Medienschau: Süddeutsche Zeitung – Eine Phänomenologie des "Buh"-Rufs

Jenseitsweltlicher Zauber

Jenseitsweltlicher Zauber

6. August 2022. "Das vieldeutige Buh ist besser als sein Ruf," gibt Reinhard J. Brembeck in der Süddeutschen Zeitung (€) zu Protokoll, wo er darüber nachdenkt, was genau zivilisierte Klassikliebhaber so erregen kann, "dass sie alle Wohlerzogenheit hintanstellen und sich hemmungslos verausgaben wie bei einem Popkonzert oder im Fußballstadion."

Für den Buhrufer ist aus Sicht dieses Kritikers die signifikante Abweichung von der Norm die entscheidende Provokation, auf die er ohne zu überlegen eingeht und die er durch seinen Einspruch entschieden zurückweist: Buh! Das treffe den "Sacre" wie den Castorf-"Ring". In beiden Fällen aber führe die Ablehnung "zu keiner Marginalisierung, beides genießt gerade auch wegen der Tumulte Kultstatus."

Der  Gegensatz zum "Buh" sei allerdings nicht der skandierte "Bravo!"-Ruf - "Nein, der denkbar größte Gegensatz zum Buh ist die große romantische Stille nach einer Aufführung. Wenn das Publikum noch gebannt und verzaubert ist vom Gehörten, wenn es erst einmal niemand wagt, diesen jenseitsweltlichen Zauber durch sein profan diesseitiges Klatschen aufzubrechen. Wenn dann dennoch und erst schütter der Beifall einsetzt und sich nach und nach zu einem lang anhaltenden Klatschen des empathischen Einverständnis mit dem Erlebten und den Aufführenden steigert."

(Süddeutsche Zeitung / sle)

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