Angriff mit pickenden Schnäbeln

4. September 2022. Die Vögel singen, als wär`s zum letzten Mal: Falk Richter hat eine mittelalterliche Fabel für unsere Umweltkrisen-Gegenwart überschrieben. Andrea Moses macht daraus lebendiges Musiktheater – und ihre szenische Fantasie tut dem Untergangsszenario gut.

Von Michael Laages

4. September 2022. "Die Welt in Deiner Hand" – einfacher und sinnlicher kann das Publikum kaum erinnert werden an die eigene Mit-Verantwortung als durch die doppelt golfkugelgroße Mini-Erde, die Kassandra kreisen lässt; von Hand zu Hand weiter gereicht, wandert sie am Ende der Theater-Reise durch die Reihen. Der Ball sieht noch so aus wie seit Jahrmillionen – und doch (das wird jedenfalls unablässig konstatiert an diesem Abend, wie auch an vielen anderen zurzeit auf vielen Bühnen im Land) sind vielleicht noch nicht die allerletzten Tage, aber ist wahrscheinlich schon die finale Phase angebrochen. Das Ende ist berechenbar, das Paradies der Sorglosen wohl verbindlich verloren – "Welcome to Paradise Lost", der Text von Autor und Regisseur Falk Richter, ist Weltende-Beschwörung pur.

Unter pandemischen Bedingungen mehrfach verschoben und auch darum kaum beachtet uraufgeführt am Ende der Intendanz von Thomas Bockelmann am Staatstheater in Kassel in der Inszenierung von Gustav Rueb, hat die Litanei jetzt Musik hinzubekommen – Jörn Arnecke, in Hameln geboren und Professor an der Weimarer Musikhochschule, hat für Kunstfest und Nationaltheater der Stadt vor allem ein herausforderndes Konstrukt aus Stimmen entworfen, grundiert in der klanglichen Moderne der Zeit und angereichert um allerlei Sphärisches, singende, klingende Wassergläser, ein "Verrophon" also, inklusive. In den zentralen Momenten nimmt Arnecke auch die Hauptdarstellerinnen und Hauptdarsteller der Fabel sehr ernst – und lässt Vögel singen. Als wär’s zum letzten Mal.

Wir sind das Vogel-Volk!

Tatsächlich wird das ja mancher (wie der Autor) und manche schon erlebt haben: dass plötzlich niemand mehr singt vor der Tür, vor dem Fenster; im Garten nicht und nicht in den Bäumen auf der Straße. Nur hässliches Krähen-Gegröle hat überlebt. Dieses Verstummen wird unüberhörbar auch in Vierteln, die bislang nicht als ökologische Hochrisiko-Zonen galten. In der mittelalterlichen Fabel des persischen Poeten und radikalen Mystikers Farid ud-Din Attar sind die Sängerinnen und Sänger aus der Natur des Alltags aufgebrochen zu ihrem Gott (der „Simurgh“ heißt), um ihn zum Eingreifen zu bewegen in chaotischer, katastrophischer Zeit. Am Ende der Parabel, geschrumpft zum nur noch 30 Vogelköpfe kleinen Fähnlein der Unbeirrbaren, stellen sie fest, dass es diesen Gott gar nicht gibt; und dass sie selber, die 30 Letzten, die letzte Entscheidungsinstanz sind. Wir sind das Vogel-Volk! Sie (oder wir) müssen handeln. Und auch Gottes Name hieß übersetzt ja nur "30 Vögel".

 WelcometoParadise2 Candy Welz uWeltende-Szenarien in giftigem Nebel © Candy Welz

Falk Richters Überschreibung für die Zeitgenossenschaft ist deutlich weniger poetisch als das Original, ähnelt eher einem abendfüllenden Flugblatt, wie es lange Zeit allfreitäglich in die Demo-Mikrophone gesprochen worden ist. Wäre die Premiere einen Tag früher angesetzt worden, hätte die Umwelt-Bewegung von streikenden Schülerinnen und Schülern sicher gern das Vorprogramm bestritten; wie im vorigen September beim "Ökozid"-Projekt von Andres Veiel in Stuttgart, wo die "Fridays for Future"-Manifestation ja quasi direkt überging in die Theatervorstellung. Jetzt ist Greta Thunbergs erstes Schulstreik-Plakat Teil der Weimarer Szenerie, und auch die legendäre "How dare you!"-Rede von der UNO ist wieder mal ein Zitat wert, übrigens neben Margaret Thatchers Anti-These, derzufolge es "Gesellschaft" ja gar nicht gebe, nur Individuen…

