Dort, wo kein Glück ist, bleibt Musik

von Esther Slevogt

Berlin, 4. Dezember 2008. Der Ort ist nicht gerade heimelig: eine monumentale abgewrackte Industriekathedrale auf dem Gelände des Berliner Ostbahnhofs, ein ehemaliges Heizwerk aus den 50er Jahren, das außen vom pompösen Pathos stalinistischer Architektur, innen von einer merkwürdigen Mischung aus Enge und Weite geprägt wird. Kleinteilige Betonsäulen verstellen den Raum auf der Horizontalen, der deshalb gerade mal Platz für 150 Zuschauer bietet. Lediglich nach oben öffnet er sich in gigantische Dimensionen. Normalerweise residiert hier der Berliner Techno-Club Berghain. Nun kam das Theater zu Besuch, das Deutsche Theater genauer gesagt, dessen Haupthaus in der Schumannstrasse saniert wird, weshalb man in dieser Spielzeit auf Wanderschaft geht.

"Come heavy sleep, the image of true death", beginnt eine weibliche Stimme zu singen, kaum dass es dunkel geworden ist. Nach und nach schwillt der Gesang an zum Chor – und während man noch denkt, jetzt wird das Publikum mit dem schwermütigen, lebensmüden Lied des elisabethanischen Komponisten John Dowland in Trance gesungen, damit August Strindbergs "Traumspiel" beginnen kann, schrillt auch schon ein Telefon.

Ein Signalstück für das 20. Jahrhundert

Eine hektische junge Frau stürzt herein. Bald wird ein alter Offizier hier sein unglückliches Leben beklagen, noch später ein aasiger Advokat über den Geruch des Lasters in seinen Kleidern reden, den die Menschen dort stets hinterlassen. Denn Versenkung in die reine Kunst, mit der sich die Menschen so gern aus den irdischen Niederungen ihres freudlosen Lebens in transzendentalere Sphären flüchten, wird es an diesem Abend nicht geben. Es wird lediglich immer wieder mit der Sehnsucht danach gespielt.

Und damit ist man im Prinzip schon im Zentrum von Strindbergs Drama von 1901 angekommen, einem Signalstück des 20. Jahrhunderts, in dem Szenen und Figuren assoziativ wie im Traum ineinander fließen, Motive Kafkas oder der Surrealisten vorweggenommen werden, und das nichts weniger als die Frage verhandelt, was das Leben ist. Zur Erkundung dieser Frage schickt Strindberg eine indische Göttertochter auf die Erde herab – Agnes heißt das enigmatische Wesen in Anspielung auf das Lamm Gottes, also jenen messianischen Menschensohn, der in diesem Fall nun eine Tochter ist.

Sie begegnet immer neuen Variationen von menschlichem Leid und Unglück, Variationen, die von einzelnen Figuren verkörpert werden. Nichtsdestotrotz scheint gerade die Balance zwischen Unglück und der Sehnsucht nach dem Anderen, das manche das Glück und andere die Erlösung nennen, dem Leben erst seinen verführerischen Glanz zu geben, weshalb die Göttertochter sich immer tiefer in diesen schmerzhaft ambivalenten Zustand verstrickt.

Der Sehnsuchtsvirus

Der australische Regisseur Barrie Kosky hatte nun die geniale Idee, dieses Motiv aus der Spielhandlung herauszulösen und auf einer musikalischen Ebene zu verhandeln – die Musik als Träger und kulturellen Ausdruck eben jener Erlösungs- und Glückssehnsucht zu behandeln, mit deren Virus Strindberg die Figuren seines Dramas so heillos infizierte. Zusammen mit seiner Dramaturgin Felicitas Zürcher hat er das Stück radikal abgemagert und auf eine Handvoll Figuren reduziert.

Die Sänger des Vocalconsort Berlin betten das Drama auf ein barocke bzw. Rokoko-Tonspur – aber auch die Schauspieler singen die Dowland'schen Lautenlieder, Lieder des mörderischen neapolitanischen Fürsten Don Carlo Gesualdo oder Stücke aus Mozarts "Don Giovanni", mit höchst unterschiedlichem Sangestalent – womit sie ein (von der Regie durchaus kalkuliertes) anschauliches Beispiel geben, dass nicht unbedingt jeder des Glückes teilhaftig wird, seiner Lebens- und Erlösungssehnsucht in der Kunst Gestalt geben zu können.

Ein besonders hin- und herzzreißendes Beispiel hierfür geben Matthias Bundschuh und Lotte Ohm, die das berühmte Duett aus "Don Giovanni" "La ci darem la mano" ("Reich mir die Hand, mein Leben") als linkische Turnnummer geben, in deren Verlauf Matthias Bundschuh, der mit kunstvoll-kunstloser Stimme schrullig den Part des Verführers Don Giovanni singt, schließlich von Lotte Ohm alias Zerline auf den Füßen in die Luft gestemmt wird.

