Alte Namen, alte Methoden

18. Juli 2022. Die meisten russischen Theater haben eine Spielzeit abgeschlossen, die sich als außergewöhnlich ergiebig erwiesen hat. Allerdings nicht unbedingt in Bezug auf künstlerische Ereignisse, sondern in Bezug auf personelle und strukturelle Entscheidungen: Denn damit wurde in Russland einer Blütezeit des Theaters ein abruptes Ende bereitet.

Von Alla Shenderova

18. Juli 2022. Alle personellen Veränderungen, auch die jüngsten, lassen sich auf die folgende Kurzformel bringen: Es gibt in Russland nicht nur einen Wechsel des Theaterparadigmas, sondern es ändert sich auch das Modell des Theatermanagements. So besteht ein typisches Merkmal der neuen russischen Theaterpolitik darin, dass loyale, dem Staat ergebene Theaterleiter:innen gewaltsam in prominenten Theaterhäusern mit starkem eigenen Profil installiert werden.

Agierten dem Staat ergebene Theaterleiter zu Sowjetzeiten in der Regel als "loyale Soldaten der Kommunistischen Partei", haben wir es jetzt mit "ziemlich besten Freunden" von Leuten zu tun, die sich an den Interessen ihrer politischen Förderer orientieren. Ihren Aufgaben sind – neben der Unterdrückung von Antikriegserklärungen oder der Berichterstattung an ihre Führungsoffiziere beim Inlandgeheimdienst FSB – ebenso destruktiv wie vage, so wie es Putins Kulturpolitik insgesamt ist.

Unliebsames wird ersetzt

Rückblickend kann man feststellen, dass die Moskauer Kulturfunktionäre bei ihren jüngsten Maßnahmen instinktiv auf die stalinistische Praxis zurückgriffen, ästhetisch stark profilierte Theaterkompanien durch Fusionen faktisch zu nivellieren. Ebenso unnatürlich wie der aktuelle Zusammenschluss des Meyerhold-Zentrums und der Hochschule für Schauspielkunst war etwa 1937 die Fusion von Alexander Tairows stark ästhetisierendem Moskauer Kammertheater mit Nikolai Okhlopkows "Realistischem Theater" und seinem Fokus auf soziale Kunst auf großer Bühne.

In diesem Sinne ersetzen staatliche Stellen aktuell nicht nur einige unliebsame Regisseure, sondern auch diejenigen, die mit ihnen zusammengearbeitet haben. Zu den neuesten Nachrichten gehört, dass einer der stärksten Theatermacher, Alexander Stulnev, der fast vier Jahre lang mit dem in Russland unerwünschten Mindaugas Karbauskis zusammengearbeitet hat, als Intendant des Majakowski-Theaters entlassen und durch seine ehemalige Stellvertreterin Ekaterina Lapshina ersetzt wurde.

Zusammen mit Aleksei Agranovich (der Kirill Serebrennikov folgte, als dieser ins Visier staatlicher Ermittlungen geriet, aber dessen Kurs fortsetzte) wurde gerade auch Aleksei Kabeshev, der Leiter des Gogol-Zentrums, entfernt. Und zusammen mit Viktor Ryzhakov muss auch Tatiana Baranova ihren Posten als Intendantin des Sovremennik-Theaters räumen. Das Sovremennik wird nun von einem künstlerischem Leitungskollektiv geführt, aber mit nur einem Direktor – Yuri Kravets – "einem erfahrenen Manager" (wie man zu Sowjetzeiten zu sagen pflegte).

Brachiale Entwicklung

Man kann darauf wetten, dass Alexander Bocharnikov, der ehemalige Direktor der Nowosibirsker Philharmonie und neue Geschäftsführer des "Gogol Theaters", bereits mehr Einfluss hat als Anton Yakovlev, der als Künstlerischer Leiter mit ihm gekommen ist, obwohl die Karriere des letzteren noch jede Menge Wendungen nehmen könnte. Denn Yakovlev bekommt seinen Posten nicht einfach am Gogol Center, dessen Name nämlich "annulliert" wurde. Es wurde in "Gogol Theater" zurückbenannt.

