Operation Windrush

von Elisabeth Wellershaus

London, Dezember 2008. Die Empire Windrush erreichte 1948 die Küste Großbritanniens. Der britische Truppentransporter war auf dem Weg von Australien nach Großbritannien gewesen und hatte unterwegs in Kingston Halt gemacht. Eine Anzeige in einer jamaikanischen Zeitung hatte für günstigen Transport nach England geworben. Und so befanden sich 492 karibische Passagiere an Bord – Nachkommen von Sklaven, die in Europa ein neues Leben beginnen wollten. Diesen knapp 500 Migranten sollten viele weitere folgen, und sie sollten das demografische Bild Großbritanniens für immer verändern.

50 Jahre nach Ankunft der Windrush ist der Name des Schiffes zum Synonym für die Entstehung der afro-britischen Gesellschaft geworden. Einer Gesellschaft, die selbst in der Hauptstadt noch immer peripher behandelt wird. Immerhin haben Londoner Theater vor etwa zehn Jahren begonnen, die Identitätsprobleme der britischen Minderheiten zu thematisieren. An Spielstätten wie dem National Theatre oder dem Royal Court gehören Stücke von karibischen, westafrikanischen, indischen oder pakistanischen Migranten längst zum Repertoire.

Der schwarze Liebling einer weißen Kulturszene

Vor allem Geschichten über die Missstände innerhalb der schwarzen Communities stehen hoch im Kurs, da sie mittlerweile einen beachtlichen Teil der Gesamtbevölkerung ausmachen. So entstehen immer mehr Stücke über die Gewalt in den Vororten, über die prekären ökonomischen Verhältnisse von afro-karibischen Einwandererfamilien oder über den ganz alltäglichen Rassismus.

Der Dramatiker Kwame Kwei-Armah, der sich in den 90er Jahren noch als Soap Opera Star verdingte, ist innerhalb weniger Jahre zum schwarzen Liebling einer weißen Kulturszene mutiert. Seither muss er sich der Frage stellen, ob er sich dem Geschmack der vorrangig weißen Intendanten angepasst hat. Oder ob er mit Stücken wie "Statement of Regret" und "Elminas Kitchen" zum Sprachrohr der schwarzen Communitys geworden ist.

Armah selbst erscheinen diese Fragen nebensächlich. Schließlich spricht er in "Statement of Regret", das Ende letzten Jahres unter der Regie von Jeremy Herrin am National Theatre uraufgeführt wurde, Hauptstadtbewohner sämtlicher Couleur an. Und er legt mit dem Stück seine ganz eigene Aufarbeitung zum Thema "Windrush" vor.

Die Idee zu dem Stück entstand kurz nach einer Rede von Tony Blair über Großbritanniens Rolle im Sklavenhandel. Blairs Berater hatten ihm im Vorfeld von einer offiziellen Entschuldigung abgeraten, um mögliche Reparationsansprüche zu vermeiden. Bald darauf steckte Armah mitten in den Recherchen über das komplexe Thema der Wiedergutmachungsleistungen. Hinterfragte nicht nur die Angst der britischen Regierung vor möglichen Ansprüchen, sondern auch die Haltung der betroffenen Migranten, von denen ihm einige etwas zu sehr mit der Opferrolle kokettierten.

Herausgekommen ist ein Stück, in dem nicht nur das tiefe Misstrauen zwischen ehemaliger Kolonialmacht und den Nachfahren der Sklaven thematisiert wird, sondern auch die Konflikte innerhalb der schwarzen Communitys selbst.

Im kulturellen Ghetto

Themen wie diese hatten sich ihren Weg in die kulturell homogene Theaterlandschaft hart erkämpfen müssen. Erst seit den 90er Jahren, seit New Labour, wird das britische Theater durch ein auffälliges Engagement für ethnische Inklusion und ein Bewusstsein für kulturelle Komplexität geprägt. Seither werden die Stücke von Armah, von Roy Williams oder Debbie Tucker Green von namhaften Theatern produziert.

"Naja, vielleicht erfahren Künstler wie Armah, Tucker Green und Williams heute die Aufmerksamkeit die ihnen zusteht", erklärt der Geschäftsführer der Talawa Theatre Company, Christopher Rodriguez. "Aber sie werden ja auch nur von Theatern beauftragt, die für ein weißes Publikum produzieren. Talawa ist nach wie vor die einzige Company, bei der nur schwarze Künstler beschäftigt werden. Vielleicht erscheint das anachronistisch. Aber das Negativimage, das die weißen Institutionen transportierten, spricht doch auch für sich. An den großen Theatern haben schwarze Dramatiker höchstens mit Produktionen über Raubmord, Vergewaltigung und das Leben im kulturellen Ghetto eine Chance."

Bola Agbaje kennt die Vorwürfe, hält aber nichts davon, die Realität zu verschweigen. Ihr dieses Jahr mit dem Laurence-Olivier-Award ausgezeichnetes Stück "Gone too far" erzählt von den komplexen Verstrickungen innerhalb einer Londoner Sozialwohnsiedlung. Auch hier bekriegen sich die schwarzen Communitys untereinander, während die wenigen weißen Protagonisten des Stückes zu stereotypen Karikaturen verblassen.

"Ich wollte ein Stück schreiben, in dem afrikanische Figuren mit komplexen Charakteren auftauchen", sagt Agbaje. "Ich wollte von Menschen erzählen, die nicht nur gewalttätig und nicht einfach nur Opfer sind. Und solange sich die Londoner Gesellschaft nicht verändert, werde ich immer wieder Geschichten über die desolaten Lebensumstände von Migranten schreiben."

Zur Beruhigung des Gewissens

Ein Schritt in die richtige Richtung könnte es sein, auch wenn grundlegendere Veränderungen und eine umfassendere Integration schwarzer Theaterschaffender anstünden. Denn noch müssen viele schwarze Schauspielerinnen nach der Ausbildung zwischen Rollen als drogenabhängiger Straftäterin oder jugendlicher Mutter wählen. Bislang gab es erst einen einzigen erfolgreichen schwarzen Hamlet in London. In ganz Großbritannien werden nur zwei schwarze Theatertechniker beschäftigt. Und in die gehobenen Positionen des britischen Theaterbetriebs kommt man ohnehin nur mit Oxbridge-Abschluss – ein weiteres Ausschlusskriterium für viele schwarze Kandidaten.

All jene afrikanischstämmigen Theatermacher, die dennoch etwas in der Londoner Szene zu sagen haben, tummeln sich beim jährlichen TIATA DELIGHTS Festival für afrikanisches Theater im Almeida Theatre. Vielen allerdings erscheint selbst diese renommierte Veranstaltung als Abfindung. "Ein paar szenische Lesungen, zwei oder drei Tage afrikanisches Essen und nette Musik, schon ist das Gewissen der großen Theatermacher beruhigt", beschwert sich eine der Schauspielerinnen vor Ort. "Die Erfahrung zeigt nun mal, dass im britischen Kulturbetrieb nur für ein bis zwei schwarze Theaterstars zur Zeit Platz ist", hatte schon Kwame Kwei-Armah vor Jahren gesagt.

Bleibt also abzuwarten, ob der Obama-Effekt beizeiten nicht doch auch Großbritanniens Theater erreicht.

 
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