Love Parade

15. Juli 2022. Bedingungsloses Grundeinkommen? Bedingungsloses Gefühl! "Respublika" von Łukasz Twarkowski & Team ist eine Mockumentary über ein Kollektiv, das mit Hilfe von Techno versucht, freie Liebe in Frieden zu leben und zu spreaden. Deutschland-Premiere war passenderweise im Münchner Utopia.

Von Georg Kasch

15. Juli 2022. Mit Utopien ist es so eine Sache. Wenn sie sich realisieren ließen, wären sie keine Utopien mehr. Dennoch versuchen sich die Menschen an ihnen. Wie die Gruppe von "Respublika". 2020 zog sie sich für ein Jahr in die litauischen Wälder zurück, um eine Kommune mit bedingungslosem Grundeinkommen zu schaffen – und scheiterte. Nun, 2025, versuchen sie es mit bedingungslosem Gefühl und mit Beziehungen. Und denken sich die Angelegenheit mobil: Sie wollen mit ihrer gelebten Utopie und befreienden Raves herumreisen, Menschen einladen.

So geht die Erzählung der immersiven Mockumentary "Respublika", die Regisseur Łukasz Twarkowski und sein Team am Litauischen Nationalen Dramentheater erarbeitet haben und nun an den koproduzierenden Münchner Kammerspielen zeigen. Darauf, dass die Geschichte so ganz nicht stimmen kann, verweist ja schon das Jahr 2025. Aber auch die Bauten Fabien Lédés im Münchner Utopia, der einstigen Reithalle in der Heßstraße, die an ein Filmstudio erinnern: Mehrere Kuben aus Stahlträgern und Sperrholz beherbergen detailverliebt ausgestattete Zimmer, eine funktionierende Küche, eine ebenso funktionierenden Sauna mit improvisiertem Mini-Pool. Am Ende der Halle öffnet sich eine Tanzfläche mit DJ-Pult. Außerdem gibt es Plattformen, von denen man aus dem Treiben unten zuschauen oder die LED-Wände im Blick behalten kann, wo läuft, was in den einzelnen Räumen gespielt wird, gemischt mit vorproduziertem Material.

Konzentration aufs Scheitern

Da verdreschen sich nackte Performer in der Sauna mit Birkenreisern und reden über ihre Gefühle den Frauen der Gemeinschaft gegenüber. Da liegt ein Paar im Bett und versucht herauszufinden, wer egoistischer tickt. Da beschwert sich eine Frau, dass sie die einzige sei, die Energie sparen würde. Immer wieder demonstrieren Gruppenszenen, wie jede noch so gute Idee im Kollektiv zerredet und zerrieben wird. Kann natürlich auch an der Qualität der Idee liegen. Von gescheiterten und möglichen Utopien berichten auch Schriftfelder, die gelegentlich über die Bildflächen laufen, von Diogenes über die Paulava-Republik (die vielleicht auch nur eine Vorform des Kapitalismus war) und ein kanadisches Experiment mit bedingungslosem Grundeinkommen in den 70ern bis hin zu einem Frankreich, das Mitte des Jahrhunderts unter einer Präsidentin zum sicheren Hafen für Klimaflüchtlinge werden wird.

Respublika 1 805 Andrej Vasilenko uKollektiv im Schaufenster: "Respublika" © Andrej Vasilenko

Stark wird "Respublika" immer dann, wenn die Bilder und die Musik zu taumeln beginnen, die Menschlein in ellenlangen Plansequenzen durch die gesamte Halle jagen, sich schütteln und aufbäumen, stürzen und von Paweł Sakowicz in streng choreografierte Begegnungen gebracht werden (was momentweise an Kay Voges "Borderline Prozession" erinnert). Dann zuckt’s einem auch selbst in den Gliedern. Oder wenn Filmbilder von altmeisterlicher Schönheit entstehen. Einmal begegnet die Gemeinschaft in historischen Kostümen (voraufgezeichnet) ihren Live-Doubles in der Jetztzeit – das wirkt, als würde ein niederländisches Gruppengemälde des Goldenen Zeitalters lebendig.

