Augen auf!

12. September 2022. In einer Neuüberarbeitung von Sophokles' "König Ödipus" konzentriert sich Regisseur Nicolas Stemann auf das Wesentliche und zeigt dabei die Parallele zwischen der antiken griechischen Tragödie und der aktuell anrollenden Klimakatastrophe.

Von Valeria Heintges

12. September 2022. Es muss Ende der 90er Jahre gewesen sein, als ein Freund einen Aufkleber auf seinem Rucksack spazieren trug. Darauf stand: "Liebe Autofahrer, ihr steht nicht im Stau. Ihr seid der Stau". Es ging damals eher um Verkehrsinfarkt als um Klimawandel, doch dass Autos giftige Gase aus ihren Auspuffen ausstoßen, das wusste man sehr wohl. Kaum einer ließ deshalb sein Auto stehen.

Du bist schuld

In Theben wütet eine Seuche. "Die Stadt liegt im Sterben", sagt das Volk, der Chor. "Die Pflanzen tragen keine Früchte mehr, die Tiere sterben herdenweise in den Ställen, und die Flüsse reißen ganze Häuser nieder oder versagen gleich den Dienst und liegen trocken da." Wenn ihr das ändern wollt, müsst ihr den Schuldigen finden, den Mörder des vorherigen Königs Laios, erklärt das Orakel. Aber wer ist der Schuldige? Immer der, der fragt, sagt der Kindermund. Du selbst, Ödipus, sagt der Seher Tiresias.

Ödipus2 Philip Frowein uUnangenehme Antworten bekommt König Ödipus vom Orakel: Szene mit Patrycia Ziólkowska © Philip Frowein

Ödipus ist König von Theben, weil er dermaleinst das Rätsel der Sphinx lösen konnte. Die Antwort damals war "Der Mensch". Der Vater habe dabei vor allem an sich gedacht, so Ödipus' Töchter. Ihm würde deshalb alles zustehen, "die Macht, der Reichtum, die Frau". Die Antwort sei richtig gewesen, aber die Frage eine andere. Die Töchter des Ödipus, das sind Alicia Aumüller und Patrycia Ziólkowska. Sie sind auch der Chor, der Bote, der Diener, der Priester. Sind Ödipus und Kreon, Iokaste und Tiresias. Denn in Nicolas Stemanns selbst überarbeiteter Fassung von Sophokles' "Ödipus Tyrann" stehen nur sie auf der Bühne.

Eine Frage der Perspektive

Stemann und sein Team treiben vor allem drei Gedanken. Erstens: Auch die Geschichte des Ödipus wird viel zu sehr aus Sicht des Königs erzählt, niemand schaut auf Iokaste oder auf die Kinder, nicht auf Eteokles und Polyneikes und erst recht nicht auf Antigone und Ismene. Zweitens: An der Situation der Welt, vor allem am Klimawandel, ist der Mensch selbst schuld, aber er will es nicht wissen. Drittens: Zu Beginn des Dramas mag Ödipus unschuldig in Schuld geraten sein. Doch im Laufe der Ermittlungen, sozusagen in eigener Sache, ändert sich das: Er beschuldigt grundlos andere, gibt sich aufbrausend, ungerecht und machtgierig und liefert mithin viele Gründe, den Titel mit "Ödipus Tyrann" anstelle des geläufigeren "König Ödipus" zu übersetzen.

Ödipus1 Philip Frowein uPatrycia Ziólkowska und Alicia Aumüller sind Ödipus und seine Töchter, Iokaste und Tiresias © Philip Frowein

Der Eiserne Vorhang des Zürcher Pfauen ist die meiste Zeit geschlossen, verriegelt und verrammelt. Die beiden Darstellerinnen spielen auf zwei stufenförmig davor gebauten Emporen, setzen sich auch mal in die erste Reihe und beziehen nicht selten das Publikum mit ein. Sie sind in zwei kurze, schwarze Kleider gewandet, zurückhaltend mit Tüll und Spitze abgesetzt, dazu mal ein Tüllrock für Iokaste hier, eine Anzugjacke für König Ödipus da.  Sie sprechen viel im Chor, sind sich aber auch Redepartner, Spiegelbild oder gemeinsam janusköpfiges Selbst. Meist bleiben sie eng beim stark gekürzten Text, ergreifen nur zu Beginn als Töchter, später als Iokaste, das für sie neu geschriebene Wort. In einer beeindruckenden Sequenz sind zwei Szenen ineinander verschnitten: die finale Erkenntnis von Ödipus, der sich daraufhin die Augen aussticht, und die finale Erkenntnis von Iokaste, die sich selbst erhängt.

