Brennglas der Katastrophe

9. September 2022. Der Überfall Russlands auf die unabhängige Ukraine im Februar kam für viele überraschend. Tatsächlich aber hatte der Euromaidan im Jahr 2014 einen Prozess ukrainischer Identitätsbildung ausgelöst, den Russland nicht länger hinnehmen wollte. Und der hier an vier exemplarischen Inszenierungen des ukrainischen Theaters nachzeichnet wird.

Von Lena Myhashko

9. September 2022. Im Jahr 2014, als der Euromaidan die Straßen füllte, fanden die Kundgebungen direkt vor den Fenstern der Kiyver Universität für Theater, Film und Fernsehen statt, deren historischer Campus sich in der Chreschatyk Straße befindet.

Ich erinnere mich noch lebhaft daran, wie wir, die Studierenden der Theaterfakultät (einige mit einem romantischen Bild von Bernardo Bertoluccis Film "Die Träumer" über die Pariser Unruhen des Jahres 1968 im Kopf), in Zelten Suppe für Freiwillige servierten, statt die Module unseres Studiengangs zu besuchen. Damals hielten wir das für das beste Drama, das uns während unseres Studiums geboten wurde, trotz all der kleinlichen politischen Kämpfe und Herausforderungen, die später die Debatte bestimmen sollten.

Die Maidan-Revolution veränderte in der Ukraine im Bereich der Darstellenden Künste vieles. Es fanden erste internationale Aufführungen statt, einige Theatergruppen erhielten maßgebliche Unterstützung von Organisationen im Ausland, wie dem ETC, dem British Council oder dem Polnischen Institut. Institutionen wie die Ukrainische Kulturstiftung und das Ukrainische Institut wurden ins Leben gerufen, die die Entwicklung und Verbreitung unabhängiger ukrainischer Kulturprojekte vorantrieben.

Die Haupterrungenschaft des Euromaidan für die Darstellenden Künste aber war die Entstehung eines einzigartigen Raums für die Entdeckung der ukrainischen Identität. Heute, da wir den seit über sechs Monaten andauernden Krieg in seinem schlimmsten Ausmaß erleben, werden vielerorts Hintergrundinformationen zusammengetragen, um zu einer Art Erklärung der Ereignisse zu gelangen. Ich glaube, dass einige der Schlüssel für solche Erklärungen in den hier beschriebenen ukrainischen Theaterproduktionen zu finden sind, die zwischen 2014 und dem Ausbruch des Krieges im Februar 2022 entstanden sind.

 

I. Stalkers (2015)

Das Stück "Stalkers" des ukrainischen Theaterregisseurs Stas Zhyrkov wurde unmittelbar nach dem heftigen Straßenkämpfen des Euromaidan Anfang 2015 in Kiyv uraufgeführt und nicht nur von Journalist:innen und Kritiker:innen, sondern auch von einem breiten Publikum im ganzen Land gelobt. Tatsächlich erlangte "Stalkers" eine solche Popularität, dass es fast unmöglich war, diese Inszenierung zu sehen, weil die Vorstellungen ständig ausverkauft waren, selbst als die Inszenierung auf eine größere Bühne verlegt wurde.

Vor dieser Produktion hatte Zhyrkov bereits mit einigen Texten gearbeitet, die der Neuen Dramatik in russischer Sprache zuzurechnen sind, Stücke von Vasilii Sigarev oder Ivan Vyrypaev etwa. Diese Werke haben häufig eine Periode zum Gegenstand, die als "Perestroika" bekannt ist. Sie fangen das Gefühl der Ungewissheit ein, das von Epochenwechseln wie diesem hervorgerufen wird, und holen benachteiligte oder marginalisierte Gruppen in den Fokus – für die sich auch Zhyrkov seit Beginn seiner Karriere interessiert.

