Flüchten und Sterben in Schengen

8. Juli 2022. Wie gleichen sich Zeiten und Erfahrungen? Amir Reza Koohestani greift in seinem Stück "En Transit" nach Anna Seghers' Roman über die Flucht vor dem Nazi-Regime "Transit", um über heutige Erlebnisse von Exilanten in den Behörden-Labyrinthen der EU zu erzählen. Die Arbeit, die in Genf entstand, läuft jetzt auf dem Festival d'Avignon.

Von Joseph Hanimann

8. Juli 2022. Das deutsche Theater kommt als solches diesmal im Festivalprogramm von Avignon nicht vor und ist doch sehr präsent. Eröffnet wurde gestern im Papstpalast triumphal mit Kirill Serebrennikovs "Der schwarze Mönch" nach Tschechow aus dem Hamburger Thalia, unter Mitwirkung eines kräftig über den Palasthof brausenden Mistral.

Und an einer anderen der zwei Dutzend Spielstätten gab es eine Bühnenbearbeitung von Anna Seghers' Roman "Transit", die der in Deutschland viel beschäftigte iranische Regisseur Amir Reza Koohestani im Frühjahr an der Comédie de Genève herausbrachte. An wirklichen Eigenproduktionen hat das Festival nach zwei Jahren Covid in einer insgesamt noch fragilen Theatersituation einstweilen wenig bieten. Der Vorverkauf lief zwar laut dem scheidenden Festivalleiter Olivier Py wieder ziemlich normal. Doch liegt die Auslastung der französischen Häuser insgesamt noch um ein Viertel unter dem vorigen Stand.

Bogen von der Nazizeit ins Heute

Ob Produktionen wie "En transit" (Im Transit) dem abhelfen können, ist fraglich. Entstanden ist das Stück, wie oft bei Koohestani, aus einer Eigenerfahrung. Auf der Suche nach der Vorlage für ein neues Stück an einem deutschen Theater las der Regisseur vor ein paar Jahren Anna Seghers' Flüchtlingsroman, als er auf der Durchreise nach Chile auf dem Münchener Flughafen festgehalten, verhört und in sein Heimatland zurückgeschickt wurde. Ein aus Versehen für ihn doppelt ausgestelltes Visum mit unterschiedlichen Daten war seit ein paar Tagen abgelaufen.

Das erinnert tatsächlich an den bürokratisch absurden Hürdenlauf um Papiere in Anna Seghers' Roman. Die endlosen Gänge durch die Marseiller Gassen auf der Flucht vor den Nazis hat der Regisseur in die cleane Welt des Schengen-Europa katapultiert. Statt am unschuldig zwischen den Häusern glitzernden Wasser endet der Weg in Koohestanis Stück zwischen den blitzblanken Glaswänden unserer zeitgemäßen Migrationsbehörden. Transparenz, ordnungsgemäße Abläufe und kalte Höflichkeit heißen fortan die Grenzen, an denen die Exilantenträume auflaufen.

Transit Magali Dougados uSpiel mit Projektionen zwischen vergangenen und zeitgenössischen Fluchterfahrungen: Danae Dario in der Großaufnahme © Christophe Raynaud de Lage

Im leeren Raum zwischen Kameras, automatisch sich öffnenden oder schließenden Glastüren und sonst diskret grauem Nichts steht auf der Bühne (Szenografie: Éric Soyer) einsam ein metallener Rollkoffer. Nein, sie wolle nicht von den Nazis erzählen, versichert die Regisseurin, die vor ihrer Abschiebung gerade in diese "Waiting Area" des Flughafens eingewiesen wurde. Das Marseille von 1943 sei nur der Hintergrund für ihr neues Stück. Die Handlung von "Transit" telefoniert sie kurz per Handy dem Dramaturgen durch, zu dem sie nun nicht mehr reisen kann. Den Koffer hingegen muss sie einstweilen zurücklassen. Oder ist es gar nicht ihrer? Ist es jener, in dem der Emigrant Seidler in Anna Seghers' Roman das Manuskript eines vor den Nazis fliehenden Schriftstellers transportierte und der hier seither einfach stehen blieb?

