Es grüßt die Gegenwart

13. Juni 2022. Sommer heißt auch Theater im Freien. Im Wörlitzer Park bekommt eine Molière-Komödie ein neues Gewand aus modernisierter Sprache und Gegenwartsanspielungen angezogen. Text und Ort ergeben eine kitschige Doppelbödigkeit am Hang einer künstlichen Vulkaninsel.

Von Tobias Prüwer

13. Juni 2022. "Ich bin dein Vater": Lametta behangen und mit Lampenschirm auf dem Haupt verdonnert Kaufmann Jourdain seine Tochter zur Heirat des intergalaktischen Prinzen. Zwischen Vögelzwitschern und Pfauenkrähen fällt die Darth-Vader-Anspielung in der runderneuerten Komödie "Der Bürger als Edelmann". Unterm Schein des Vollmonds endet die Posse auf Standesgesellschaft, Hochmut und Sinnkrise, die Christian v. Treskow fürs Anhaltische Theater Dessau inszenierte. Stilgerecht fürs Sommertheater findet die Aufführung mit Musik und Tanz auf einer antikisierten Naturbühne statt, legt sich ein Schauder über die Idylle.

Doppelbödiger Schauplatz

Schauplatz ist der in der Nähe von Dessau liegende Wörlitzer Park, der unter adliger Herrschaft als Landschaftsgarten angelegt wurde. Die Bühne selbst ist in den Hang einer künstlichen Vulkaninsel hineingebaut. Einen besseren Ort für Molières Komödie auf das Als-Ob, auf eitle Etikette und strotzendes Standesbewusstsein hätte man nicht erfinden können. Denn er ist Kitsch in Reinform. Man kann die Vesuv-Attrappe malerisch finden, aber sie bleibt Kitsch, an dem Adel sich als erhaben ergötzte und heute die Bürgerseele jauchzt. Diese Doppelbödigkeit, diese Verbindung von Text und Ort, lässt die Regie unberührt. Aber sie drängt sich von selbst bei jedem Zwischenapplaus auf. Im Grunde ist gar nichts falsch an der zur Schau gestellten Schau- und Geschaut-werden-Lust. Dafür ist Sommertheater schließlich auch da.

Geld und Geltungssucht

Molière lässt einen Kaufmann auftreten, der unbedingt zum Adel aufsteigen will. In der damaligen Ständegesellschaft fast ein Ding der Unmöglichkeit. Denn diese zeichnet sich gerade durch eine starre Hierarchie aus, in der die Privilegierten nicht um ihre Vorrechte fürchten müssen. Kaufmann Jourdain ist geschäftlich sehr erfolgreich, aber giert nach dem Ablegen des Bürgerstands. Geltungssucht soll Geld stillen. Der Händler engagiert Fecht-, Tanz- und Denkmeister, um ihn in höfischer Kultur zu unterrichten. Er kleidet sich teuer ein und um seine Tochter Lucile darf nur ein Adeliger buhlen. Doch inszenieren Jourdains Frau und Tochter eine Scharade, um sie mit dem Richtigen zu vermählen. Denn Lucile ist längst verliebt.

DerBuerger Claudia HeyselStephan Korves als Jourdain zwischen Marcos Vinicius dos Anjos, Cristiana Rauccio, Roman Katkov, Anna-Sanziana Beschia, Julio Miranda und Alexander Nikolić @ Claudia Heysel

Johannes Blum lieferte für den Abend eine Textneufassung, die nicht nur aus modernisierter Sprache und Anspielungen auf die Gegenwart besteht. Da ist von pferdestarken Karossen die Rede und von hässlicher Oligarchenästhetik. Der Schlusssteil wurde komplett umgekrempelt, was ein Gewinn für den Abend ist. Molière zog im königlichen Auftrag das Osmanische Reich ins Lächerliche. Sein merkwürdiges Initiationssritual entreißt Blum dem exotisierenden Orientalismus-Blick. Als Fremder tritt nun ein Mann aus einer fernen Galaxis auf und um das Fremde aus der Ferne geht es gar nicht mehr, sondern um das Eigene. Wie ist das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, lautet die leise angedeutete Kernfrage. Wie viel Anerkennung braucht der Mensch von seiner sozialen Umwelt? Wie ist man seines Glückes Schmied? Das Setting von Molière verlässt die Fassung aber nicht.

