Die Streiche des Harlekin

9. Juli 2022. "Ma jeunesse exaltée" – meine ausgelassenen Jugendjahre – heißt das Stück, mit dem sich Olivier Py nach acht Jahren Festspielleitung aus Avignon verabschiedet. Ein großer Narrenspaß wider die Mächtigen in Politik, Kirche und Wirtschaft. Zehn Stunden dauert das Spiel der Harlekiniserung der Welt und Vergötterung des Theaters.

Von Joseph Hanimann

9. Juli 2022. Die in der Aufführung auf einem schmucklosen Ständer am Bühnenrand brennende Lampe muss man wohl als Abschiedsbotschaft verstehen. "Servante" ist auf Französisch das Wort für jenes ewige Lichtlein, das in den Theaterhäusern, selbst wenn sie geschlossen sind, nie verlischt. Und "La Servante" hieß 1995 auch das 24 Stunden dauernde Stück, mit dem Olivier Py und seine Truppe zum ersten Mal nach Avignon kamen und eine Woche lang rund um die Uhr spielten.

Py kam danach mehrmals wieder mit seinen eigenen Stücken, groß angelegten Texten oder feuilletonistischen Schnipseln. Seit 2014 leitet er das Festival. In seinem neuen Zehn-Stunden-Stück "Ma jeunesse exaltée" (Meine ausgelassenen Jugendjahre) steht jene Lampe nun wiederum da, am selben Spielort vor derselben Kulisse seines treuen Bühnenbildners Pierre-André Weitz. Es ist Pys letzte Eigenproduktion als Festivalleiter. Nach diesem Sommer wird er das Amt an seinen Nachfolger Tiago Rodrigues abgeben. Ein Kapitel von Avignon geht damit zu Ende.

Verheißungen des absoluten Theaters

Es gab mehrere bedeutende Festivaldirektoren seit der Gründung 1947 durch Jean Vilar. Keiner war aber mit dieser Festspielstadt so leidenschaftlich verbunden wie Olivier Py. Avignon war für ihn ein Auftrag, eine Hingabe, ein Schicksal, die Verheißung einer bestimmten Art von Theater: eines Theaters, das nicht nur darstellen, bezeugen, kritisieren, anklagen oder die Welt verändern, sondern den Glauben in ein politisch, religiös oder wie auch immer geartetes Absolutes neu entfachen will. Das ist auch das Thema im neuen Stück "Ma jeunesse exaltée".

Ma jeunesse 5 Christophe Raynaud de Lage Festival dAvignon uDie Spitzen der Gesellschft werden aufs Korn genommen. © Christophe Raynaud de Lage

Schlechtes Theater sei ein Theater, das zeige, wie schlecht die Welt sei, philosophiert in seiner Klause ein gealterter und vergessener Dichter namens Alcandre vor sich hin. Er bestellt täglich eine Pizza und glaubt im jungen Lieferanten mit seinen Sprüchen – „Pizza ist umgekehrte Eucharistie: Sie trennt und tötet“ – einen Geistesverwandten in Gestalt eines neuen Harlekins zu erkennen. Die beiden tun sich zusammen. Der Alte will dem Jungen helfen, die Welt zu harlekinisieren. Der Pizza-Austräger wird ins neue buntscheckige Kleid gesteckt und es gelingt ihm, eine kleine Theatertruppe um sich zu scharen. Die Streiche können beginnen.

Ulk mit einem verschollenen Rimbaud-Gedicht

Mit einem angeblich bisher unbekannten Rimbaud-Gedicht erweckt die kleine Gemeinde Aufsehen und es gelingt ihr, den Kulturminister, einen Prälaten und einen milliardenschweren Medieninhaber für das Gedicht zu interessieren. Der Minister verspricht sich davon politische Ausstrahlung, der Kardinal die kirchliche Vereinnahmung eines Skandaldichters und der Medienkapitalist – "Ich privatisiere eure Wünsche und publiziere eure Schicksale" – lukrative Vermarktung. Alle drei fallen auf den Ulk herein und schwören dann gemeinsam, diesen Harlekin mitsamt seinem Mentor zu liquidieren.

"Harlekins Jugend", "Harlekins Verrat", "Harlekins Tod" und "Harlekins Triumph" heißen die vier Teile des Spektakels in Anspielung auf die Struktur, die schon 1995 "La Servante" prägte.

Ohne Gott sind wir nichts als der Scheißdreck des Alls

Was in jenem Stück emphatisch als Vermächtnis eines gealterten Schauspielers an die junge Nachfolgegeneration daherkam, kehrt hier satirisch schrill in Harlekins Narrenkleid wieder. Der Sinn ist derselbe. Das kurzlebige Theater soll den Rocksaum der Ewigkeit streifen. "Das Metaphysische quoll schon immer aus den Scherzen des Dichters Alcandre und aus dem Buntfleckenkleid seines Gesellen", schwärmt die Tragödiendarstellerin Theodora und angebliche Mutter Harlekins.

