Mensch ist, was mensch isst

23. August 2022. Von einem "Winter des Verzichts" ist angesichts von Krieg und Inflation bereits die Rede, der Gürtel müsse enger geschnallt werden. Doch eigentlich gibt's doch schon länger gute Gründe, das Verzichten zu üben, um dem Planeten und uns die Möglichkeit einer Zukunft offenzuhalten.

Von Georg Kasch

23. August 2022. Was bedeutet Freiheit? Für mich, geboren in der DDR: selbst zu entscheiden, über welche Grenzen ich reisen darf. Meine Meinung zu äußern, ohne dass gleich die Polizei anklopft. Lieben zu können, wen ich will, ohne dass das den Geheimdienst interessiert. Solche Sachen. In diesem Sommer habe ich gelernt: Freiheit wird bei 200 km/h auf der Autobahn verteidigt. In privaten vollbeheizten Swimmingpools. Beim Versuch, mit der Krise Gewinn zu machen.

Größte Aufgabe für die Überflussgesellschaft

Nein, im Ernst: Lassen Sie uns über Freiheit reden. Denn bis hierhin nicken doch noch alle, klar, Theaterbubble, da ist niemand für die FDP. Aber wer ist für Verzicht? Der gehört ja offensichtlich zum Zeitalter, das wir gerade betreten, schon seit Corona. Unfreiwillig: Dass wir zunächst unseren Bewegungsradius und unsere Sozialkontakte enorm reduziert haben, jetzt die Thermostate runterpegeln und beim Duschen auf die Uhr schauen, lag und liegt nicht zwangsläufig an innerer Einsicht. Sondern zuerst an staatlichen Regelungen und nun an der absehbaren Leere in den Portemonnaies.

Dabei gäbe es gute Gründe, bewusst zu verzichten. Denn der Kampf gegen den Klimawandel wird nicht durch Elektroautos und Solarenergie allein zu stemmen sein. Sondern auch dadurch, dass wir (und da meine ich im Zweifel die Menschen oberhalb des Mindestlohn-Verdiensts) unseren Lebensstandard anpassen. Mit unserer aktuellen "kollektiven Unfähigkeit zur freiwilligen sozioökonomischen Verkleinerung" (wie es Dmitrij Kapitelman formuliert) jedenfalls wird das nichts mit den Zielen des Pariser Klimaabkommens, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu beschränken.

Kalt erwischt hat mich in diesem Hitzesommer, dem vermutlich kühlsten unserer Zukunft, ein Text von Bernd Ulrich, der argumentiert, warum er seit fünf Jahren vegan lebt und zunehmend angefressen ist vom Verhalten der anderen. Dabei können wir die moralische Frage überspringen, ob es okay ist, andere Lebewesen zu essen, ebenso Tierwohl, -leid und das Sterben in industrieller Umgebung (das auch die meisten Bio-Tiere erwartet, da kann die Wiese vorher noch so grün gewesen sein). Blenden wir die Gesundheit aus (Stichworte: Kardio, Krebs, Antibiotika-Krise) und die Frage der globalen Ernährung (die ohne den überwältigenden westlichen Konsum von tierischen Produkten wesentlich gerechter aussähe).

Kein Menschenrecht auf Parmesan

Kommen wir gleich zur Klimakrise. Der und die durchschnittliche Deutsche (für Österreich und die Schweiz dürften die Zahlen nicht wesentlich anders sein) verbraucht im Schnitt elf Tonnen CO2 pro Jahr. Bei Veganer:innen sind es zwei Tonnen weniger. Warum? Allein auf die Massentierhaltung entfallen jährlich etwa 18 Prozent des weltweiten Treibhausgas-Ausstoßes (zum Vergleich: Flüge sind für weltweit drei Prozent verantwortlich). Zu den Treibhausgasen kommt der hohe Wasserverbrauch sowie die extreme Abholzung des Regenwaldes für die Produktion von Fleisch oder tierischen Produkten – für ein Kilogramm Fleisch werden 16.000 Liter Wasser benötigt. Vegetarisch hilft übrigens nicht wirklich weiter, weil Butter, Käse, Sahne, selbst Milchschokolade zu den Klimakillern gehören.

Ich weiß ja, wie gut ein Schnitzel schmeckt. Ich weiß, dass es (noch) keinen gleichwertigen Ersatz gibt für den ausgefeilten Geschmack eines gut gereiften Comtés. Ich kenne auch alle Argumente, die man daneben ins Feld führen kann, all den Whataboutism ("Haben Pflanzen nicht auch Gefühle?"), die Ablenkungsstrategien ("Früher gab’s auch nur den Sonntagsbraten, da müssen wir wieder hin" oder "Und was ist mit den Avocados?"), die Gesundheitsmasche ("Vitamin B12!?!"). Und natürlich: die Freiheit ("Ich will mich nicht gängeln lassen"). Sie helfen nur nicht bei der Faktenlage: So, wie wir gerade essen, fressen wir die Grundlagen unseres Überlebens auf.

Es gibt kein Menschenrecht auf Schäufele und Heumilch, Merguez und Parmesan. Die Freiheit Mitteleuropas wird nicht an der Wursttheke verteidigt. Bleibt die Frage, was uns wichtiger ist: Geschmack und Tradition? Oder die Vernunft, uns jetzt einzuschränken, damit die Zukunft nicht ganz so katastrophal wird, wie es gerade scheint?