Ungeklärter Ort in der Geschichte

Was ist an "Stalkers" so bedeutsam? Die Inszenierung basiert auf Pavlo Aries Stück "Am Anfang und am Ende der Zeit" und handelt von einer sonderbaren Familie, die sich weigert, ihr Dorf zu verlassen, das in der Sperrzone rund um das Atomkraftwerk Tschernobyl liegt. Da ist der 30-jährige Pavlo Wowtschyk, eine Art Alter Ego des Autors, der von Mädchenbildern und einheimischen Tieren besessen ist; da sind seine Mutter Slawa und Prysia und seine Großmutter, die bei den Dorfbewohnern auf Grund ihres Konsums seltsamer Drogen (wie hier wachsender Pilze) berüchtigt ist. In der veränderten Landschaft rund um das verwüstete Tschernobyl unterhält sie außerdem eine Verbindung zu slawischen Fabelwesen.

StalkersSeltsame Familie in der "Zone" rund ums AKW Tschernobyl: "Stalkers" © Zoloti Vorota Theater, Kiyv

In Aries Stück finden sich Anklänge an William Faulkners Roman "Schall und Wahn", seine Figuren erinnern an die Grenzgänger der Stücke des irischen Dramatikers Martin McDonagh. Die allererste und schärfste Assoziation jedoch führt zum Erbe der Brüder Strugatzky und den von ihnen geschaffenen Werken der Fantastik – und zum Film "Stalker" von Andrei Tarkowski (1979), in dem Menschen bewusst eine verbotene, verlassene Zone betreten.

Was das ganze Stück und auch die Aufführung prägt, ist der von Wahnsinn und Absurdität geprägte Informationsraum, in dem alle Figuren leben, ihr ungeklärter Ort in der Geschichte. Die einzige Verbindung zur Außenwelt, die die fiktive Familie in "Stalkers" hat, ist ein altes Radio. In Zhyrkovs Inszenierung überträgt dieses Radio einen absurden, zusammenhangslosen Mix aus Hits der 1990er Jahre, die jede:r in der Ukraine kennt, verzerrten, verdrehten Nachrichten über die USA, alten Unterhaltungssendungen und wahnhaften Mitteilungen, wie sie Wowtschyks Großmutter Rrysia im Drogenrausch erfinden könnte – die Idee einer versteckten U-Bahn zum Beispiel, oder Berichte über die Betrügereien des ersten ukrainischen Präsidenten.

Die Krim oder Gebiete rund um Donezk

"Diejenigen, die das Tor öffnen", "An deiner Hand klebt das Blut meines Sohnes" – Schilder mit diesen hochtrabenden Sätzen bilden jeweils den Hintergrund, vor dem sich die Mühen dieser Familie in ihrem abgelegenen ländlichen Dorf Tag für Tag abspielen. Es sind auch die Überschriften der einzelnen Szenen – bis zur größten Tragödie, der Krankheit und schließlich dem Tod des Sohnes Pavlo Wowtschyk, der von einem reichen Touristen erschossen wird.

Die Mitglieder der eigentümlichen Familie sind nicht die Einzigen, die diese Sperrzone bewohnen oder Zugang zu ihr haben. Wir begegnen noch einigen anderen, darunter Bewohner:innen von Nachbardörfern und deren örtlichen Polizeikräften, neugierigen Tourist:innen oder Menschen, die vor Jahren einmal in der Nähe lebten und sich noch an viele Wege von damals erinnern.

Die Probleme, mit denen die Familie in "Stalkers" konfrontiert ist, ähneln frappierend Herausforderungen, die auch reale Menschen in den Gebieten, die 2014 von prorussischen Separatisten erobert wurden, erlebt haben könnten. Ebenso wie die Figuren des Stücks hatten auch die Menschen auf der Krim und in den Dörfern rund um Donezk nach der russischen Besetzung mit dem Fehlen von Strom und medizinischer Versorgung zu kämpfen.

Wer sind wir eigentlich?