AbbauLogoGogolCenter cSocialMediaAbbau des Logos des Gogol-Centers. Quelle: Social MediaSo, wie es früher einmal hieß, bis 2012 Kirill Serebrennikov das 1925 gegründete Theater übernahm und in ein interdisziplinäres Zentrum für zeitgenössische Kunst umwandelte. Um es mit den Worten des kürzlich verstorbenen Peter Brook zu sagen: Jakowlev bekommt jetzt also einen "leeren Raum". Und Aleksei Kabeshev sagt: "Einige der Mitarbeiter haben bereits ihre Kündigung eingereicht, während der Rest 'zum Nachdenken' in den Sommerurlaub gegangen ist.“ Aleksei Kabeshev zufolge werden vermutlich demnächst ohnehin keine Produktionen des Gogol Centers mehr auf dem Spielplan des Gogol Theaters stehen.

In Anbetracht dieser brachialen Entwicklung wäre es nur logisch, auch das Theater an der Taganka, das in den letzten Jahren von der Regisseurin Irina Apeksimova geleitet wurde (die in dieser Spielzeit den Chefregisseur Juri Murawizki zu Hilfe holte), wieder in "Drama- und Komödientheater" umzubenennen – den Namen, den diese Institution bis zur Ankunft des genialen Reformers, Kämpfers und Netzwerkers Juri Ljubimow im Jahr 1964 führte. Denn wenn man dem Theater seinen ursprünglichen Namen zurückgeben würde, würde man ihm auch seine widerständige Aura nehmen und damit die Zuschauer nicht länger in die Irre führen: Von der Ästhetik des einstigen Taganka-Theaters, das sich in den Jahren der Sowjetunion immer wieder in Opposition zur Staatsmacht begab, ist nämlich fast nichts mehr zu spüren.

Neue Protagonisten

Die Alleinherrschaft eines Intendanten mit Unterstützung des örtlichen Kulturrates bestätigt sich auch im Roman Viktyuk Theater, wo der junge Denis Azarov entlassen wurde, weil er einen Anti-Kriegs-Brief unterschrieb. Er hatte das Theater seit über einem Jahr geleitet und ihm gelang, mehrere bemerkenswerte Inszenierungen herauszubringen und ein gutes Team aufzubauen, das nun ebenfalls entlassen wird. Im berühmten Lenkom Theater, dessen Ruhm eng mit dem Namen Mark Zakharov verbunden ist, der das Theater von 1973 bis zu seinem Tod im Jahr 2019 leitete, ist ebenfalls alle Macht an einen Intendanten übergegangen, der Posten des künstlerischen Leiters wurde abgeschafft. An seine Stelle tritt nun der Chefregisseur – eine Person, die für alle Pläne erst die Zustimmung des Intendanten einholen muss. Jüngsten Informationen zufolge wurde der Musical-Regisseur Aleksei Frandetti zum Chefregisseur des Lenkom ernannt. Der Vertrag ist noch nicht unterzeichnet, aber schon jetzt kann man für Frandetti nur Mitleid empfinden: Was auch immer er tut, der Intendant und erfahrene Puppenspieler Marc Varshaver wird ihm dabei auf die Finger schauen.

Über das Schicksal anderer großer Moskauer Theater wurde auf Telegram-Kanälen schon viel geschrieben, wobei die Kommentare den Lauf der Dinge entweder vorwegnahmen oder den Kulturbehörden anzeigten, wer ihr nächstes Angriffsziel werden sollte. Man sagt, dass eine bestimmte Gruppe russischer Trolle noch immer ihren Sieg über das Wachtangow-Theater feiert, aus dem der berühmte Rimas Tuminas nach einem erfolgreichen Coup vertrieben wurde. Auf Beschluss der Kulturministerin Olga Lyubimova wird das Theater bis zum Ende der nächsten Spielzeit von seinem bisherigen erfolgreichen Regisseur Kirill Krok geleitet. In kreativen Angelegenheiten wird dieser sich auf den örtlichen Kulturrat verlassen müssen (aber auch hier behält, wie man sehen wird, ein staatstreuer Intendant das letzte Wort). Alle Produktionen von Tuminas bleiben im Repertoire und sind beim Publikum nach wie vor sehr gefragt – was vermutlich die Telegram-Trolle ziemlich ärgern wird.

