Das langsame Sterben der Besucherorganisationen

11. Juli 2022. Sie standen einmal für den großen solidarischen Zusammenhalt unter den Theatergänger:innen. Mit ausgeklügelten Systemen der Platzvergabe, so dass jeder mal in den Genuss der ersten Reihe kommt. Aber sie verschwinden: die Besucherorganisationen.

Von Rainer Glaap

11. Juli 2022. Besucherorganisationen wie die "Freie Volksbühne" entstanden seit dem Ende des 19. Jahrhunderts und waren ursprünglich dem Gedanken der Arbeiterbildung geschuldet. Die Volksbühnen kauften Karten en gros und bündelten sie in eigenen Abonnements zu günstigen Preisen. Dabei ging es gerechter zu als im freien Markt: die Preise mussten sozialverträglich sein und galten für alle Mitglieder gleich. Um Vorteile bei der Platzwahl für die einen und Nachteile für die anderen zu vermeiden, wurden die Mitglieder quasi in Ketten durch den Saal gezogen, so dass jeder mal vorne, mal mittig, mal hinten saß.

Besonderer Gemeinschaftsgedanke

Nach dem ersten Weltkrieg, so geht die Legende, wurde Rücksicht auf die vielen Kriegsversehrten genommen. Wer zum Beispiel ein linkes steifes Bein hatte, sollte links außen am Rand sitzen – das wurde dann bei der Verteilung der Karten entsprechend berücksichtigt. Diese Mimik der Kartenverteilung wurde viele Jahre im Staatstheater Hannover als "Los-Abonnement" angeboten, obwohl es sich genau genommen nicht um eine Verlosung handelte. Die Besucher bekamen aber für jede Vorstellung andere Plätze, insofern gab es ein gewisses Überraschungsmoment. In den Anfangsjahren wurde sogar am Ende der Spielzeit eine Bestplatzabrechnung vorgenommen – wenn die Summe aller Karten aus "guten" und "schlechten" Plätzen kleiner war als die am Anfang der Spielzeit gezahlte Abo-Gebühr, wurde die Differenz erstattet. Nachzahlungen wurden aber nicht fällig. Das Los-Abonnement wurde vor einigen Jahren aus technischen Gründen in Kombination mit nachlassender Nachfrage eingestellt.

Volksbühnen spielten lange eine große Rolle im Vertrieb von Theaterkarten, auch wenn nicht alle Theater damit glücklich waren, da die Volksbühnen große Rabatte erwarteten.

Leider spielt dieser Gemeinschaftsgedanke einer solchen Solidargemeinschaft immer weniger eine Rolle, wie ich in der folgenden Untersuchung aufzeige.

Neben den Volksbühnen gab es auch kommerzielle Besucherorganisationen, zum Beispiel den Besucherring Dr. Otto Kasten, der 1949 in Lübeck gegründet wurde. In seiner Hochzeit versorgte dieser Besucherring sieben Millionen Menschen mit Karten für die Häuser in seinem Einzugsgebiet. 2012 musste Dr. Otto Kasten Insolvenz anmelden. Ob das an fehlenden Mitgliedern oder mangelhafter Bewirtschaftung lag, ist heute nicht ganz klar.

Aktive Besucherorganisationen

In Berlin gibt es bis heute vier voneinander unabhängige Besucherorganisationen, die ihren Mitgliedern in unterschiedlichen Kombinationen Eintrittskarten zur Verfügung stellen.

Nach wie vor gibt es aktive Besucherorganisationen in Deutschland, wenn auch die Anzahl der über sie vermittelten Karten dramatisch abgenommen hat.

Glaap theaterstatistik 1949 2020Grafik: Rainer Glaap / Quelle: Theaterstatistiken des Deutschen Bühnenvereins 1949 – 2020

Waren es 1959 auf dem Höhepunkt mit fast 6 Millionen Karten fast 30 Prozent aller pro Jahr verkauften Karten, die über Besucherorganisationen abgewickelt wurden, sind es 2018/19 nur noch 4,3 Prozent (die Zahlen für 2019/20 sind nicht vergleichbar, da bereits ab März 2020 der Spielbetrieb massiv oder komplett eingestellt werden musste, wegen der COVID-19-Pandemie).

Glaap theaterstatistik2 1949 2020Grafik: Rainer Glaap / Quelle: Theaterstatistiken des Deutschen Bühnenvereins 1949 – 2020

Der Mitgliederschwund in manchen Besucherorganisationen ist so dramatisch, dass einige sich deswegen bereits auflösen mussten, so zum Beispiel in Gelsenkirchen 2018.

Die Volksbühne in Bremen löste sich im Herbst 2021 auf. In den 1950er Jahren hatte die Bremer Volksbühne ihre besten Jahre mit bis zu 12.000 Mitgliedern. Die Nachfrage war so hoch, dass nicht alle Kartenwünsche aller Mitglieder berücksichtigt werden konnten. 2021 war die Mitgliederzahl auf knapp 1.000 gesunken. Der Journalist Frank Schümann interviewte den letzten Geschäftsführer Holger Kohlmann dazu ausführlich:

"Wir sind darüber natürlich sehr traurig“, sagt Holger Kohlmann, aber die Entwicklung sei leider nicht aufzuhalten gewesen. Zum einen habe dies an der Altersstruktur gelegen: Die Einrichtung der Volksbühne habe sich immer auch an bestimmte Generationen gerichtet, die aufgrund des zunehmenden Alters eben irgendwann nicht mehr ins Theater gingen – oder, noch schlimmer, verstarben. Das Interesse der Jüngeren habe sich zuletzt stark in Grenzen gehalten – "wir haben sie nicht so erreicht, wie wir uns das gewünscht hätten", sagt Kohlmann. Zum anderen würden die Bühnen heute selbst Angebote machen, die Vergünstigungen beinhalten; Vergünstigungen, die immer zum Prinzip von Publikumseinrichtungen wie der Volksbühne gehört hatten. In einem Schreiben an die zuletzt nur noch etwa 1000 Mitglieder führte er aus, dass es kaum noch neue Mitglieder gäbe, aber viele Kündigungen – außerdem fehlten zusätzliche Einnahmen.
(Die Volksbühne Bremen gibt es nicht mehr. Theater Bremen, Nachdruck aus der Kreiszeitung.)

