Was aber ist mit all dem Ungesagten?

von Maja Weber

Osnabrück, 6. Dezember 2008. Theater im Dunkeln – nur hören? Die Idee des experimentellen Theaterensembles Limited Blindness fand am 3. September dieses Jahres in Kiel viel Beachtung: der Kieler Matrosenaufstand von 1918 war mit originalen Tagebucheinträgen, Zeitzeugenberichten und Archivmaterial inszeniert und in völliger Dunkelheit im Kieler Flandernbunker aufgeführt worden.

Für die einen ein Kunstgriff, um "Kopfkino" stattfinden zu lassen – die Gruppe plant eine Serie von Produktionen unter dem Titel "Kino der Freiheit" – vielleicht, um die gedankliche Zeitreise nicht zu überfrachten, vor allem, um im Theater mit anderen als den alltäglichen und gewohnten Sinneswahrnehmung zu arbeiten. Für blinde Menschen allerdings das erste Theaterstück, das sie auf eine Stufe mit sehenden Zuschauern stellte.

Das Unsichtbare live beschreiben

Theater für Blinde – natürlich, mag man denken, bei dialoglastigem Sprechtheater kein Problem, man hört ja alles. Alles, was ausgesprochen wird, ja. Was aber ist mit dem Bühnenbild, besonderem Licht, der Körpersprache, Kostümen und der Mimik der Schauspieler? Und was ist mit all dem Ungesagten, Unhörbaren, also dem Zauberhaften, dem Gesamtkunstwerk einer Theaterszene? All dies bleibt lautlos.

Es ist jung, das Theater für Blinde in Deutschland. Gerade einmal vor zehn Jahren gab es den ersten Versuch, Theater Sehbehinderten und Blinden per Audiodeskription, der akustischen Bildbeschreibung, zugänglich zu machen: im Juni 1999 wurde Onkel Wanja in der Inszenierung von Andrea Breth an der Berliner Schaubühne dem nicht sehenden Publikum über Infrarotkopfhörer live beschrieben. Federführend hierbei war die DHG, die Deutsche Hörfilm gemeinnützige GmbH, eine Tochterorganisation des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes, die sich seit 1998 für die Barrierefreiheit von Kultur engagiert. 2004 betreute die DHG das Folgeprojekt: Beim Festival für Performance, Tanz und Theater "in transit 2004" gab es das erste eigens für Blinde – unter Mitwirkung einer blinden Tänzerin – konzipierte Stück "mach die augen zu und fliege oder krieg böse 5".

Maßstäbe der Audiodeskription

Damals sprach ein Schauspieler des Ensembles von Armin Petras den Text, der zur Performance geschrieben worden war. Für die Blinden selbst blieben dabei viele Fragen offen, erinnert sich eine nicht sehende Besucherin, denn die Maßstäbe der Audiodeskription waren bei dem ästhetischen Text nicht angewandt worden. Das erst zweite Stück, das eine laufende Spielplaninszenierung audiodeskribierte, war Kleists im Oktober 2004 in Kiel aufgeführtes "Käthchen von Heilbronn oder Die Feuerprobe" am Kieler Schauspielhaus. Hier trat erstmals der 2000 gegründete Verein Hörfilm e.V. in Erscheinung, dessen Autoren als Filmbeschreiber arbeiten. Hela Michalski erstellte in einem Team von drei Beschreibern eine Audiodeskription in Zusammenarbeit mit dem Kulturforum Blickfrei.

Das Dreierteam, bestehend aus zwei Sehenden und einer blinden Person, verfasste in enger Zusammenarbeit mit Ensemble und Regisseur vor Ort eine Art Drehbuch, das nüchtern alle geräuschlosen, nonverbalen Vorgänge auf der Bühne aufzählte und während der Vorstellung live gelesen wurde. "Erst dann gebe ich mich zufrieden, wenn in meinem Kopf auch ein Bild entsteht", sagt Hela Michalski. Das Entscheidende sei, die visuellen Eindrücke sprachlich adäquat zu übersetzen, bestätigen die fünf Teams, die bei Hörfilm e.V. ehrenamtlich arbeiten. Ohne Interpretation. Deswegen auch das Dreierteam, erklärt Anke Nicolai, die Vorsitzende des Vereins. Die beiden sehenden Deskriptoren objektivieren einander, der oder die Blinde ist dann eine Art Kontrollorgan. "Jeder sieht das, was er sehen will", sagt Anke Nicolai, "man selektiert automatisch."