Im Dschungel der Behörden

Schalterbeamte, Polizisten, Reisepassagiere und Flüchtlinge arbeiten sich, von den vier Darstellerinnen Danae Dario, Agathe Lecompte, Khazar Masoumi und Mahin Sadri im fliegenden Wechsel solide gespielt, auf der Bühne mit ihren eigenen Projektionsbildern auf Wänden und Glastüren durchs Labyrinth der Geschichten zwischen damals und heute.

Eine Anwältin vermittelt als epochenübergreifende Priesterin oder Agentin der Fluchthilfe zwischen den Schicksalen. Sie steht vor allen Polizeiämtern, Konsulaten und Flüchtlingslagern, kennt Gesetzeslücken und juristische Schleichwege und bietet ihre Hilfe an. Doch sie hat es schwer. Die endlosen Bittgänge um Transit-Visa und sonstige Papiere damals wie heute geraten zum kaum durchschaubaren Verwirrspiel, für die Anwältin wohl kaum weniger als für uns Zuschauer.

Todesschüsse auf der Flucht

Gelegentlich entführt uns die Handlung mit Zeitsprüngen in reizvolle tragikomische Dystopien, wenn etwa eine Frau auf der Flucht 1943 vor den Nazis sich von ihrer Mitinhaftierten, der iranischen Regisseurin, das seltsame Gerät erklären lässt, in das diese permanent hineinspricht, und sie dann bittet, ob sie damit vielleicht auch mal kurz ihren potenziellen Lebensretter in Amerika anrufen darf. Aber der Gesprächspartner am anderen Ende des Handys bedauert: Der Gesuchte sei sein Großvater gewesen und der sei leider 1955 verstorben. Einmal fällt draußen ein Schuss. Ein Ausreißer habe die Polizei gezwungen, auf ihn zu schießen, klärt eine Beamtin die anderen erschrockenen Häftlinge auf. Und nachgeholfen wird mit einem Zitat aus Seghers Roman: Manchen sei der Tod lieber als der Freiheitsentzug.

EnTransit5 805 Christophe Raynaud de Lage uIm Bühnenbild von Éric Soyer: Khazar Masoumi und Mahin Sadri © Christophe Raynaud de Lage

Wohl wird auch in den heutigen Warteräumen und Abschiebehallen, in welche Koohestani sein Alter Ego versetzt, für die Freiheit mitunter gestorben. Dort geschieht das aber mit anderen Mitteln. Eine diabetische Exilantin verzehrt im Stück gierig ein Crème-Törtchen. Das wirkliche und massive Sterben findet heute draußen statt, auf Meeren, in Wüsten oder Wäldern, bevor die sauberen Orte der Exilantenerfassung mit Kameras und automatischen Glastüren überhaupt erreicht sind.

Wenn der Roman "Transit" hier als Hintergrund für die Gegenwart herhalten soll, dann hatte Koohestani in seinem Stück ein Problem mit der Schärfeneinstellung. Solche in die Vergangenheit zurückprojizierten Eigenfiktionen bekommen erst klares Profil, wenn der Fokus auf die Kontraste statt auf die vage assoziierten Ähnlichkeiten gesetzt ist.

 

En Transit
von Amir Reza Koohestani und Keyvan Sarreshteh
frei nach dem Roman "Transit" von Anna Seghers
Übersetzung und Adaption: Massoumeh Lahidji
Text: Amir Reza Koohestani, Keyvan Sarreshteh, Regie: Amir Reza Koohestani, Bühnenbild und Licht: Éric Soyer, Video: Phillip Hohenwarter, Musik/Komposition: Benjamin Vicq, Kostüme: Marie Artamonoff, Regieassistenz: Isabela De Moraes Evangelista.
Mit: Danae Dario, Agathe Lecomte, Khazar Masoumi, Mahin Sadri.
Premiere am 23. Februar 2022 an der Comédie de Genève
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.comedie.ch
www.festival-avignon.com

Kommentare

Kommentare  
#1 En Transit, Avignon: Re-Enactment?Georg Hofmann 2022-07-11 09:04
Habe "En Transit" als etwas bemühtes Reenactment der Thalia Theater-Produktion "Transit" empfunden mit der Amir Koohestani letztes Jahr das Weimarer Kunstfest eröffnet hat. Was in Weimar mit drei Spielern nah am Text eindrücklich funktionierte, zerfloss in Avignon mit vier Schauspielern (plus Kunstfigur "Koohestani") im Assoziativen.

Kommentar schreiben