Richters Text ist entstanden als Echo auf die fundamentale Veränderung im welt- und umweltpolitischen Diskurs, die schnell folgte auf die ersten Aktionen der jungen Schwedin im Sommer 2018. Ein besonders starker Theater-Text allerdings ist "Welcome to Paradise Lost" darum noch nicht; eher im Gegenteil: viel Papier, viel Belehrung, viel Agitation. Andrea Moses, die die Uraufführung als Musiktheater jetzt inszeniert hat, nutzt aber so geschickt wie irgend möglich die Stationen-Dramaturgie, die der Text nahelegt.

Menetekel-Texte in der Kaffeekränzchen-Welt

In der Wohlfühl-Zone machen wir es uns gemütlich zu Beginn – Christian Wiehles Bühne hält neben normalen Stühlen auch Sofas und Sessel für uns bereit, sogar eine leibhaftige Chaiselongue. Kuscheliger geht’s nicht. Aus der Wohnlandschaft wächst das Sänger-Ensemble hervor: Menschen wie wir, mit kleinen Sorgen und großen Träumen. Eine Art Kassandra wandert umher und stiftet Beunruhigung; ein "Knabe" wird zu Kassandras Echo. Die Welt hängt als Ballon im Raum, viel wird auf (und in) sie projiziert. Dann stürmen "die Vögel" herein: junge Menschen aus Weimar, in Tarn-Anzügen in Warn-Farben. Sie trompeten Richters Menetekel-Texte in die Kaffeekränzchen-Welt; bald tragen sie auch Vogelmasken und greifen die gemütlichen Bedenkenträger sogar an mit pickenden Schnäbeln. Diese Welt ist aus den Fugen, Heilung nicht in Sicht.

WelcometoParadise1 Candy Welz u"Die Welt in Deiner Hand" - und viel wird auf und in sie projiziert beim Kunstfest Weimar © Candy Welz

Im Foyer, einem der "Täler", durch die wir, das Publikum, danach mit dem Flug der Vögel driften, ist schon eine Art Tribunal zu erkennen – die Vögel sitzen zu Gericht, über den Rest der Welt, der ihre Klagen, ihre Gesänge vom baldigen Untergang, nicht hören will. Aus dem Foyer geht’s weiter hinaus vor das E-Werk – dort steht ein überdimensionales Vogelhäuschen. Darin aber machen längst Menschen die Musik, das Einflug-Loch oben ist eine Art Mini-Bar; von dort aus schaut die Menschheit, schon halb im Delirium, der Vogelschar beim Verrecken in giftigem Nebel zu. Immer wieder, auch hier, flicht Komponist Arnecke Motive aus Volksliedern in die sonst eher ins Abstrakte neigende Partitur, etwa das Lied darüber, was "Im Märzen der Bauer" so alles unternimmt – in der Hoffnung, dass die Natur noch funktioniert.

Das tut sie aber nicht – wieder zurück im Zuschauerraum, versammeln wir uns nochmal zu einer Art Umwelt-Gala; die Vögel tragen jetzt ordentliche Anzüge, vielleicht wird ja sogar "ihre Sache" verhandelt. Und Andrea Moses lässt sich im Finale sogar zu einer Art Versöhnungsbild hinreißen, in dem sich plötzlich alle an den Händen halten – erstaunlich viel Hoffnung (und ein bisschen Kitsch) ist das nach so viel Weltuntergangs-Prophetie.

Himmelsstürmerische Vokalisen

Die szenischen Phantasien dieser Inszenierung waren dringend nötig, um aus Richters apokalyptischer Über-Energie annehmbares Theater zu destillieren. Und auch Arneckes Musik hat sehr geholfen, die fürs kontrastreich gestimmte Orchester unter Leitung von Andreas Wolf wie die für das sehr überzeugende Sextett der Stimmen; Noa Frenkel ragt heraus im Part der dunklen Mahnerin und Warnerin Kassandra, neben Yiva Stenberg, die als "Knabe" gelistet, mit ziemlich himmelsstürmerischen Vokalisen in allerhöchsten Tönen aber deutlich als Double der heiligen Greta aus Schweden angelegt ist. Gegen Ende bettet sie den Kopf in Kassandras Schoß – werden beide auch weiterhin Recht behalten? Bestimmt.