Der Vergleich der Zahlen zeigt, dass das Abonnement zwar auch stark abgenommen hat, im Vergleich mit den Besucherorganisationen aber heute besser dasteht.

Dafür hat der Absatz der Einzelkarten stark zugenommen, woraus man schließen kann, dass die Besucher eher nicht mehr so häufig und regelmäßig ins Theater gehen und daher keine Bindung über Theatergemeinschaften oder theatereigene Abonnements eingehen wollen.

Glaap theaterstatistik3 1949 2020Grafik: Rainer Glaap / Quelle: Theaterstatistiken des Deutschen Bühnenvereins 1949 – 2020

Das lässt sich auch an der Gesamtzahl der verkauften Tickets über alle Vertriebskanäle (plus Freikarten, Schüler- und Studierenden-Karten etc., die oben nicht aufgeführt sind) ablesen. Die Zahlen sind relativ konstant über 20 Millionen Besuche pro Jahr seit Beginn der 1990er Jahre. Der starke Sprung 1991/92 erklärt sich durch die Inklusion der ostdeutschen Theaterzahlen nach der Wiedervereinigung.

Glaap theaterstatistik4 1949 2020Grafik: Rainer Glaap / Quelle: Theaterstatistiken des Deutschen Bühnenvereins 1949 – 2020

Die Anzahl der Theaterbesuche hat sich in der Bundesrepublik von 1949 bis 1960 auf fast 20 Millionen Tickets verdoppelt. Der Mittelwert über die Jahre 1950 bis heute liegt dann auch bei circa 20 Millionen Tickets, trotz eines starken Wachstums der Bevölkerung. Wie genau sich die Theatergänge im Vergleich zum Bevölkerungswachstum seit den 1950er Jahren verhalten, muss Gegenstand einer anderen Untersuchung sein (Bevölkerungszunahme der Bundesrepublik von 1950 bis 2020 von 50,3 Mio. Einwohnern und der DDR von 18,4 Mio. (gesamt: 68,7 Mio.) auf 83 Mio. im wiedervereinigten Deutschland 2019).

Anmerkung

Die Zahlen sind den einzelnen Bänden der Theaterstatistik des Deutschen Bühnenvereins entnommen. 1977 werden in der Statistik erstmals Gastspieldaten mit aufgeführt, das erklärt den Sprung um fast 2,3 Millionen Karten nach oben. Ab 1991/92 sind die Daten der Theater der neuen Bundesländer inkludiert (1989/90 wurden in der DDR noch 8,9 Millionen Tickets verkauft, im Jahr der Wiedervereinigung nur noch 4,7 Millionen). Zahlen der Privattheater sind hier nicht aufgeführt.

Die Daten beinhalten:

• Tageskarten
• Platzmieten (=Abo, Anrechte (DDR))
• Besucherorganisationen
• Schüler- und Studentenkarten
• Vorzugskarten
• Ehrenkarten/Freikarten/Dienstplätze

Die Daten für 2004/5 sind fehlerhaft und deshalb ausgeblendet. Die Spielzeit 2019/20 war von der COVID-Pandemie betroffen, da ab Mitte März wegen des Lockdowns die Theater geschlossen waren. Die Zahlen liegen daher wesentlich niedriger als in früheren Spielzeiten.

 

RainerGlaapRainer Glaap hat Theaterwissenschaften und Germanistik in Frankfurt, Köln und Houston/Tx. studiert. Seit 1984 ist er mit Unterbrechungen (Gründung und Betrieb von theaterportal.de 2002 bis 2005) in der IT-Branche tätig, zuletzt 15 Jahre bei CTS EVENTIM. Die Diskussion zum Publikumsschwund begleitet er in seinem Blog publikumsschwund.wordpress.com


 

Literatur, Videos & Radiofeatures

Theaterstatistik. Deutscher Bühnenverein. Seit 1949 (Online stehen immer die aktuellen Summentabellen zur Verfügung)

Deutsche Volksbühne. Bundesarchiv

Festakt – 120 Jahre Volksbühnenbewegung – Vortrag von Erika Fischer-Lichte. 20.12.2010

Durch Arbeitergroschen entstanden. Deutschlandfunk, 30.12.2014

Zustand und Zukunft der Besucherorganisationen in Berlin. Anhörung der Berliner Besucherorganisationen im Berliner Abgeordnetenhaus. 15.9.2008

The Volksbühne Movement. A History. Cecil Davies. 2000

Freie Volksbühne Berlin – seit 2017 Kulturvolk e.V.

Bund deutscher Volksbühnen (inaktiv?)

Besucherring Dr. Otto Kasten, Wikipedia

Volksbühne, Wikipedia

Kommentare

Kommentare  
#1 Besucherorganisationen: Ausnahmen bestätigen RegelKlaus Kusenberg 2022-07-11 13:59
Keine Regel ohne Ausnahme(n): an meinen letzten beiden Theatern sah es anders aus! www.klauskusenberg.de/drei-grafiken/

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