Ein Mittsommernachtsalbtraum

19. Juni 2022. Alter Hut mit neuem Text: Die Uraufführung von Nosferatu aus der Feder von Stephan Teuwissen in Konstanz ist eine lustige Vampir-Klamotte. Mit Leichen-Polka und Blutsauger-Humtata als Freiluftvergnügen, getragen von äußerst untoten Darstellern.

Von Erich Nyffenegger

19. Juni 2022. Gerade haben wir ja wieder die 20er-Jahre. Hundert Jahre zuvor hat's das freilich schon mal gegeben. Und in diese Zeit der Weimarer Republik fiel die Filmpremiere von "Nosferatu – eine Symphonie des Grauens" von Friedrich Wilhelm Murnau. Der Stummfilm sollte mehr oder weniger als Begründer des Horror-Genres Geschichte schreiben. Er war zugleich auch ein frühes Beispiel für eine dreiste Urheberrechtsverletzung. Denn die Schauer-Story um einen Vampir namens Graf Orlok, der rein zufällig auch wie Graf Dracula in Transsilvanien zu Hause ist, war natürlich von Bram Stokers berühmtem Roman abgekupfert.

Popkultur mit Urheberrechtsverletzung

Wodurch der lange Schatten von unzähligen Bearbeitungen des Stoffs – von Roman Polanski über Werner Herzog bis Francis Ford Coppola – auf Autor Stephan Teuwissen sowie Regisseurin Mélanie Huber fällt. Für die Konstanzer Freilichtproduktion auf dem historischen Münsterplatz haben sie sich also etwas einfallen lassen müssen. Etwas, das möglichst keine ausgeleierten Klischees auf der üblichen Bandbreite zwischen blankem Entsetzen und parodistischer Schenkelklopferei bedient.

1 Nosferatu 8196 PresseVorne rechts: Julian Mantaj als Norbertus Hutter und Patrick O. Beck als Makler Nogg © Ilja Mess

Wahrscheinlich ist aber das größte Verdienst der Konstanzer Inszenierung, dass dieser Versuch grandios – im Sinne von vergnüglich – gescheitert ist. Denn die Macher haben das Vampir-Spektakel als überzeichnete Persiflage angelegt, in der die Figuren grimassierende Karikaturen sind. Nie zu schüchtern, einen kräftigen Zug aus dem Klischee-Humpen zu nehmen. Das beginnt mit Professor Van Hasselt – selbstredend in Pumphosen – seines Zeichens herumreisender Wissenschaftler, der über widernatürliche Phänomene unter besonderer Berücksichtigung des Vampirismus doziert. Verkörpert wird diese selbstverliebte Type von einem entfesselt als Rumpelstilzchen aufstampfenden Ingo Biermann, der auch in anderen Funktionen unverwüstliches Talent zeigt. Denn die Handlung wird in wechselnden Rollen des Ensembles immer wieder in neuen Bildern arrangiert und erzählt.

Überzeichnung zur Freude des Publikums

Das gibt Leuten mit genuin komischer Veranlagung, wie Patrick O. Beck in der Rolle des Maklers Nogg, die Chance, einen Charakter haifischartig zu überzeichnen – zum hörbar feixenden Vergnügen des Publikums. 600 Menschen passen maximal auf den Münsterplatz. Die Zahl hat die Uraufführung nicht ganz erreicht.

Schade für die Zuschauer, die nicht da waren. Denn sie haben eine entzückend zwischen herzigem Augenaufschlag und sonnigem Liebreiz vor sich hin schmachtenden Sarah Siri Lee König in der Rolle der Mathilda verpasst. Von Jonas Pätzold in Frauenkleidern als Linda-Marie ganz zu schweigen. Julian Mantaj – der als Norbertus Hutter ins Schloss des Grafen Orlok nach Transsilvanien geschickt wird, um mit ihm im Auftrag von Nogg einen Immobilien-Deal für Konstanz abzuschließen – zeigt sich akrobatisch wie schauspielerisch in bestechender Form. Odo Jergitsch schließlich brummt sich ein bisschen statisch durch seine wechselnden Figuren.

2 Nosferatu 7114 PresseAlle untot auf dem historischen Münsterplatz in Konstanz: Luise Harder, Sarah Siri Lee König, Ingo Biermann, Julian Mantaj, Odo Jergitsch, Patrick O. Beck und Jonas Pätzold © Ilja Mess

Eine gewisse Ernüchterung tritt ein, als die Zuschauer feststellen müssen, dass Nosferatu erstens eine Frau ist und zweitens weder so grauenerregend wie Max Schreck im Original von 1922 aussieht, noch so entsetzlich wie Klaus Kinski im Remake 1979. Luise Harder spielt ihre Figur als einzige nicht grell und karikierend. Wenn es bei der Konstanzer Inszenierung überhaupt eine wirklich schauerliche Figur gibt, dann ist es der unsicher, tastend, apathisch und fast wie in Trance wirkende Vampir selbst in all seiner Blässe. Allerdings in einem zerbrechlichen und bemitleidenswerten Sinne, die dem Plot am Ende eine Bedeutungsebene aufzwingen will, die nicht zum revueartigen Rest passt. Trotzdem schafft Harder im Kontrast zu den anderen Figuren und ihrem Blick ("Augen, in denen die Zeit gärt") ein, zwei Gänsehaut-Momente.

