Unsentimentale Zeugenschaft

27. August 2022. Der Brand der Zentralbibliothek in Jaffna im Norden Sri Lankas markierte 1981 den Beginn eines Bürgerkrieges. Dem indischen Regisseur Sankar Venkateswaran, dessen Inszenierung auf Erinnerungen der tamilischen Bevölkerung basiert, genügen einfachste Mittel, um die Dramatik zu evozieren.

Von Claude Bühler

 

27. August 2022. Seine dieses Jahr letzte Basler Theaterfestival-Ausgabe entwickelte Leiter Sandro Lunin mit Theaterleuten aus Südafrika, Japan, Indien. Mit Theater-, Tanz-, Performance-Darbietungen unter anderem aus Brasilien, Südafrika, Australien und Thailand mutet der Blick in die Programmplattform wie ein globales Fest an, das sich an verschiedenen Aufführungsstätten über die Region erstreckt. Keine Exotismus-Veranstaltung, wie etwa die Uraufführung von "My Name is Tamizh“ im jungen theater basel klar macht: eine vielschichtige Erinnerungsarbeit, die sich mit dem Krieg in Sri Lanka auseinandersetzt.

In den kahlen Betonraum mit abgeschossenen Wänden hängt eine einzelne Petroleumlampe hinein. Hier erzählen der indische Regisseur Sankar Venkateswaran, die Schauspielerin Kavita Srinivasan, die ihre Jugend in Afrika und den USA verbrachte, und der Bauernsohn Nicholas Kirutharshan aus Sri Lanka ihre je individuelle tamilische Geschichte. Der schlichte Ton, in dem Dramatisches ausgebreitet wird, der aber kaum je in Gefühligkeit abdriftet, erlaubt eine unsentimentale Zeugenschaft.

Erschütternd und beklemmend

Manches wirkt erschütternd und beklemmend an diesem Abend, der auch dank eines knappen und klaren Textings doch so leicht und schnell vorbeizieht. Kirutharsan erlebt nochmals, wie indische Truppen – er war damals vier Jahre alt – das Haus seiner Familie durchsuchen, ja auf den Kopf stellen. Es hatte sich offenbar herumgesprochen, dass die Mutter Männer aus dem nahen Dschungel mit Lebensmitteln versorgte: Kämpfer der Tamil Tigers. Gerade im falschen Moment fragt der Bub, ob diese Männer denn die "Onkel" suchen. Der Vater wurde daraufhin mit Eisenstangen und Ketten zusammengeschlagen. Er hat es seinem Sohn nie vorgeworfen.

My Name is Tamizh2 Sankar Venkateswaran Katharina Seibt uZwischen zerschossenen Wänden entfaltet sich die Dramatik der je individuellen tamilischen Geschichten © Katharina Seibt

Ein wichtiges Ereignis, das zum Bürgerkrieg in Sri Lanka führte, war die Brandstiftung 1981 an der Bibliothek von Jaffna: "ein kultureller Genozid". Von einem Realitätsschock berichtet Srinivasan, als sie, die Diaspora-Tamilin, wie eine Touristin später diese von Stacheldraht behängte Kriegszone besuchte und an den Hälsen der bewaffneten Tiger-Frauen Zyanid-Kapseln baumeln sah. Aus Angst verleugnete sie vor diesen Frauen ihre tamilische Sprache. Sie erinnert sich an den Anblick der Häuser voller Einschusslöcher: "Was war geschehen, dass das so aussah? So viele Gewehre! So viele Kugeln … und jetzt diese Stille! Wo sind diese Menschen jetzt?"

Die einfachsten Mittel genügen der Truppe, um einen Eindruck der Dramatik zu evozieren, wie er beim Brand der Bibliothek, der größten Südasiens, geherrscht haben muss. Die Petroleumlampe schwankt hin und her. Venkateswaran schlägt ein Tambourin. Srinivasan rennt im Saal umher, um Bücherstapel zusammenzuraffen. Kirutharshan berichtet, tatsächlich hätten sich Menschen betend und schreiend in das brennende Haus gestürzt, in dem wichtige tamilische Literatur aufbewahrt wurde.

Neue Aspekte der Geschichte

Mit dem Anschlag einer tamilischen Selbstmordattentäterin 1991 auf den indischen Politiker Rajiv Gandhi seien die Tamilen in Indien und Sri Lanka gespalten worden, deren gemeinsame Identität, so Venkateswaran, bis in mythologische Zeiten zurückgereicht habe. Sein Vater habe sich einfach die Nachrichten von Radio Ceylon, die er stets leidenschaftlich verfolgt hatte, nicht mehr angehört. Ab da hätten die Tigers den indischen Tamilen nurmehr als anti-indische Terrororganisation gegolten.

Solche politischen Mitteilungen wie letztere kann man als schlecht informierter Mensch aus Westeuropa freilich nur als interessante Eröffnungen, als neue Aspekte der Geschichte entgegennehmen. Zur reflexhaften Anteilnahme fehlt das Involviertsein. Können wir etwa den tamilischen Nationalismus von Kirutharshans Vater rein als Widerstand gegen Unterdrückung auffassen? Genügt es hier, sein Engagement, mit dem er das Leben seiner Familie riskierte, als naive, quasi unpolitische Stimme des Volkes wertzuschätzen? Eine Haltung, um die ihn etwa Srvinivasan beneidet. Zur Beurteilung fehlt mir als Schreibendem die sichere Kenntnis der Verhältnisse.

Lebensfreude und Kraft

Die schier einzige Schwäche des Abends ist also der Ort seiner Uraufführung. In Sri Lanka oder Südindien würde er seine Wirkung voll entfalten. Auch weil das Englische und Tamilische nicht in Live-Deutschübersetzung von der Wand abgelesen werden müssten. Also hält man sich in Basel an die Menschen auf der Spielfläche, fühlt dem Nachklang nach, den die Erinnerungen auslösen. Und erlebt etwa, wie sie zu dritt ein kurzes Lied anstimmen. Kein durchgearbeiteter Vortrag, aber es überträgt sich warme Lebensfreude und Kraft, trotz der Einschusslöcher, Stacheldrähte und der Identitätssuche.

My Name Is Tamizh
Von Nicolas Kirutharshan, Kavita Srinivasan, Sankar Venkateswaran und Leow Puay Tin
Regie: Sankar Venkateswaran, Textkuration: Leow Puay Tin, Szenografie: Jean-Guy Lecat, Produktion: Satoko Tsurudome.
Mit: Nicolas Kirutharshan, Kavita Srinivasan, Sankar Venkateswaran
Ko-Produktion: Theaterfestival Basel und SPIELART-Theaterfestival
Uraufführung
Premiere am 26. August 2022
Dauer: 70 Minuten, keine Pause

www.theaterfestival.ch

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