Ich bin sicher, dass viele von uns Zuschauer:innen des Jahres 2015 die gleiche Assoziation hatten: Wir, die Bürger:innen dieses Landes, wussten über diese Familie und ihr Leben genauso wenig, wie wir über Menschen wussten, die in den russisch besetzten Gebieten oder in Dörfern lebten, über die weder das nationale Fernsehen noch andere Medien je berichteten. Jene also, die in einer Grauzone unserer Geschichte lebten, die selbst von den wagemutigsten Reportern gemieden wurde: verlassen und im Stich gelassen, ohne legitime Machtmittel. Uns, die wir damals im Theater saßen, wurde klar: Längst waren auch Teile der Ukraine zu einer solchen Grauzone der Geschichte geworden.

Durch den Aberwitz und die Übertreibungen, die in "Stalkers" von beiden Seiten – den sogenannten Menschen der "Außenwelt" und den Bewohnern der Zone – vermittelt werden, wurde die Frage, wer wir Ukrainer:innen eigentlich sind und wie wir mit unseren "Grauzonen" umgehen sollten, mit aller Deutlichkeit gestellt. In diesem Sinne verknüpfte diese Inszenierung unsere Vergangenheit mit unserer Gegenwart und befragte den Platz der besetzten Gebiete in der Geschichte.

Denn die Wahrheit ist, dass verzerrte und weither geholte, schier aberwitzige Lügengeschichten wie die der Menschen in "Stalkers" auch in den Köpfen der Ukrainer:innen gediehen (wobei es für Bewohner:innnen der Metropolen bequemer war, ihnen keine Beachtung zu schenken). Doch bevor (oder statt) der gesamten Gesellschaft ein geradliniges Narrativ aufzuzwingen, ist es wichtig, zunächst den bizarren Kern unserer Vergangenheit zu erkennen.

 

II. Bad Roads (2017/18)

Die ukrainische Erstaufführung des Stücks von Natalia Vorozhbyt, das 2017 am Royal Court Theatre in London seine Uraufführung hatte, wurde 2018 in Kiyv am Left Bank Theater von Tamara Trunova inszeniert. Im Vergleich zu Vorozhbyts 2020 beim Filmfest in Venedig ausgezeichneter Leinwandversion des Stoffs ist Trunovas ukrainische Erstaufführung die wesentlich poetischere und abstraktere Fassung des Dramas.

BadRoads NastyaTelikovaPorträts aus dem umkämpften Donbas: "Bad Roads" © Nastya Telikova

Die Dramatikerin hat darin versucht, anhand einer Reihe von sechs Geschichten unzensiert die düstere, von zweifelhaften Beschlüssen und schwierigen Entscheidungen geprägte Realität des seit 2014 in Teilen der Ukraine herrschenden Krieges zu zeigen. Sie konzentriert sich besonders auf die Darstellung der Menschen im besetzten Donbas: Jugendliche und ihre älteren Verwandten, die in noch in der UdSSR aufgewachsen sind, Männer und Frauen, die aus unterschiedlichen Gründen mehr oder weniger patriotisch sind, die geflohen oder in der Ostukraine geblieben sind.

Der Schwerpunkt lag dabei auf einer genaueren Betrachtung der vielfältigen Bevölkerung des Gebiets, da die Menschen östlicher Herkunft auch von anderen Ukrainern tendenziell als "kollektiver pro-russischer Feind" angesehen werden. Vorozhbyt war es in ihrem Stück außerdem wichtig, das detaillierte Porträt eines Täters zu erstellen, eines russischen Soldaten, dessen grausames Verhalten auf weit verbreitete Vorurteile und Legenden der russischen Propaganda zurückgeführt werden kann. Im Gegensatz dazu ging es Trunova in ihrer Inszenierung des Stücks mehr um die Suche nach einer allgemeinen Metapher für den Krieg als um die Aufdeckung seiner einschüchternden Details.

