Unser gespenstischer Hochglanzkonsum

7. Juli 2022. Das wusste schon Karl Marx, dass die Waren ihre Mucken haben und dass in unserer herrlichen Konsumwelt gespenstische Realitäten der Ausbeutung schlummern. Beim britischen Kollektiv ZU-UK kann man diese Abgründe jetzt auf einem Audiowalk erfahren: in "Radio Ghost" auf dem Festival Theaterformen in Braunschweig.

Von Jan Fischer

7. Juli 2022. "Dies ist kein Escape Room", sagt die freundliche Stimme im Ohr, "um den Ausgang zu finden, müssen wir nur den Exit-Schildern folgen." Aber noch ist es nicht so weit. Noch gibt es im Einkaufszentrum Geister zu entdecken.

"Radio Ghost" des britischen Kollektivs ZU-UK wird in Braunschweig im Rahmen des Theaterformen-Festivals gezeigt. Bis zu drei Gruppen mit drei Personen werden darin mit Handys und Kopfhörern ausgestattet und gleichzeitig in die geschäftige Einkaufsglitzerwelt der Braunschweiger Schloss-Arkaden geschickt, auf der Suche nach Geistern. "Geister" heißt hier: die Geschichten hinter den Produkten. Nicht die Hochglanzgeschichten der bunten Werbewelten. Die anderen: von Kinderarbeit beim Baumwollanbau, von wenig ethischen Geschäftspraktiken bei der Parfum- und Spielzeugherstellung.

Dabei trennen sich die Mitglieder der zusammengewürfelten Dreiergruppe schon zu Anfang und agieren größtenteils alleine: Aus den Kopfhörern kommt die Anweisung, ein Parfumgeschäft zu finden, oder eines mit Spielzeug oder Mänteln, die freundliche Stimme, die einen anleitet, wird in den Geschäften von einem penetranten Shopping-Assistenten abgelöst, der wiederum immer wieder unterbrochen wird von eben den Geistergeschichten hinter den Produkten, die dann, nach Verlassen des Ladens, als Zusammenfassung ins Mikro des Handys gesprochen werden müssen. Die Nachrichten sind, es sei denn, man trifft sich zufällig, so gut wie der einzige Kontakt, der zwischen den Gruppenmitgliedern besteht.

Im Konsumtempel

Im Grunde verbirgt sich hinter "Radio Ghost" eine Standardsituation der Konsumkritik: Die Produkte, die es zu finden und zu kaufen gibt, haben eben nicht die Geschichte, die die Werbung von ihnen erzählt. Sondern immer noch eine andere, dunklere, wie ein Geist eben, der sich in den fein gemachten Räumen eines luxuriösen Anwesens verbirgt, halb störend, halb da, aber irgendwie gehört er auch dazu. Es geht um das "right to know", das Recht also zu wissen, unter welchen Umständen die Produkte, die ich kaufen möchte, hergestellt worden sind. So weit, so gut beackert.

RadioGhost2 805 ZU UK uErkundungstour im städtischen Einkaufszentrum: in "Radio Ghost" werden die Zuschauer:innen von einem Audio-Programm geführt © ZU-UK

Der spannende Aspekt des Audiowalks besteht darin, dass man sich im öffentlichen Raum bewegt. Und zwar in einem, der genau reglementiert ist, und in dem bestimmte Verhaltensweisen damit einfach fremd wirken müssen. Zwar gibt die Übertragung in den Kopfhörern immer wieder auch einen Beat vor, nach dem man laufen soll – meistens sind das, sicherlich nicht zufällig, 80er-Jahre-Hits, die in genauso vielversprechendem Neon glühen wie das Einkaufszentrum selbst. Aber in die Geschäfte zu gehen, minutenlang um ein Parfum oder einen Mantel oder ein Spielzeug herumzuschleichen, das Produkt zu fotografieren, dann noch – um den Shopping-Assistenten zu stören – immer wieder das Handy zu schütteln: Es fühlt sich falsch an, fast verboten. "Radio Ghost" macht auf diese Art Fremde aus dem Publikum, Menschen, die nicht ganz dazu gehören. Die aber – auch das ist der Performance wichtig – immer wieder versuchen müssen, die anderen um sie herum zu imitieren. Sich zwischen ihnen zu verbergen.