Abgesetzt, abgesagt, verschoben

Mit den alten Namen kommen auch die alten Methoden zurück. Eine anonyme Quelle, die dem Raduga Festival für Junges Theater nahe steht, berichtet, wie im Frühjahr ein Beamter des St. Petersburger Kulturkomitees dem Direktor des Brjanzew-Theaters und Festival-Leiterin Swetlana Lawretsova, gedroht hat, das Festival abzusagen, sollte Timofej Kuljabins Stück "Die Wildente" aus Nowosibirsk dort gezeigt werden. In der Aufführung, die auf Ibsens gleichnamigen Theaterstück basiert, gibt es nichts Oppositionelles. Unerwünscht war allein der Name Kuljabin, der offenbar zu viel in Europa inszeniert hat. Die Inszenierung wurde dann durch die Arbeit eines anderen Regisseurs ersetzt, und das Festival, das das Wort "international" in seinem Titel weiter führt, konnte stattfinden (auf den Plakaten stand "Produktionen aus den russischen Teilrepubliken und der Türkei").

Das kann man von anderen renommierten Events nicht behaupten. Dabei sind es nicht die Europäer, die darunter leiden, dass das internationale Festival Russian Seasons in diesem Jahr nicht stattfinden wird, sondern das russischen Publikum: Fast alle großen Theaterereignisse gibt es nicht mehr, darunter das NET Festival (Neues Europäisches Theater) in Moskau und Totschka Dostupa (Zugangspunkt) in St. Petersburg. Das Territorium Festival wird im Herbst lediglich ein Kinderprogramm anbieten. Das Internationale Platonov-Festival, das stets als eine Art Voronezh-Variante des Festivals von Avignon galt, wurde auf das kommende Jahr verschoben. In Moskau wurde sogar das vollkommen unpolitische Festival der Künste mit dem Namen "Inspiration" (Vdochnovenie) abgesagt.

Schwierig gestaltet sich auch die Lage bei den Programmen zur Unterstützung des jungen und unabhängigen Theaters. Selbst dem Projekt "Der siebente Rang", das von einer künstlerischen Autorität wie dem bedeutenden Regisseur Valeri Fokin angeregt wurde, der in der Vergangenheit gute Beziehungen zu den Mächtigen pflegte, wurde die Finanzierung gestrichen. (Das Projekt fand auf der Neuen Bühne des Alexandrinsky-Theaters statt und hatte zum Ziel, privaten Theatern und Unternehmungen zu helfen, die keine eigenen Spielstätten hatten.) Im Übrigen kann man angesichts der aktuellen Ereignisse nur Fokins Mut bewundern, die Neue Bühne nach Wsewolod Meyerhold zu benennen. In den letzten Monaten hat man alle Einrichtungen, die diesen Namen trugen, stillgelegt. Anfang März wurde das CIM geschlossen und reorganisiert, gefolgt von der Schließung der Museumsabteilung in der Brjusov Gasse.

Auf die Frage, ob dieses Museum wiedereröffnet wird, antwortet der Pressedienst des Bakhrushin-Museums (dessen Zweigstelle das Museum in der Brjusov Gasse war) nun: "Wir schließen nach und nach alle Filialen für Reparaturen als Teil der Schaffung des 'Theaterviertels." Vor dem Hintergrund von Stilllegungen, Schließungen und Fusionen könnte diese Nachricht Anlass zu Optimismus sein. Das Wort "Viertel" soll wahrscheinlich den Eindruck der Wiederherstellung von etwas Althergebrachtem erwecken. Das Hauptgebäude des Museums und Meyerholds Wohnung befinden sich jedoch in verschiedenen Stadtteilen Moskaus.

Auch nicht-staatliche Theater verschwinden

Inzwischen verschwinden die unabhängigen Theater aus der russischen Theaterlandschaft. In Komsomolsk am Amur hat das KnAM, das älteste unabhängige Theater Russlands, das 1985 eröffnet wurde, geschlossen. "Das KnAM war das erste offiziell registrierte nicht-staatliche Theater in der UdSSR, weshalb es für uns keine Option ist, darauf zu verzichten, unsere Meinung frei zum Ausdruck zu bringen", heißt es auf der Website des Theaters. Das Ensemble und seine Gründerin, Tatiana Pavlova, halten sich derzeit in Frankreich auf.

In Nowosibirsk wurde Timofey Kuliabin gezwungen, als künstlerischer Leiter des berühmten Theaters "Rote-Fackel" zurückzutreten – wir haben oben schon über die Gründe berichtet, im September kommt die neue Inszenierung des Regisseurs im Deutschen Theater in Berlin heraus. In derselben Stadt Nowosibirsk bekommt seit drei Monaten eine sehr gute junge Produktionsleiterin, Yulia Churilova, keinen Job mehr und kann ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten – sie wurde entlassen und das von ihr gegründete Festival "Eins, Zwei, Drei" abgeschafft.