Alte Hütten, billige Ikonen

Die Regisseurin hob auch die autobiografisch grundierte Geschichte hervor, die den Faden bildet, der die Episoden des Stückes zusammenhält: die Geschichte von Natalia selbst, die für das Stück recherchiert und sich in einen ukrainischen Soldaten in seinen Vierzigern verliebt. Schäbige Landschaften mit alten Hütten aus den Jahren der UdSSR, Schlamm, billige Ikonen und verrottete Teppiche sind die Kulisse für eine romantische Szenerie, in der selbst der Geruch eines ungewaschenen Mannes noch verlockend wirkt.

Wohl eher zufällig als bewusst gesetzt findet sich in auch Trunovas Inszenierung die Metapher eines Gebiets als Grauzone, in der alle Normen durcheinandergeraten sind, jeder verrückt zu werden scheint und nichts mehr richtig ist. Die Bühne ist hier durch eine hohe Zelle vom Publikum getrennt. Sie markiert die Realität, der die Figuren weder entfliehen noch richtig nahe kommen können.

Autorin und Regisseurin nehmen in "Bad Roads" bereits Aspekte des Krieges vorweg, der das Land seit dem 24. Februar prägt. So werden in einer der Geschichten Highschool-Mädchen geschildert, die über ihre Verabredungen mit Soldaten giggeln und mit Geschenken wie Shampoo oder anderen Waren angeben, die sie von ihnen erhalten haben. Wer hätte gedacht, dass die Einwohner:innen von Bucha, der Satellitenstadt von Kiew, oder von Charkiw, unserer historisch ersten Hauptstadt, im Jahr 2022 Ähnliches erleben würden? Oder nehmen wir das Bild einer alten Frau, die in starrsinniger Verweigerung jeglicher Veränderung vor ihrem Fernseher sitzt. Im Jahr 2022 erfahren Millionen von ukrainischen Geflüchteten und Binnenvertriebenen, wie schwer es ist, ihre älteren Verwandten umzusiedeln und in Sicherheit zu bringen.

Vorboten künftiger Bedrohungen

Alle Charaktere in "Bad Roads" sprechen verschiedene Sprachen – von korrektem Ukrainisch bis hin zu gutem und schlechtem Russisch, oder einer Mischung aus beidem – so wie man es auch im wirklichen Leben finden würde. Indem sie der Vielfalt Anerkennung zollen, machten Vorozhbyt und Trunova darauf aufmerksam, wer aus ihrer Sicht wirklich für den Krieg verantwortlich ist. Sie rückten einen damals noch lokal erscheinenden Konflikt ins Scheinwerferlicht und hoben dessen Kern hervor: dass es für Russland schon damals darum ging, die Ukraine als unabhängigen Staat zu beseitigen, statt um die Befreiung einer separaten Region. Autorin wie Regisseurin schienen sich auch über einen oft übersehenen Gedanken einig zu sein: Vielleicht hätte eine größere Zahl von Ukrainer.innen die Tragödie von 2014 als ihre eigene betrachten sollen, um sich künftiger Bedrohungen bewusster zu werden.

 

III. Horizont 200 (2018)

Wenn man sich mit der der Ukraine befasst, sind vorschnelle Urteile leicht gefällt. Insbesondere über die Menschen im Donbas, aber auch über die Menschen in der Westukraine. So gelten diejenigen, die im "Land des Kohlebergbaus", also im Donbas aufgewachsen sind, häufig als engstirnige, ungehobelte und von der russischen Propaganda beeinflusste Arbeiter, während diejenigen, die näher am Westen sozialisiert sind, als verachtungswürdige, nie mit ihren Händen arbeitende Angehörige einer hochtrabenden Bourgeoisie angesehen werden, die sich zudem gelegentlich nationalistisch hervortut.

