Die Geister der Verstorbenen versöhnen

20. Juli 2022. Für ihr jüngstes Werk MALAM / NIGHT, das ab heute beim Wiener Festival Impuls Tanz zu sehen ist, hat die Regisseurin und Performerin Grace Ellen Barkey ihren Namen dekolonisiert. Hier spricht Grace Tjang darüber, was sie dazu bewegte.

Interview von Andrea Heinz

20. Juli. 2022. Grace Ellen Barkey hat 1986 gemeinsam mit Jan Lauwers in Brüssel die "Needcompany" gegründet, aber auch mit Soloarbeiten international auf sich aufmerksam gemacht. Ihrer jüngsten Arbeit liegen nächtliche Beobachtungen in ihrem Garten zu Grunde, sie selbst tritt als Dhalang in Erscheinung, als Spielerin des alten Wayang-Schattenspiels aus dem indonesischen Java.

Für Ihr neues Werk, MALAM / NIGHT, haben Sie Ihren Namen dekolonisiert – von Grace Ellen Barkey zu Grace Tjang. Was waren Ihre Gründe?

In der Geschichte meiner Familie steckt die ganze Geschichte der Kolonialisation: Ich bin in Surabaya geboren. Meine Großmutter war eine Hakka-Chinesin, sie lebte auf einer Insel namens Bangka. Obwohl es eine indonesische Insel ist, gibt es dort fast nur chinesische Menschen. Die Chinesen waren die einzigen, die die Zinnminen überleben konnten, die dort ausgebeutet wurden und werden. Auch die Familie meiner Großmutter kam dorthin, um in den Minen zu arbeiten. Zu dieser Zeit war Indonesien von den Holländern kolonisiert. Die Familie meines Großvaters war schon lange im Land, er selbst halb holländisch, halb indonesisch. Er hatte einen Bürojob in den Zinnminen und bekam vier Kinder mit meiner chinesischen Großmutter. Aber als mein Vater, das älteste Kind, 9 Jahre alt war, ging mein Großvater nach Europa. Weil er nicht wollte, dass meine chinesische Großmutter, die noch dazu buddhistischen Glaubens war, die Kinder großzog, steckte er sie in ein Waisenheim auf einer anderen Insel. Die Kinder sahen weder ihre Mutter noch ihren Vater wieder. Das sind keine bedauerlichen Einzelschicksale. Die Kolonisierung des Kongos durch Belgien fand viel später statt, aber vor kurzem las ich von dem, was sie dort Métis nennen, Mischling, und es war exakt dieselbe Geschichte.

Ist auch die Geschichte Ihrer Mutter von der Kolonisierung geprägt?

Meine Mutter starb sehr früh. Sie wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf, das Verhältnis zu ihrer eigenen Mutter war schwierig. Meine Großmutter musste nach dem Krieg Geld verdienen, und das tat sie als "Babysitter" im Haus eines reichen weißen Mannes. Wobei das in Indonesien ein Euphemismus für die Mätresse des Hausherren ist. Letztlich landet man in meiner Familie immer bei kolonialistischen Strukturen. Es ist ein Machtspiel, und vor allem die Frauen fallen ihm zum Opfer. So funktioniert Kolonialismus: Es betrifft nicht nur Wirtschaft oder Politik, es schreibt sich in die Menschen ein. In unserer Gegenwart läuft sehr vieles schief – aber dass es nun möglich ist, darüber zu sprechen, Praktiken der Dekolonialisierung einzuüben, ist eine große Errungenschaft.

Wann haben Sie von Ihrer Großmutter väterlicherseits erfahren?

Mein Vater erzählte mir davon, als ich klein war. Er erzählte mir, seine Mutter hätte ihm einen Trank gegeben, so dass er sie vergessen würde. Als Kind war ich fasziniert von dieser Geschichte. Erst, als ich längst erwachsen war, wollte ich darüber ein Stück machen. Ich fragte meinen Vater: Was hast du mit diesem Trank gemeint? So etwas wie ein Getränk, dass einen vergessen lässt, gibt es nicht. Es war ein sehr schmerzhafter Moment für ihn. Bis dahin hatte mein Vater an diese Geschichte geglaubt. Seine Erinnerungen an seine Mutter waren nahezu ausgelöscht. Er hat wirklich darunter gelitten, war nie eine "normale" Person. Er sprach selten. Es war, als hätte er keine Sprache.

Wie kam Ihre Familie schließlich nach Holland?