In Ulan-Ude (Republik Burjatien) wurde der junge Regisseur Sergei Levizkij wegen kriegsfeindlicher Äußerungen von seinem Posten als künstlerischer Leiter des Russischen Theaters entlassen und erhielt zwei Verurteilungen wegen "Diskreditierung der russischen Streitkräfte" (mit einer Gesamtstrafe von 80.000 Rubel). Seine Stücke, die dem niedergehenden Theater noch zu etwas Glanz verhalfen, sind immer noch im Repertoire.

Überall in Russland verschwinden die Namen derjenigen aus den Ankündigungen, die gegangen sind oder es gewagt haben, sich negativ über die Geschehnisse zu äußern. So finden sich auf den Spielplänen vieler Theater Stücke des Dramatikers Michail Durnenkow, der die "Sonderaktion" scharf verurteilt hat, ohne dass der Name des Autors genannt wird. Es empfiehlt sich nicht, ähnliche Schicksale hier aufzuzählen, um nicht noch mehr Aufmerksamkeit bei den Behörden zu wecken.

"Niemand hat mich jemals zensiert!"

Vor diesem Hintergrund wirkt die Aussage von Konstantin Bogomolov – "einige Leute haben ihre Arbeit verloren, aber sie werden sie wiederfinden" – eher unheimlich. (Bogomolov war in der Vergangenheit einer der wichtigsten Theaterreformer und Oppositionellen, der jetzt als erfolgreicher Leiter des Theaters an der Bronnaya seine Loyalität unter Beweis stellen muss.) "Niemand hat mich jemals zensiert - das schwöre ich bei Gott", versicherte der Atheist Bogomolov den zur Pressekonferenz versammelten Journalisten. Nun, es ist völlig klar, dass seine Inszenierungen der letzten Jahre keine Zensur von außen brauchten: Der Regisseur hat sie bereits verinnerlicht.

GogoCentre2013 Ira PolarnayaBei der Feier zum Ende der ersten Spielzeit des Gogol-Centers am 3. Juli 2013, vrnl: Alla Shenderova, Kirill Serebrennikov, die Schauspielerin Oksana Fandera. vlnr: der Journalist Aleksander Urzhanov, Serebrennikovs Assistentin Anna Shakashova, der Journalist Roman Super © Ira Polarnaya

Wie man es auch dreht und wendet, heute ist es an der Zeit, nicht die Ergebnisse der vergangenen Saison zu resümieren, sondern noch einmal den Blick auf die fantastische Blütezeit des russischen Theaters der letzten zwei Jahrzehnte zurichten. Folgerichtig müssen auch diejenigen noch einmal genannt werden, mit denen diese Blüte verbunden war: Kirill Serebrennikov, Rimas Tuminas, Dimitry Krymov, Mindaugas Karbauskis, Viktor Ryzhakov, Ksenia Peretrukhina, Dmitri Volkostrelov, Timofey Kuljabin und viele andere. Fast alle sind inzwischen aus dem Theaterbetrieb verschwunden: Entweder wurden sie entlassen oder sie gelten als unerwünscht.

Das Feld ist gesäubert. Diejenigen, die jetzt eilig nachrücken, um sie zu ersetzen, sind mit einer machtgesteuerten Blankovollmacht ausgestattet. Wie es aussieht, werden wir also bald eine Menge neuer Namen entdecken können.

Übersetzung aus dem Russischen: Harry Lehmann

 

Alla Shenderova ist Journalistin und Theaterkritikerin, u.a. für die Zeitschrift "Kommersant". Bis zum Verbot der Zeitschrift "Teatr“" im Frühjahr war sie deren stellvertretende Chefredakteurin. Als Theaterwissenschaftlerin forscht sie zu Formen zeitgenössischen Theaters. Alla Shenderova studierte Informatik an der RGGU und Theaterkritik an der GITIS. Sie war unter anderem Kuratorin des Programms "Freundschaft der Nationen" beim Inspiration Festival in Moskau 2019. Wiederholt hat sie als Jurymitglied beim Festival "Goldene Maske" (2013 und 2019) sowie anderen russischen Theaterfestivals mitgewirkt. Seit Ende Mai hält sich Alla Shenderova in Berlin auf.

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