"Welcome to Paradise lost" fügt sich in die immer länger werdende Liste aktivistischer Projekte, denen die Performance im Theater oder überhaupt nur auf Bühnen nicht mehr gar so wichtig zu sein scheint. Andrea Moses zeigt in Weimar immerhin, dass auch das Theater einigermaßen seriös partizipieren kann (und sollte) an Klang und Energie der Demonstrationen, die weiter durch die Straßen ziehen.

 

Welcome to Paradise Lost
Musiktheater von Jörn Arnecke und Falk Richter
Regie: Andrea Moses, Musikalische Leitung: Andreas Wolf, Bühne und Kostüme: Christian Wiehle, Video: Sarah Derendinger, Choreographische Mitarbeit: Veronika Heisig, Chor-Einstudierung: Emanuel Winter, Dramaturgie: Matthias Höppner.
Mit: Alik Abdukayumow, Noa Frenkel, Jonas Fürstenau, Alexander Günther, Sarah Mehnert/Marlene Gaßner, Heike Porstein, Yiva Stenberg und einem Chorkollektiv von Jugendlichen aus Weimar und der Staatskapelle Weimar.
Premiere am 3. September 2022
Dauer 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.kunstfest-weimar.de

Kritikenrundschau

So unterhaltsam wie die Musik sei auch die szenische Umsetzung, findet Joachim Lange in der Neuen Musikzeitung (online 5.9.2022). Doch: "Ein Problem des Abends bleibt freilich das Stück", urteilt der Rezensent, genauer: "[...] das, was Falk Richter von heute aus hinzufügt". Richter stelle sich mit seinem Text vor allem hinter Bewegungs-Ikone Greta, wenn sie die politischen Führer dieser Welt verzweifelt anbrülle und mit ihrer Anrede "Ihr" alle in einen Topf werfe. "Dabei wäre schon die Frage nach dem, was das als 'verloren' markierte Paradies eigentlich ist, und wo es wann existiert hat, zumindest ein triftiger Anlass für einen Prolog", findet der Autor. So aber bleibe es bei einem agitatorischen "Verändert Euch!". Neben der Freude über die Musik blieben vor allem die offenen Fragen, also die Anregungen fürs eigene Nachdenken, der Hauptertrag dieses ambitionierten Abends, meint Lange.

"Leider gibt Falk Richters Selbstgeißelung nicht mehr her als humorloses Agitprop-Theater, das sich zwischen Zuschauer-Beschimpfung und Untergangsprophetie nicht so recht entscheiden kann", urteilt Peter Jungblut im BR (online 3.9.2022). Nichts davon bleibe in Erinnerung, nichts sei von satirischer Schärfe, nichts gehe über bemühte Betroffenheit hinaus. Regisseurin Andrea Moses bemühe sich nach Kräften, "diesem faden und wohl typisch deutschen Alarm-Aufguss Leben einzuhauchen". Sie beweise dabei Humor. Auch mache es Freude und Hoffnung zu sehen, "dass da noch eine Generation für ihre Interessen in den Ring steigt, gegen die bräsige Wohlstandsgemütlichkeit der Älteren", meint der Kritiker. Doch, so seine finale Einschätzung: Als "postdramatisch" sei dieses Werk im Programmprospekt bezeichnet worden, "postunterhaltsam" ist es für den Kritiker auch.

 

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Kommentare

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#1 Welcome To Paradise Lost, Weimar: Vertane ChancenAndreas Peteranderl 2022-09-05 10:19
Durch die Besetzung der Vögel mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen bekommt dieses Musiktheater seinen schmerzenden realistischen Biss! Nach Farid ud-Din Attars Epos „Konferenz der Vögel“ klagen sie die katastrophale Weltlage an und rufen anstelle von Ausreden und Beschwerlichkeiten zu Taten auf, die retten, was noch noch zu retten ist. Das Wagnis der Regisseurin Andrea Moses, diese Uraufführung mit jungen Menschen (aus einem Chorkollektiv) partizipativ anzugehen, ist ein politisches Statement: Jungen Menschen wird hier auf dieser Bühne eine Stimme gegeben, die katastrophalen Folgen unserer „Grenzenlosigkeit des Wachstums“ durch die Profitmaximierung des liberalisierten Kapitalismus anzuprangern. „Wie konntet ihr dies zulassen?“ ist somit nicht nur eine Frage der Kinder an die Verantwortlichen für menschenverachtenden Gräueltaten zur Zeit des NS-Regimes und ihre Wegschauer:innen. Es ist auch die berechtigte Frage der heute Jungen an uns (ich bin 59 J.), die wir heute – trotz der schon lange von der wissenschaftlichen Community aufgezeigten Folgen – so weitermachen und politisch, sozial und wirtschaftlich zulassen, dass das erklärte 1,5 Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens nicht eingehalten wird. (Der Bericht des Club of Rome „Grenzen des Wachstums“ ist bereits 1972 veröffentlicht worden. Die Welt-Meteorologieorganisation (WMO) geht davon aus, dass die Erderwärmung schon bis 2026 überschritten wird.) Auch das Zusammenspiel und die Kreativität der unterschiedlichen Künstler:innen bei diesem umfangreichen Uraufführungsprojekt war für mich beim Besuch der Premiere beeindruckend.