Horizon200 TeatrLesiBergarbeiter:innen geraten in Not: "Horizon 200" © Teatr Lesi

Klischees wie diese hatten es im Informationsraum während der großen politischen Umwälzungen seit 2014 besonders leicht: Der Osten der Ukraine war demzufolge voller Janukowitsch-Anhänger und bereit, den "guten alten Weg" des russischen Verbündeten zwischen 2004 und 2014 einzuschlagen, während der Westen des Landes – neben der Hauptstadt Kiyv – stets stärker am Beispiel Polens orientiert war.

Olena Apchel, die in der Ostukraine geboren und aufgewachsen ist und dann ihre Arbeit als Regisseurin in Lviv, also in der Westukraine fortsetzte, kennt das jeweils aus erster Hand. Im Akademischen Dramatheater Lesya Ukrainka in Lviv, dessen künstlerische Leiterin sie von 2017 bis 2019 war, inszenierte sie 2018 das preisgekrönte Stück "Horizont 200", das sie gemeinsam mit Oksana Danchuk schrieb. "Horizont 200" bezeichnet in der Bergmannsprache zweitausend Meter unter Tage. Dort sitzt im Stück nach einer Explosion eine Reihe von Bergleuten fest, die auf ihre Rettung warten.

Das Trauma als nationale Identität

In einer Reihe von Dokumentarvorträgen wird Stereotypen über den Donbass entgegengetreten, wird versucht, die gebräuchlichsten, oft trivialen Symbole dieser Region neu zu denken. So wurde beispielsweise das bekannte Symbol der Region, eine Rose, wie sie seit den 1960er Jahren noch zu Sowjetzeiten überall verzweifelt gepflanzt wurde, um von Maschinen und Fabriken geprägte Stadtbilder zu verschönern, hier in eine nervige Frau mit knalligem Kleid verwandelt. Ihre Schönheit wirkte lächerlich und erinnerte an das betont offizielle Aussehen der Damen in den Standesämtern der UdSSR. Sie stand so symbolisch für obligatorische staatliche Zeremonien insgesamt. (Das Symbol wurde übrigens auch von der ukrainischen Dark-Cabaret-Band Dakh Daughters auf brillante Weise verwendet). Während der Aufführung wurden die Figuren gelegentlich durch persönliche Aussagen oder Geschichten der Schauspieler:innen unterbrochen. Sie wurden etwa gefragt, ob sie sich mit dem Euromaidan verbunden fühlen, was für sie Bergbau bedeutet und ob sie Angst vor der Zukunft haben. 

In diesem post-dokumentarischen Stück wechselten sich echten Bergarbeiter-Interviews mit Live-Dialogen der Performer:innen ab, in denen sie den Bergarbeitern eigene Haltungen darlegten. Auf diese Weise vermittelte die Inszenierung ein vielschichtiges Bild der Ukraine und kam am Ende trotzdem zu dem Ergebnis, dass das Land auf der Basis gemeinsamer Erinnerungen und geteilter historischer Traumata steht.

Grundsätzliche Untersuchung

Ein weiteres Ziel der Inszenierung war eine Reflexion darüber, wie wir grundsätzlich mit dokumentarischem Material arbeiten können, ohne es zu verfälschen – welches Ausmaß also die Fiktion in unseren Dokumentarfilmen, Reportagen und Notizen überhaupt annimmt: wie wir etwa präzise über den Krieg sprechen können und ob das überhaupt möglich ist. So führten die Porträts der Bergleute zu einer grundsätzlichen Untersuchung von Theatralität. In dieser Hinsicht sind Olenas Apchels Arbeiten philosophisch nah an den dokumentarischen Arbeiten von Milo Rau. Aktuell arbeitet sie an Projekten im Warschauer Nowy Teatr und gehört darüber hinaus zum neuen Leitungsteam des Berliner Theatertreffens.