Veggie-Day in der Theaterkantine

Natürlich werden wir mit persönlichem Konsum und Konsumverzicht allein die Welt nicht retten. Nur: Auf eine Regierung zu vertrauen, die es nicht mal hinkriegt, die Mehrwertsteuer auf Lebensmittel so anzupassen, dass die klimafreundliche Hafermilch mit nur sieben Prozent, Fleisch und andere tierische Produkte mit 19 Prozent besteuert werden, klingt jetzt auch nicht nach einem super Plan. Oder auf Regelungen zu warten, die verhindern, dass bei uns ein Drittel aller Lebensmittel verschwendet werden.

Was wir essen, ist politisch. Was aber heißt das fürs Theater, das das Klima und auch den Fleischkonsum längst als Bühnenthema entdeckt hat? Zum Beispiel, Kantinen und Caterings vegan zu gestalten. Man könnte ja mit dem berüchtigten Veggie-Tag beginnen, der vor fünf Jahren den Grünen die Wahl verhagelt hat. Nicht, um die Mitarbeitenden zu gängeln. Sondern um ein Zeichen zu setzen: So geht es auch.

Denn was ist die Alternative? Sich auf den Bauch zu klopfen und fröhlich davon zu reden, dass Genuss Privatsache ist, wirkt in Hitze-, Dürre- und Waldbrandsommern wie diesem fast so zynisch, wie auf die Freiheit zu bestehen, jederzeit alleine ins Auto steigen zu können, weil die Bahn zu selten fährt, der Bus gar nicht und jede Form des Carsharings viel zu aufwendig ist. Dabei ist mir klar, dass es zum Verbrenner-Auto gerade noch nicht immer Alternativen gibt. Zu tierischen Produkten halt schon (und zwar durchaus schmackhafte).

Zurück zur Freiheit, ein Begriff, der in letzter Zeit dank Pegidisten, Trumpisten u.a. etwas in Verruf geraten ist. John Stuart Mill, Säulenheiliger der Liberalen, hat einmal die Grenzen der Freiheit dort ausgemacht, wo eine Schädigung Dritter erfolgt, die über eine gewisse Lästigkeit hinausgeht. Heißt: Queere Lebensweisen oder tanzende Ministerpräsidentinnen sind den Anderen zumutbar. Ein Lebensmittelkonsum, der unsere Lebensgrundlagen bedroht, ist es nicht.

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Kommentare

Kommentare  
#1 Kolumne Kasch: Kreuzfahrtschiffe & GastankerKunst und Freiheit 2022-08-23 13:07
Hm. Ich verzichte seit Jahrzehnten z.B. auf ein Auto überhaupt. Alle meine Kinder tun es auch in ihrem Erwachsenenleben. E-Autos werden extrem teuer produziert und verkauft, verbrauchen viel Strom, der als Mehrbedarf für Mobilität über den unerlässlichen Stromverbrauch hinaus auch nicht umweltschonend zu produzieren ist... abgesehen von den seltenen Rohstoffen, die für die Batterieproduktionen anfallen und die zudem weder menschenrechtsrelevant harmlos noch ohne geopolitisch hierarchischen Druck zu beschaffen oder auch nur zu entsorgen sind. Je nachdem aus welchen Gebrauchsblickwinkel man ihren Einsatz betrachtet, können also E-Fahrzeuge als Segen oder auch als asoziale Vehikel bezeichnet werden.
JEDER Wegfall eines lustigen Kreuzfahrtschiffes oder eines z.B. Gastankers würde WEIT mehr CO2-Ausstoß verhindern, als eine Riesen-Viehherde. Die Ernährungssituation - gerade hinsichtlich der Pflanzenernährung - wäre international bei Weitem besser weil sozial gerechter, menschenwürdiger und weniger kriegstreibend, hätten nicht Knebelverträge (Monsanto z.B.) Bauern weltweit in Abhängigkeit von Pflanzenschutzmittelproduzenten gebracht, die genmanipulierte und patentierte Saatgüter vertreiben. Oder ganze Volkswirtschaften in umweltschädigenden Monokulturanbau treiben mit solchen Verträgen; die dann für unsere grüne u.a deutsche vorbildliche Ernährung Sojabohnen oder - ja auch Avocados mit einen RIESEN-Wasserbedarf, produzieren...
Eigentlich wäre es m.E. ziemlich gut, wenn jede/r, der solche tollen Sparkopfduschen-Weltrettungsideen für ab sofort verbreitet, gleich in welchem Lebensalter, mal vor seiner reichweitenstarken Theorienverbreitung 3 Jahre (1 lang zum Kennenlernen, 1 Jahr zum Vergleich mit dem Vorjahr, 3. Jahr zum gezielten Bessermachen) ökodynamische Garten- und Landwirtschaftsarbeit machen würde, damit er/sie mehr Verständis für die Kreisläufe der nachhaltigen Lebensmittelproduktion bekäme... Einen Veggitag in der Woche in allen Behörden und Kantinen halte ich aber für eine sehr gute Idee bei gleichzeitiger Volldeklaration der Nahrungs-Inhalte und Erzeugermethoden!

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