Auch hadert im ganzen zweiten Akt unter dem Titel "Harlekins Verrat" die feministische Nonne Viktoria mit der Kirche, mit dem Theater und mit Gott. Ohne ihn seien wir nichts als der Scheißdreck des Alls, argumentiert sie gegen Harlekins permanenten Unernst. Denn der Luftikus lässt sich von den Mächtigen vereinnahmen und wird Direktor des Pariser Odéon-Theaters.

Ma jeunesse 3 Christophe Raynaud de Lage Festival dAvignon uKostüm- und Bühnenbild schuf Pierre-André Weitz © Christophe Raynaud de Lage

Später rächt er sich an ihnen, indem er den Kulturminister seinem Berater öffentlich den Arsch versohlen, den Kardinal in Schwester Viktorias Unterhöschen einen Tanz aufführen und den Medienbesitzer auf offener Bühne kacken lässt – dies alles natürlich live mitgefilmt und in die Social Media gebracht. Da Olivier Py in seinen barocken Stücken stets metaphysisch hoch hinauswill, muss er das Geschehen mit sexuell und fäkalisch krassen Einlagen auf den Boden zurückholen.

Genialisch geschwätziges Theater

Sein genialisches oder geschwätziges – vielmehr: sein genialisch geschwätziges Theater verläuft sich gern in Pathos, albert mit pointierten Formulierungen, purzelt durch Klischees, fällt aber doch immer wieder sinngewaltig auf die Füße. Und das an Kraft überbordende Spiel seiner Darsteller, allen voran Bertrand de Roffignac als Harlekin und Xavier Gallais als Alcandre, hält die Zuschauer trotz langsam sich ausdünnendem Saal einen Nachmittag und die halbe Nacht lang bei Spannung.

Ma jeunesse 4 Christophe Raynaud de Lage Festival dAvignon uHarlekins Spielgenossen proben Streiche in Abwesenheit des Meisters © Christophe Raynaud de Lage

Was dabei fehlt? Ein archimedischer Punkt der Verbindlichkeit für das Theater. Wenn Theater so etwas wie ein Gottesersatz sein soll in einer materialistisch entmaterialisierten Digitalwelt, und wenn Harlekin seine Verkörperung ist, dann ist angesichts dieser Absolutheit in ihrer permanenten Verstellung auf nichts mehr Verlass. Blut bleibt auf der Bühne Theaterblut, mag auch Schwester Viktoria in den Stigmata der Heiligen wahres Blut sehen.

Und wenn Harlekin sich zuletzt das Herz aus der Brust reißt und an die Kulisse nagelt, ist es ein Plastikherz, und es folgt auf den Akt "Harlekins Tod" der Schlussakt "Harlekins Triumph". Dieses Problem hat Olivier Py im Stück zwar vorgesehen. "Ich hasse Harlekin, weil er für alles zu haben ist", lässt er seine Hauptfigur an der Rampe brüllen. Eines Tages, wenn er die Spielleitung in Avignon seinem Nachfolger übergeben haben wird, wird er uns dieses Rätsel aber aufklären müssen.

 

Ma jeunesse exaltée
von Olivier Py
Regie und Text: Olivier Py, Bühne, Kostüme und Make-up: Pierre-André Weitz, Licht: Bertrand Killy, Sound: Rémi Berger Spirou, Originalsongs (Text und Komposition): Olivier Py, Komposition und Percussions: Julien Jolly, Komposition and Arrangements: Antoni Sykopoulos, Regieassistenz: Guillaume Gendreau, Assistenz Kostümbild: Nathalie Bègue.
Mit: Olivier Balazuc, Damien Bigourdan, Céline Chéenne, Pauline Deshons, Emilien Diard-Detoeuf, Xavier Gallais, Geert van Herwijnen, Julien Jolly, Flannan Obé, Eva Rami, Bertrand de Roffignac, Antoni Sykopoulos.
Premiere am 8. Juli 2022
Dauer: 10 Stunden, 3 Pausen

www.festival-avignon.com

 

Kritikenrundschau

"Pathos, Spielfreude und Spielwut, Bewegung", kurz: "ein einziges gewaltiges Metapherngewitter" vermeldet Eberhard Spreng in seinem Gesamtblick auf das Festival d'Avignon von Olivier Pys Abend im Deutschlandfunk (14.7.22). Am Ende der programmatischen Arbeit des Autors, Regisseurs, Festivaldirektors und "Fundamentalkatholiken" sei "das Theater neu erfunden" worden, konstatiert er.

 

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