Humtata

Doch über diese – wie auch viele andere – Augenblicke spielt die sechsköpfige Kapelle mit beherztem Humtata hinweg. Sie setzt die gut in die Epoche hineinkomponierte Musik von Sebastian Androne-Nakanishi souverän um. Nicht zuletzt sie ist es, die dem schwarzen und weitgehend gegenstandslosen Bühnenbild von Lena Hiebel einen vitalen Kontrast entgegensetzt. Variiert aus fetzigem Charleston, Marschmusik und Polka.

Wie all das ankommt? Am Schluss stehen nicht wenige Zuschauer auf, um zu applaudieren. Sie geben damit ihrer Freude über einen gefälligen Stoff Ausdruck, der auch vom Wiedererkennen vieler Klischees lebt. Leicht verdaulich, ohne irgendwelche scharfkantigen Gegenwartsbezüge, die dem geplagten Nachrichtenzuschauer den Abend verderben könnten. Und damit machen die Konstanzer womöglich gerade im Hier und Heute genau das Richtige.

 

Nosferatu
von Stephan Teuwissen
Regie: Mélanie Huber, Bühne und Kostüm: Lena Hiebel, Komposition: Sebastian Androne-Nakanishi, musikalische Leitung: Rudolf Hartmann, Dramaturgie: Meike Sasse.
Mit: Patrick O. Beck, Ingo Biermann, Luise Harder, Sara Siri Lee König, Julian Mantaj, Jonas Pätzold, Odo Jergitsch.
Musik-Ensemble: Alexander Bührer, Martin Deufel, Helena Hautle, Rudolf Hartmann, Christian Kramer, Michal Maciuszek, Michael Maisch, Kristin Thielemann, Sepp Zürcher.
Stadt-Ensemble (Statisterie): Christa Barth, Peter-Stefan Breuer, Boris Griener, Karin Griener, Antje Griessmayer, Kristna Kazanceva, Devin Maier, Anne Reinicke, Timon Vegedes, Jens Weber.
Uraufführung am 18. Juni 2022
Dauer: 2 Stunden und 20 Minuten, eine Pause

www.theaterkonstanz.de

Kritikenrundschau

Im Südkurier (20.6.2022) berichtet Johannes Bruggaier, dass die Regisseurin eine "bemerkenswerte Kenntnis der mentalen Abgründe dieser Stadt" besitze. Sie erzähle die alte Geschichte mit einem Witz, der "mindestens so bissfest wie Graf Orloks Unterkiefer" sei. Bei der "Verlebendigung der staunenswert gelungenen Textvorlage" vertraue die Regisseurin ganz auf ihr Ensemble. Die Inszenierung sei "rundum stimmig", findet der erfreute Kritiker, und "lustig, fantastisch, schön". Sowie: "teilweise schrecklich" – aber nur im "allerbesten Sinne".

Auf den Saiten (22.6.2022) findet Franziska Spanner, Mélanie Hubers Inszenierung habe "stark illustrativen Charakter." "Die Regisseurin arbeitet mit (Stand-)Bildern, in denen die Darstellenden, ihre Gesten, Mimik und Geräusche sorgsam angeordnet und zu einem grossen Ganzen verbunden werden." Auch biete sie dem Ensemble Gelegenheit, schauspielerisch aus den Vollen zu schöpfen. Das Konstanzer Stadtensemble sei hingegen nicht überzeugend eingebunden worden – "mehr wie schmückendes Beiwerk". Ingesamt gelinge es Teuwissen, Huber, Hiebel und Androne-Nakanashi, "dem platten Vampir-Image der letzten 100 Jahre in vielerlei Hinsicht Vielschichtigkeit zu verleihen", findet Spanner.

In "eine Fundgrube für kulturbeflissene Anspielungssammler" blickte Inka Grabowsky von St. Galler Tagblatt (23.6.2022) in Konstanz. Regisseurin Mélanie Huber "inszeniert eine tiefsinnige Groteske"; musikalisch könne man die "schrägen Klänge zwischen Gruselfilm- und Slapstick-Soundtrack" genießen; die "Bewegungen des Ensembles sind exakt choreografiert".

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