Mit Vierter Wand

Solche Momente, in denen der Abend an der Vierten Wand kratzt, alles als Spiel entlarvt, gibt es öfter. Nur helfen sie nicht unbedingt dabei, sich auf diese andere Welt einzulassen, wie es etwa SIGNA-Abende immer wieder einfordern. Man kann schon versuchen, mit den Performer:innen, die gerade nicht in den Live-Dreh involviert sind, ins Gespräch zu kommen. Nur bleibt das angerissen, oberflächlich. In den ersten vier Stunden zumindest sitzt das Publikum meist vor den Leinwänden und versucht, das Narrativ zu entschlüsseln.

Die Texte dazu stammen von Joanna Bednarczyk, in Deutschland bekanntgeworden als Dramaturgin Ewelina Marciniaks. Manchmal klingen sie angenehm vernuschelt, wie improvisiert, dann wieder wirken die Gefühlsoffenbarungen weinerlich wie Sirup-Tschechow. Gerade gegen Ende neigen sie dazu, alles auf den Tisch zu packen, kein Geheimnis offen zu lassen. Die Übertitel entlarven jegliche mögliche Spontaneität umgehend als Fiktion.

Hedonistisches Versprechen

Bleibt der Rave, der schon während des Abends in den durchinszenierten Pausen wummerte und in den letzten zwei Stunden die Herrschaft übernimmt. "Bewusstsein durch Musik geordnet", formuliert einmal jemand diese Utopie. Es ist ein hedonistisches Versprechen, das sich nicht einlösen wird (oder wenn, dann auf eine höchst individuelle, nicht nachprüfbare Art). Immerhin: Hier findet der Abend eine Direktheit, eine Sinnlichkeit, hier entfesseln sich auch die Bilder derart, dass man den Krampf mit den Utopien leichten Herzens vergisst.

Respublika
Immersive Performance von Łukasz Twarkowski & Team
Regie: Łukasz Twarkowski, Produktion : Vidas Bizunevičius, Text, Dramaturgie: Joanna Bednarczyk, Bühnenbild: Fabien Lédé, Video Design: Karol Rakowski, Adomas Gustainis, Choreografie: Paweł Sakowicz, Komposition: Bogumił Misala, Kostüme: Svenja Gassen, Licht Design: Julius Kuršys, Dainius Urbonis, Bühnentechnik: Karolis Juknys, Regieassistenz: Eglė Švedkauskaitė, Dramaturgieassistenz: Simona Jurkuvėnaitė, Bühnenbildassistenz: Rokas Valiauga, Kinematografie: Simonas Glinskis, Sound Design: Karolis Drėma, Adomas Koreniukas, Lichttechnik: Edvardas Osinskis, Dainius Urbonis, Videotechnik: Adomas Gustainis, Kamera: Šarūnas Liudas Prišmontas, Naglis Kristijonas Zakaras, Ričard Žigis, Schnitt: Vytenis Kriščiūnas, Produktionsassistenz: Lukrecija Gužauskaitė, Übersetzung: Vyturys Jarutis.
Mit: Diana Anevičiūtė, Algirdas Dainavičius, Jan Dravnel, Airida Gintautaitė, Ula Liagaitė, Martynas Nedzinskas, Valentinas Novopolskis, Augustė Pociūtė, Gediminas Rimeika, Rytis Saladžius, Rasa Samauolytė, Nelė Savičenko, Vainius Sodeika, Komi Togbonou.
Deutschland-Premiere am 15. Juli 2022
Dauer: 5 Stunden 45 Minuten, drei inszenierte Pausen

https://www.muenchner-kammerspiele.de

Kritikenrundschau

"Irritierend wohl" fühlte sich Egbert Tholl von der Süddeutschen Zeitung (15.7.22) im "immersiven Theater" bei "Respublika". Da sei – "und das ist zunehmend umwerfend" – eine "ganz große Ratlosigkeit", schreibt der Kritiker und konstatiert: "Da wirkt nichts mehr gespielt, das ist alles vollkommen ehrlich, da trifft die Wahrheit der Aporie das eigene Selbst."

"Die Kammerspiele forderten zuletzt immer wieder den autonomen, sich zum Geschehen bewusst verhaltenden Zuschauer", schreibt Michael Schleicher im Merkur (15.7.22). Doch so frei wie hier sei das Publikum noch nie gewesen. "'Respublika' ist, was man daraus macht: banal oder begeisternd", konstatiert der Kritiker.

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