In die sehende Welt eintauchen lassen

Konkret läuft der Deskriptionsprozess so ab, dass die Beschreiber die Aufführung eines Stückes sehen, sich Notizen machen und dann anhand einer Videoaufnahme ihr Deskriptions-Drehbuch erstellen. "Eine Szene sehen wir uns mindestens dreimal an, entscheiden, was ist wichtig, was können und was wollen wir sagen", erklärt Nicolai. Die Beschreibungen sind durchaus detailliert, ob ein Lächeln schüchtern oder verführerisch ist, muss erwähnt werden, und auch, ob sich die Darsteller zwischen den Szenen umziehen. Natürlich wird sie nie das Blau oder Rot treffen, an das sich ein erblindeter Mensch aus seiner "sehenden" Zeit erinnert, das räumt Anke Nicolai ein.

Auch andere Details der Körpersprache wie ein stilles Schleichen oder eine Umarmung zu erwähnen gehört dazu. Nicolais Kollegin Heide Völz hat den Text zum "Käthchen von Heilbronn" gesprochen und weist auf ein spezifisches Theatermoment hin: Man müsse manchmal sehr schnell reagieren, "schnell schneller reden" beziehungsweise lesen, dann nämlich, wenn auf der Bühne spontan etwas anderes passiert, als das, was in den Proben oder Aufführungen zuvor festgesetzt worden war. Blinde und Sehbehinderte – ob sie nun erblindet oder geburtsblind sind – in die sehende Welt eintauchen zu lassen, ist Anke Nicolais erklärtes Ziel.

Kultur allgemein und Theater im besonderen Blinden und Sehgeschädigten zugänglich, also barrierefrei zu machen, ist die eine Seite der Integration von Blinden in die Gesellschaft. Die andere benennt Holger Schultze, der Osnabrücker Intendant, in dessen Haus schon zwei Produktionen für Erwachsene mit Audiodeskription gelaufen sind. Ihn fasziniert aus Sicht des Theaterschaffenden, welche Aufgaben Theater übernehmen kann. "Dass diese Menschen in der Gesellschaft wahrgenommen werden finde ich ungeheuer wichtig", sagt er, und berichtet von Gesprächen mit Blinden. "Es gibt kaum eine Öffentlichkeit für Blinde." So sei es nicht verwunderlich gewesen, dass zu seiner Faust-Inszenierung 2007 die Menschen aus ganz Deutschland angereist kamen.

Die erste Audiodeskription für Kinder

Blindenhunde gibt es für Erwachsene, sehbehinderte und blinde Kinder sind auf ihre Eltern angewiesen, auf eine Hand, die sie führt. Und auf eine Stimme, die ihnen das Weihnachtsmärchen im Theater, in Osnabrück ist es in diesem Jahr "Pinocchio", nahe bringt. Es ist bundesweit die erste Audiodeskription für Kinder und Anke Nicolai ist gespannt auf die Reaktionen der blinden Kinder. "Wir verfechten ja das Prinzip der objektiven Beschreibung", sagt sie und lächelt etwas schief, "aber hier ist es unumgänglich, dass es etwas narrativer wird." Sie müsse mehr erzählen als beschreiben, sagt die 32-Jährige, es sei anders als bei Erwachsenen, die sich schnell bevormundet fühlten.