Göttertochter ohne Auftrag

Leider macht aber eine geniale Idee noch keinen genialen Abend. Denn der dramaturgische Ansatz versandet schnell in einer merkwürdig ungelenk wirkenden Bildsprache, die auch für den spektakulären Aufführungsort keine Vision entwickelt, außer ihn brav (samt Galerie in schwindelnder Höhe) zu bespielen. Da treten die Mitglieder des Chors in operettenhaften Geisha-Kostümen (Kostüme: Klaus Bruns) auf, später tragen sie neckische Tütüs oder kunstgewerbliche ägyptische Masken, als seien sie einer Provinz-"Aida" entsprungen. Die Musiker tragen zu ihren barocken Instrumenten Elvis-Tolle und Glitzer-Jackett. Die Schauspieler bleiben merkwürdig unanimiert. Am stärksten ist noch Sven Lehmann als dämonischer Advokat, aber auch Horst Lebinskys Offizier macht mit seiner monströsen Leidensmiene Eindruck.

Lotte Ohm, Matthias Bundschuh und Mathis Reinhardt haben zwar ihre Momente, insgesamt aber gibt ihnen die szenische Fantasielosigkeit des Abends wenig Spielraum. Besonders schade ist das für Ernst Stötzner, der als Dichter wieder das schöpfungsgeschichtliche Klischee der Lehmgestaltung matschend und schmierend vor Augen führen muss, als sei er in Gosch-Inszenierungen diesbezüglich nicht schon geplagt genug. Und für Stefanie Eidt als Göttertochter, für die Kosky in seiner Geschichte nicht wirklich Verwendung fand.

 

Ein Traumspiel
von August Strindberg
Übersetzung von Peter Weiss
Fassung für das Deutsche Theater: Barrie Kosky und Felicitas Zürcher
Regie: Barrie Kosky, Bühne: Esther Bialas, Kostüme: Klaus Bruns, Musikalische Leitung: Klaus-Martin Bresgott und Barrie Kosky.
Mit: Stefanie Eidt, Horst Lebinsky, Sven Lehmann, Ernst Stötzner, Lotte Ohm, Matthias Bundschuh, Mathis Reinhardt, Ursula Staack und der Vocalconsort Berlin. Solisten: Gesa F. Hoppe, Susanne Wilsdorf, Dorothe Ingenfeld, Klaus-Martin Bresgott, Simon J. Berg. Chor: Dana Hoffmann, Christel Meier, Winnie Siepert-Lemke, Ingetraut Skirecki, Manfred Meier, Martin Netter, Enrico Wenzel. Musiker: Andreas Arend (Laute), Patrick Sepec (Cello), Sebastian Glöckner (Cembalo).

www.deutschestheater.de

 

Kritikenrundschau

Eiin "Höhepunkt" der bisher "ziemlich mauen Berliner Theatersaison" annonciert Stefan Keim in der Fazit-Sendung des Deutschlandfunks (5.12.) "Großartig" fand er allein schon schon das Vocalconsort Berlin, mit dem der "Selbsterfahrungstrip" der "Göttertochter Agnes unter den Menschen", beginne. Regisseur Barrie Kosky nutze den Raum des Berliner Techno-Klubs Berghain für "flirrende Bilder". Die Musik sei "der Schmierstoff, der den stark zusammen gestrichenen Text zusammen hält". Manchmal "zerfasere" die zu lange Aufführung, doch gelängen "auch großartige Momente" ... Horst Lebinsky ist als Offizier ein großes altes Kind … voll heulender Verzweiflung über die Ungerechtigkeit seiner Eltern". "Fast wie Heinz Rühmann" allerdings "ohne Wärme" spiele Sven Lehmann den Advokat. Am Ende hat Stefanie Eidt als Agnes "verstanden, wie die Menschen leiden". Strindbergs Botschaft sei "ziemlich pathetisch, Barrie Kosky präsentiert sie mit leichter, vielleicht manchmal zu leichter Hand".


Für Christine Wahl, die das Stück für Spiegel-Online (5.12.) bespricht, vermittelt der Abend keinen überzeugenden Zugriff, weshalb der Abend für sie als Nummernrevue trotz sechzigprozentiger Kürzung des Stücktextes zweieinhalb Stunden "zäh über die leere Betonsäulenbühne mäandert". Besonders die Schauspieler wirken auf sie "derart allein gelassen, dass hier jeder seine Nummer nach eigenständig entwickelter Gangart durchzuziehen scheint". Dass das dennoch "auf einem akzeptablen Niveau" stattfinden würde, verdankt Barrie Kosky aus Sicht der Kritikerin "allein dem Glücksumstand", am amtierenden "Theater des Jahres" auf gute Schauspieler zurückgreifen zu können. Ansonsten sei "mit vergoldeten Fatsuits, abgenudelten veralberten Tutu-Nummern und ägyptischen Masken" beim besten Willen "keiner mehr hinter dem Ofen hervorzulocken."