Doch weshalb ist für dieses Vorhaben ein Libretto bei Falk Richter beauftragt worden, obwohl seine Adaption und Überschreibung der „Konferenz der Vögel“ bei der Theaterinszenierung 2021 mit gleichem Titel vom Staatstheater in Kassel in der Regie von Gustav Rueb bereits mit zu vielen Plattitüden in Erscheinung getreten ist. (Vgl. die Verfilmung auf YouTube.) Durch die von Richter im Libretto nahezu durchgängig vorgenommenen Verkürzungen kippt der Inhalt des Textes - zum Glück nicht die musikalische Umsetzung - in gut gemeintes, doch in seiner Polemik für mich schwer zu ertragenes moralinsaures Agitprop-Theater. Der häufig wiederholte Text von Richter ist leider weder poetisch noch immer sachlich richtig. (Z. B. ist das von Richter benannte „Glyphosat“ ein Unkrautvernichtungsmittel das Gräser vernichtet und entsprechend nicht „das Wachstum der Wiesen“ fördert.) Auch wenn seine Kritik am mangelnden konsequenten Verbot des Einsatzes des von Bayer gekauften Produktes Glyphosat voll und ganz berechtigt ist, ebenso wie die Kopplung an finanzielle Wachstumsgewinne, stossen mir solche sachlichen Fehlaussagen auf.) Obwohl ich die politische Stossrichtung gegen die finanzielle Wachstumsmaximierung auf Kosten unserer Umwelt und Zukunft voll und ganz teile, reagiere ich bei einem mit so vielen polemischen Phrasen aufwartenden Libretto-Text ablehnend und genervt. Dies kenne ich leider auch von anderen Falk Richter Texten, z. B. aus „Touch“ an den Münchner Kammerspielen.

Konsequent wäre gewesen, wenn diese Inszenierung MIT Jugendlichen erarbeitet hätte, wie diese auf die Zerstörung Ihrer Zukunft und die Inkonsequenz in der Einhaltung des beschlossenen 1,5 Grad-Ziel reagieren. Der Arbeitsmodus von Pina Bausch wäre hierfür eine kreative Möglichkeit. Stattdessen sagen die Jugendlichen engagiert doch brav zu häufig die gleichen simplen Falk Richter Parolen auf.

Darüber hinaus reicht es nicht, eine weitere Anklage mit Schreckensbildern aufzuführen. Es braucht eine Beschäftigung mit der Eigendynamik der unterschiedlichen sozialen, politischen und sozialen Systeme, die ein konsequentes gemeinsames Vorgehen gegen die weitere Zerstörung unseres Planeten und unserer Zukunft unterlaufen. Somit ist hier im zweifachen Sinne ein Chance vertan worden.
#2 Welcome To Paradise Lost, Weimar: NachtragAndreas Peteranderl 2022-09-11 17:41
Wer sich intensiver mit den Herausforderungen und Chancen gesellschaftlicher Veränderung beschäftigen möchte, dem sei Armin Nassehis Buch: Unbehagen. Theorie der überforderten Gesellschaft empfohlen.
Eine kurze Buchkritik findet sich hier:
www.deutschlandfunkkultur.de/armin-nassehi-unbehagen-raus-aus-dem-dauerhaften-krisenmodus-100.html

Eine kurze plakative Darstellung zu den Potenzialen und Möglichkeiten des Theaters, die Klimakrise auf die Bühne zu bringen findet sich hier:
philosophike.de/2021/10/klimawandel-auf-der-buehne-potenziale-und-moeglichkeiten-des-theaters-die-klimakrise-auf-die-buehne-zu-bringen

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