"Kinder stellen ganz andere Fragen, wenn plötzlich ein Bühnenelement auf die Bühne herabgelassen wird, und ich sage 'ein Glashaus schwebt herab', fragen die sich, ob das Haus nicht vielleicht Flügel hat!" Anke Nicolai hat mit einigen Eltern blinder Kinder gesprochen, sie direkt zu einer Szene mit einem Schattenspiel befragt: Für geburtsblinde Kinder sei ein Schattenspiel nicht vorstellbar. "Ich muss dann beides anbieten, sagen, dass es ein Schattenspiel gibt und beschreiben was passiert". Denn das Kinderpublikum ist anspruchsvoll und – heterogen. Die Wahrnehmung der Kinder ist je nach Förderung durch Eltern, Erzieher und Lehrer besser oder schlechter ausgebildet.

Stumme Szenen, erstarrte Bilder

Hilfreich bei "Pinocchio" seien die vielen, sehr eindeutigen Geräusche gewesen, erklärt Anke Nicolai, das Hämmern in der Werkstatt Ghepettos, das Klappern von Pinocchios Holzpantoffeln und die klare und einfache Sprache der Figuren. Doch obwohl Regisseurin Tanja Richter bereits mit Blick auf eine spätere Audiodeskription gearbeitet hat, gibt es viele stumme Szenen, erstarrte Standbilder, die ausschließlich durch Körperhaltung und Mimik wirken.

Dann heißt es zum Beispiel "'sie gehen los' aber die Figuren bleiben stehen", beschreibt Anke Nicolai das Verharren in einer Pose, die natürlich lustig aussieht – nur würde es zu weit führen, alle Einzelheiten dieses Standbildes aufzuzählen. Anke Nicolais Beschreibung für Pinocchio ist knapp und präzise: kein klassischer Erzählton, trotz des narrativeren Charakters der Audiodeskription für Kinder. Sie arbeitet während der Vorstellung konzentriert, wie immer. Nur zuweilen liegt ein kleines Lächeln in ihrer Stimme. Sehen können es die Kinder nicht. Aber hören.

 

Pinocchio - Ein Stück Holz
von Jürgen Popig nach Carlo Collodi
Regie: Tanja Richter, Bühne und Kostüme: Petra Winterer, Musik: Fritz Feger und Christian Jung. Mit: Dominik Lindhorst, Alexander Jaschik, Verena Mörtel, Joachim Eilers, Moritz Gabriel, Pia Röver.
Vorstellungen mit Audiodeskription 7. und 8. Dezember 2008

http://theater.osnabrueck.de
www.hoerfilmev.de

Chronologie der bisher mit Audiodeskription versehenen Inszenierungen (was pro Produktion etwa € 10.000 kostet): Juni 1999: Onkel Wanja von Anton Tschechow (Andrea Breth), Schaubühne Berlin; Juni 2004 mach die augen zu von Armin Petras (Armin Petras), Maxim Gorki Theater; Oktober 2004 Das Käthchen von Heilbronn von Heinrich von Kleist, Theater Kiel; Februar 2005 Miss Sara Sampson von Gotthold Ephraim Lessing (Stephan Rottkamp), Münchener Kammerspiele, Mai 2006 Warten auf Godot von Samuel Beckett (George Tabori), Münchener Kammerspiele; Juni 2006: Cyrano de Bergerac von Edmond Rostand (Henning Bock), Theater Osnabrück; 2007 Faust I von Johann Wolfgang von Goethe (Holger Schultze), Theater Osnabrück; Oktober 2006: Hamlet von William Shakespeare, Schauspielhaus Kiel, Februar 2007: Der gestiefelte Kater, Schülertheater Hermann-Tast-Gymnasium Husum; September 2007 Was Ihr wollt von William Shakespeare (Horst Hawemann), Theater Konstanz; Oktober 2007 Der Volksfeind von Henrik Ibsen, Schleswig-Holsteinisches Landestheater; April 2008 Frau Luna, Operette von Paul Lincke (Bernd Motti), Theater Heidelberg; September 2008 Der Gott des Gemetzels von Yasmina Reza (Susanne Eberth), Stadttheater Rendsburg; Dezember 2008 Pinocchio nach Carlo Collodi (Tanja Richter), Theater Osnabrück.

 
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