Blick in die Blackbox

18. August 2022. Über eine, die sich den Raum nimmt, der ihr nicht zugestanden wird: Nach dem Memoir "Zeige Deine Klasse. Die Geschichte meiner sozialen Herkunft" hat Daniela Dröscher erneut ein autofiktionales Buch voller zeitgeschichtlicher Bezüge geschrieben. Im Zentrum des Romans steht eine Frau, deren Körper und Sein soziale Raster sprengen: ihre Mutter. 

Von Shirin Sojitrawalla

 

18. August 2022. Der Titel des Romans erklärt sich aus einem kurzen Wortgefecht. "Wenn Du nicht endlich redest, muss ich etwas erfinden. Ich muss lügen", droht die Tochter, worauf die Mutter kontert: "Nur zu. Das ist ja dein Beruf." – "Lügen über meine Mutter" meint aber auch all die Unwahrheiten und Gemeinheiten, die über sie im Umlauf sind und waren.

Zwischen Aufstieg und Anpassung

Bei der Frau handelt es sich um die Mutter von Daniela Dröscher. Ihre Geschichte reichert sie mit fiktivem Füllmaterial an, erzählt aus ihrem Leben, wie es war und gewesen sein könnte. Wahrhaftig tönt das schon deswegen, weil sie ausnahmslos aus der Perspektive des Kindes, der kleinen Tochter, die sie einst gewesen ist, erzählt. Daniela Dröscher wurde 1977 geboren und ihr Roman nimmt uns mit in die 1980er-Jahre, in die westdeutsche Provinz, in den Hunsrück, damals auch Schauplatz von Edgar Reitz' Heimat-Filmen. Dort erlebt die Autorin, im Roman heißt sie Ela, eine Kindheit unter erschwerten Bedingungen, hin- und hergerissen zwischen Aufstiegswillen und Anpassungsschwierigkeiten der Eltern. Der Vater, ein deutscher Dörfler, versucht zwar mit der Zeit zu gehen, im Grunde seines Herzens aber bleibt er ein rührender Spießer, dessen Horizont nur bis zum nahegelegenen Loreleyfelsen reicht.

Cover DroscherDer Leibesumfang seiner Frau, Tochter schlesischer Aussiedler, sprengt seinen Toleranzrahmen und gängige Schönheitsideale locker. Sie nimmt sich den Raum, der ihr nicht zugestanden wird. Eine dicke Frau, oder höflicher: eine mehrgewichtige. Wer andere Bücher von Daniela Dröscher gelesen hat, kennt sie schon. In ihrem grandiosen Memoir Zeige Deine Klasse. Die Geschichte meiner sozialen Herkunft (2018) erzählte sie bereits von der raumgreifenden Mutter und den daraus folgenden Konflikten in der Familie. Auch in der Erzählung "Ophelia, mach hinne" im Band "Gloria" aus dem Jahr 2010 schrieb Dröscher formvollendet und abgründig aus der Sicht einer pubertierenden Tochter einer solchen Mutter.

Halbfettmargarine in BRD Noir 

Der neue Roman konzentriert sich auf sie und auf die Zeitumstände, die verschrienen 1980er-Jahre in Westdeutschland, mitten in der Kohl-Ära. BRD Noir. Wer das mitmachte, erlebt beim Lesen ein Déjà-vu-Gewitter. Zwischen Du-darfst-Halbfettmargarine, grünen Tastentelefonen, Tschernobyl und Boris-Becker-siegt-in-Wimbledon fristet die Familie im Roman ihr gewöhnliches Dasein.  

Das Wort Bodyshaming kannte damals niemand, und Männer hatten noch ganz grundsätzlich das Sagen. Daniela Dröscher erzählt von dieser sonderbaren Zeit aus der Froschperspektive des Kindes, das den Schlagabtausch der Eltern wie ein Tennismatch verfolgt. Zu Anfang erst sechs Jahre alt, kapiert es nicht, was an der schönen Mutter zu viel sein soll, versteht den Furor des Vaters nicht, nicht das Innenleben der beiden. Die eigenen Eltern als Blackbox, wie es einmal heißt. Dröschers Roman reiht sich in den aktuellen Bodypositivity-Diskurs ein, den etwa auch Stefanie Reinsperger mit ihrem Buch Ganz schön wütend oder die Performerin Katharina Bill befeuern. Letztere macht darauf aufmerksam, dass Dickenhass oft Frauenhass sei. Auch davon erzählt "Lügen über meine Mutter".

Ein Doktor B. sagt im Buch: "Ein Kind zu haben, ist wie einen Detektiv in der Familie zu haben". Der Roman zeugt genau davon, indem auch er einer Detektivarbeit gleicht. Haarscharf erinnert sich die Erzählerin daran, wie sich alles zugetragen hat, zugetragen haben könnte. Man meint, dem Roman eine gewisse Anstrengung anzumerken. Vielleicht liegt das auch daran, dass Dröscher, wie sie selbst sagt, lieber Essays als Romane schreibt. Kurze Kapitel, die mal essayistisch um die Diskriminierung dicker Menschen kreisen, mal die echte Mutter zu Wort kommen lassen, lockern ihren neuen Roman auf.

Scham zweiter Ordnung

Im Ganzen gleicht das Buch einer Langzeitbeobachtung, einer Sozialstudie, die Mutter, Land und Zeitgeschichte fest in den Blick nimmt und doch von nichts so viel erzählt, wie von der Tochter selbst und ihren Reaktionen auf all das. Scham ist das Zauberwort: "Erst mit den Jahren verstand ich, dass gar nicht ich es war, die sich schämte. Es war eine Scham zweiter Ordnung. Ich sah meine Mutter mit den Augen meines Vaters."

Am Ende des Leidenswegs der Mutter steht eine Befreiung und der Roman gleicht einer klassischen Emanzipationsgeschichte. Doch Dröscher erzählt mehr als das. Das Dicksein ist auch eine Chiffre für andere Ausschlusskriterien, und lässt sich mühelos auf Menschen, die nicht ins Raster passen, die auffallen, oder sonst wie herausragen, übertragen. Dröscher entblößt die Ausgrenzungsmechanismen sowie die mal subtilen, mal brachialen Formen der Diskriminierung, die damit einhergehen. Das macht sie feinnervig, ungeschönt, präzise. Kurzum: Empfehlung.

 

Lügen über meine Mutter
von Daniela Dröscher
Kiepenheuer&Witsch 2022, 442 Seiten, 24 Euro

www.kiwi-verlag.de

 

Mehr von Daniela Dröscher: In der Gesprächsreihe "Gegenprobe" auf nachtkritik.plus diskutierte Daniela Dröscher jüngst mit Stephanie Drees und Christian Rakow den Auftakt des Berliner Theatertreffens 2022.

 

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