Reduktion und Konzentration

Aumüller kämpft sich dafür durch eine Zuschauerreihe und knüpft ihren Tüllrock an den Kronleuchter. Ein eindrückliches Bild in einer Inszenierung, die sehr genau gearbeitet ist und deren vorherrschende ästhetische Mittel Reduktion und Konzentration sind. Ein reduziertes Bühnenbild, nur wenige Kostüme. Alles konzentriert auf das Wort, auf das stupende Spiel der beiden Frauen. Sie sprechen hervorragend, machen in jeder Sekunde klar, wer gerade wen adressiert. Sie beherrschen das Chorische phänomenal, sind aufeinander eingespielt und geben sich Raum für Entfaltung, für große Gefühle und kleine humorvolle Spitzen. Es ist nicht ihre Schuld, dass der Spannungsfaden, zu Beginn und am Ende straff gespannt, im Mittelteil wegen der vielen Wendungen in der Aufklärung ein wenig durchhängt.

Wir Menschen wissen längst, dass jeder einzelne von uns schuld ist am Zustand der Welt, während Ödipus zu Beginn des Dramas nichts von seiner Schuld ahnt. Dass er sich blendet, weil er vor der Wahrheit und vor allem ihren Konsequenzen – wie wir – die Augen verschließt, steht zwar im Programmheft, ist aber auf der Bühne kaum zu sehen.

 

Ödipus Tyrann
von Sophokles, neu übertragen von Nicolas Stemann
Inszenierung, Bühnenbild, Musik: Nicolas Stemann, Mitarbeit Bühnenbild: Selina Puorger, Kostümbild: Marysol del Castillo, Dorothea Knorr, Dramaturgie: Benjamin von Blomberg.
Mit: Alicia Aumüller und Patrycia Ziólkowska.
Premiere am 12. September 2022
Dauer: 1 Stunde und 45 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.ch

 

Kritikenrundschau

In seiner bewährten Manier habe Stemann das Line-up auf ein Minimum reduziert, schreibt Ueli Bernays in der Neuen Zürcher Zeitung (12.9.2022). Anfangs wähne man sich in einem beklemmenden Hörspiel, mit der Zeit aber werde aus der Deklamation vermehrt lebendiger Dialog. Vor der grau gerippten Wand des Königspalastes – "eine Mauer der Macht und des Unwissens" – werde viel gestritten. Die Frage der Schuld und des Umgangs mit Kritik und Wahrheit, der in Stemanns Deutung von Machtgelüsten und Verdrängung dirigiert werde, führe zu politischem Gezänk. Ziólkowska und Aumüller bildeten ein gut harmonierendes Team. "Aber sie überlassen dem Fortissimo der Wut und der Empörung mehr Raum als den Zwischentönen des Zauderns und Knirschens", so Bernays. Ödipus als selbstgerechter Wüterich überzeuge, die Verzweiflung des Sünders könne man weniger gut nachvollziehen.

"Alle Menschen drücken sich vor Verantwortung, laden Schuld auf sich: Das ist die Botschaft, die Stemanns Inszenierung unumwunden in jede Minute hineinhaut", so Alexandra Kedves im Tagesanzeiger (13.9.2022).  Auch die Genderdebatte raune, "Intendant Nicolas Stemann hat nicht bloss übersetzt, inszeniert und die Aufführung optisch wie musikalisch ausgestattet, sondern etwas unauffälliger als sonst, seine Gegenwartskritik hineingetextet und auch sein Faible fürs Kabarettistische." Er setze auf symbolträchtigen, monumentalen Minimalismus. Und am Ende werde such das mitschuldige Publikum geblendet, angestrahlt von gleissenden Spots. "Wäre die Leistung von Patrycia Ziolkowska und Alicia Aumüller nicht grossteils schlichtweg überwältigend, müsste man sich angesichts so viel priesterlicher, Seher-hafter Zeichensprache wirklich die Augen zuhalten." 

"Es ist tatsächlich ein Kampf um die Wahrheit, dem man hier beiwohnt", findet Christian Gampert in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (14.9.2022). "Das Ritualhafte des Stücks, die langsame Aufdeckung der Wahrheit, das Zerlegen dieser Grundmetapher europäischer Zivilisation ist eine produktive Zumutung für alle Beteiligten." Das Interessante sei, dass im Unterstrom der Inszenierung von einer Arbeits- und Frauenbeziehung erzählt wird, einer Schauspielerinnen-Kollusion. Überhaupt sei der Abend "ein Fest der Schauspielkunst".

In der Süddeutschen Zeitung schreibt Egbert Tholl (18.9.2022): "Gibt man sich Stemanns zielgerichteter Geradlinigkeit hin, was an diesem Abend leichtfällt, dann ergibt sich eine ungeheuer spannende Aufführung einer altbekannten Geschichte." Was Aumüller und Ziólkowska mit dem Text machten, sei ziemlich fabelhaft. "Sie sprechen im Dialog, sie nehmen sich den Text ein und derselben Figur als rhetorisches Ping-Pong-Spiel vor, sie sprechen den Chor, sie machen die vielen Figuren plastisch, was vor allem Ziólkowska mit den vielen Farben, die ihr im Sprechen zur Verfügung stehen, wunderbar gelingt. Sie werden emotional, und die lange Szene des Erkenntniskrimis, das Gespräch zwischen Teiresias und Ödipus, ist wirklich ein Thriller."

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