Mission Entfremdung

Der – zart interaktive – Audiowalk holt sein Publikum aus eingeübten Verhaltensweisen heraus, lässt es diese Verhaltensweisen nachahmen und das wiederum von außen beobachten: andere beim Einkaufen beobachten, sich selbst beim Einkaufen beobachten, diese ganze absurden Rituale der labyrinthischen und zeitlosen Konsumtempel aufführen, aber eigentlich etwas ganz anderes wollen und zwischendrin alles auch mal durchbrechen und einfach mal bellen oder das Gesicht an ein Schaufenster drücken. "Radio Ghost" entfremdet sein Publikum Stück für Stück der Konsumwelt, indem es deren Brutalität, aber auch Absurdität herauskehrt. Der Rettungsanker sind die Übertragungen der anderen aus der Gruppe, die irgendwo ihre eigenen Geistergeschichten finden, erzählen und weitergeben, während der Beat in den Kopfhörern immer langsamer wird und irgendwann komplett stillsteht.

"Radio Ghost" vermittelt das Gefühl, auf einer Mission zu sein, und etwas leicht Verbotenes zu tun. Man könnte jeden Augenblick rausgeworfen werden. Was natürlich nicht passiert, aber doch wenigstens einen kleinen Adrenalinkick hinterlässt. Die Inszenierung zwingt einen nicht, jemals wirklich Grenzen zu überschreiten oder auch nur aufzufallen, aber sie reißt trotzdem aus gewohnten Konsum- und Verhaltensmustern heraus und bietet eine Außenperspektive auf den eigenen Konsum an, die anders vielleicht kaum zu erzeugen wäre.

 

Radio Ghost
von ZU-UK
Idee, Produktion: ZU-UK, Künstlerisches Team: David Aldhouse, Mink Ette, Ross Flight, Kesia Guillery, Hayley Hill, Arlo Howard, Jorge Lopes Ramos, Persis Jadé Maravala, Jess Marcotte, Maria José Marulanda, Marnie Nash, Alex Peckham, Carlos Eduardo Pires, James Turpin.
Sprecherinnen der deutschen Fassung: Theresa Weihmeyer, Wiebke Yervis, Ton: Martin Funk, Künstlerische Betreuung: Teresa Gburek, Regieassistenz: Chiara Hunski, Übersetzung: Ulrike Syha.
Deutsche Erstaufführung beim Festival Theaterformen am 6. Juli 2022
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.zu-uk.com
www.theaterformen.de

 

Kritikenrundschau

Der per Smartphone geführte Audiowalk führe ins Herz der grell erleuchteten Shopping-Finsternis, so Jens Fischer in der taz Nord (11.7.2022). Zu stumpfen Beats und 80er-Jahre-Popsongs werden Dreiergruppen in ein Einkaufzentrum geführt. Zur direkten Konfrontation erhielten sie zuerst den Auftrag: Düfte kaufen. Und "schon hebt im Hörbuch – nicht pädagogisch besserwisserisch, sondern anregend freundlich – die Rede an von Menschen und Natur ausbeutenden Produktionsbedingungen, fragwürdigen Inhaltsstoffen, klimaschädlichen Transportwegen; all die Geister hinter der Hochglanzwelt, ihr wahrer Preis." Fazit: "Direkt beim Shopping-­Erlebnis das Bewusstsein angeknipst zu bekommen, ist ein überzeugend kunstpolitischer Ansatz. Schnell wächst der Wunsch, dass 'Radio Ghost' allen Mall-Besucher:innen auf die Ohren gegeben wird."

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