten Weltkrieg stand Deutschland Kopf als auch Schwarze Soldaten, die zum größten Teil aus den französischen Kolonien Afrikas stammten, das Rheinland besetzten. Im Versailler Vertrag war festgehalten worden, dass ihr Aufenthalt mindestens 15 Jahre dauern würde, bis die Deutschen ihre Kriegsschuld abbezahlt hatten.

Genug Zeit, um in Deutschlands nicht nur sesshaft zu werden, sondern hier auch Kinder zu zeugen. So entstand nach dem Kolonialismus die zweite Generation afrodeutscher Kinder, die gemäß der weitverbreiteten Rassenideologie der Zeit als "Rheinlandbastarde" beschimpft wurden. Unter dem Titel Schwarze Schmach wurde ab 1920 eine öffentliche Propagandakampagne gegen sie geführt, was zur Folge hatte, dass diese Kinder von der weißen Mehrheitsgesellschaft verstoßen wurden.

Ziemlich genau 100 Jahre später erlebt das Land unter dem Aufschrei von BLM sein lang ersehntes antirassistisches Erwachen. Nach zwei Jahren müssen wir uns trotzdem die Frage stellen, ob das Land wirklich wach geworden oder nur in einen Halbschlaf-Modus gewechselt ist, wo das koloniale Unterbewusstsein weiter wütet: Wollen die weißen Deutschen ihre weißen Räume im tiefen Innern doch lieber "weißhalten"? Oder warum tun sie sich so schwer, sich Deutschland nicht mehr als weiß, blond und blauäugig vorzustellen?

Ohne Umwege

In den Medien tauchen Schwarze Menschen, sofern sie für europäische Sehgewohnheiten nicht zu Schwarz sind, zwar vermehrt in der Werbung auf. Und wenn wir genau hinsehen, dann sitzen Schwarze Personen auf dem ein oder anderen Chef*innensessel, wie die kürzlich ernannte Geschäftsführerin der UFA Fiction Nataly Kudiabor oder die Intendantin des Dortmunder Schauspiels Julia Wissert belegen. Letztere wird aber in der Dortmunder Presse für ihre neuen Ansätze verschmäht, als ob sich das Publikum Altgewöhntes zurückwünschen würde.

Zu nennen in jedem Fall sind auch die drei Schwarzen Politiker*innen Dr. Karamba Diaby, Armand Zorn und Awet Tesfaiesus, die im vergangenen Jahr alle das Direktmandat für ihre Wahlkreise gewinnen konnten und ohne Umwege in den Bundestag eingezogen sind. Ein Novum für Deutschland! Noch nie zuvor waren so viele Schwarze Politiker*innen im deutschen Bundestag vertreten. Es bleibt abzuwarten, was sie für Schwarze Menschen hierzulande erreichen können.

 

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Kommentare

Kommentare  
#1 Kolumne Kelly: Problem ist AuslastungLuchino Visconti 2022-06-08 23:43
Warum wird in diesem Text "weiß" klein und "Schwarz" groß geschrieben? Und zu Dortmund: Soweit ich das richtig mitbekommen habe, wird die Dortmunder Schauspielintendantin - anders als Kelly schreibt - nicht "in der Dortmunder Presse für ihre neuen Ansätze verschmäht", sondern das Problem Wisserts ist offenbar, dass die Auslastung des Theaters sehr niedrig ist (nämlich knapp über 30%). Und zur Bemerkung "als ob sich das Publikum Altgewöhntes zurückwünschen würde": Das ist tatsächlich eine sehr gute Frage, die diskutiert werden sollte. Jedenfalls wünscht sich das Dortmunder Publikum offenbar nicht das, was derzeit geboten wird.

(Werter Luchino Visconti, zur Schreibweise vgl. zum Beispiel hier: taz.de/Antirassistische-Sprache/!5702930/ MfG, Georg Kasch / Redaktion)

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