 

IV. Chornobyldorf. Eine archäologische Oper (2020)

Möbelstücke, Teile alter sowjetischer Maschinen, Chips und Schaltkreise, die zu Musikinstrumenten oder zu christlichen Ikonen zusammengebaut werden, wie sie für ukrainische Dörfer typisch sind – die beiden zeitgenössischen ukrainische Komponisten Roman Grigoriv und Illia Razumeiko haben einen ungewöhnlichen Sci-Fi-Zugriff auf die Geschichte von Tschernobyl gewählt.

Chornobyldorf ScreenshotMuseumsarbeit nach der Tschernobyl-Katastrophe: Screenshot aus "Chornobyldorf"

Wie "Stalkers" bietet auch dieses Stück die Möglichkeit, die Ukraine durch das Brennglas der schlimmen Bilder, die diese Katastrophe noch immer in den Köpfen hervorrufen, wahrzunehmen. Anders als das Stück von Pavlo Arie ist "Chornobyldorf" ein Versuch, unsere Gegenwart und Zukunft aus der Perspektive einer weit entfernten Zukunft zu betrachten.

Das Projekt wagt sich weit über die Grenzen herkömmlicher Vorstellungen von Theater hinaus und versteht sich als Museum der Vergangenheit ("Chornobyldorf Museum") ebenso wie als Diskussionsforum für die Zukunft. Neben der Musiktheater-Performance haben die Komponisten eine Ausstellung mit fiktiven Überresten und Artefakten eingerichtet (einschließlich eigenen Kritzeleien, die als antike Objekte deklariert werden) und gemeinsam mit ukrainischen Wissenschaftler:innen eine Konferenz über ukrainische Gegenwartskunst des Jahres 2020 organisiert.

Der Geist der Sowjetunion

Um die Szenen zu dirigieren und aufzunehmen (die alle verfügbar sind und auch als Video-Oper zu sehen sind), verbrachten Roman Grigoriv und Illia Razumeiko Wochen damit, ukrainische Dörfer und Kleinstädte mit ihren Konservatorien aus dem 20. Jahrhundert, in denen der Geist der UdSSR noch sehr lebendig war, und lokalen Theatern zu erkunden. Sie gingen auch der Geschichte des nie ans Netz gegangenen Kernkraftwerks Zwentendorf in Österreich nach, da es ein wenig an das Kernkraftwerk von Tschernobyl erinnert.

Bei der Konstruktion und Gestaltung ihrer alternativen theatralischen Realität beschäftigt sich das Team auch mit den Hinterlassenschaften des "gefallenen Imperiums", mit Objekten und Botschaften aus der UdSSR, die während der Aufführung manchmal auf absurde Weise auf etwas äußerst Unwichtiges angewendet werden. So werden Gegenstände wie Teile von Transistorgeräten aus sowjetischer Produktion, Drähte eines alten Radios oder eines konoskopischen Fernsehers hier zu Goldstücken auf christlich-orthodoxen Ikonen, oder in Elemente traditioneller ukrainischer Perlen oder Muster auf bestickten Hemden verwandelt. Andere Gegenstände wurden auch zu neuen Musikinstrumenten.

Chornobyldorfx MystetskyiArsenal Anastasia Mantach"Chornobyldorf" im Mystetskyi Arsenal © Anastasia Mantach

Der Wunsch, ikonischen Teile der UdSSR zu "zerlegen" und daraus etwas Neues zu konstruieren, ist während der gesamten Aufführung so stark, dass sie teilweise die Gestalt eines Rituals annimmt. Auf diese Weise verlieren die Objekte ihren wesentlichen Sinn und Zweck und werden nur noch Teile eines lebendigen Mosaiks einer neuen, fesselnden Ukraine.