Zwei "bewegende, unterhaltsame, verblüffende und zwischendurch quälend alberne Stunden" hingegen hat Andreas Schäfer gesehen, der für den Berliner Tagesspiegel (6.12.) schreibt. Koskys Zugriff sei zwar gewöhnungsbedürftig, "weil er gar keiner ist". Nach dem starken Anfang droht der Abend für Schäfer zunächst als Kostümorgie mit albernen Opernzitaten zu versanden: "bis schließlich Sven Lehmann auf der Bühne sitzt und die Atmosphäre schlagartig mit existentieller Dichte anreichert". Kosky zeige insgesamt eine leichte Hand, und habe keine Handschrift nötig. Zwar suche man instinktiv nach der Mitte der Inszenierung, ihrer Idee. "Aber da ist keine. Dafür schlägt ein lebenskluges Herz, dessen Genauigkeit die disparaten Einfälle immer anrührender zu einem Requiem auf den Traum vom glücklichen Leben zu binden vermag."


Als gebastelte, "aufgehübschte Bild- und Klanggeschichte" verreißt Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (6.12) die Inszenierung, die er kurzatmig gedacht und "effektelnd" findet. Natürlich sei "das mit der Musik" eine schöne Idee. Wenige Takte, und sofort sei eine präzise Stimmung definiert, "zumal das Vocalconsort Berlin samt der Musiker Andreas Arend, Patrick Sepec und Sebastian Glöckner an Laute, Cello, Cembalo die Madrigale von John Dowland und Gesualdo di Venosa natürlich gut genug beherrschen, um deren Stimmungsraum ins Ätherische zu öffnen." Weil aber alle Musik an diesem Abend aus Sicht von Pilz lediglich "zum bloßen Tönen gerät", bleibt das für ihn "Ohrenwischerei".


Obwohl Barrie Kosky so viel richtig gemacht hat und ihm viel Schöns gelang, ist für Matthias Heine trotzdem keine gute Inszenierung herausgekommen, wie er in der Tageszeitung Die Welt (6.12.) schreibt. Aus seiner Sicht liegt das vor allem daran, "dass Kosky das Stück in seiner eigenen, gekürzten "Fassung" durch Umstellungen, stückfremde Zusätze und Doppelbesetzungen verunklart hat." Auch seien alle Figuren "durch Kostüme und Masken auf noch rätselhafter getrimmt. Motto: Wenn schon Traum, dann bitte Trip!" Selbst die proletarischen Kohlenschlepper träten als ägyptische Anubisse auf. So entsteht für Heine insgesamt doch eher der Eindruck, dass Kosky auf der Flucht vor dem Stück gewesen ist. "Er macht dauernd das, was Opernregisseure machen dürfen, wenn mal wieder ein dramaturgisches Loch gähnt: Er lässt ein Lied singen ... und schickt den Chor ständig neu kostümiert an die Rampe."

Das Vocalconsort Berlin mache süchtig, schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (8.12.), aber leider sei die Musik "das einzige, was an dieser Inszenierung verzaubert. Kosky liefert Strindbergs wild allegorisches 'Traumspiel' an das auftrumpfende Kunstgewerbe aus." Gegen die Gewalt des Raums (das Innere der "Techno-Kathedrale" "Berghain") kämen Koskys "harmlose Bild-Ideen in keinem Augenblick an". Stattdessen: "Ein kümmerlicher Gebrauchssurrealismus, der nichts erzählt und dessen optische Knallbonbons schnell verpuffen." Die ganze Inszenierung sei "effektverliebt, aber ohne die Kraft, aus den beliebigen Einfällen szenische Kraft oder wenigstens lustigen Trash zu entwickeln". Der Einzige, der "in diesem trübsinnigen Reigen der Harmlosigkeiten Ausstrahlung" entwickle, sei Sven Lehmann: "Mit enormer Kraft, Lust an der Bosheit und mühsam gedämpfter Aggression stellt Lehman einen monströsen Kleinbürger auf die Bühne ... Wie Lehmann Härte, Kaputtheit und Komik in seiner Figurenzeichnung verbindet, ist grandios. Lehmann macht den Unterschied, einsam ragt er heraus aus dem konfusen Gewimmel der Inszenierung und ihren umständlich gebastelten Nümmerchen."

Ganz anders sieht es Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen (8.12.): "Manche Einfälle in dieser Polyphonie des Imaginären erscheinen ein wenig bemüht, die meisten indes frappant flottierend und atmosphärisch bestrickend. Barrie Kosky bringt das 'Traumspiel' auf gar keine Linie, er lässt es mit Lust und Melodik verstörend-harmonisch und gern herzlich-komisch frei. So kommt es gelöst zu sich – und bildschön-beglückend über uns."

 

 
Kommentar schreiben