Hauptsache bunt

In Tableaus erscheinend lernt der Kaufmann mal den Unterschied zwischen Vers und Prosa, Terz und Quinte als Fechtposen, wird in die Musen eingeführt und von einem falschen Adelsfreund ausgenommen. Das sieht sich hübsch an. Während das Bühnenbild – nur zwei Stege sind aufgebaut – auf die Aura der Naturbühne setzt, lebt sich Kristina Böcher beim Kostüm voll aus. In einer Mischung aus historisierendem Schnitt und Turnschuhen treten die Figuren auf. "Hauptsache bunt" bestimmt die Farbwahl. Das konventionelle überexaltierte Komödienspiel beherrschen alle Darstellenden. Im Gesang, Ali N. Askin hat die Barockmusik neu arrangiert, bleiben die meisten etwas blass. Doch lockern ihre Einlagen die schleppende Dramaturgie.

Und Neelam Brader setzt hier gesanglich früh Höhepunkte. Ihre Stimme berührt, transportiert etwas Wahrhaftiges in den Episoden aus schönem Schein und leeren Gesten. Während sie nach der Pause wenig Gelegenheit zum Glänzen hat, blüht Andreas Hammer als Diener mit ironisch überschießender Körpersprache auf. Lobend erwähnt werden muss die Regie-Hospitantin Lola Siebert, die sich wegen Krankheitsausfall in kürzester Zeit die Lucien-Dienerin drauf schnallte und den anderen Schauspielenden spielerisch das Wasser reichte. Herrliche Ballettkarikaturen geben die sechs Tanzenden und machen den Unterhaltungswert dieses Sommertheaters voll süßlicher Längen perfekt. Und wann hat man schon mal einen Rotmilan als zufälligen Zaungast?

Gutgläubiger mit Aluhut

Natürlich ist in dieser Posse alles Karikatur. Fast schelmisch scheint Stephan Korves als Kaufmann, wenn er nicht gerade den traurigen Tor gibt, den alle ausnehmen. Durchschaut er das intergalaktische Aufnahmeritual doch, das ihn hinters Licht führen soll? Eben noch ist er ein Gutgläubiger mit Aluhut, der das Abwegigste für wahr hält. Dann gönnt er sich ein Dosenbier und wünscht beim finalen Abgang dem verzückt am Attrappen-Vesuv sitzenden Publikum ein glückliches Leben.

 

Der Bürger als Edelmann
Komödie von Molière und Jean-Baptiste Lully, Fassung und Gesangstexte Johannes Blum
Regie: Christian v. Treskow, Bühne: Nicole Bergmann, Kostüme: Kristina Böcher, Musik: Ali N. Askin, Choreografie: Stefano Giannetti, Dramaturgie: Alexander Kohlmann.
Mit: Stephan Korves, Illi Oehlmann, Neelam Brader, Dominik Salber, Michaela Mehring, Olaf Haye, Mirjana Milosavljević, Andreas Hammer, Sebastian Graf, Stefano Giannetti, Boris Malré, Tizian Steffen, Alexander Nikolić und Marcos Vinicius dos Anjos, Anna-Sanziana Beschia, Leonor Campillo, Roman Katkov, Julio Miranda, Cristiana Rauccio.
Premiere am 12. Juni 2022 
Dauer: 2 Stunden und 40 Minuten, eine Pause

www.anhaltisches-theater.de

Kritikenrundschau

Johannes Blums Neufassung aktualisiere "unter Bewahrung fast aller geschliffenen rhetorischen Repliken die Komödie Molières gründlichst", findet Roland H. Dippel in der Mitteldeutschen Zeitung (20.6.2022). Dabei seien die Kostüme von Kristina Böchers "eine Wucht" und Ali N. Askins "sehr freie" Neukomposition fass "die glitzernde Welt und hohlen Sensationen passend in Töne". Dem "starken Schauspielensemble" gelinge ein "von zuckeriger Lieblichkeit befreiter und glücklich beklatschter Spaß".

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