Im Sinn der Aktivisten

"Chornobyldorf" hat nicht den Ehrgeiz, den Ursachen des russischen Einmarsches in die Ukraine auf den Grund zu gehen. Es hat allerdings den starken Wunsch eingefangen, sich über die Vergangenheit lustig zu machen und sie auf diesem Weg abzuschütteln – ganz im Sinne der Aktivist:innen, die überall im Land gerade sowjetische Denkmäler schleifen. Der Inszenierung gelingt es außerdem, ein schönes wie spielerisches Bild der Zukunft der Ukraine zu entwerfen, in dem die traditionelle Kultur und die Spuren des 20. Jahrhunderts ihren Platz im Museum finden.

 

Im Rückblick

All diese Inszenierungen befassten sich mit unseren Bildern von uns selbst, die durch die jüngsten historischen Veränderungen erst enthüllt oder verändert wurden. Sie haben eine Krise und gleichzeitig eine Blütezeit der ukrainischen Identität eingefangen. 2018-2020, als die Erinnerungen an die erste russische Invasion durch ein jahrelanges friedliches Leben in den Städten verblasst waren, schien ein umfassender Krieg mit Russland für die meisten Bürger:innen der Ukraine unvorstellbar. Und die Gemeinschaft der darstellenden Künste war tief in die Aktivitäten involviert, die sich aus dem Euromaidan ergaben (und in gewisser Weise auch aus den unvermeidlichen Veränderungen in dem unabhängigen Land). Viele von uns waren gerade dabei, Anträge für die nächste Saison bei der ukrainischen Kulturstiftung einzureichen, als der Krieg begann.

Im Nachhinein wurde jedoch deutlich, dass die 2014 ausgebrochenen Proteste eine Kette unumkehrbarer Ereignisse in der entkolonialisierten Geschichte der Ukraine eingeleitet haben, die von ihrem unterdrückerischen Nachbarn Russland weder akzeptiert noch ignoriert werden konnten. Neben anderen Medien hat auch das ukrainische Theater in verschiedensten Produktionen zahlreiche Diskrepanzen in unserer Haltung gegenüber der Vergangenheit aufgegriffen und den Prozess der Abspaltung, die schrittweise Erlangung der Unabhängigkeit, die – im wirklichen Leben – nicht an einem Tag stattfand, markiert.

Heute sieht die Zukunft der darstellenden Künste in der Ukraine düster und unklar aus, da der Schwerpunkt auf der Bekämpfung der russischen Angriffe liegt. Alle Initiativen im Zusammenhang mit dem kulturellen Sektor wurden zurückgefahren. Ebenso unklar ist, wie lange der Krieg noch andauern wird und ob eine Entwicklung des kulturellen Sektors in der Ukraine künftig überhaupt wieder möglich ist. Eines aber ist klar: Selbst mit wenigen Ressourcen oder sogar ganz ohne Ressourcen darf das zeitgenössische ukrainische Theater nicht aufhören, weiter über seine Unabhängigkeit sprechen.

 

LenaMyhashko Serhii PolovynkaLena Myhashko ist Theaterkritikerin, Journalistin und Chefredakteurin von Gwara Media. Darüber hinaus ist sie Expertin mehrerer Programme der Ukrainischen Kulturstiftung. Sie lebt in der Kyiv / Ukraine. 

Übersetzung aus dem Englischen: Esther Slevogt
Foto: Serhii Polovynka

 

Fast alle der oben genannten Produktionen waren in den letzten Jahren in europäischen Ländern auf Tournee. "Bad Roads" wurde 2021 bei Radar Ost im Deutschen Theater Berlin sowie im Berliner Ensemble gezeigt und auf nachtkritik.plus gestreamt. "Chornobyldorf" war auf Festivals in Rotterdam, Wien und Avignon zu Gast und wird im Oktober auf der Mailänder Triennale Mailand zu sehen sein.

Eine neue Inszenierung von Stas Zhyrkov und Pavlo Arie kommt am 11. September in der Berliner Schaubühne heraus.

Mehr Berichte zum Krieg und zur Lage in der Ukraine finden Sie im Themenschwerpunkt Krieg in der Ukraine.

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