Tod auf dem Campingplatz

20. Juli 2022. Ferienzeit, eine Gruppe von Jugendlichen feiert ausgelassen. Ihr Leben scheint gerade erst zu beginnen. Doch dann bringt sich einer der Jungen um – und lässt einen anderen verstört zurück. 

Von Thomas Rothschild

20. Juli 2022. "Hitze im Nord“: Es fällt schwer, den Kalauer zu unterdrücken, wenn das Schauspiel Stuttgart bei einer Außentemperatur von 36 Grad ein Stück mit dem Titel "Hitze" in seiner Dependance zur Aufführung bringt. Das "Nord", mittlerweile eigentlich die Heimstatt der Jungen Oper, trägt wegen ihrer Lage am Pragsattel, an der Ausfahrt Richtung Heilbronn, seinen Namen.

Erst 28 Jahre alt ist der in Paris lebende französische Schriftsteller Victor Jestin, dessen Debüt das Stück folgt. Der Roman erschien 2019 im Original und bereits ein Jahr später in deutscher Übersetzung. Eine Verfilmung ist angekündigt: heutzutage ein Gradmesser für die vorweg angenommene Popularität eines Buchs. "Hitze" ist eine auf den Zeitraum einer Nacht und eines Tages verdichtete, auf einem Campingplatz stattfindende Coming-of-Age-Story, die an zahlreiche Vorläufer denken lässt.

Die Schuld und der Spaß

Das Besondere an ihr ist der Auftakt, in dem der Erzähler Léonard einem Jungen namens Oscar beim Selbstmord zusieht, ohne einzugreifen. Ein zur Empathie unfähiger Beobachter also, gefühllos und kalt wie "der T" in Ödön von Horváths "Jugend ohne Gott"? Der erste Eindruck täuscht. Die erregte Sprechweise und die wiederholten Hinweise, dass sich Léonard wegen Oscars Tod schuldig fühlt, beglaubigen seine scheinbare Kälte nicht. Hier begegnen wir nicht dem Typus, der seit Hitchcocks "Rope" durch die Filmgeschichte geistert, sondern einem eher gehemmten, schüchternen und orientierungslosen jungen Mann von 17 Jahren.

Traumatisiert von dem bezeugten Selbstmord und dem Versuch, die Leiche zu entfernen, entzieht sich Léonard der ihn umgebenden Lustigkeit, der von Louis repräsentierten Spaßgesellschaft. Dem Mädchen Luce wirft er vor, dass sie mit ihm, wie zuvor mit dem inzwischen toten Oscar, spiele, ihn glauben lasse, dass da was sei, dass da aber in Wahrheit nichts sei. Hat er recht?

Hitze2 Bjoern Klein u Im Zeltlager: Till Krüger, Marius Petrenz © Björn Klein

Das karge Bühnenbild zeigt eine von der Decke herabhängende Schaukel, mit deren Schnüren sich Oscar erdrosselt hat und die zwischendurch mit einem weißen Tuch, einem Mittelding zwischen Sonnensegel und Vorhang, umhüllt und so zum Verschwinden gebracht wird, und Glühbirnenketten wie in einer Zirkuskuppel.
Wie so viele Dramatisierungen von Ich-Erzählungen, wählt auch die Stuttgarter "Hitze" die einfachste, aber wenig bühnenwirksame Lösung des Monologs im epischen Präteritum. Vorübergehend wird die Erzählerrolle Léonards auch von den anderen beiden Figuren übernommen.

Was man sieht und hört, unterscheidet sich nur geringfügig von einer Lesung des kurzen Romans mit dazwischen geschalteten Dialogfragmenten. Dem entspricht, dass weder auf dem Programmzettel, noch auf der Homepage des Schauspiels Namen von Bearbeiter*innen genannt werden. Wir dürfen annehmen, dass es sich um Regisseurin Sarah Rindone und/oder Dramaturgin Sarah Tzscheppan handelt.

Hitze lässt Grenzen verschwimmen

Léonards zunehmende Verzweiflung mündet gegen Ende in eine Szene, die nach so viel frontaler Deklamation daran erinnert, was Theater als visuelles Ereignis bedeutet. Die Drehbühne setzt sich in Bewegung, Luce läuft im Kreis, Louis übt sich am Rand der Bühne in Verrenkungen und die Lichterkette senkt sich zu lauter werdender Musik auf die Spielfläche.

Die drei Darsteller*innen dieser Produktion zum Saisonende, nur wenig jünger als der Autor und ein paar Jahre älter als der Protagonist von "Hitze", gehören nicht zum Ensemble, sondern sind Gäste, die ihr Studium an Schauspielschulen der näheren Umgebung noch nicht oder erst kürzlich abgeschlossen haben. Die Grenzen zwischen dem Staatstheater und dem Wilhelma Theater oder Martin Zehetgrubers ADK-Bühnenturm in Ludwigsburg, in denen Student*innen ihre Fortschritte präsentieren, verschwimmen.

Es sind auch nur vier Vorstellungen angesetzt. Eigentlich schade, denn Cora Kneisz, Marius Petrenz und allen voran Till Krüger als Léonard erweisen sich als talentierte Schauspieler*innen und souveräne Sprecher*innen, auf deren weitere Entwicklung man neugierig sein kann. Soll man diese Sommerinszenierung nun als Programmerweiterung auffassen oder als Verlegenheitslösung, wenn sich das Ensemble (und wohl auch große Teile des potentiellen Publikums) in den Ferien befinden? Die Premiere jedenfalls war ausverkauft. Also keine verlorene Liebesmüh.

 

Hitze
nach dem Roman "La Chaleur" von Victor Jestin
aus dem Französischen von Sina de Malafosse
Regie: Sarah Rindone, Bühne: Veronika Scharbert, Kostüme: Lorna Sherry, Licht: Rainer Eisenbraun, Musik: Margarethe Zucker, Dramaturgie: Sarah Tzscheppan.
Mit: Cora Kneisz, Till Krüger, Marius Petrenz.
Premiere am 19. Juli 2022
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

https://www.schauspiel-stuttgart.de

Kritikenrundschau

"Hitze" zeige eine fiebrige, oberflächliche Welt, die unversehens, erst noch unbemerkt, in einen Abgrund kippt, schreibt Thomas Morawitzky in der Stuttgarter Zeitung (21.7.2022). Dabei lebe die Inszenierung ganz von den starken Darstellern: "Till Krüger spielt Léonard, der schüchtern ist, am liebsten klassische Musik hört, sehr eindrucksvoll; er erzählt seine Geschichte gequält oder apathisch, mit hängenden Armen."

 

mehr nachtkritiken

Kommentare

Kommentar schreiben