Nach dem 2. Weltkrieg, in dem mein Vater als sehr junger Soldat kämpfte, traf er in der Kriegsgefangenschaft in Japan meine Mutter, die als Kind von den Japanern gefangen genommen worden war. Nach dem Krieg begann der Unabhängigkeitskrieg, man musste sich entscheiden, zu welcher Nationalität man gehören wollte. Obwohl sein Vater die holländische Staatsbürgerschaft hatte, wählte mein Vater Indonesien. Aber es war eine brutale, rassistische Zeit, viele "reine" Indonesier:innen hatten ein Problem mit Menschen wie meinem Vater, es gab viel Gewalt. Mein Vater fand die Situation zu gefährlich und entschied, mit uns nach Holland zu gehen – was illegal war, denn er hatte sich ja mit seiner Unterschrift gegen Holland entschieden. Und so waren wir ein paar Jahre lang staatenlos. Der holländische König begnadigte meinen Vater schließlich, aber der hatte Zeit seines Leben das Gefühl, beweisen zu müssen, dass er ein Recht hatte, dort zu sein.

Hat Sie das zu diesem Stück und der Dekolonisierung Ihres Namens inspiriert?

Es hatte viel damit zu tun, dass mein Vater so traurig war. Er beschäftigte sich geradezu obsessiv mit seinem Vater, betrieb Ahnenforschung. Aber die Beschäftigung mit seiner Mutter war zu schmerzhaft. Er starb vor eineinhalb Jahren, während ich gerade mit MALAM / NIGHT beschäftigt war. Ich arbeite darin viel mit der indonesischen Kultur. Als er starb, dachte ich: Das ist meine Gelegenheit, meiner Großmutter ihren Namen zurückzugeben. Das Recht zu existieren. Es gibt viele Kinder wie meinen Vater, viele davon kennen nicht einmal den Nachnamen ihrer Mutter. Ich wollte dem Ganzen einen Ort geben. Ich bin nicht wütend, aber ich möchte etwas heilen. Die Geister der Verstorbenen versöhnen, wenn man so will. Aber man muss das alles nicht wissen, um die Performance zu sehen oder zu verstehen.

Können Sie mir mehr über die Performance selbst erzählen?

Es ist eine Art Abschied. Alle Stücke, die ich in den letzten Jahren gemacht habe, sind ein Abschied, ich war lange sehr schwer krank. In dieser Arbeit filme ich meinen Garten bei Nacht, denn ich leide an Schlaflosigkeit. Die Pflanzen haben diese wunderschönen Strukturen, und die kehren wieder im Wayang, dem indonesischen Puppenspiel. Und ich bin die Dhalang, die Puppenspielerin, Magierin. Ich bringe diese Welt in Bewegung und die Menschen können in meinen Traum kommen und zusehen.

Grace Tjang Malam Night 1 805 Emma van der PutGrace Tjang in "MALAM / NIGHT" © Emma van der Put

Es ist eine Arbeit, in der ich sehr frei bin, ich wähle die Musik im Moment, wähle aus meinen visuellen Elementen, ein bisschen wie beim Schneiden eines Films. In Berlin zeigte ich MALAM / NIGHT als Durational, zehn Stunden lang, die Menschen konnten hinausgehen, ich bin selbst manchmal gegangen und dann wieder gekommen. In Wien wird die Arbeit als Installation im Mumok gezeigt. Aber weil die Menschen für meine Performance bezahlen und eine Stunde erwarten, mache ich eine Stunde Performance für sie. Ich möchte diese Vereinbarung respektieren. Meistens erzählen mir die Leute danach, dass sie es sehr beruhigend finden, in meiner Performance zu sitzen.

Möchten Sie den Namen Ihrer Großmutter auch in Zukunft behalten?

Ich habe ihn nicht offiziell angenommen, es ist nur für dieses Projekt. Ich wäre sehr befreit, wenn ich ihn behalten könnte – aber meine Company wäre wohl nicht besonders glücklich, wenn ich für immer meinen Namen ändern würde. Es ist seltsam, aber ich fühle mich befreit und glücklich mit diesem Namen. Als würde meine Großmutter hier irgendwo sitzen und mir auf die Schulter klopfen. Ich finde schön, dass sie jetzt zur Familie gehört.

Das Interview wurde in englischer Sprache geführt. Übersetzung: Andrea Heinz.
 

Grace Ellen Barkey wurde 1958 in Surabayu / Indonesien geboren und ist Choreografin, Regisseurin Bildende Künstlerin und Performerin. 1986 gründete sie mit Jan Lauwers das in Brüssel ansässige Kollektiv Needcompany. Das MALAM / NIGHT, für das sie ihren Namen dekolonisierte, ist vom 20. bis 22. Juli 2022 beim Festival ImpulsTanz in Wien zu sehen. 

www.needcompany.org

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